BLKÖ:Rettich, Karl

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Rettich, Julie
Band: 25 (1873), ab Seite: 337. (Quelle)
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Rettich, Karl (k. k. Hofschauspieler, geb. zu Wien 3. Februar 1805). Sein Vater Franz R. war Hofsecretär bei der k. k. obersten Justizstelle und selbst durch mehrere Jahre Mitglied der Wiener Hofbühne. Die Sache verhielt sich eigenthümlich. Während seiner Studien begegnete Kaiser Joseph II. dem jungen Mann im Augarten, in der Lectüre eines Theaterstückes vertieft. Der Kaiser, leutselig, wie er war, ließ mit demselben in ein Gespräch sich ein und erfuhr von ihm, der den Kaiser nicht kannte, welche Begeisterung für die Schauspielkunst er empfinde. Der Kaiser, dem die Art und Weise R.’s gefielen, versprach sich für ihn zu verwenden und hielt Wort. Auf seinen ausdrücklichen Befehl wurde vor dem Ausschusse eine Talentprobe mit R. vorgenommen, welche so günstig ausfiel, daß R. in die Reihe der Hofschauspieler eintrat und durch neun Jahre ein beliebtes Mitglied der Hofbühne war. Der Kaiser Joseph bewahrte ihm zeitlebens seine Huld. Später faßte Franz R. eine zärtliche Neigung für ein Fräulein Furlani von Felsenburg, dessen Vater aber eine eheliche Verbindung nur unter der Bedingung gestatten wollte, daß Rettich die Bühne verlasse und in den Staatsdienst übertrete. Kaiser Franz I. gestattete nun R. den Uebertritt von der Bühne in den Staatsdienst, welchem R. seit 1798 angehörte. Bei der obersten Justizstelle angestellt, starb er als Protokollsdirector dieser Stelle am 16. October 1818 im Alter von 50 Jahren. Die Gattin folgte ihm am 26. December 1820. – Ein [338] Sohn des Franz Rettich ist Karl R., der von seinem Vater die Liebe für das Theater geerbt, und nachdem er die Gymnasialstudien beendet, erst 17 Jahre alt, nach einem vor Moriz Grafen Dietrichstein, dem damaligen Intendanten, und dem Dramaturgen Schreyvogel mit bestem Erfolge abgelegten Probespiele Mitglied der Wiener Hofbühne wurde. Als engagirtes Mitglied betrat er am 18. September 1821 in der Rolle des Fridolin in Holbein’s gleichnamigem Schauspiele das Burgtheater; seine zweite Rolle war der Aegysth in „Merope“. Auf Schreyvogel’s Rath nahm nun R. ein ihm von Stöger in Gratz angebotenes Engagement an, das er im October antrat. Er blieb in demselben, der Gunst des Publicums sich erfreuend, bis zum Jahre 1828, in welchem er an Löwe’s Stelle an das Hoftheater in Cassel kam, und demselben bis zum Jahre 1832 angehörte, in welchem er einem Rufe an das Wiener Hofburg-Theater folgte. An demselben lernte er die nachmals als Frau Rettich so berühmt gewordene Julie Gley kennen, mit der er sich im Jahre 1835 vermälte. Als bald darauf Dramaturg Schreyvogel als Opfer der üblichen Theater-Kabalen pensionirt wurde, nahm das junge Ehepaar, dem Schreyvogel ein treuer Freund und Gönner gewesen, Engagement an der Hofbühne in Dresden, von welcher es jedoch wieder nach einem glänzend beendeten Gastspiele im Jahre 1835 an die Wiener Hofbühne zurückkehrte. An derselben blieb R. bis zu seinen im Jahre 1872 erfolgten Austritte mit seiner Gattin [siehe deren Biographie S. 324 u. f.], welche einige Jahre früher der Tod dahingerafft. Am 18. September 1871 feierte der Künstler sein 50jähriges Schauspieler-Jubiläum, aus welchem Anlasse ihm von der Intendanz, von seinen Hoftheater-Collegen und von anderen Künstlern prosaische und poetische Glückwünsche und verschiedene Ehrengaben dargebracht wurden. Auf der Bühne spielte der Künstler an diesem Abende den Kaspar Bernauer in Hebbel’s Trauerspiel: „Agnes Bernauer“ und wurde bei seinem Erscheinen vom Publicum mit lange anhaltendem Applause empfangen. Etwa dreiviertel Jahre später, am 30. Juni 1872, betrat er in derselben Rolle des vorerwähnten Hebbel’schen Stückes zum letzten Male die Bühne, der er durch fast vierzig Jahre ununterbrochen angehört hatte. Schon aus Anlaß seines fünfzigjährigen Künstler-Jubiläums wurde er mit dem Franz Joseph-Orden ausgezeichnet, nun bei dem Austritte wurde ihm in Würdigung seiner Verdienste als Mensch und Künstler eine höhere als die normalmäßige Pension zugewiesen. Aus seiner Ehe mit Julie Gley hatte er eine Tochter, die an den Impresario Merelli vermält ist. Während die Tochter ihrem Kunstberufe als Sängerin nachgeht, widmet sich nun der Großvater der Erziehung seiner zwei Enkeln. Noch sei der innigen Freundschaft gedacht, die ihn und seine Gattin mit dem Dichter Halm seit drei Jahrzehenden verband, und welche der Tod, zuerst die Gattin, dann den Freund dahinraffend, in schmerzlichster Weise gelöst.

Weil (Philipp), Wiener Jahrbuch für Zeitgeschichte, Kunst und Industrie, oder Oesterreichische Walhalla (Wien 1851, Ant. Schweiger, gr. 12°.) Erste Abtheilung, S. 91. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1871, Nr. 2530, in den „Theater- und Kunstnachrichten“; – dieselbe, Nr. 2539, ebenda: „Rettich-Jubiläum“. – Deutsche Zeitung (Wien, Fol.) 1872, Nr. 177: „Sieben und dreißig Jahre im Burgtheater“. – Fremden-Blatt. Von Gust. Heine (Wien, 4°.) [339] 1865, I. Beilage zu Nr. 341: „Ein Decembertag im Augarten“. [Dies Geschichte, eine Episode aus dem Leben des Vaters unseres Hofschauspielers Rettich, ist mit wahrer Piratenkeckheit einer von 'Friedrich Steinebach in der Gratzer „Iris“ 1862, Bd. III, S. 107, mitgetheilten Skizze: „Joseph II. und Herr Rettich“ nachgeschrieben. Andere aber erzählt Gräffer dieselbe Geschichte in seinen „Dosenstücken“, Bd. II, S. 274: „Nichts ohne Kammerdiener“.]