BLKÖ:Löwisohn, Salomon

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Löwy, Bernhard
Band: 15 (1866), ab Seite: 453. (Quelle)
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Löwisohn, Salomon (israelitischer Gelehrter, geb. zu Moor im Weißenburger Comitate Ungarns im Jahre 1789, gest. 25. April 1822). Sein Vater, selbst ein tüchtiger Talmudist, leitete des Knaben Unterricht bis zu dessen fünfzehnten Lebensjahre. Auch schickte er ihn. da es im Orte keine jüdische Schule gab, in die Schule der Kapuziner seines Geburtsortes. Der Knabe zeigte ungewöhnliche Talente, erst 13 Jahre alt, hatte er schon die 24 Bücher der heiligen Schrift vollständig inne und besaß eine seltene Fertigkeit im Hebräischen. Auch versuchte er sich damals schon in kleineren Fest- und Gelegenheitsgedichten, aus denen unverkennbare poetische Begabung sprach. Mit einem Schulcollegen, dem nachmaligen Dr. Aschner, befreundete er sich und schloß mit ihm einen Wechselvertrag, welchem zufolge ihn Aschner im Lateinischen, Löwisohn aber seinen Freund im Hebräischen unterrichtete. So gelangte L. zur Kenntniß der lateinischen Sprache, während er sich selbst in der italienischen und französischen bildete. Im Jahre 1811 begab er sich nach Prag, um dort die Studien in den orientalischen und classischen Sprachen fortzusetzen. In Prag trat er zuerst mit seinen Arbeiten in die Oeffentlichkeit. Es waren eine philologische und philologisch-ästhetische Abhandlung (seine Werke folgen nach ihren Titeln weiter unten), welche die Aufmerksamkeit der jüdischen Gelehrten auf den jungen Denker und Sprachforscher richteten und ihm namentlich die Theilnahme eines Jeitteles – welcher aus dieser ausgezeichneten Familie es gewesen, ist nicht bekannt – gewannen. Unablässig setzte L. seine sprachlichen Studien fort und bei seinem unstillbaren Drange immer mehr Kenntnisse zu erwerben, begann er im Jahre 1813 noch das Studium der höheren Mathematik. Damit war aber seine ohnehin schwächliche Gesundheit noch mehr gefährdet. Seine Bedürfnisse, die übrigens bei dieser vorherrschend geistigen Richtung sich auf ein sehr geringes Maß beschränkten, deckte er durch Privatstunden. Im Jahre 1814 nahm er die Stelle eines Correctors in der Edlen von Schmid’schen Druckerei in Wien an. Das Mechanische seiner stehenden Beschäftigung war nicht dazu angethan, seinen Geist anzuregen und dem einsamen Denker zu genügen. Aber endlich fand er sich darein und widmete dafür alle Mußestunden der Ausarbeitung seiner Ideen. Mehrere Jahre bereits war er in Schmid’s Geschäft thätig, als er im Jahre 1820 den Posten, allen Vorstellungen Schmid’s, der einen so tüchtigen Arbeiter nicht von sich lassen wollte, entgegen, aufgab und von seinen Ersparnissen zehrte. Der Erklärungsgrund dieses sonderbaren Vorganges liegt in einer Täuschung, in welche ihn ein vermeintlicher Freund, [454] ob geflissentlich oder aus Leichtsinn, ist nicht leicht mit Bestimmtheit anzugeben, zu versetzen wußte. Dieser spiegelte ihm nämlich vor, daß er von einem Mädchen geliebt werde, für das Löwisohn selbst seit längerer Zeit eine tiefe Neigung empfand, die er aber, da das Mädchen höheren Kreisen angehörte und ihm eine Verwirklichung seiner Absichten nicht denkbar erschien, weislich bekämpfte. Anders war es doch, als ihn der erwähnte Freund der vollen Gegenliebe des Mädchens versicherte. Der ohnehin überspannte Poet verlor nun vollends den Kopf, gab vorerst den einträglichen Posten auf, der ihn anständig nährte und lebte so in seinen Hoffnungen, für deren Verwirklichung aber sich immer noch keine Aussichten zeigen wollten. Nun richtete er im Tone der Verzweiflung ein Schreiben an seine vermeintliche Braut, und die ihm gespielte Gaukelei konnte L. bald aus dem Antwortschreiben des Mädchens errathen. Brotlos durch seine eigene Schuld, hoffnungslos in seinem Lieben, bemächtigte sich nun seiner eine tiefe Schwermuth, die mit jedem Tage zunahm und endlich in volle Sinnesverwirrung und Raserei ausartete. Zuletzt holte ihn ein Freund seiner Familie von Wien ab und brachte ihn nach seiner Heimat, wo man hoffte, daß er in der Umgebung der Seinen die Ruhe des Gemüthes und mit derselben die Gesundheit des in den letzten Monaten durch Mangel und Entbehrung tief herabgekommenen Körpers finden werde. Jedoch es war bereits zu spät. Nach einer neunmonatlichen vergeblichen Pflege erlag er – erst 33 Jahre alt – seinen Leiden. Die von ihm im Druck erschienenen Schriften sind: „שיחה בעולם הנשמות‎Sicha Beolam Hanschamoth“ (Prag 1812), in einem Gespräche im Reiche der Todten zwischen David Kimchi und Joel Bril erörtert L. grammatische Gegenstände mit vielem Geist und Scharfsinn; – „בית האוסףBeth Haossef“ (ebd. 1812); gründliche Aufklärungen in grammatischer und philologischer Hinsicht; – „מליצת ישורון‎Melisath Jeschurun“ (ebd. 1816), über den Geist der hebräischen Poesie und Erklärung vieler Stellen im alten Testamente; – „Vorlesungen über neuere Geschichte der Juden. I.“ (Wien 1820, Beck, gr. 8°.); – „Biblische Geographie, enthaltend eine Beschreibung aller Länder, Meere, Land-Seen, Flüsse, Bäche, die im alten Testamente vorkommen u. s. w. Aus dem Hebräischen“ (Wien 1821, gr. 8°., mit 1 Karte), in neuer Bearbeitung von Jacob Kaplan unter dem Titel: „Das Land des Alterthums“ (Wien 1840) herausgegeben. Außer diesen Schriften führt der „Jüdische Plutarch“ noch folgende Arbeiten Löwisohn’s an: „Elegie auf den Tod Baruch Jeiteles“, – „Biographie aus den Urschriften der Juden“, und mehrere Uebersetzungen L.’s sind in den Heidelberger Machsurim enthalten. Löwisohn ist auf dem Friedhofe seines Geburtsortes Moor beigesetzt. Kuttner, Rabbiner der Moorer Israelitengemeinde, hat vor einigen Jahren die Errichtung eines, des früh Verblichenen würdigen Denkmals auf dem Friedhofe angeregt und die Gemeinde die Ausführung beschlossen.

Wiener Mittheilungen. Zeitschrift für israelitische Culturzustände. Von Dr. M. Letteris (Wien, 4°.) IV. Jahrg. (1857) Nr. 27 u. 28: „Salomon Löwisohn“. Von Ignaz Reich. – Beth-El. Ehrentempel verdienter ungarischer Israeliten. Von Ignaz Reich (Pesth 1836 Alois Bucsánszky. 4°.) I. Heft, S. 70 u. f. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. III, S. 486. – Jüdischer Plutarch oder biographisches Lexikon der markantesten Männer und Frauen jüdischer Abkunft ... mit besonderer Rücksicht [455] auf das österreichische Kaiserthum (Wien 1848, Ulr. Klopf sen., 8°.) II. Alphabet, S. 161 [nach diesem gestorben im Jahre 1821]. – Sartori (Franz Dr.), Historisch-ethnographische Uebersicht der wissenschaftlichen Cultur, Geistesthätigkeit und Literatur des österreichischen Kaiserstaates u. s. w. (Wien 1830, Carl Gerold, 8°.) I. Theil, S. 342 u. 362.