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Bürgermeister Bartholomäus Blume, der letzte Held Marienburgs

Textdaten
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Autor: O. L.
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Titel: Bürgermeister Bartholomäus Blume, der letzte Held Marienburgs
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 494-495
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[494]
Bürgersleute.
Nr. 2.
Bürgermeister Bartholomäus Blume, der letzte Held Marienburgs.
[1]

Am 8. August d. J. sind vierhundert Jahre vergangen, seitdem ein edler Mann, den der berühmte Geschichtsschreiber Johannes Vogt den letzten Helden Marienburgs nennt, auf dem Blutgerüste sein Leben endete. Dieser Mann hieß Bartholomäus Blume und war Bürgermeister von Marienburg.

Bekanntlich war der deutsche Ritterorden, der im Jahr 1191 bei der Belagerung der Stadt St. Jean d’Acre zum Schutze deutscher Pilger im heiligen Lande gegründet wurde, im Jahre 1230 nach Preußen gekommen, um hier mit dem Schwert in der Hand die heidnischen Altäre zu zertrümmern und das Kreuz des Christenthums aufzupflanzen. Die Blüthe des deutschen Adels befand sich damals unter den Rittern, und darum gelang es ihnen mit Hülfe deutscher Kreuzfahrer die heidnischen Bewohner des Landes, freilich erst nach einem 53jährigen, blutigen Kampfe, zu unterjochen. Unter der Leitung kräftiger Meister blühte nun Preußen rasch empor, so daß der Wohlstand der Bewohner eine fast unglaubliche Höhe erreichte. Auch Kunst und Wissenschaft blühten damals frischer und freier am Weichselstrome, als in dem von Raubrittern und Mönchen niedergedrückten deutschen Bruderlande. Solcher Wohlstand, solche Macht und Größe erregte aber in dem Nachbarstaate, dem damals umfangreichen Polen, nicht geringe Eifersucht. Gelegenheit zu blutigen Händeln zwischen den Rittern und Polen fanden sich daher oft; jedoch gingen die Ritter stets siegreich aus diesen Kämpfen hervor. Mit der Zeit aber erlahmte die alte Kraft und Energie des Ordens. Viele Ritter ergaben sich, obgleich sie Armuth, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatten, einem wüsten, wilden Leben, und der Orden fing an sich innerlich aufzulösen. Um diese Zeit fand die Schlacht bei Tannenberg (1410) statt, in welcher die Ritter von den Polen gänzlich geschlagen wurden. Wenige Tage nach der Schlacht, in welcher 100,000 Streiter, unter ihnen auch der Hochmeister Ulrich von Jungingen, den Tod fanden, standen die Feinde vor der Marienburg, der Residenz des Meisters. Die starke Feste wurde aber tapfer von dem löwenmüth’gen Comthur Heinrich von Plauen vertheidigt, und unverrichteter Sache mußten die Polen nach einer mehrwöchentlichen Belagerung abziehen. In dem darauf folgenden Frieden zu Thorn erhielt der Orden zwar seine früheren Besitzungen wieder zurück; jedoch mußte er eine ungeheure Summe Kriegsentschädigung und Lösegeld für die gefangenen Ordensbrüder entrichten. Das Land mußte diese Summe aufbringen, und das fiel schwer. Da außerdem das Land durch Mißwachs, Pest, Ueberschwemmungen und Viehseuchen heimgesucht wurde, so entstand überall Unzufriedenheit.

Die täglich mehr entartenden Ritter konnten sich nicht mehr die nöthige Achtung erwerben, und so kam es denn, daß die Unzufriedenheit [495] des Landes sehr bald in offene Empörung gegen den Orden ausbrach. Im Jahre 1440 stifteten viele preußische Städte und Edelleute zu Marienwerder einen Bund, den sogenannten preußischen Städtebund, der den Zweck hatte, falls der Hochmeister der mehr und mehr um sich greifenden Verarmung nicht abhelfe, sich selbst Hülfe zu verschaffen. Obgleich der Papst diesen Städten mit dem Bann und der Kaiser mit der Reichsacht drohte, so löste sich der Bund doch nicht auf, vielmehr suchte er Schutz und Hülfe bei dem König von Polen, der ihm Beides versprach. Thorn kündigte zuerst dem Hochmeister den Gehorsam auf; 1454 Danzig, und viele andere Städte folgten. Nachdem die Aufständischen in kurzer Frist 56 Burgen erobert hatten, beschlossen sie, den Hochmeister in seiner eignen Residenz zu belagern. 6000 Danziger, verstärkt durch Polen und böhmische Söldner, legten sich vor die Marienburg und forderten zunächst die Stadt zur Uebergabe auf. An der Spitze derselben stand aber der wackere Bürgermeister Bartholomäus Blume, der tief entrüstet über den Verrath war, den der Städtebund am Vaterlands geübt hatte. Er ertheilte auf das verrätherische Ansinnen der Belagerer keine Antwort, sondern stellte sich an die Spitze der Marienburger Bürger und machte einen Ausfall, in welchem er den Gegnern vielen Schaden zufügte. Bei einem zweiten Ausfall tödtete er 700 Danziger, worauf sämmtliche Belagerer, nachdem ihnen Proviant und sämmtliches Geschütz abgenommen war, eiligst die Flucht ergriffen. Viele Flüchtlinge fanden den Tod in den Fluthen der Weichsel.

Unterdessen war aber der König von Polen herangerückt. Er hatte sich in Thorn, Elbing und Danzig huldigen lassen und zog jetzt gegen die starke Ordensburg Konitz. Die Danziger, unterstützt durch Polen und Böhmen, legten sich wieder vor die Mauern Marienburgs. Blume übernahm abermals die Vertheidigung der Stadt und trieb die Danziger zum zweiten Mal in die Flucht. Zu gleicher Zeit hatten auch die Ordensritter den König von Polen bei Konitz in die Flucht getrieben, und der Hochmeister Ludwig von Erlichshausen athmete wieder auf. Doch im folgenden Jahre kamen die Feinde mit einem zahlreichen Kriegsheere abermals nach Preußen, und der Hochmeister sah sich genöthigt, um ihnen die Spitze zu bieten, deutsche und böhmische Söldner in Dienst zu nehmen. Als diese aber ihren Sold verlangten, konnten sie nicht befriedigt werden. Der Hochmeister hatte bereits die Neumark für 60,000 Goldgulden an den Markgrafen Friedrich von Brandenburg verkauft; jetzt blieb ihm nichts übrig, als die Ordenshäuser den Söldnerhäuptlingen zu verpfänden; auch die Marienburg befand sich darunter. Dem Abkommen gemäß sollte nun die Bürgerschaft Marienburgs ihres Eides gegen den Hochmeister entlassen werden und den Söldnerhäuptlingen huldigen. Als Blume davon Kunde erhielt, erklärte er: „Nur aus Zwang will uns der Hochmeister des Eides entlassen. Er ist aber unser Herr und spricht unsere Sprache, und so lange noch ein einziger Ordensritter im Lande weilt, werden wir keinem Andern den Eid der Treue leisten.“ Die Söldnerhäuptlinge drängten den Hochmeister, Blume nochmals zur Eidesleistung aufzufordern. Der schwache Mann that es; Blume aber erklärte im Namen der Marienburger: „Wir stehen allhier, und ehe wir den Söldnern schwören, wollen wir sterben!“ Als die Hauptleute weder durch Bitten noch durch Drohungen zum Ziele gelangten, verkauften sie für 436,000 Gulden sämmtliche Ordensburgen, darunter auch die Marienburg, an den König von Polen. Am 6. Juni 1457 öffneten die Söldner den Polen die Thore des herrlichen Schlosses, und weinend verließ der Hochmeister den berühmten Sitz seiner Vorfahren. Er floh nach Mewe und von hier in einem kleinen Kahne über das frische Haff nach Königsberg, wo fortan die Hochmeister bis zum Jahre 1525 residirten.

Blume gab aber die gute Sache seines Landesherrn und seiner deutsch gesinnten Marienburger noch nicht auf. Als er vernahm, daß der Orden in Ostpreußen Vortheile im Kampfe gegen die Polen errungen habe, faßte er den heldenmüthigen Plan, die Marienburg seinem rechten Herrn wieder zu erobern. In Gemeinschaft mit dem tapfern Comthur von Stuhm, Bernhard von Zinnenberg, wollte er die Stadt und das Schloß Marienburg überrumpeln. In einer finstern Herbstnacht des Jahres 1457 rückten etwa 1200 Mann, geführt von Blume und Zinnenberg, vor das Marienthor der Stadt. Die polnische Thorwache wurde niedergehauen und die Besatzung der Stadt gefangen genommen; ein Sturm auf die Burg mißlang aber, weil die Mannschaft durch den Lärm in der Stadt aufmerksam geworden war. Der Comthur Bernhard von Zinnenberg verließ am Morgen die Stadt, die nun Blume mit der Bürgerschaft und wenigen Kriegsleuten gegen die Polen vertheidigen sollte. Und diese Vertheidigung kostete Schweiß und Blut! Tagelang wurde die Stadt von der Burg aus beschossen, so daß man auf den Straßen seines Lebens nicht mehr sicher war; Blume aber wußte Rath. Er ließ die Brandmauern der Häuser durchbrechen, und schaffte auf diese Weise eine sichere Verkehrsstraße. Im Jahre 1458 legten sich 6000 Danziger vor die Stadt. Blume griff sie an und rieb sie fast ganz auf. Im Jahre 1459 rückte aber ein Heer von 40,000 Polen heran. Vom Schloß und vom Lager her wurde nun ein furchtbares Geschützfeuer gegen die Stadt eröffnet, und gewaltige Belagerungsmaschinen zertrümmerten die Mauern. Blume aber bewährte seinen Heldenmuth; denn mit kühner Todesverachtung besserten die Marienburger unter seiner Leitung die schadhaften Stellen wieder aus und wiesen die Feinde überall siegreich zurück. Da außerdem nach einigen Monaten ansteckende Mankheiten im polnischen Heere ausbrachen, so mußte der König unverrichteter Sache die Belagerung aufheben.

Im Jahre 1560 lagerten sich abermals 50,000 Polen und Danziger vor die Mauern Marienburgs. Der Feind schloß jetzt die ganze Stadt enge ein und verhinderte jede Zufuhr, denn man wollte durch Hunger zwingen, was man nicht durch Waffengewalt erreichen konnte. Leider stieg denn auch die Noth in der belagerten Stadt auf eine entsetzliche Höhe. Zwar rückte der Hochmeister zweimal herbei, um seiner treuen Stadt Mannschaft und Proviant zuzuführen, stets wurde er aber von dem weit überlegenen Polenheere geschlagen, und so konnte er seine Absicht nicht erreichen. Blume’s Heldenseele aber zagte nicht. Seiner Anordnung gemäß sollten die Frauen, Kinder und Greise die Stadt verlassen und sich auf die Dauer der Belagerung anderwärts ein Unterkommen suchen. Alle waren zu diesem Opfer bereit. Als jedoch 5000 Weiber und Kinder zu den Thoren hinauszogen, wurden sie von den Polen wieder in die Stadt gedrängt.

Obgleich die Noth in der Stadt nun von Stunde zu Stunde stieg, so dachte doch noch Niemand an Uebergabe. Da verrieth aber ein Danziger Knecht, ein geborner Marienburger, dem Feinde eine Stelle, wo die Stadtmauern nur auf leichten Bogen ruhten, die ohne Mühe untergraben werden konnten. Sofort machte sich der Feind an das Werk, während er vom Schloß aus Minen nach der Stadt hin anlegte. Unter solchen Umständen wäre ein längerer Widerstand Wahnwitz gewesen, und deshalb knüpften die Rathsherrn, ohne daß sich Blume daran betheiligte, Verhandlungen mit dem königlichen Schloßhauptmann an. Dieselben endeten mit der Uebergabe Marienburgs an die Polen. Der tapfere Held, der drei Jahre lang dem mächtigen Polenkönig nicht gewichen war, sollte seinen Feinden ausgeliefert werden.

Am 6. August 1460 hielt der König seinen Einzug in die schwer geprüfte Stadt, und zwei Tage darauf fiel in einer Thurmzelle das Haupt Blume’s unter dem Beile des Henkers. Seine Leiche wurde geviertheilt, und dann nagelte man die einzelnen Theile an die Thore der Stadt und des Schlosses. Das war die Rache eines Polenkönigs gegen einen Mann, der seinem Herrn und seinem Lande treu geblieben. Blume’s Besitzungen wurden eingezogen und dem Woiwoden von Pommerellen, Otto von Machwitz, geschenkt. Gewissensbisse veranlaßten diesen Mann wahrscheinlich, einen Theil der eingezogenen Güter der Wittwe Blume’s zurückzugeben.

Tragisch endete der brave deutsche Mann, der tapfere Kämpe gegen Landesverrath und Slaventhum. Blume gehört zu den seltenen Charakteren, die aus einem Guß zu sein scheinen, und die ihr Leben freudig für eine Idee, für das als recht Erkannte einsetzen. Deshalb wurde ihm auch, wie es bei solchen Eisen- und Granitmenschen oft der Fall ist, die Märtyrerkrone zu Theil.

Vierhundert Jahre sind seit jener Blutthat vergangen; das damals so mächtige Polen ist in ein Nichts zerfallen; Blume’s Name aber wird noch in den Annalen preußischer und deutscher Geschichte glänzen, wenn auch nochmals 400 Jahre über die Ruinen des Thurms, in welchem sein edles Haupt fiel, dahingerauscht sind. Möge diese kurze Skizze der Immortellenkranz sein, den am 8. August d. J. seine Grabstätte verdient hätte.
O. L.





  1. Das dankbare Marienburg hat beschlossen, seinen letzten Helden dadurch zu ehren, daß es am 8. August d. J. vor dem schönen Rathhause, das schon zur Zeit jener schweren Belagerung stand, seine vom Bildhauer Freitag in Danzig gearbeitete Büste aufstellen wird.