Bürger an Goeckingk

Textdaten
<<< >>>
Autor: Gottfried August Bürger
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Bürger an Goeckingk
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 252–258
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1776
Erscheinungsdatum: 1778
Verlag: Johann Christian Dieterich
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Göttingen
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
Bürger an Goeckingk.
Im Herbst 1776.


     Nun! Nun! Verschütt’ Er nur nicht gar
Das Kindlein, samt dem Bade.
Das arme Kindlein das! Fürwahr!
Es wär’ ja Jammerschade.

5
     Denn, sieht Er! troz der Plackerei,

Beim Zeugen und Gebären,
Mag doch die edle Reimerei
Auch viel Profit bescheeren.

     Troz Sing und Sang von Cypripor[WS 1],

10
Apoll, Achill und Hektor,

Bleibt man zwar Amtman, nach wie vor,
Auch – Herr Kanzlei-Direktor.

     Denn leichter wird Vokation,
Zu Pension und Pfründen,

15
Die kahlste Dissertazion,

Als mein Homerus finden.

     Auch mästet man sich eben nicht
Von Mäzenatengnade;
Trägt Abcbuchs Angesicht

20
Und Schlapperbauch und Wade.


     Die Herrn vom Ministerio
Und aus dem edlen Rathe
Floriren mehr in Jubilo,
Und prunken bas im Staate.

25
     Doch neid’ ich nicht das Bonzenheer

Um seine dicken Köpfe;
Denn drin sind viele ja so leer,
Wie hohle Kirchthurmknöpfe.

     Nun Spas apart! Und hör’ Er an,

30
Fals ihm mein Ernst beliebig.

Ist denn nicht auch für ihren Man
Poeterei ergiebig?

     Bedenk’ Er ’mal! Wie schön das ist!
Verleger, wolgezogen,

35
Bezalen oft, zu dieser Frist,

Mit Louisd’or[WS 2] den Bogen.

     Wächst nun im zehnten sauren Jahr
Zehn Bogen stark sein Bändchen,
So schnapt Er ja an Trankgeld baar

40
Zehn Blinde, ohne Rändchen[WS 3].


     Und das ist doch kein Kazendrek,
Wofür man sich kasteiet.
Es kömt ja kein gebratner Spek
Umsonst ins Maul geschneiet.

45
     Herr Ugolino[1] mus doch auch,

Nebst Weib und Kind und Gästen,
Nach altem hergebrachten Brauch,
Von unserm Hirn sich mästen.

     Steht der gelahrte Fakultist

50
Dagegen doch viel kahler.

Dem sezt es kaum, wenn’s köstlich ist,
Zwei Gulden oder Thaler.

Drob ärgern sich nun freilich bas
Die Herren Fakultisten,

55
Und sticheln Ihm ohn’ Unterlas

Brav auf die Belletristen.

     Manch Herr Professor kriegte schon
Vor Kummer graue Haare:
Daß mehr jezt gilt der Agathon[WS 5],

60
Als Fakultätenwaare. –

     Der Ruhm hat freilich grosse Last,
In diesem Jammerleben,
Wie du davon, zum sprechen, hast
Ein Konterfei gegeben.

65
     Doch nach dem Tode geht’s erst an.

Denn auch bei den Tongusen,
Nach tausend Jahren, ehret man,
So Gott wil! unsre Musen.

     Dort illustrirt man fein aus uns

70
Antiquitätenlisten.

Uns liest manch hochberümter Duns[WS 6]
Gelahrter Humanisten;

     Die jezt aus ihrem Bücherschrein
Verächtlich uns verschieben,

75
Weil wir nicht Griechisch und Latein

Und nicht Arabisch schrieben.

     Dort preist man unsre Opera
Durch Commentationen,
Inauguralprogrammata,

80
Und Dissertazionen.


     Schon hör’ ich Kridlermordgeschrei,
In meinem stillen Grabe:
Wer die Lenore doch wol sey?
Ob sie gelebet habe?

85
     Man bringt, bald chrestomathice[WS 7]

Uns winzigklein in nucem[WS 8],
Bald, commentirt cum Indice,
In folio[WS 9] ad lucem.

     Wie schön! Wenn Knaben jung und alt,

90
In jenen goldnen Tagen,

Zur Schul’, in Riemen eingeschnalt,
Mich alten Knaster tragen!

     Aus mir Vokabeln wolgemut
Und Phrases memoriren,

95
Um mich so recht in Saft und Blut,

Vt ajunt,[WS 10] zu vertiren[WS 11].

     Und geht’s nicht mit der Lection,
Und mit dem Exponiren,
Dann wird’s gar schlecht im Hause stohn. –

100
Der Junker mus kariren. –


     Sieh! was die Reimerei bescheert,
Die du vermaledeiet!
Das ist doch wol der Federn wehrt,
Die man darum zerkäuet? –

105
Eins nur vergält mir noch den Ruhm,

Den ich mir fantasiret:
Wenn man nur, wie Horatium,
Mich nicht kombabisiret[WS 12]. –


  1. Ugolino war Verleger des Gehirns des Erzbischofs Ruggieri in der Hölle. S. Dante[WS 4].

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Cypripor, von Cypridis puer = Kind der Kypris, also Amor
  2. französische Goldmünze von ca. 7 g (Wikipedia); in Deutschland wurden jedoch goldene Fünftalerstücke als Louisdor bezeichnet (Meyers Konversations-Lexikon)
  3. ohne Rändchen, d. h. im Augenblick (vgl. Grimm)
  4. siehe Göttliche Komödie, Die Hölle, 33. Gesang (Übersetzung von Streckfuß oder Übersetzung von Schlegel)
  5. der Roman Geschichte des Agathon von Wieland, 1766/67 erschienen
  6. aufgeblasener, eingebildeter Gelehrter (vgl. Grimm)
  7. für das Lernen als nützlich erachtete gesammelte Schriften (Wikipedia)
  8. zusammengefaßte, knappe Ausgabe
  9. Folio, Foliant, altes Buchformat von ca. 40–45 cm
  10. wie man so sagt
  11. übersetzen (Grimm)
  12. vgl. Kombabus in Lukians Von der syrischen Göttin und den Artikel bei Wikipedia