Textdaten
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Autor: Franz Wallner
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Titel: Aus meinen Erinnerungen/Contraste
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 405–408
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[405]
Aus meinen Erinnerungen.
Contraste.
Von Franz Wallner.

Nirgends treten die schneidendsten Gegensätze, die grellsten Lebenswechsel häufiger auf, als beim Theater. Ich könnte zahlreiche Beispiele anführen, wie sich Bühnenangehörige aus den tiefsten und dornenvollsten Stellungen hinaufgerafft hatten auf die Sonnenhöhe des Ruhmes und der Anerkennung, um wieder tief, tief hinabzustürzen, ja, in der Nacht des Wahnsinns zu enden! Ein warnendes Beispiel gegen Selbstüberschätzung und Glauben an die eigene Unfehlbarkeit hat uns schon vor Pius dem Neunten der hochberühmte Tenorist Aloys Ander in Wien geliefert.

Ich kenne seine frühere Laufbahn nicht, und kam erst mit ihm in Berührung, als er auf dem Zenith seines Ruhmes stand, der gefeierte, verwöhnte Liebling des Wiener Publicums, zumal der Damen der Residenz. Gewaltigere Stimmen mag es beim deutschen Theater gegeben haben, eine zartere, lieblichere, zum tiefsten Herzen mehr sprechende wohl kaum als die von Ander. Er war sich, leider, auch seiner Vorzüge nur zu bewußt, ja, seine zügellos ausschweifende Phantasie hatte sich einen Altar gezimmert, dessen Stufen kein anderer deutscher Sänger auf Meilenweite nahe [406] zu kommen sich erfrechen durfte. Auf diesem Altar thronte allein der „Tenorfürst“ Ander, „der Liebling der Frauen“, „der alleinige Träger der Oper“, „die festeste Säule des Wiener Kunsttempels“, und wie die zahllosen Epitheta alle hießen, mit denen ihn die Kritiker Wiens überhäuften; sie hatten ihn zu maßloser, fast an Verrücktheit grenzender Selbstüberschätzung getrieben, freilich ohne daß diese Tollheit größer gewesen, als man sie heutzutage noch bei manchem Tenoristen finden kann. Ander hatte ein „Goldherz“, eine stets offene Hand, eine unerschöpfliche Casse für seine Freunde, eine verschwenderische Freigebigkeit für seine Verehrer, nur durfte keinem von diesen je ein anderer Sänger gefallen haben. Die Namen Tichatschek, Niemann, Sontheim etc. verursachten ihm Zuckungen, die Ueberzeugung von seiner Unerreichbarkeit hatte sich bei ihm krankhaft ausgebildet, bis zu jener Stufe, wo es keine Belehrung, keinen Rath mehr giebt, wo der martervolle Zustand der qualvollsten Ueberhebung nur durch das Ende Heilung findet. Geld hatte für ihn nicht den geringsten Werth, seine Kehle schien ihm ein unerschöpfliches Golkonda, er, der Besitzer dieser Goldquelle, ein Crösus!

Wann eigentlich die sichtbaren Störungen seines lebhaften Geistes sich zu zeigen begannen, ist mir nicht recht klar, denn eine krankhaft ausgesprochene, ich weiß nicht, ob erwiderte, über alle Begriffe heftige Leidenschaft für die Sängerin Tellheim mag vielleicht nur in ihren Folgen auf sein zerstörtes Gemüth Einfluß gehabt haben. Als er nach langer Entfernung von der Bühne wieder zum ersten und letzten Mal in der Oper „Tell“ auftrat, meinten die wohlwollenden Collegen: „Ander ist mit Tell heimgegangen.“ Schon während seiner ersten Erkrankung und nach viermonatlichem Gebrauch der Kaltwassercur überstieg seine Ungeduld, sich dem Publicum zu zeigen, alle Grenzen. Wie ein Rasender drang er in die Canzlei eines hochgestellten Betriebsbeamten und schrie wie toll: „Ich werde dem Salvi zeigen, wer und was Ander ist. Alle seine Tenoristen singe ich todt, denn ich bin und bleibe der einzige Prophet für alle Zeiten.“ – Vergebens warnten ihn, den Reconvalescenten, die Regisseure und Capellmeister vor „zu frühem Auftreten“, wie sinnlos drang er darauf, den „Johann von Leyden“ zu singen; nur mit allen Künsten der Ueberredung und Diplomatie konnte man ihn von der Idee, in dieser überaus anstrengenden Partie sich seinen Verehrern wieder zu zeigen, abbringen und ihn bestimmen, die Rolle des Arnold im Tell zu wählen. Er war’s zufrieden. „Auftreten, nur auftreten“, darnach trachtete sein fieberhaftes, unbezwingliches Verlangen. Er ging zu dem berühmten Arzt Oppolzer, sang diesem etwas vor und erzwang so ein Zeugniß vollkommener Gesundheit. Trotz dem Gutachten der Theaterärzte und der Capellmeister, welche die Mitwirkung des Künstlers noch für verfrüht erklärten, konnte die Intendanz gegen eine Autorität wie die Oppolzer’s nicht ankämpfen, der glühende Wunsch Ander’s ging in Erfüllung.

Es war ein trauriger Abend für die Verehrer desselben, welche den angeblich Wiedergenesenen mit allen nur denkbaren Ovationen empfingen. Weder die Stimme, noch der hinreißend begeisterte Vortrag des „Sangesfürsten“ hatte gelitten, aber das Gedächtniß, das Gehör des Unglücklichen war zerrissen und zersetzt. Wirr und sinnlos vergaß er ganze Stellen, fiel bei anderen unrichtig ein, sang mit den hellen vollen metallischen Prachttönen plötzlich einzelne Passagen ganz allein, außer aller Begleitung des Orchesters, sang fort und fort; unbekümmert um Gott und die Welt, schmetterte er seinen Gesang hinauf in’s Publicum, mit stierem Blick, mit der Ausdauer des Irrsinns; er sang fort, als schon alle Mitwirkenden, auf der Bühne und im Orchester, staunend und entsetzt, aufhörten und mit tiefem, tiefem Mitleid dem armen Sänger zuhorchten.

Er wurde von dem erschütterten Publicum nicht gerufen – hätte dies doch wie Hohn ausgesehen – und weinte nach dem Fallen des Vorhangs bittere Thränen über diese ihm neue und unbegreifliche Undankbarkeit des Publicums. Er reiste und reiste wieder in Kaltwasserheilanstalten, quälte alle Angehörigen, die Direction und seine Collegen mit dem Schmerzensschrei über sein unverdientes Schicksal. Demungeachtet unterhielt er durch Vermittelung dritter Personen den lebhaftesten Briefwechsel mit seiner „Carline“, die ihm noch mehr galt, als Alles in der Welt. Mit der Schlauheit des Irrsinns wußte er die Entdeckung dieser Handlungen vor seiner Frau durch hundert listige Erfindungen fern zu halten; sein ganzes Dasein war nun getheilt zwischen dieser leidenschaftlichen Liebe und zahllosen verzweiflungsvollen Zuschriften an die Direction um Vorschüsse, Darlehen, Aushülfe, Berichtigungen von Curkostenrechnungen und endlosem Jammer über seine fürchterlichen Geldverlegenheiten, über sein elendes Dasein, seine qualvolle Noth, bis endlich die Todesnachricht den Abschluß des Dramas verkündigte. Nach des Künstlers Glück, des Künstlers Ende; ohne Mittelstation, ohne Uebergang der höchste Glanz, der tiefste Fall! –

Man sammelt eben unter den Collegen, um Beiträge für ein Denkmal zusammenzubringen, welches man dem heimgegangenen Künstler setzen will. –

Eines räthselhaften Ereignisses muß ich gedenken, wo plötzlicher grauenvoller Tod inmitten des heitersten Lebensgenusses ein junges Dasein ereilte, im Schleier des dichtesten Geheimnisses, welcher wohl nie gelüftet wird.

Unter vielen Genossen und Freunden, die ich in Berlin während meines dortigen Aufenthaltes erworben, war der Regierungsassessor von Pannewitz mir einer der liebsten und angenehmsten geworden. Frisch, heiter, lebenslustig, einer der verlässigsten und pflichttreuesten Beamten, in sehr günstigen geregelten pecuniären Verhältnissen lebend, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Zehe, genoß er die ungetheilte Liebe seiner Freunde, die vollste Achtung seiner Vorgesetzten. Er war Referent für Bauwesen und Theaterangelegenheiten. Die letzte Eigenschaft brachte mich mit ihm in Berührung und in dauernd freundschaftliche Verbindung. Er war der stets gerne gesehene Gast meines Hauses, ich häufig bei Ausflügen und gemeinschaftlichen Partieen der seine geworden, und oft, wenn ich verreisen mußte, drückte ich ihm mein Bedauern durch die Versicherung aus, wie schwer es mir werde, anderwärts für mein Flanirsystem einen so passenden „Sattelgaul“ zu finden, wie er mir einer sei. Dies dauerte eine Reihe von Jahren, ungetrübt und heiter hatte er, nach meinem Dafürhalten, kein Geheimniß vor mir, ich keines vor ihm.

Da führte mich meine Wanderlust nach Paris und London, wir nahmen bei einer Flasche französischen Schaumweins herzlichen Abschied für einige Wochen, unsere Fröhlichkeit sprudelte fast so lustig, wie der Rebensaft in den Gläsern, mit welchem wir auf „heiteres Wiedersehen“ anstießen! – Keiner von uns Beiden ahnte, daß es ein Abschied für’s Leben sein sollte, daß ich dem wackeren Genossen vieler frohen Stunden nie mehr in das offene heitere Antlitz sehen würde.

Die ersten Nachrichten von Hause brachten mir stets Grüße von Freund Pannewitz; einmal schrieb mir meine Frau nach London, Pannewitz sei im Garten gewesen und habe sie benachrichtigt, daß er einen kleinen Ausflug während der Pfingstfeiertage zu machen gedenke, er frug um meine Adresse, und da ihm meine Frau mittheilte, sie wisse nicht genau, ob ich noch in Paris, oder schon, wie ich nach meinem letzten Briefe beabsichtigte, nach London abgereist sei, sprach er sein Bedauern aus, er hätte sich gerne den Scherz gemacht, mir von seiner Spritztour zu telegraphiren.

Wieder vergingen acht Tage, als mir in einem Briefe meines Secretairs die beunruhigende Nachschrift auffiel: „Was sagen Sie zu Pannewitz? Sie sind wohl sehr erschrocken?“ Um das Räthsel dieser mir ganz unverständlichen Phrase zu lösen, telegraphirte ich an meine Frau, mir sofort mitzutheilen, was denn mit Pannewitz vorgefallen, und erhielt mit Wendung der Post die Botschaft, daß Pannewitz seit dem Sonnabend vor Pfingsten spurlos verschwunden sei. Man habe alle seine amtlichen Papiere in der Wohnung und auf dem Bureau in musterhafter Ordnung gefunden, sonst aber keine Ziele, kein Zeichen, nicht die geringste Nachricht, wohin er sich gewendet habe. Auch nicht der Schatten einer unehrenhaften Handlung deutete auf eine Flucht, oder irgend eine Nöthigung aus den ihm so angenehmen Verhältnissen zu scheiden, seine Vermögensverhältnisse waren, wie gesagt, die wünschenswerthesten und geordnetsten, er gehörte einer altadeligen Familie an, sein Vater bekleidete eine der höchsten Stellen in der Provinz, sein Bruder ist Oberforstmeister in Schlesien, mit Allen lebte er in innigster Anhänglichkeit, es lag nur an ihm, wenn er sein liebes Berlin hätte verlassen wollen, als Regierungs- oder Landrath ein von Anderen ersehntes Avancement zu erhalten – kurz, nicht das leiseste Motiv für eine freiwillige Entfernung lag vor, es gelang den rastlosen Bemühungen der Polizeibehörde nicht, die leiseste Spur des Verschollenen aufzufinden.

[407] Ich brauche wohl nicht erst zu versichern, daß der nächste Zug mich bereits auf dem Wege zur Heimath aufnahm. Die ganze Reise zermarterte ich mein Gehirn vergebens, um einen Schlüssel, einen Anhaltspunkt zur Lösung dieses unheimlichen Räthsels zu finden. Er reise nach der sächsischen Schweiz über die Festtage, so lautete die letzte Mittheilung an seine Hauswirthin. Es war eben nur anzunehmen, daß er in einer der unzugänglichen Schluchten dort verunglückt sei.

Sofort nach meiner Ankunft sprach ich den Polizeipräsidenten. Was wir uns mitzutheilen hatten war wenig, wir standen vor einem undurchdringlichen Dunkel. Einzelne Vermuthungen, welche der hohe Beamte mir mittheilte, erwiesen sich als vollständig haltlos bei meiner bessern Kenntniß der Sachverhältnisse.

Die ganze Stadt interessirte sich auf’s Lebhafteste für das Geschick des Verschollenen, der König voran, der täglich nachfragen ließ, ob noch keine Nachricht über Pannewitz erlangt sei.

Nach acht Tagen traf von der Prager Polizei ein Bericht ein, daß auf der Kleinseite auf einem abgelegenen Platze die Leiche eines unbekannten Mannes aufgefunden sei, der durch einen Schuß in’s Herz sein Ende gefunden. So unwahrscheinlich dies auch in Bezug auf den Vermißten klang, so trat sein Bruder, der Oberforstmeister von Pannewitz, doch augenblicklich die Reise nach der böhmischen Hauptstadt an und erkannte in den Ueberresten des Getödteten die des Verschwundenen. Jedes Kennzeichen, das zur Entdeckung führen konnte, war auf’s Sorgfältigste verwischt, aus der Leibwäsche waren sogar die Merkzeichen herausgeschnitten, kein Stückchen Papier wurde gefunden, welches auf die Identität des Verstorbenen hingewiesen hätte. Uhr, Kette und die volle Börse, die man in den Taschen fand, schlossen jeden Gedanken an einen Raubmord aus; das abgeschossene Pistol, welches man früher nie in dem Besitz von Pannewitz gesehen, lag neben der Leiche, die Kugel war mitten durch’s Herz gegangen.

Da bei dem lebenslustigen heiteren Gesellen von freiwilligem Abschütteln der Lebensbürde, von irgend einem schweren Kummer keine Rede sein konnte, so war nur Eins anzunehmen: „ein amerikanisches Duell“, jene tückische Erfindung der Feigen. Und wirklich waren nach der Aussage der vieljährigen Hauswirthin des Opfers ungefähr drei Wochen vorher zwei Herren erschienen und hatten darauf gedrungen, daß Pannewitz, der gern lange zu schlafen pflegte, geweckt werde. Die Fremden sprachen prononcirt stark den österreichischen Dialekt und waren nie früher in der Wohnung des Pannewitz gewesen. Die Besitzerin derselben hörte laut und heftig sprechen, dann entfernten sich die Herren finster und schweigend. Acht Tage später erschienen sie wieder, aber gegen seine Gewohnheit war Pannewitz schon um sechs Uhr früh auf und, dieselben offenbar erwartend, bereits angekleidet. Nach kurzer Frist, in welcher leise Verhandlungen gepflogen wurden, entfernten sich die unheimlichen Gäste wieder. Nie hat man erfahren, wer sie waren und welchen Zweck ihr Besuch hatte. Kurze Zeit darauf fiel die angebliche Ferienreise mit dem tragischen Ende Pannewitz’ zusammen.

Es war ein gar trübes Mittagsmahl, welches der Bruder des Heimgegangenen bei uns einnahm, als er von seiner Prager Reise zurückkehrte, wo er die Leiche recognoscirt hatte. Die Kugel war mitten durch’s Herz gegangen; an einem düstern einsamen Platze lagen die Ueberreste des Mannes, dem im Leben kein Ort heiter und besucht genug sein konnte; im fremden Lande, das er nie vorher betreten, wurde die Leiche in die Erde gesenkt.

In hundert und hundert Vermuthungen erging sich unsere Theilnahme an dem räthselhaften Geschick des Unglücklichen; nicht der kleinste Anhaltepunkt erwies sich als stichhaltig. Eine vage Hindeutung des Bruders auf etwaige Folge einer Differenz, die Pannewitz mit einem früheren österreichischen Officier hatte, mußte ich entschieden in Abrede stellen, da der kleine Zwiespalt in meiner Gegenwart in für beide Theile ehrenhafter Weise ausgeglichen war! – Nichts, nichts ergab sich, was den Vorfall erklärt hätte. Die abenteuerlichsten Gerüchte circulirten im Publicum, in allen Kreisen, ohne daß irgend ein Grund dafür sich finden ließ.

Vielleicht findet sich unter den zahllosen Lesern dieser Blätter einer, der eine Spur dieses Geheimnisses findet oder kennt, der die Mysterien enthüllen kann, welche den einsamen Grabhügel an der Moldau decken und die Nemesis weckt, die mit dem armen Todten zu schlummern scheint bis zu jenem Tage, wo Alles offenbar wird. –

Am 3. September 1857 war ein heiteres Leben in dem sonst so stillen Musenhofe Weimar. Den folgenden Tag sollten die Standbilder eingeweiht werden, mit welchen der geniale Meister Rietschel die unsterblichen Dichtergestalten unseres Schiller und Goethe mit ebenbürtigem Meißel verewigt hatte, und auch von Hans Gasser’s „Wieland“ sollten die Hüllen fallen, die es umspannt hielten. Der Vorabend des Doppelfestes versammelte in den Räumen des Russischen Hofes ein gar lustiges Künstlervölkchen. Der kurze stämmige Auerbach, welcher behauptete, neben dem langen Dingelstedt die auffallendste Aehnlichkeit mit einem „Kameelführer“ zu haben, Bogumil Dawison und Emil Devrient, welche herbeigeeilt waren, um durch ihre genialen Leistungen die morgige Festvorstellung in Wirklichkeit in eine solche zu verwandeln, Liszt, damals noch nicht Abbé, Heinrich Marr mit seiner geistreichen Gattin, Gerstäcker, zufällig in Europa anwesend, ja wer nennt sie alle, die Namen, deren Träger zu der großen Nationalfeier sich versammelt hatten und den Vorabend zu derselben in gar toll-lustiger Weise begingen. Einer der Tollsten unter den Tollen, der Fröhlichsten unter den Frohen, war ein Mann im besten Mannesalter, dessen gebräuntes Antlitz ein getheilter Guttenbergbart zierte, der, nach den gelenken, sehnigen Muskeln zu urtheilen, aus dem Holze geschnitzt schien, aus welchem der Mensch hundert Jahre alt wird. Als die Heiterkeit den Culminationspunkt erreicht hatte, machte er den Vorschlag, dem verehrten Meister Rietschel, der sich, im Hause wohnend, früh zur Ruhe begeben hatte, eine Serenade zu bringen. Auf meine Erkundigung erfuhr ich, daß es der Bildhauer Hans Gasser aus Kärnthen sei, von dem dieser mit Jubel aufgenommene Antrag ausging.

Ein Charivari der burleskesten Art wurde dem Dresdener Meister als seltsame Ovation stets mit dem Refrain: „Hoch soll Rietschel leben, Rietschel lebe hoch!“ vor dessen Thür improvisirt. Im primitivsten Costüm, malerisch mit einem Bettlaken drapirt, erschien dieser unter seinen Verehrern und frug, indem er Miene machte, den Leinenmantel, unter welchem die nackten, sandalenlosen Beine hervorguckte, zurückzuschlagen: „Ich danke Dir, deutsches Volk; wünschest Du die Enthüllung heute schon?“

So wirkungslos sich alles das in der Erzählung wiedergiebt, so frisch und eindrucksreich machten sich die Vorgänge in Wirklichkeit, wo jeder Scherz von tobendem Gelächter belohnt, jeder Witz mit dankbarem Jubel aufgenommen wurde.

Ueber das Fest selbst ist seiner Zeit so viel geschrieben worden, daß eine Wiederholung hier wohl nicht am Platze wäre. Ergreifend war der Moment, als die Hüllen von der Arbeit des genialen Rietschel fielen, und fast in gleichem Moment die bis dahin von Wolken bedeckte Sonne ihre hellen Strahlen auf das Gebilde unserer großen Dichter warf, als der Großherzog mit weittönender Stimme den Bildner zu sich rief und im Angesichte des Volkes umarmte; da blieb kaum ein Auge thränenleer, und donnernde Vivatrufe, den Heroen der Dichtkunst, dem Bildner und dem Herrscher geltend, erfüllten die Luft. Fast dauerte mich der schlichte Hans Gasser, der in der Blouse des Arbeiters seitwärts stand, und dessen einfaches Werk, „die Wielandsstatue“, freilich neben der großartigen Leistung des berühmten Meisters an Wirkung verlieren mußte. Sehr komisch erschien mir das Bestreben Dawison’s, den Ehrenplatz an der rechten Seite des Theaterintendanten abzulehnen und links zu bleiben, weil auf der ihm zugetheilten Stätte der Regen zwei hübsche Pfützen zurückgelassen hatte, in welche er nicht treten wollte. Die sarkastischen Fragen des Künstlers, „ob heute die ganze Armee Weimars ausgerückt sei,“ was ganz ernsthaft bejaht wurde, oder „ob hier die Bewohner Weimars versammelt seien,“ indem er auf eine menschenleere Straße deutete, amüsirten mich höchlich.

An anderen drastischen Zwischenfällen war kein Mangel. Als z. B. der Bürgermeister beim Festbanquet einen Toast auf die anwesenden „Fremden“ ausbrachte, antwortete einer der Genossen mehr grob als nöthig, „daß er gegen diesen Trinkspruch Protest einlege, es seien keine Fremden hier, es seien Deutsche, die gekommen wären, um das Andenken der größten Dichter Deutschlands zu feiern, ob das Nest, wo dies geschehe, Weimar oder Buxtehude heiße, sei für die Sache gleichgültig.“

Auch sonst passirte viel Menschliches in der guten Musenstadt. Ich war mit meinen beiden Begleiterinnen vom Wohnungscomité zu einem Kaufmann W. gewiesen worden, wo wir zwei Zimmer erhielten, in welche zwei von uns in Betten, die dritte [408] Person aber nothdürftig zusammengekauert auf dem Sopha campiren mußte. Der Hauswirth benahm sich gegen uns als der gentile Gastfreund, der liebe, längst erwartete Freunde bei sich empfing. Mir war dies peinlich, und um mir von Fremden nichts schenken zu lassen, lud ich die Familie zu Tisch in’s Hôtel und kaufte für dieselbe für mein schweres Geld Billets zu den Tribünen, zu den Festvorstellungen im Theater u. dgl., die selbst für namhafte Preise kaum aufzutreiben waren. So glaubte ich mich ausreichend revanchirt zu haben und meinen Wirthen die peinlich unangenehme Frage, „was ich schuldig sei?“ ersparen zu können. Zu meiner unangenehmen Ueberraschung aber wurde mir beim Abschied ein „Zahlungswunschzettel“ überreicht, gegen welchen die Riesenrechnungen im „Grand Hôtel“ während der Pariser Ausstellung nur bescheidene Erpressungsversuche genannt werden durften. Das war 1857 Weimarische Gastfreundschaft! – Ich zahlte und machte mit der seltsamen Rechnung Berthold Auerbach ein Geschenk, der sie als Festcuriosum aufbewahren wollte.

Sehr heiter verlief die Extrafahrt nach der Wartburg, für welche die Munificenz des Großherzogs einen Eisenbahnzug zur Disposition gestellt hatte. Als letzte Erinnerung an diese burschikose Fahrt haftet in meinem Gedächtniß die geschmeidige Gestalt Hans Gasser’s, die, während der Zug dahin brauste, mit „affenartiger Geschwindigkeit“ an der Außenseite der Waggons hinkletterte, um den Platz zu wechseln und sich, durch’s Fenster steigend, einigen Freunden beizugesellen. Mir wurde ganz ängstlich zu Muthe, als ich ihn auf dem schwindelnd luftigen Wege dahineilen sah, wo ein Fehltritt den Tod unter den zermalmenden Rädern bringen konnte. Hätte ihn doch damals dies Geschick ereilt, mitten in Lust und Heiterkeit, rasch, unvorbereitet, ahnungslos! –

Wenige Jahre sind seit dem Vorhererzählten verflossen, ich war eben in Wien anwesend, als die tollste aller Fastnachtstollheiten der Residenz, „das Narrenfest des Männergesangsvereins“ im Dianensaal gefeiert wurde. Wer dies nie mitgemacht, der kann sich keinen Begriff machen von dem Tohuwabohu, welches sich hier entwickelt. Es ist ein Wettlauf, wer unter den Verrückten der Verrückteste, unter den Rasenden der Rasendste sei. Bei den vortrefflichen Scherzen, welche der Verein in Scene setzt, von dem das Fest ausgeht, muß man freilich auch vieles Tact- und Witzlose und Unpassende in den Kauf nehmen, das talentlose Selbstgefälligkeit auf eigene Faust ausbrütet. Es sind eben dreitausend Narren anwesend, die sich an Narrheit zu überbieten suchen. Bei aller Ausschreitung schützt die angeborene Gemüthlichkeit des Oesterreichers vor schlimmen Folgen; in Berlin wäre eine ähnliche Versammlung ohne solche nicht denkbar, hier heult man mit den Wölfen ohne von denselben zerrissen zu werden. An Originalität wird dieser Faschingsjux „nur für Herren“ von keinem ähnlichen Feste in Europa erreicht. Es war Mitternacht vorüber, Geschrei, brüllendes Gelächter in einzelnen und in den Massengruppen hatte seinen Höhepunkt erreicht, als ich mich durch die ungeheuren Räume des Locals, mit dem Strome schwimmend, vorwärts schieben ließ. Wo die Menge staute, da wurde Halt gemacht, und man mußte eine Production über sich ergehen lassen, gut oder schlecht, amüsant oder langweilig, wie es eben kam. Mich mit wirrem Kopf nach einem Rettungsplätzchen umsehend, bemerke ich ein kleineres matt erleuchtetes Seitenzimmer, in welches ich mich flüchte. Wie ferne Meeresbrandung schallt der wüste Lärm und die Musik der Strauß’schen Capelle in die etwas abgelegene menschenleere Stube. In eine Ecke ist ein Rundsopha geschoben, und auf diesem sitzt oder vielmehr kauert eine merkwürdige Gestalt, in einen langen dunkeln Mantel, trotz der glühenden Hitze, tief verhüllt, einen spitzen Hut auf dem Haupte, und dies gegen eine Mauerecke festgestemmt, als wolle der Mann den Kopf in die Wand vergraben. Dabei regungslos, nur ein leises wimmerndes Stöhnen zeugte von Leben in der unheimlichen düsteren Erscheinung. Inmitten der umgebenden Raserei befremdete mich diese doppelt. Ich starrte den Mann, der, ein Bild namenlosen Jammers, für seinen Schmerz diesen sonderbaren Ort ausgesucht, eine Weile lautlos an. Er bemerkte mich nicht, oder wollte mich nicht bemerken. Leisen Trittes, wie aus einem Sterbezimmer, entfernte ich mich und suchte einen der Directoren auf, um Auskunft über den düstern Gast zu erhalten.

„Es ist der Bildhauer Hans Gasser,“ entgegnete der Gefragte, „er hat sich durch das Eindringen eines Steinsplitters zwischen Fleisch und Nagel seiner Hand eine Verwundung zugezogen, die nicht mehr zu heilen ist. Das einzige Rettungsmittel, den Arm abnehmen zu lassen, verschmäht er, und so stirbt ihm die Hand nach und nach ab. Um die Zeit zu tödten, die ihm bei seinen unsäglichen Qualen endlos wird, geht er Nacht für Nacht aus und sucht Orte auf, wo es toll zugeht, je toller, desto besser, und erst wenn der Letzte der Lustigen das Local verlassen, schleicht der ernste Gast langsam in seine einsame Behausung.“

Ich erinnere mich nicht, je so von Entsetzen geschüttelt worden zu sein, als bei dieser grauenvollen Mittheilung. Die ganze Narrenwelt versank vor meinen Augen, und mein Blick wandte sich allein dem Unglücklichen zu, dessen herbes Geschick mir das Herz zerriß. Er, der Künstler, sieht die Hand, das Werkzeug seines Schaffens, sterben, langsam absterben am lebensfrischen Leibe. Er, der heitere zu jedem Scherz aufgelegte junge Mann, kann nicht weilen auf der ersehnten Ruhestätte; in tiefer Nacht muß er die Orte aufsuchen, wo die Lustigkeit der Anderen wie der Schall aus anderen Welten zu ihm herüber dringt, dort weilt und wimmert er, bis das Grauen der Morgendämmerung ihn heim treibt, in das ehemalige Atelier, welches nicht mehr Zeuge sein kann von seinem Schaffensdrange!

„O Jammer, Jammer von keiner Menschenseele zu fassen!“

Als ich nach einigen Monaten erfuhr, daß Hans Gasser todt sei, da athmete ich tief auf und dankte Gott, daß er den müden Leib des Armen erlöst hat von seiner Qual. Sei ihm die Erde leicht! –