Aus den Kämpfen der Schlacht und des Lazareths

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Autor: Vom Verfasser des Artikels: „Bei den Kanonen
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Titel: Aus den Kämpfen der Schlacht und des Lazareths
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41–42, S. 677–679, 694–695
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus den Kämpfen der Schlacht und des Lazareths.
Vom Verfasser des Artikels: „Bei den Kanonen“.

Am Morgen des 16. August um sieben Uhr verließ die Artillerie des dritten Armeecorps ihr Bivouac bei Vandiers und trat den Marsch über Pagny, Arnaville, Onville nach Mars la Tour an. Wir hatten uns die Nacht vorher eines trefflichen Bivouacs erfreut, denn es war ausgezeichnet, erstens fand sich gutes Trinkwasser in der Nähe, zweitens lieferten etliche Zäune gutes, trockenes Holz, und drittens lagen wir auf einem Haferfelde, dessen Hafer schon zusammengebunden war. Da konnten sich unsere Pferde ordentlich satt fressen, und wir für die Nacht, ein seltener Luxus, uns weich betten.


Unser Marsch stockte oft; wahrscheinlich kreuzten sich Truppen. So machten wir mitten im Städtchen Pagny einen längeren Halt und saßen ab. Ich redete einen anständig aussehenden Bürger an und gerieth bald mit ihm in eine lebhafte Unterhaltung. Schließlich bat mich der Mann, in sein Haus einzutreten und ein Glas Wein anzunehmen; aber ich wollte meine Batterie nicht verlassen. Als er aber von einer Tasse warmen Kaffee sprach, konnte ich nicht widerstehen. In einer Stube zu ebener Erde credenzten mir zwei junge, wirklich bildhübsche Französinnen eine Schale mit Kaffee und Brod. Auffallend war mir die Sitte, daß auch selbst in diesem Hause, für dessen Wohlhabenheit das städtische Meublement und die schweren silbernen Löffel sprachen, der Kaffee nicht aus Tassen, sondern aus Schalen genossen wurde. Diese Schalen standen in einem Suppenteller, und statt des Kaffeelöffels gab es Suppenlöffel. Ich war nicht der Einzige, der von den guten Leuten erquickt wurde, sie gaben mit vollen Händen an die Kanoniere Brod, bei uns ein schon sehr seltener Artikel.

Der Marsch ging weiter, und Niemand ahnte, welche heiße [678] Arbeit der Tag noch bringen sollte. Kurz hinter Arnaville ertönte plötzlich das Signal „Trab“ an der Spitze, und alle sechs Batterien trabten an, eine Colonne von sechsmal sechszehn Fahrzeugen, eins hinter dem andern. Vorn mußte ein Engagement sein, dem wir zueilten. So ging es abwechselnd Schritt und Trab bergauf und bergab, weißer Schaum bedeckte die Pferde; Krankenträgercolonnen überholten wir, aber noch wurde kein Schuß gehört.

In der Nähe des Vionviller Kirchhofs endlich traten wir in die Gefechtslinie. Uns gegenüber standen in langen Reihen und dahinter in Colonnen die Franzosen, uns mit einem Kugelregen überschüttend. Auf den ersten Angriff unserer braven Infanterie wichen die Franzosen zurück, es war ihr linker Flügel.

Während hier das Gefecht so günstig stand, erhielt unsere Batterie – die dritte leichte des brandenburgischen Feldregiments – den Befehl, durch Vionville hindurch zu gehen, dann auf der andern Seite des Dorfes Position zu nehmen und den Angriff auf den französischen rechten Flügel zu unterstützen.

Als wir aus dem Dorfe, das von der feindlichen Artillerie beschossen wurde, herauskamen, marschirte die Batterie auf; der Batterieführer ritt mit einem Trompeter zum Recognosciren vorauf. Unzählige kleine Staubwölkchen des trockenen Bodens kennzeichneten die Aufschläge der wie ein Hagelwetter einfallenden Infanteriegeschosse. Da fiel an der Seite des Batterieführers der Trompeter; die Batterie folgte im Trabe. „Batterie halt! Im Avanciren protzt ab! Mit Granaten geladen – geradeaus – tausend Schritt auf die feindliche Infanterie!“ – und der erste Schuß donnerte gegen die feindlichen Reihen. Das feindliche Feuer concentrirte sich auf die Batterie, und erschreckend vermehrten sich die Verluste. Ein Zugführer, ein alter braver Sergeant, fiel; von den sechs Geschützführern waren nur noch zwei im Gefechte; die Fahrer fast zum großen Theile todt oder verwundet, und die Pferde decimirt. Neben uns lag Infanterie. Der Feind drang vor, die Infanterie zog sich vor der feindlichen Uebermacht zurück. Schon konnten wir die rothen Hosen und die Bärte der Franzosen, die uns auf vierhundert Schritte nahe gekommen waren, erkennen, da mußten wir schweren Herzens unsere Position inmitten des französischen Lagers aufgeben. Wir waren in Gefahr, abgeschnitten zu werden, und schickten die Franzosen jetzt eine Schwadron vor, so wehrten wir uns unserer Haut, so gut es gehen wollte, aber der Ausgang war zweifelhaft.

Die Batterie protzte auf und ging im Schritt zurück. Die Zugpferde wurden aus Mangel an Fahrern geführt. Die Absicht war, die westlich von Vionville gelegene Höhe, auf der schon Batterieen des zehnten Regiments standen, zu erreichen.

Des moralischen Eindruckes wegen wurden auf dem Wege dahin noch zwei Aufstellungen genommen und trotzdem, daß vom Feinde wenig zu sehen war, einige Schüsse abgegeben. Bei der ersten dieser Positionen konnte aus Mangel an Leuten und Pferden das zweite Geschütz nicht aufgeprotzt werden und blieb stehen, bis es einem Officier, der mit einigen Leuten zurückgeblieben war, gelang, zwei Pferde vor die Kanonen zu legen und selbige nachzubringen. Es war wirklich eine schöne That, dieses Herausholen des Geschützes aus dem feindlichen Feuer.

Die Officierspferde waren alle todt oder schwer verwundet, so daß alle Officiere zu Fuße gingen.

Einer Scene, die mich tief ergriff, muß ich hier gedenken. Vor der zurückgehenden Batterie lagen sieben bis acht anscheinend todte Cameraden der Infanterie. Als die Batterie auf fünf bis sechs Schritt an diese herangekommen war, erhoben einzelne von ihnen den Arm und winkten, wahrscheinlich in der Todesangst, daß wir sie überfahren würden. Natürlich wurde um die Verwundeten herumgefahren.

Ehe wir den Berg vor Vionville erreichten, schlugen außer den feindlichen Kugeln noch die Sprengstücke einer zu früh crepirten Granate unserer Batterie bei uns ein, glücklicher Weise ohne Verluste zu verursachen. Oben auf dem Berge nahmen wir Position und eröffneten ein heftiges Feuer auf feindliche Massen. Wir wurden hier von der feindlichen Artillerie, Achtpfünder, mit einem Granatregen überschüttet. Die Franzosen kannten die Distancen genau und schossen sehr gut. Aber ebenso wie bei Speicheren schützte uns der französische Zünder vor noch größeren Verlusten. Fiel eine Granate in die Batterie; so dauerte es noch eine Weile, ehe sie crepirte. Das hatten unsere Leute bald gemerkt und auf den Ruf „Granate“ warf sich Alles nieder, die Granate crepirte dann, ohne großen Schaden zu thun. Das Alles war Sache zweier Secunden.

Nach unseren Beobachtungen schossen wir gut und gegen vier Uhr zogen sich die französischen Truppen, zuletzt die Artillerie, zurück. – Wir bekamen Lust, und riefen Victoria! Indessen war dies nur eine Gefechtspause, die uns aber um so willkommener war, als unsere heiß gewordenen Rohre sich abkühlen und wir Ersatz an Munition, Pferden und Leuten heranziehen konnten, was dringend nöthig war, um die Batterie wieder bewegungsfähig zu machen.

Gerade als wir dieses Geschäft beendet hatten, erhielten wir von der linken Flanke Mitrailleusen- und Infanteriefeuer, zugleich beschoß uns feindliche Artillerie in der Front, jedoch auf große Entfernung. Die Batterie war eben im Begriff, eine Front-Veränderung und einen Positionswechsel vorzunehmen, als der Erzähler dieses einen Schuß in den Fuß erhielt. Im ersten Moment hatte ich das Gefühl, als wäre mir ein Stein scharf gegen das Fußgelenk geschleudert, aber als ich herunterblickte, sah ich, daß eine Kugel durchgegangen war. Zugleich flimmerte es mir so vor den Augen, daß ich niederfiel; doch hatte ich Bewußtsein genug, in den Chausseegraben zu kriechen. Die Batterie fuhr in diesem Augenblick ab, und hat nachher, wie ich hörte, noch bis gegen neun Uhr im Gefecht gestanden und ihren Theil zum Erfolge des Tags beigetragen.

Unsere Verluste waren enorm gewesen; von den siebenundvierzig Pferden der Batterie von sechs Geschützen waren fünfundzwanzig todt und fünfzehn verwundet, von den neunundfünfzig Mann inclusive Officier siebenzehn verwundet und fünf todt.

Um wieder auf mich zurückzukommen, so hatte ich das große Glück; einige Minuten nach meiner Verwundung verbunden zu werden. Ein Ober-Lazarethgehülfe und mehrere Leute waren bei mir geblieben, als die Batterie abrückte. Die feindlichen Granaten fielen noch in ungeminderter Zahl neben uns nieder, und jedes Mal warf sich die ganze verbindende Gesellschaft ohne Rücksicht auf den kranken Fuß auf mich, aber merkwürdiger Weise wurden mir dadurch gar keine Schmerzen verursacht. Als aber die herbeieilenden Kanoniere in der besten Absicht mir den Stiefel ausziehen wollten, schrie ich und schlug sie mit der Säbelscheide auf die Finger, bis sie von diesem Beginnen abließen; Stiefel und Strumpf wurden mir vom Fuße geschnitten und mir von dem Verbandzeug, das ich bei mir hatte, ein nothdürftiger Verband angelegt.

Von da trug man mich auf einer Trage nach dem achthundert Schritt entfernten Vionville. Als ich auf dieser so hülflos lag, und die Granaten noch immer vor und hinter uns einschlugen, da hatte ich – ich will es ruhig gestehen – eine wirkliche Angst, in diesem Zustande noch einmal getroffen zu werden. Doch es ging Alles glücklich ab. Eine Cigarre, die ich mir anzündete, schmeckte sehr gut.

In Vionville wiesen zwei französische Aerzte uns nach einem Hause hin, in welchem noch Platz sein sollte; sonst war Alles überfüllt, Kirche, Schule und alle Häuser.

Ein entsetzlicher Anblick bot sich uns. Die Tenne des uns angewiesenen Hauses lag voller Verwundeten, gewiß sechszig bis achtzig Mann; leichter Verwundete kauerten auf der Straße, ein besserer Aufenthalt als jene Tenne. Auch ich war schon im Begriff, mich letzteren anzuschließen, als einer meiner Träger sagte, daß neben der Tenne noch eine Stube mit einer Bettstelle und Strohsack sei; eben wäre ein Verwundeter dort gestorben und der Platz würde für mich frei gemacht. Wer war froher als ich! Das war ja ein beneidenswerthes Unterkommen. Man legte mich auf das Bett. In der kleinen Stube lagen außer mir noch acht Schwerverwundete, Cavalleristen und Infanteristen, und fast alle noch ebenso wie ich nur mit einem oberflächlichen Verbande, mehrere selbst ohne einen solchen. Von der Tenne her, von der nebenliegenden Stube, von überall ertönten herzzerreißende Jammertöne. Acht Officiere und einige siebzig Mann lagen in dem kleinen Häuschen, und der Garten dahinter lag ebenfalls voll. Dabei war Mangel an Aerzten und kein Wasser zum Trinken da. Wir waren auf das angewiesen, was wir bei uns hatten, und ich, der ich noch zwölf Cigarren besaß, wurde als ein Crösus angesehen, und mancher warme Dank ward mir für meine Spenden gebracht. –

Da endlich trat die Erlösung in Gestalt eines mir befreundeten Arztes ein! Aller Augen leuchteten ihm entgegen, und mit Recht. Wasser wurde herbeigeschafft, die Verwundeten gelagert und verbunden. [679] Man sah Hülfe! Zwei Stunden nach meiner Verwundung war mir bereits ein Gipsverband angelegt, ein seltenes Glück!

Meine Krankenträger gingen nun zur Batterie zurück, bis auf einen, der bei mir blieb, bis mein Bursche kam. Kaum hatte letzterer gehört, daß ich getroffen sei, so machte er sich auf, mich zu finden, was ihm auch bald gelang. Glücklicherweise hatte er noch etwas Wein und Brod bei sich; in kurzer Zeit war der kleine Vorrath aufgezehrt, und mit welchem Appetit! Seit Morgens sechs Uhr hatten wir nichts genossen und wahrhaftig Anstrengungen jeglicher Art gehabt.

Mein Bursche erzählte mir, während er an meinem Bette saß, daß er in der Nähe des Dorfes mein Pferd gesehen hätte. Sofort schickte ich ihn ab, dasselbe zu suchen. Trotzdem er ziemlich lange blieb, hatte er es nicht gefunden, brachte aber dafür folgende Sachen mit: Cigarren, Brod, eine große Blechkanne voll Schmalz, eine blecherne Büchse, deren Inhalt – Straßburger Gänseleberpastete war! Seiner Erzählung nach war er, um mein Pferd zu suchen, über das Schlachtfeld gegangen und so in das verlassene französische Lager gekommen. Hier habe er einen offenen Koffer gefunden. Da wir in der That gar nichts hatten, so habe er die ihm brauchbar erscheinenden Sachen daraus mitgenommen. Einen Revolver habe er ebenfalls mitnehmen wollen, aber gerade wie er danach habe greifen wollen, sei von einem unbekannten Schützen eine Kugel einen halben Zoll von seiner Hand entfernt in die Erde gefahren; da habe er das Ding liegen lassen, schnell nach dem Brode gegriffen, und sei wieder in das Dorf zurückgekehrt. Auf meine Frage, woher er die Blechbüchse habe, erzählte er mir, daß dort eine Kiste mit fünfzig bis sechszig solcher Büchsen stände. – Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß es Jemandem einfallen würde, Terrinen mit Straßburger Gänseleber in’s Feld mitzunehmen! Später, als ich noch einmal hinausschickte, war die Kiste leer. Unsere Truppen werden diese französische Delicatesse auch zu würdigen gewußt haben. – Natürlich waren wir über diese Vorräthe sehr erfreut, und haben noch lange von ihnen gezehrt. Die Frage des Essens und Trinkens wurde nachher eine so wichtige, daß ich noch oft darauf zurückkommen werde.

Am Abend ziemlich spät brachte mein Diener auch mein Pferd. Das arme Thier hatte vier Kugeln, und dennoch lebte es; das vorgesetzte Futter hat es jedoch stehen lassen und nur etwas Wasser gesoffen. Mein Sattelzeug nahm ich an mich; aber leider hatte man die Satteltaschen ihres Inhaltes entleert, so daß ich mich rein dem Nichts gegenüber sah. Eine nochmalige Razzia meines Burschen, der durch einen schriftlichen Befehl dazu legitimirt wurde, verschaffte uns Lichter und mir eine Decke aus dem französischen Lager. Gräßlich soll es nach seiner Erzählung auf dem französischen Theile des Schlachtfeldes ausgesehen haben; so sagte er, daß in der Nähe der Chaussee wohl fünfzig feindliche Schützen in einer Reihe gelegen hätten, die aufrechtstehenden Tornister, welche sie als Deckung gebraucht hätten, vor sich, fast alle seien durch den Kopf oder Hals geschossen und die Tornister vielfach durchlöchert. Wahrlich ein Beweis für das ruhige und kaltblütige Schießen unserer Infanterie.


Mit der Decke ausgerüstet, glaubte ich die Nacht ruhig erwarten zu können, aber sie wurde fürchterlich. Die Fenster der Stube standen offen, um frische Luft im Zimmer zu erhalten. Jedes Wort, welches auf der Dorfgasse gesprochen wurde, konnte man hören. Jetzt marschirten Truppen durch; nachher wurden Compagnien und Bataillone von ihren Führern gesammelt; dann kam Cavallerie oder Artillerie mit Pferden, um dieselben zu tränken. Kurz und gut, es war ein Höllenlärm, und dazu das Jammern der Verwundeten, das Herein- und Hinausgelauf leicht Verwundeter, welche nach Bekannten suchten, und das Unterbringen neuer Verwundeter. Wie gern hätte ich geschlafen!

[694] Nach einer Nacht, die immer noch schlimmer hätte sein können, als sie in Wirklichkeit war, brachte man mich zum Pfarrer des Dorfes. Wenn bei demselben auch schon sämmtliche Stuben voll Verwundeter lagen, so war dieser Aufenthalt doch ein Eldorado gegen den früheren. Mir nebst drei anderen Cameraden wurde ein Zimmer angewiesen. In das Bett des Pfarrers kroch sofort ein Camerad, zwei lagerten sich auf Strohsäcken und ich mußte mit Streu vorlieb nehmen.

Der Pfarrer hatte uns freundlich bewillkommnet. Er selbst war erst seit einigen Tagen hierher versetzt und hatte sich noch gar nicht eingerichtet, als das Elend des Krieges das Dorf überzog. Und welch ein Elend! Selbst der Pfarrer und seine Schwester hatten nichts, rein nichts zu essen. Als wir ihnen von unserem Vorrath abgaben, dankten sie uns mit Thränen in den Augen.

Unsere Burschen waren unsere Krankenpfleger und erfüllten ihre Aufgabe mit der größten Hingebung. Nur mit der größten Mühe konnte das zum Kühlen der Wunden nöthige Wasser herbeigeschafft werden, da die öffentlichen Brunnen theils von den Franzosen zerstört, theils in Folge des übermäßigen Gebrauchs versiecht waren. Das Wasser wurde schließlich so schlecht, daß wir es nicht mehr trinken und später sogar nicht mehr zum Kühlen gebrauchen konnten.

An diesem Tage, am 17. August, erhielt ich Besuch von meinen Cameraden, welche in der Nähe bivouakirten. Abends bildeten Altarkerzen, auf eine Weinflasche gesteckt, die Beleuchtung. Mich nach dem Ursprunge der Lichter zu erkundigen, habe ich wohlweislich unterlassen.

Die Nacht war gut; wir waren so erschöpft, daß wir trotz unserer Schmerzen einen „Riesenschlummer“ thaten. Außerdem war das Pfarrhaus ziemlich entlegen, so daß uns nichts störte. Unsere Burschen schliefen in derselben Stube, und sie mußten sich gegenseitig im Wachen ablösen, damit, wenn Einer von uns aufwachte, er gleich eine neue Compresse auf die Wunde erhielt.

Der 18. August war ein schöner, freundlicher Tag und schien uns so recht zum Transport nach Pont à Mousson geeignet, wo wir eine regelmäßige ärztliche Behandlung zu erhalten hofften. Am Vormittage erschien ein Johanniter, v. H., der uns Wagen versprach und unsere Hoffnungen fast bis zur Gewißheit steigerte. Aber – es kamen keinerlei Wagen. Statt dessen hörten wir Gewehrfeuer in der Nähe des Dorfes; der Pfarrer erzählte uns, daß man eine Schlacht erwarte. Wir waren in größter Spannung, als wir nun auch anhaltendes Geschützfeuer hörten und Niemand wußte, wie es stand. Aus dem sich immer mehr entfernenden Kanonendonner schlossen wir, daß unsere Truppen avancirten. Plötzlich vernahmen wir wieder ganz nahe Infanterie- und Mitrailleusenfeuer. Immer näher kam das Gefecht. Mußten die Unsrigen zurück? Waren wir geschlagen? Eine furchtbare Unruhe bemächtigte sich unser. Ein am Fuße verwundeter Officier ließ sich an das Fenster tragen, um zu recognosciren; aber außer Pulverdampf war nichts zu sehen. Wahrhaft entsetzlich war der Gedanke, daß Vionville mit in’s Gefecht gezogen, vielleicht vertheidigt und gestürmt würde, wir vielleicht in französische Gefangenschaft gerathen könnten. Dies Alles flog blitzschnell durch unsere Köpfe. Doch wir mußten es geduldig abwarten.

Nach Stunden großer Aufregung, gegen Abend, schwieg das Feuer der Franzosen und wir hörten deutlich, daß es preußische Geschütze waren, welche feuerten. Später erfuhren wir, daß die Franzosen zurückgeschlagen seien; daß wir aber einen Sieg errungen hatten, wurde uns erst am anderen Tage bekannt.

Der Pfarrer leistete uns oft Gesellschaft, und wir unterhielten uns viel mit ihm. Er war durchaus kein Anhänger des Kaiserthums und kein Chauvinist. Daß er in seinem Hause Preußen zu beherbergen haben würde, hatte er bei Beginn des Krieges nicht geahnt; übrigens schien er doch die Hoffnung noch nicht aufgegeben zu haben, daß ein Umschlag im Kriegsglück eintreten würde. – Ein kleiner Vorfall nahm uns Alle zu Gunsten des Pfarrers, der außerdem ein hochgebildeter Mann war, in hohem Grade ein. Von den Siebener Kürassieren waren viele Officiere gefallen, und einer der überlebenden Cameraden wollte denselben die letzte Ehre erweisen. Er stellte daher die Bitte an den Pfarrer, die Leichen einzusegnen, wenn auch die Gefallenen protestantischen Glaubens waren. Der Pfarrer griff sofort zum Hut und segnete die Leichen ein! Man sah ihm an, daß er es gern that.

Nach einer ziemlich schmerzensreichen Nacht wurden wir am andern Morgen durch Kaffee überrascht, das erste Warme, was wir seit dem Morgen des 16. August genossen. Eine schlimme Entdeckung war es aber, als unsere Burschen erklärten, gar kein Wasser mehr bekommen zu können. Außerdem waren sie den ganzen Vormittag fort gewesen und hatten sich nicht sehen lassen. Unsere Stimmung war dadurch keine brillante geworden, und die Burschen, welche wir im Verdacht hatten, auf dem Schlachtfelde gebummelt zu haben, mußten manches harte Wort hören, was sie auch hinnahmen und sonderbarer Weise, ohne die landläufigen Entschuldigungen hervorzubringen. – Mittags um ein Uhr öffnet sich die Thür, die Burschen alle vier treten ein, der vorderste mit einer Schüssel, und lange entbehrte Düfte von Braten dringen zu uns. Das Räthsel war gelöst. Statt auf dem Schlachtfelde umherzulaufen, hatten die Burschen für uns gesorgt, und ein feiner Gänsebraten erinnerte uns an die Fleischtöpfe der Heimath. Ich weiß nicht, daß mir jemals etwas so gut geschmeckt hätte wie diese Gans. Die Burschen hatten uns das Geheimniß nicht verrathen wollen; das Rupfen, Ausnehmen und Zubereiten der Gans, die sogar mit Aepfeln gefüllt war, hatte den Vormittag in Anspruch genommen. Die Burschen hatten offenbar mehr als die bloße Absolution verdient, die sie sofort erhielten.

Unsere Stimmung wurde noch mehr gehoben, als sich bald nach dieser Mahlzeit die Möglichkeit ergab auf einem Leiterwagen voll Stroh nach Pont à Mousson befördert zu werden. Der Abschied von unserm Pfarrer war in der That ein herzlicher.

Es war ein schöner, windstiller Abend. Die Sonne spendete ihre letzten Strahlen über das Schlachtfeld vom 16. August. Zerrissene Tornister und zerbrochene Helme lagen noch umher, sonst kennzeichneten nur große und kleine Gräber die Stelle des Kampfes. Wie lange wird es dauern, und der Landmann streuet friedlich seine Saat auf die jetzt noch blutigen Felder!

Hatten wir schon auf dem Marsche in Frankreich die Wohlthat guter Wege empfunden, so lernten wir sie jetzt erst recht schätzen. Ich mag gar nicht daran denken, wie wohl der Transport auf solchen Wegen, wie wir sie oft daheim im lieben Deutschland haben, ausgefallen wäre. – Lange Wagenzüge mit Verwundeten überholten wir – sie boten einen traurigen Anblick. Oft sahen wir noch herrenlose Pferde über das Feld laufen oder richtig gesagt, hinken, denn fast alle waren angeschossen.

In einigen Ortschaften reichte man uns sehr bereitwillig Wein [695] und Wasser; sonst haben wir von der Bevölkerung Nichts gesehen, da es sehr bald dunkel wurde. Nachts um ein Uhr hatten wir endlich unser Ziel erreicht und wurden dem Lazareth in der Maison de Nativité (einem Pensionat für die Kinder des Ortes) übergeben. Ein Gefühl für Götter war es, als ich meinen Feldzugsrock ausziehen und mich in ein reines Bett legen lassen konnte. So fest und tief wie diese Nacht habe ich wohl noch nie geschlafen.

Gestärkt und gekräftigt wachte ich am 20. August im Lazareth auf. Ein großer und ein kleiner Saal war für die Kranken eingerichtet, ersterer mit einigen dreißig, letzterer, in dem ich lag, mit neun Betten. Die Betten waren, wenn auch mit Strohsäcken versehen, bequem und rein. Eine Wohltat, die ich schon, ich weiß nicht wie lange, entbehrt hatte, wurde mir hier: ich konnte mich waschen; mir wurde Seife und sogar ein Handtuch gereicht. Man muß es durchgemacht haben, um zu wissen, wie Jemandem, der seit mehr als acht Tagen das Wasser nur zum Trinken benutzen durfte, zu Muthe ist, wenn er sich endlich waschen kann.

Meistens waren es Officiere, welche hier lagen, Preußen, Sachsen und Franzosen. Ich für meine Person hatte eigentlich Pont à Mousson nur als eine Etappe auf meiner Heimreise betrachtet, aber der Chefarzt, Professor Hütter von Greifswald, entriß mich rasch diesem schönen Traum, indem er mir eine Weiterreise, und zwar nicht nur heute und morgen, sondern überhaupt per Wagen verbot. Da hieß es: gehorchen. Und wirklich ging uns hier der Tag ganz gemächlich dahin; man machte sich bekannt und erzählte sich gegenseitig seine Erlebnisse. Allerdings mußte man viele kleine Annehmlichkeiten, als Cigarren etc. entbehren, und die Kost, Kuhfleisch des Mittags und Kuhfleisch des Abends, erinnerte zu sehr an das Bivouac. Ein Johanniter, H. v. Kl., welcher speciell dem Lazareth zugetheilt war, vertröstete uns indeß auf den folgenden Tag.

Die Nacht über litt ich entsetzliche Schmerzen, die erst endeten, als am andern Morgen der Arzt Hülfe brachte. Nach der Beseitigung dieser Pein sollte mich noch eine ganz besondere Lust überraschen. Der Johanniter hatte Wort gehalten, und was er brachte, war das lange am schwersten Entbehrte: Cigarren und Zeitungen! Trugen letztere auch nur die Data vom achten bis zehnten dieses Monats, so streckten sich doch alle Hände ihnen entgegen, und gierig wurde ihr Inhalt verschlungen. H. v. Kl. sorgte wie ein Vater für uns. Mit der Brieftasche in der Hand ging er zu jedem Einzelnen, fragte nach dessen Wünschen, notirte dieselben nicht allein, sondern erfüllte sie auch, wo es möglich war. So war der Wunsch nach Selterwasser laut geworden, aber trotz allen Suchens keines aufzutreiben. Da hörte H. v. Kl., daß in der Stadt ein Selterwasserfabrikant wohne. Flugs wurde derselbe requirirt, Flaschen wurden ihm gegeben, und er arbeitete sofort für die Lazarethe. Am Abend hatten wir Selterser Wasser.

Man muß nur selbst hören, was für Wünsche der verschiedensten Art laut werden. Der Eine will ein Luftkissen haben, der Andere ein Keilkissen, Dieser kleine Kissen, Jener Morgenschuhe, Andere Drahtgitter für kranke Arme, Viele möchten Briefe geschrieben haben – so viel Leute, so viel Wünsche! Daß dazu, um so vielen Anforderungen zu genügen, ein nie ermüdender Eifer gehört, ist gewiß, und daß H. v. Kl. denselben in hohem Grade besaß, davon zeugt unsere Dankbarkeit.

Dieser Tag sollte ein voller Glückstag für uns werden. Gegen Abend, als der Professor eben seine zweite Visite begonnen hatte, erschien im Lazareth König Wilhelm! Er ging zu jedem Bett und fragte jeden Einzelnen nach seinem Befinden, nach seiner Wunde, wo er sie erhalten etc. Ehe der König uns verließ, dankte er uns für unsere Dienste, und auch da noch sprach sich seine Sorge für uns aus, indem er, als Einige sagten, daß sie bald wieder zu ihren Regimentern wollten, uns mit den Worten zur Ruhe ermahnte: „Nur nicht zu früh; ich kann ja auch in meinem Interesse nur wünschen, daß es recht bald geschieht, aber lassen Sie die Wunden erst ordentlich heilen, und gehen Sie nicht zu früh aus.“

Auf den glücklichen Tag und eine stärkende Nacht folgte für mich ein froher Morgen, denn der Professor war so zufrieden mit dem Aussehen der Wunde, daß ich die Erlaubniß erhielt, weiter zu gehen, sobald die Bahn hergestellt sei. Letzteres war keine leere Hoffnung mehr, wir hatten heute schon mehrere Male eine Locomotive pfeifen hören.

Am Vierundzwanzigsten endlich konnte ich von den guten Schwestern Abschied nehmen. Zwei Bonner Studenten trugen mich auf einer Trage nach dem Bahnhofe, und hier wurde ich mit fünf anderen Officieren in einem Güterwagen gebettet. Die Johanniter hatten auch hier wieder für uns gesorgt; schöne Matratzen bedeckten den Boden, auch die nöthigen Decken wurden uns gereicht. Stundenlang dauerte das Einladen der Verwundeten. Endlich pfiff der Zug. Anfangs hieß es, wir sollten in Nancy bleiben, das wir nach einer dreistündigen Fahrt erreichten. Hier war eine Verpflegungsstation der Johanniter. Hätten wir damals gewußt, daß wir noch sechsunddreißig Stunden ununterbrochen fahren müßten, so würden wir uns hier besser vorgesehen haben.

Der Zug fuhr sehr langsam, weil viele schwerer Verwundete ein schnelleres Fahren nicht aushalten konnten; auf jeder Station dehnte sich der Aufenthalt für unsere Ungeduld viel zu lange aus, aber was half es? mußte doch bei jedem Halt ein großer Theil der dreihundert Verwundeten des Zuges frisch verbunden werden, und das ging natürlich nur langsam, da nur ein Arzt den Zug begleitete.

So lange es Tag war, hatten wir trotz der Erschütterungen des Wagens eine ganz angenehme Fahrt; wir sahen lieblich gelegene Thäler, schroff emporsteigende Felsen, welche theilweise von Ruinen gekrönt waren, mit den schönsten Wäldern abwechseln. Als aber die Nacht die Aussicht uns verschloß, schlich die Langeweile sich ein und die Stimmung wurde eine weniger rosige. Jeder versuchte zu schlafen, keinem gelang es recht. War man eben eingenickt, so hielt der Zug und weg war der Schlaf. Dabei hatten wir keine Laterne und konnten nicht die Hand vor Augen sehen.

Als mitten in der Nacht der Zug wieder einmal hielt, meinte einer unserer Burschen, der aus dem Wagen gesprungen war, vor uns blitze es sehr stark. Als wir eine halbe Meile weiter gefahren waren, wiederholten sich diese Blitze häufiger, und wir kamen auf den Gedanken, daß vor uns aus Geschützen geschossen würde. So war es denn auch. Die Bahn, auf der wir jetzt fuhren, theilt sich erst später bei Frouard in einen nördlichen Strang – unser Weg – und eine südliche Bahn, welche nach Straßburg führt. Jetzt lag Straßburg fast in der Verlängerung unserer Schienen. Deutlich sahen wir im Dunkel der Nacht die Blitze der Geschütze, deutlich sah man die Granaten ihren Weg beschreiben und dann crepiren. Dazu leuchtete ein riesengroßer Feuerschein weit über das Land. Der Anblick war ein großartiger. Infanteriefeuer konnten wir nicht hören.

Weiter ging es in die Nacht hinein im feindlichen Lande. Wie leicht konnte ein fanatisirter Elsässer einige Schienen ausgerissen haben, wie leicht ein Franctireur uns aus den Weinbergen eine Kugel senden! Nichts dergleichen, die Fahrt ging glücklich von statten und bald begrüßten wir heimathlichen Boden. Der erste größere Aufenthalt war in Mannheim. Damen und Herren eilten an die Wagen, um uns zu erquicken. Wir hatten es aber auch wirklich nöthig. In Nancy hatten wir zuletzt gegessen, und das war vor vierundzwanzig Stunden gewesen! Am Abend des 24. August hatten wir Frankfurt erreicht. Der Bahnhof stand dicht gedrängt voll Publicum, meist Neugierige, die nichts nutzten, nur im Wege standen und uns mit ihrem Angaffen belästigten. In einer außerordentlich bequemen Trage wurde ich in das mir angewiesene Gasthaus „Zur Stadt Wien“ gebracht. Ein vorzügliches Bett, brillante Verpflegung und das liebenswürdige Entgegenkommen des Hausherrn und seiner Gemahlin ließen mich bald die Strapazen der Reise überstehen. Nach einer vierundzwanzigstündigen Ruhe wurde die Reise fortgesetzt. An den Abends halb acht Uhr aus Frankfurt abgehenden Courierzug wurde durch die Bemühungen eines Johanniters, Graf S., ein Pferdewagen für uns angehängt, wurden Strohsäcke hineingeschoben und eine Laterne oben am Plafond des Wagens befestigt. Anfangs ging Alles gut, aber bald wurden die Schwankungen des Wagens so groß, daß wir uns festhalten mußten, um nicht von unseren Strohsäcken herunterzufallen. Die Laterne oben am Wagen gerieth ebenfalls in bedenkliche Bewegungen, und plötzlich erlosch sie.

Für unsere Wunden war diese Fahrt mehr als nachtheilig; wir Alle kamen wie zerschlagen in Leipzig an. Aber das Gefühl, zu Hause zu sein und Weib und Kind wieder zu sehen, ließ Alles ertragen und vergessen und Wunden heilen ja. Nur Eines blieb, das tiefe Dankgefühl gegen Gott! Hatte doch seine Hand uns sichtbar beschützt.