Aus dem Leben des Haushundes (Die Gartenlaube 1860/34)

Textdaten
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Autor: Gustav von Wallenrodt
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Titel: Aus dem Leben des Haushundes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 544
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Aus dem Leben des Haushundes, Die Gartenlaube 1860 Heft 19
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[544] Aus dem Leben des Haushundes. Unter dieser Rubrik befindet sich in Nr. 19 der Gartenlaube ein Aufsatz, welcher in seiner Einleitung Aufforderung zu weiteren, entsprechenden Mittheilungen enthält. Ich liefere hiermit einen Beitrag zur Characteristik des Hundes, welcher in diesem Blatte, als Fortsetzung des von Herrn Dr. Brehm eingesandten Artikels, Aufnahme finden möge.

„Ich habe,“ erzählte mir der Besitzer eines bei Neustadt in Westpreußen gelegenen Gutes, bei dem ich zu Tische geladen, „lange Jahre einen Pudel besessen, den ich und meine Familie niemals vergessen werden. Die Treue und Anhänglichkeit, der bis zur menschlichen Vernunft heranstreifende Scharfsinn des Thieres überstieg Alles, was man bis dahin im Kreise meiner zahlreichen Bekanntschaft gesehen hatte. Früher in der Gegend von Garz in Pommern ansässig, wurde von mir auch jährlich der Stettiner Wollmarkt besucht, und auch dorthin begleitete mich stets mein Pudel, welcher zwar in der Jugend seinen Namen erhalten hatte, doch ersichtlich gern „Pudel“ genannt wurde.

„Pudel hatte sich einer großen Bekanntschaft zu erfreuen, und war zu einer gewissen Berühmtheit gelangt. Der Wollmarkt war in einem Jahre besonders glücklich für mich ausgefallen. Schon am ersten Tage war meine Wolle verkauft, und ich beschloß, die Zeit meiner Anwesenheit in Stettin lediglich dem Vergnügen zu widmete. In einer Weinhandlung, im Herzen der Stadt gelegen, hatte ich mit meinen Freunden beschlossen, meines Pudels Scharfsinn auf die Probe zu stellen. Zu dem Ende versteckte ich mein Taschentuch tief zwischen Sitz und Rückenkissen des Sophas, während Pudel Siesta hielt. Wir brachen auf, begaben uns auf manchen Umwegen nach dem Bahnhofe, und hier angelangt, sprach ich: „Pudel! mein Taschentuch ist fort, geh, hole es mir.“ Pudel zog unverweilt ab, doch setzte mich sein ungewöhnlich langes Fortbleiben in Besorgniß und wir begaben uns auf demselben Wege, welchen wir nach dem Bahnhofe eingeschlagen hatten, zur Stadt zurück, alle diejenigen Orte berührend, welche wir absichtlich das erste Mal betreten hatten. Pudel war richtig an jedem Orte gewesen, hatte Nachsuchung gehalten, das Vergebliche derselben aber erkennend, sich bald wieder auf die Socken gemacht. So erreichten wir denn die oben erwähnte Weinhandlung, woselbst Pudel mit Freudensätzen, mein Taschentuch zwischen den Zähnen, mir entgegen sprang. Die Frau des Weinhändlers aber erzählte: „Um Ueberzeugung zu gewinnen, wie weit des Hundes Scharfsinn reichen werde, hatte ich, nachdem Sie das Lokal verlassen, das Taschentuch aus seinem Versteck herausgezogen und in den im Gastzimmer befindlichen, mit einer Glasthür versehenen Eckschrank, und zwar hinter eine aufrecht stehende Porzellanschüssel gelegt. Pudel stürzte urplötzlich in’s Zimmer, sofort nach dem Sopha und von dort nach kurzer Absuchung aller Plätze mit einem Satze in den Glasschrank, wie denkbar, die große Glasscheibe und Porzellanschüssel zertrümmernd, aber ersichtlich ob der veranlaßten Zerstörung für seinen Buckel fürchtend, unter das Sopha flüchtend.“

„Zu meinem Gute gehörte ein etwa eine Achtelmeile entferntes Vorwerk. Hatte ich dort eine Anordnung zu treffen, so bedurfte es nur eines Zettels, welchen ich Pudel mit der Weisung übergab, alsbald dahin abzugehen. Pudel unterzog sich stets dem ihm ertheilten Auftrage unverweilt, hierbei den gradesten Weg über Wiesen, Gräben und Felder einschlagend, und es war ganz gleichgültig, ob ich mich in meinem Hause oder auf der entferntesten Feldmark befand. Pudel überbrachte stets die Bestellung dem Vogt, welcher das Vorwerk bewirthschaftete, und nur dieser empfing den Zettel. Es bedurfte dann nur der Weisung: „Du kannst gehen!“ oder: „Du mußt warten“ Im letzteren Falle erwartete Pudel jedesmal eine Schüssel guter Milch. welche er sehr liebte, und wankte und wich nicht von dannen, bevor ihm nicht sein Botenlohn, in Gestalt seiner geliebten Milch, gezahlt war. Daß seine Rückkehr zu mir dann aber in der kürzesten Zeit erfolgte, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Das meinem in Pommern gelegenen Gute anhängende große Dorf enthält zwei Wirthshäuser, deren Inhaber auch Materialwaarenhandel betreiben. Beide Handlungen führten diejenige Tabakssorte, welche ich stets zu rauchen pflegte, und ich entnahm grundsätzlich, gleich den anderen Waaren, meinen Tabak abwechselnd in der einen oder andern Handlung. Der Inhaber des einen Wirthshauses war Israelit und sein Name Abendroth. War ich des Tabaks bedürftig, so hatte ich an Pudel stets einen sichern Boten, und es bedurft nur der Weisung, zu Abendroth oder dessen Concurrenten zu gehen, um den Tabak von dem Händler zu erhalten, welcher diesmal beim Einkauf an der Reihe war, und niemals hat eine Verwechselung stattgefunden.

„Mit diesen Eigenschaften verband Pudel aber auch die eines trefflich geschulten Vorstehhundes, und es erregte häufig Heiterkeit, wenn ich auf Jagden in Gegenwart von Herren, welche Pudels Talent für einen dressirten Jagdhund noch nicht kannten, mit diesem auf dem Rendez-vous erschien. Dieses Talent führte des treuen Hundes klägliches Ende herbei. Eines Tages einen breiten, eben aufgeworfenen Graben besichtigend, entdeckte Pudel einen Hasen im Lager, und da in meine Küche schon mancher Lampe gewandert war, den Pudel gebracht hatte, so war ich weit entfernt, ihn abzurufen. Ich kehrte heim, doch von Pudel keine Spur. Der Tag verging, Pudel blieb aus. Boten wurden in alle Richtungen ausgesandt, sie kehrten ohne meinen geliebten Hund zurück. Erst am dritten Tage erschien Pudel, aber todesmatt und schwer verwundet. Er war von einem Jäger angeschossen, und trotz aller angewandten Heilmittel und Pflege starb das treue und seltene Thier.“

So unser freundlicher Wirth; die Mutter des Hausherrn konnte aber schon während dieser Mittheilungen den Thränen nicht mehr gebieten, und weinend verließ die würdige Matrone die Tafel. Wir aber saßen lange schweigend da. Die Rührung, welche sich unser Aller bemächtigt hatte, unterdrückte jedes Wort.

Gustav von Wallenrodt.