Aus Californien

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Titel: Aus Californien
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 80
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[80] Aus Californien schreibt man der Gartenlaube über die dortselbst fortwährende Zunahme der Chinesen und ihres Einflusses auf Handel und Gewerbe. „Gerade dadurch,“ heißt es in dem Briefe, „daß man die Chinesen früher überall verstieß und von jeder Gelegenheit zum Geldverdienen förmlich wegdrängte, gerade dadurch hat man ein nur festeres Zusammenhalten der Söhne des himmlischen Reichs unter sich hervorgerufen; sie stehen jetzt den Weißen wie eine in sich geschlossene Körperschaft gegenüber, wohnen in ihren eigenen Straßen und suchen den eben erst eingewanderten und der englischen Sprache noch unkundigen Stammesgenossen auf jede Weise zu fördern, während der Deutsche erbärmlich genug seinem Landsmann in der Regel nicht nur nicht hilft, sondern ihn, solange er „grün“ ist, auf jede Weise noch auszubeuten sucht. Die chinesischen Arbeiter leben unter sich im besten Einvernehmen; selten kommt es zu Streitigkeiten, dann aber sind sie gleich mit Schußwaffen bei der Hand. Bei der Arbeit erscheinen sie pünktlich auf die Minute, verlangen aber dann ebenso pünktlich entlassen zu werden. Giebt man ihnen schlechte Worte, so werden sie verdutzt und machen Alles verkehrt; läßt man sie ihren eigenen Weg gehen, so arbeiten sie gleichmäßig von Morgens bis Abends fort und man kann mit ihnen zufrieden sein. Sie sprechen bei der Arbeit sehr viel und sehr schnell, und sind mehrere auf einem Platze beisammen, so mag man wohl glauben, eine Schaar Gänse zu hören. Kommen sie Abends von der Arbeit heim, so beschäftigen sie sich gerne mit Schreiben; denn dies, wie das Lesen, versteht fast jeder Chinese.

Ihre mäßige Lebensart ist bekannt; sie verlangen nicht die kostspielige Verpflegung wie der Weiße, geben sich mit geringerem Lohne zufrieden und werden darum in neuester Zeit mit Vorliebe bei den Eisenbahnbauten verwendet, wie man ihnen denn auch zum größten Theil die längs der östlichen, von Omaha auslaufenden Bahn gebauten und zur Instandehaltung dieser Bahn dienenden Sectionshäuser eingeräumt hat. Ist es zunächst der Irländer, der bisher das Monopol der Eisenbahnbauten in Amerika ausschließlich für sich in Anspruch nehmen zu dürfen glaubte und nun durch die Concurrenz der Chinesen in seinem Erwerb sich ernstlich bedroht sieht, so sind es auch sonst die solideren Gewerbe, in welche die Söhne des Reichs sich „einschleichen“ suchen, wie ihre Feinde sagen. Sie entwickeln in der Erlernung von Handwerken und Geschäften eine fabelhafte Geschicklichkeit und zeigen im Festhalten des gewonnenen Vortheils den Weißen gegenüber alle die Verschmitztheit und die Ausdauer, die ihnen eigen sind. Sie fabriciren sämmtliche Cigarren, die in Californien geraucht werden; sie haben die Wäscherei, durch die sich früher die Frauen so vieler Weißen ernährten, völlig in ihre Hände gebracht und fertigen ganz allein noch die hier gebräuchlichen leichten Schuhe, da sie zu so niedrigen Preisen arbeiten, daß die Weißen auf jede Concurrenz verzichtet haben. Wie rasch die Chinesen auffassen, mag folgendes Geschichtchen beweisen: Ein Photograph hatte einen Chinesen als Ausläufer, und dieser ließ es sich sehr angelegen sein, seinem Herrn bei der Arbeit höchst harmlos zuzusehen; während dieser aber nichts Schlimmes dachte, fing der Chinese nach drei Monaten selbst zu photographiren an, eröffnete ein eigenes Geschäft und schlug seinen frühem Herrn völlig aus dem Felde. Auf dieselbe Weise lernte ein Anderer die Uhrmacherei. In solcher Weise suchen die Chinesen fortwährend nach festerem Halt. Dabei kommen fort und fort aus China ganze Schiffsladungen an, deren Inhalt die Vereinigten Staaten überschwemmt, und so ist gar nicht abzusehen, welchen Einfluß diese kolossale, endlose Einwanderung der mongolischen Race in dem Norden Amerikas noch ausüben wird.“