Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Auf dem Kirchgang in Säterdalen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 284
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[273] 
Die Gartenlaube (1873) b 273.jpg

Auf dem Kirchgang in Säterdalen.
Nach der Natur gezeichnet von Knut Ekwall.

[284] Trachtenbilder Nr. 2. Auf dem Kirchgange in Säterdalen. (Mit Abbildung, S. 273.) Wer das Hirten- und Bauernleben in Norwegen kennen lernen will, der darf nicht versäumen, die bahnlosen Hochgebirge von Telemarken zu besteigen. Wie in den übrigen tiefen, weltabgeschieden Thälern Norwegens, den Spalten des ungeheuern Felsens, aus dem die scandinavische Halbinsel besteht, wohnt zumal in Telemarken ein kerniges Volk von Bauern, derbe, gesunde Naturkinder mit schlichten, uralten Sitten und Gebräuchen, ernst und markig wie das rauhe Land, das sie geboren hat – und welch ein Land ist das! Zerklüftete und zerrissene Felsformationen, himmelan ragende Kuppen, klaffende Abgründe mit brausenden Wasserfällen und weithin gestreckte Hochebenen mit gewaltigen Wäldern – das ist die Naturscenerie dieses Theils von Norwegen. In den Wäldern sprießt unter zerbrochenen, modernden Baumzweigen ein verborgenes Pflanzenleben, und wenn der Schnee des langen Winters endlich schmilzt und die zahllosen Gebirgsbäche mit Wasser speist, dann entfaltet sich in Moosen und Gräsern, in wilden Blumen und saftigen Beeren eine duftige Pracht. Wie herrlich dann vom Hochgebirge der Blick in’s Thal! Unter Dir, vielleicht fünfhundert Fuß tief, rauscht der Gebirgsstrom hervor, und von Riff zu Riff stürzend braust er kräftig dahin, frei und trotzig, ein Held, der jeder Fessel spottet.

Und frei und trotzig sind auch die Menschen, die an solchen Wassern in den tiefen, stillen Thälern wohnen. Langsam aber energisch, rauh aber gastfrei, ist der norwegische Bauer vor Allem selbstbewußt und stolz: vom Heldenzeitalter der Wikinger her hat er die Sitte des Dutzens beibehalten, und selbst für den König scheint ihm das derbe „Du“ gerade gut genug. Einfach wie er selbst ist auch seine Wohnung und das Leben darin. Willst du dem Bauern in’s Herz schauen und die Eigenart seines Wesens kennen lernen, so mußt du ihn an einem der langen Winterabende im Kreise seiner Familie aufsuchen. Im engen Stübchen sitzen sie, oft eine vielköpfige Gruppe, um den brodelnden Kessel, der, das bescheidene Abendmahl in sich bergend, an langen Ketten von dem rauchgeschwärzten First der Decke herabhängt. Durch den Qualm, der, unter dem Kessel hervordringend, die ganze kleine Stube erfüllt, siehst du hier und da ein neugieriges Kindergesicht hervorlugen; denn es sind gar wunderliche, seltsame Geschichten, die der Vater beim Scheine des Feuers erzählt, Märchen, weither ererbte Urvätermärchen. Ihnen allen fehlt Schmelz und Farbe, Klarheit und Schärfe; aber sie sind ernst wie der Himmel des Nordens, tief wie die Gebirgsseen, in denen die finsteren Wolken jenes Himmels sich spiegeln – – – Ernst und Tiefe sind ja die edelsten Züge des Nordländers.

In unserem heutigen Bilde hat der Künstler es verstanden, dem dunklen Norden eine heitere Seite abzugewinnen. Er zeigt uns ein Liebespärchen von Säterdalen, indem er zugleich die höchst originelle und farbenreiche, namentlich an den Mädchen sehr reizende Tracht von Telemarken auf’s Glänzendste zur Geltung bringt. Sonntagmorgen! Auf dem Gange aus der Kirche – wie wenig nachhaltig war die Predigt des salbadernden Herrn Pfarrers! – ist das frische lustige Mädel ihrem Burschen entsprungen. Als sie pfeilgeschwind dem Geliebten voranflog, ei, wie da die hübschbestrümpften kleinen Füße über den Waldweg hinflogen, wie da die grün und roth besetzten, derb wollenen Röcke und das rothe Kopftuch im Winde flatterten! Aber er – ein rechter Tölpel, schlendert er, die nordische Ruhe nicht verleugnend, ihr langsam nach. Fast schaut er so philiströs darein, wie der altfränkische, weiß und grün bebänderte Zylinder, den er steif auf dem Kopfe trägt. Wie steif sitzt ihm auch die enge, grüngestreifte Sonntagshose mit dem die halbe Brust bedeckenden Latz! Aber warte nur, Bursche! Schon steht das Mädel schmunzelnd hinter’m Zaun, das Gebetbuch – „o Entweihung!“ würde der Herr Pfarrer ausrufen – an das schelmische, jetzt heftig klopfende Herzchen gedrückt. Und, Bursche, kommst Du vorüber – husch! springt sie hervor, und wärst du der nüchternste Philister von Säterdalen, lachen mußt du in den Armen deines Prachtmädels!