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Frevel am Reliquienkästlein des deutschen Reiches

Textdaten
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Titel: Frevel am Reliquienkästlein des deutschen Reiches
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 284
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[281] 
Die Gartenlaube (1873) b 281.jpg

Die Bastei und der Stadtgraben am Hallerthor in Nürnberg.
Nach der Natur gezeichnet und auf Holz übertragen von H. Grünewald.

[284] Frevel am Reliquienkästlein des deutschen Reiches. (Mit Abbildung, S. 281.) Bis vor einiger Zeit noch das Reliquienkästchen des deutschen Reiches genannt, verliert Nürnberg zusehends ein Stück nach dem andern von seinem mittelalterlichen Charakter. Nachdem in kurzen Zwischenräumen am südlichen und östlichen Theile die alterthümlichen Ringmauern, Nürnbergs Eigenthümlichkeit, durchbrochen, Bastionen und Thore, sowie Thürme eingelegt wurden, auch mit dem Ausfüllen des Grabens an verschiedenen Stellen begonnen ist, wird nun auch baldigst die malerisch gelegene Partie der westlichen Seite der Stadt am Ausflusse der Pegnitz dem Erdboden gleich gemacht sein, indem nach Beschluß der jetzigen Gemeindevertretung auch hier ein Durchbruch durch den Wall, das Schleifen der Mauern, die Entfernung des Thores mit den Thürmen, der Brücke und die Ausfüllung des Grabens bis aufwärts gegen die alte Reichsveste zu vollzogen werden. Wäre letztere nicht Eigenthum der Krone und zugleich im Mitbesitz des hohenzollern’schen Hauses, so könnte man mit Gewißheit annehmen, daß auch die Burg eines Tages fallen würde.

Die auf unserem Holzschnitte dargestellte Ansicht zeigt im Vordergrunde einen alten halbrunden Vertheidigungsthurm der äußeren und einen höheren Wachtthurm der inneren Umfassungsmauer nebst der Bastei, dem Thurme, der Brücke und dem Hallerthor, nach Art der Kasematten unter der Bastei angelegt. Längs der Brücke sieht man die Baulichkeiten der städtischen Badeanstalt; im Mittelgrunde sind die beiden Gewölbebogen über die Pegnitz sichtbar; auf dem vorderen Bogen ruht der Wehrgang, welcher theilweise noch wohlerhalten um die ganze Stadt mit Ausnahme der Stellen, wo er bereits geschleift ist, sich herumzieht. Der Wehrgang vermittelte in kriegerischer Zeit eine bequeme Verbindung der Streiter mit allen Theilen der Befestigung rings um die Stadt. Auf dem zweiten Gewölbebogen, der bedeutend breiter als der erstere ist, ruht die alte Frohnveste, daneben die neuere. Durch beide Bogenöffnungen ist die Kettenbrücke sichtbar, welche ebenfalls beide Arme des Flusses miteinander verbindet. Dieselbe ist die erste derartige Brücke in Deutschland, und von dem Professor Kuppler im Jahre 1824 ausgeführt. Im Hintergrunde unserer Ansicht ragen die Kuppel des deutschen Hauses, die Jakobskirche und der weiße Thurm hervor.

Der besuchteste aller Spaziergänge um die Stadt führt vom Neuenthor am Hallerthor vorüber nach dem Spittlerthor; die Stadtmauer mit ihren Thürmen, prächtigen, von Epheu oft ganz dicht überwucherten Bastionen, Thoren und Brücken, sowie auch der mit üppig tragenden Obstbäumen und auch sonst fleißig mit Gemüse bebaute Stadtgraben sind gerade auf dieser Seite der Stadt am anziehendsten für die gesammte Bevölkerung und die vielen Fremden, welche Nürnberg gerade wegen seines alterthümlichen Charakters jährlich besuchen.

Die massiven, fast überall zehn bis fünfzehn Schuh starken, ja oft noch viel stärkeren doppelten Ringmauern, welche zwischen dem innern und äußern Theile mit Schutt ausgefüllt sind, entstanden in der Form, wie wir dieselben heutzutage noch sehen, kurz vor dem dreißigjährigen Kriege. Die Stadt wurde in Vertheidigungszustand gesetzt, weil Tilly im Anzuge war; er lagerte vom 10. November bis 22. December 1631 vor der Stadt, ohne jedoch einen Angriff zu unternehmen und wahrscheinlich auch ohne einen solchen auf die damals trefflich bewehrte und wohl verschanzte Stadt zu beabsichtigen. Nach seinem Abzuge kam Wallenstein mit den kaiserlichen und bayerischen Heereshaufen, an sechszigtausend Mann stark, aber die Schweden unter Gustav Adolph hatten Nürnberg wohl verschanzt inne, und Wallenstein legte sich mit seinen Truppen auf die alte Veste bei Fürth, ein und eine halbe Stunde von Nürnberg entfernt. Die vor dem Stadtgraben damals aufgeworfenen Schwedenschanzen sind längst nicht mehr. Demselben Schicksale gehen nach und nach sämmtliche Thürme, Basteien, Thore und Brücken der Stadt entgegen.

Sollte es denn nicht möglich sein, manche von den malerischen Basteien, alten Thürmen oder epheuumrankten Mauern in der Weise an einzelnen besonders hübschen Partien für die Nachwelt zu erhalten, daß solche mit einer Parkanlage, zum Beispiel wie der Zwinger in Dresden, in Verbindung gebracht würden? Gerade die Bastei, welche gegen den Fluß zu gelegen ist, würde nach Schleifung der Mauern, des Thores und Einebnung des Grabens durch theilweise Erhaltung mit einer solchen Anlage recht gut harmoniren, um so mehr als die Hallerwiese, der besuchteste Tummelplatz der Nürnberger Jugendwelt, in unmittelbarer Nähe gewissermaßen dann die Fortsetzung des durch die Schleifung in Anlagen umgewandelten Raumes bilden würde.