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Auch ein Octoberfest zum 50. Geburtstage der Eisenbahnen

Textdaten
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Titel: Auch ein Octoberfest zum 50. Geburtstage der Eisenbahnen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 696
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[696] Auch ein Octoberfest – zum 50. Geburtstage der Eisenbahnen. Schon war im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts die Dampfkraft bezwungen; schon wurde die menschliche Hand durch die Arbeit der Locomobile befreit, und Raddampfer durchkreuzten bereits die unendlichen Fluren der Oceane. Jetzt galt es, auch die Zugkraft des Pferdes durch den Dampf zu ersetzen, und lebhaft beschäftigte dieser Gedanke die Menschen. In der alten und neuen Welt häuften sich Projecte auf Projecte, aber, wie immer, mißlangen auch in diesem Falle die ersten Versuche. Erst George Stephenson, Sohn eines schlichten Kohlenarbeiters, war von der Vorsehung dazu berufen, diese in den Geistern seiner Zeit aufgetauchte Idee zum Segen der Menschheit zu verwirklichen.

Geboren am 9. Juni 1781 in Wylam bei Newcastle, hat er als Kohlenjunge bei einer Locomobile seine Ingenieurcarrière eröffnet. Durch sinnreiche Reparaturen der Maschine legte er die ersten Proben seiner technischen Befähigung ab, und schnell schwang er sich zum Director der großen Kohlenwerke des Lords Ravensworth empor. In der Geschichte der Erfindungen sehen wir hierauf seinen Namen zuerst neben demjenigen Sir Humphrfey Davy’s glänzen, da er gleichzeitig mit diesem eine Sicherheitslampe für Kohlengrubenarbeiter construirte. Tausend Guineen wurden ihm dafür als Ehrenpreis zuerkannt und ein Festmahl zu seiner Ehre abgehalten. Hier erklärte er – welch ein schöner Zug seines Charakters! – das Geld für die Ausbildung seines einzigen Sohnes verwenden zu wollen. Goldene Früchte trug ihm diese Erziehung; denn Robert Stephenson vereinigte mit dem Genie seines Vaters die Vorzüge einer tüchtigen wissenschaftlichen Bildung und wurde zu einem der berühmtesten Ingenieure Englands, zum Erbauer der Britanniabrücke.

Im Jahre 1814 construirte George Stephenson die erste Locomotive für die Kohlengruben in Killingworth, ein unbeholfenes Ding im Vergleiche mit seinen späteren Modellen. Zehn Jahre darauf sehen wir ihn an der Spitze einer von ihm begründeten Maschinenfabrik in Newcastle, und schon im folgenden Jahre wurde unter seiner Leitung die erste kleine Eisenbahn zwischen Stockton und Darlington eröffnet. Zum ersten Male wurden auf dieser Linie Personen durch Dampfkraft befördert. Aber ungläubig sah die Welt den Arbeiten des rastlos vorwärts strebenden Mannes zu. Hat doch selbst vor fünfundvierzig Jahren ein Gelehrter und Staatsmann, Thiers, von der Rednerbühne des Parlaments herab erklärt, die Eisenbahnen wären ein kindliches Spielzeug, das im günstigsten Falle Paris mit der Vorstadt von St. Germain verbinden könnte. Nicht anders urtheilten in jener Zeit die klugen Volksvertreter Englands. Kurz und bündig wiesen sie Stephenson, der die Unterstützung des Parlamentes anrief, als einen Phantasten zurück. Dennoch fanden sich unternehmungslustige Männer, welche zu einer Gesellschaft, der Booth-Compagnie, zusammentraten und einen Versuch in größerem Maßstabe zwischen Liverpool und Manchester auszuführen beschlossen. Diese Gesellschaft schrieb am 25. April 1829 eine Preisbewerbung von fünfhundert Pfund Sterling aus für die Erfindung einer Locomotivmaschine, die nicht über sechs Tonnen (à zwanzig Centner) wiegen, ihr dreifaches Gewicht mit einer Geschwindigkeit von zehn englischen Meilen in der Stunde ziehen und nicht über fünfhundertfünfzig Pfund Sterling kosten würde.

Am 6. October 1829 traten drei Bewerber auf, unter ihnen Stephenson. Der Preis wurde ihm zuerkannt; denn seine Maschine erfüllte nicht nur die gestellten Bedingungen, sondern übertraf sie sogar. Sie zog ihr fünffaches Gewicht und legte in einer Stunde 14 bis 20 englische Meilen zurück. Auf die Eisenbahn Liverpool-Manchester folgten bald andere in Europa und Amerika: die Bahn war gebrochen.

Das war der herrlichste Triumphtag im Leben Stephenson’s, zugleich der Geburtstag der Eisenbahnen.

Hochbejahrt, im Besitze eines reichen Vermögens, stolz auf seine Werke und den treuen Mitarbeiter, seinen Sohn, hinblickend, beschloß der Mann, welcher erst in seinem achtzehnten Lebensjahre lesen und schreiben gelernt und vom Hirten zum Kohlenjungen, Maschinenbauer und Begründer der Eisenbahnen nur aus eigener Kraft emporstieg, sein verdienstvolles Leben. Das dankbare Albion hat ihm bis heute drei Denkmäler errichtet. Aber gewaltigere Ehrenzeugen, als Standbilder aus Marmor, erhalten sein Andenken unter den Menschen: Die zahllosen Schienenstränge in allen Welttheilen, die meilenlangen Viaducte und Tunnels, das rollende Material von Millionen und aber Millionen Eisenbahnwagen, die überall den Handel und Wandel beleben und die Cultur verbreiten – das sind in der That heute, nach fünfzig Jahren, Denkmale, wie sie mächtiger den Ruhm Stephenson’s nicht verkünden können.