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Textdaten
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Autor: Dante Alighieri
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Titel: An die Fürsten und Herren Italiens.
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aus: Die unbekannten Meister – Dantes Werke, S. 213 - 217
Herausgeber: Albert Ritter
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Entstehungsdatum: 1310
Erscheinungsdatum: 1922
Verlag: Gustav Grosser
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer: Albert Ritter (Karl Ludwig Kannegießer)
Originaltitel: An die Fürsten und Herren Italiens.
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: siehe auch

Vorbericht: Brief an die Fürsten und Herren Italiens

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[213]

An die Fürsten und Herren Italiens (1310).


Den sämtlichen und einzelnen Königen[1] und Senatoren der hehren Stadt, sowie den Geschlechtern und Völkern entbietet Frieden der demütige und unverdient verbannte Italer Dante Alighieri aus Florenz.


Siehe da die willkommene Zeit, in welcher die Zeichen des Trostes und des Friedens sich erheben. Denn der neue Tag erglänzt, seinen Schimmer zeigend, der schon die Finsternis des langwierigen Elends zerstreut. Schon verstärken sich die Morgenlüfte, der Himmel rötet sich an seinen Rändern und kräftigt mit milder Klarheit die Wahrzeichen der Völker. Und wir werden die ersehnte Freude erblicken, die wir lange in der Wüste übernachteten. Sintemal der friedfertige Titan wiedererstehen und die Gerechtigkeit, die ohne ihre Sonne gleich Pflanzen um die Zeit der Sonnenwende erstorben war, sobald er seine Locken geschüttelt hat, wieder grünen wird. Sättigen werden sich alle, die da hungern und dürsten, in dem Lichte seiner Strahlen, und verwirrt werden, die da Ungerechtigkeit lieben, durch sein funkelndes Angesicht. Denn es erhob die mitleidigen Ohren der Löwe vom Stamme Juda, und Erbarmen fühlend bei dem Geheul der allgemeinen Gefangenschaft erweckte er einen zweiten Moses, der sein Volk befreien wird von den Plagen der Ägypter, sie in das Land führen, wo Milch und Honig fließt.

Freue dich nun, Italia, du auch den Sarazenen mitleidswürdige, die du sofort neidenswert erscheinen wirst dem Erdkreis; denn dein Bräutigam, der Trost der Welt [214] und der Stolz deines Volkes, der gnadenreiche Heinrich, der Göttliche und Augustus und Cäsar, eilt zur Hochzeit. Trockne die Tränen und tilge die Spuren des Kummers, du Schönste! Denn nahe ist er, welcher dich befreien wird aus dem Kerker der Gottlosen, er, der die Boshaften schlagend, sie mit der Schärfe des Schwerts verderben und seinen Weinberg andern Arbeitern verdingen wird, die die Frucht der Gerechtigkeit darbringen zur Zeit der Ernte.

Aber wird Augustus mit niemand Barmherzigkeit haben? Vielmehr, er wird allen denen verzeihen, welche seine Barmherzigkeit anflehen; ist er doch Cäsar, kommt doch seine Majestät vom Quell der Milde herab. – Sein Gericht ist Feind jeder Grausamkeit und steht stille, immer diesseits der Mitte bleibend, bis jenseits der Mitte vergeltend. Wird er also dem Frevelmut der Nichtswürdigen Beifall geben und den Anstiftungen der Vermessenen den Becher zutrinken? Das sei ferne! Ist er doch Augustus! Und wenn er Augustus ist, wird er nicht rächen die Schandtaten der Wiedergefallenen und sie bis Thessalien verfolgen, bis zum Thessalien,[2] sage ich, der endlichen Vertilgung?

Entledige dich, o Blut der Langobarden, der gehäuften Barbarei, und wenn noch etwas vom Samen der Trojaner und Lateiner übrig ist, so mach’ ihm Platz, damit der hochschwebende Adler, wenn er niederfahrend nach Art des Blitzes erscheinen wird, nicht seine Jungen hinausgeworfen und den Ort seines eigenen Stammes von jungen Raben eingenommen sehe. Wohlauf, eilt, ihr Sprößlinge Skandinaviens,[3] damit ihr euch seiner Gegenwart, soweit sie euch angeht, erfreuet, vor dessen Ankunft ihr mit Recht zittert. Es berücke euch nicht die täuschende Begierde, nach Art der Sirenen ich weiß nicht durch welche Süßigkeit die Wachsamkeit der Vernunft ertötend. Bereitet denn im voraus eure Mienen zum Bekenntnis der Unterwürfigkeit vor ihm und jubelt auf dem Psalter der Reue, erwägend, daß, wer der Obrigkeit widerstrebt und gegen Gottes Ordnung ankämpft, auch gegen den [215] gleichbleibenden Willen der Allmacht löckt, und daß es hart ist, gegen den Stachel zu löcken.

Aber ihr, die ihr als Unterdrückte trauert, erhebt den Geist, denn nahe ist euer Heil. Nehmt den Karst edler Demut, und ebnet, nachdem ihr die Schollen dürrer Feindschaft zerschlagen habt, das kleine Feld eures Geistes, damit der himmlische Regen, eurer Aussaat zuvorkommend, nicht vergeblich von der erhabensten Höhe falle. Daß nicht die Gnade Gottes von euch, wie der tägliche Tau von dem Steine, zurückspringe, sondern nehmt ihn auf wie ein fruchtbares Tal, und grüne Sprossen möget ihr treiben, ich sage grüne, welche des wahren Friedens Früchte bringen; denn, wenn von solchem Grün euer Land lenzet, wird der neue Ackersmann der Römer die Stiere seines Rates mit größerem Verlangen und mit größerem Vertrauen an den Pflug schirren. Verzeihet, verzeihet nunmehr, o Geliebteste, die ihr mit mir Unrecht erduldet habt, damit der hektorische[4] Hirte euch als die Herde seines Schafstalles erkenne, der, wenngleich ihm die zeitliche Züchtigung von oben her vertraut ist, dennoch, damit er die Güte dessen zu schmecken gebe, von welchem wie von einem Punkt die Macht des Petrus und des Cäsar sich zweizackt, der üppigen Genossenschaft sich um so lieber erbarmt.

Wenn also alte Schuld nicht schadet, welche meistens wie eine Schlange kreist und sich von sich selbst zurückwindet, so könnt ihr einem jedem von beiden den allen so erwünschten Frieden zuwenden und schon die Erstlinge der erbetenen Freude kosten. Erwachet denn alle, und erhebet euch eurem Herren entgegen, o Bewohner Italiens, die ihr ihm aufbehalten seid nicht bloß, daß er euch beherrsche, sondern als Kinder regiere.

Und nicht allein, daß ihr aufstehet, ermahne ich euch, sondern auch, daß ihr seinem Anblicke staunt, ihr, die ihr seinen Quellen trinket und seine Meere beschiffet, und den Sand betratet der Inseln, und die Kuppen der Alpen, welche sein sind, und die ihr alles Öffentliche genießt, und das [216] Eigentum nicht anders als durch das Band seines Gesetzes besitzet. Wollet euch nicht selbst gleichwie Unwissende täuschen, als ob träumend im Herzen und sprechend: „Wir haben keinen Herrn.“ Denn sein Garten und See ist, was der Himmel einschließt; denn: „Gottes ist das Meer, und er selbst hat es gemacht, und die Feste gründeten seine Hände.“ Drum, daß Gott den Römer als Fürsten zuvorbestimmt hat, das leuchtet aus seinen wundersamen Wirkungen hervor, und daß er es nochmals durch das Wort des Wortes bestätigt habe, das bezeuget die Kirche.

Traun, wenn von der Kreatur der Welt die unsichtbaren Dinge Gottes durch das, was gemacht ist, mit dem Verstande erblickt werden, und aus den uns bekannteren die unbekannteren, so ist der menschlichen Fassungskraft gleichfalls daran gelegen, durch die Bewegungen des Himmels den Beweger und sein Wollen zu erkennen; leicht wird diese Vorherbestimmung auch den oberflächlichen Betrachtern erhellen. Denn wenn wir von deren erstem Ursprunge an die Vergangenheit wieder aufdecken, seitdem nämlich den Argivern die Gastfreundschaft von den Phrygiern versagt wurde, und bis zum Triumphen Oktavians die Taten der Welt wieder zu schauen uns verlangt, so werden wir sehen, daß einige derselben allerdings die Gipfel der menschlichen Tugend überschritten, und daß Gott durch Menschen, gleichwie durch neue Himmel, manches bewirkt habe. Denn nicht immer ja handeln wir; bisweilen sind wir vielmehr die Werkzeuge Gottes, und die menschlichen Willensäußerungen, denen von Natur die Freiheit innewohnt, werden auch von der niederen Begierde freigelassen, zuzeiten geleitet, und, dem ewigen Willen untertan, sind sie ihm oft dienstbar, ohne es zu wissen.

Und wenn diese Dinge, welche gleichwie Anfänge sind, nicht hinreichen, das zu beweisen, was gesucht wird – wer wird da nicht durch den aufgestellten Schluß, nachdem solches vorausgeschickt ist, gezwungen werden, meiner Meinung [217] zu sein? Das sehen wir an dem zwölfjährigen Frieden, der den Erdkreis umschlungen hat, der das Antlitz seines Beweisführers, den Sohn Gottes, gleichwie nach vollbrachtem Werke, darstellt. Und dieser (als er zur Offenbarung des Geistes, Mensch geworden, auf Erden das Evangelium verkündete) sprach, indem er gleichsam zwei Reiche schied, sich und dem Cäsar das Gesamte zuerteilend: „daß jedem gegeben werde, was sein ist“.

Aber wenn der hartnäckige Geist mehr fordert, der Wahrheit noch nicht beistimmend, so prüfe er die Worte Christi, als er schon gebunden war. Denn als diesem Pilatus seine Macht entgegenstellte, bestätigte unser Licht, daß das Amt von oben komme, dessen sich jener rühmte, der mit stellvertretendem Ansehen des Cäsars waltete. Wandelt also nicht, wie die Heiden wandeln, in der Eitelkeit des durch Finsternis verdunkelten Sinnes, sondern öffnet die Augen eures Geistes und sehet, sintemal der Herr des Himmels und der Erde ihn uns zum Könige bestellt hat. Er ist derjenige, den Petrus, Gottes Statthalter, uns zu ehren ermahnt, den Klemens, der jetzige Nachfolger Petri, duch das Licht apostolischen Segens erleuchtet, damit, wo der geistige Strahl nicht genüget, der Glanz des kleineren Lichtes leuchte.


  1. Robert von Neapel und Friedrich von Sicilien
  2. „Dum Caesar cum exercitu fatalem victoriae anne Thessaliam petiit.“ Paterc. II. 51. Durch Thessalien wird Florenz bezeichnet, nach Torri.
  3. Die Lombarden hielten sich für Abkömmlinge Skandinaviens
  4. Hektorisch, wol für römisch, weil die Römer von den Trojanern abstammten.

Anmerkungen (Wikisource)

Die Anmerkung entstammen aus:

K. L. Kannegießer (Hrsg/Übers.)
Dante Alighieri's prosaische Schriften mit Ausnahme der Vita Nova - Zweiter Theil.
Leipzig; Brockhaus Verlag, 1845;