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Autor: Hans Arnold
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Titel: Amicitia
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 78-80
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Fortsetzungsroman in den Heften 5 bis 7
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[78]
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Amicitia.

Eine Schuljungengeschichte von Hans Arnold.

Die Doktorin Strecker saß mit ihrer erwachsenen Tochter im Wohnzimmer auf dem erhöhten Fensterplatz. Beide Damen waren mit Handarbeit beschäftigt und schwiegen schon eine geraume Zeit, um ihren Gedanken nachzuhängen. Die Söhne des Hauses waren noch in der Schule, was eine nervenberuhigende Stille zur Folge hatte, die im Bewußtsein ihrer kurzen Dauer mit Hochgenuß ausgekostet wurde.

Da klopfte es an die Thür, und Mine, das Dienstmädchen, trat mit einem schönen Blumenstrauß ein. „Eine Empfehlung von Herrn Grauberg an das Fräulein!“ sagte sie mit dem bescheiden schlauen Ausdruck, durch den unsere dienstbaren Geister uns nahe zu legen wünschen, daß sie alles, was bei der Herrschaft vorgeht, mindestens eben so gut wissen wie diese selbst.

Da „das Fräulein“ durchaus keine Miene machte, sich den Strauß anzueignen, vielmehr mit einem etwas schnippischen Gesichtchen noch einmal so schnell stichelte als vorhin, nahm die Mutter das Bouquett entgegen.

„Wir ließen herzlich danken!“ sagte sie sehr nachdrücklich, und Mine verschwand.

„Nun, Käthe – was sagst Du?“ fragte die Mutter nach einer Pause.

Käthe hob ihre feine Nase höher und sagte – nichts.

„Es ist doch sehr liebenswürdig von Herrn Grauberg,“ fuhr die Mutter gereizt fort.

Käthe zuckte die Achseln.

„Wozu hat er sein vieles Geld?“ meinte sie ungerührt.

„Nun, doch wohl nicht, um Dir Blumen zu schenken,“ bemerkte die Doktorin in scharfem Ton.

Käthe lachte: „Er scheint doch anderer Ansicht darüber zu sein!“ meinte sie übermüthig.

Die Mutter schüttelte den Kopf.

„Ich weiß gar nicht, was Du willst,“ sagte sie; „Herr Grauberg ist solch ein geachteter Mann, sage mir bloß, was für Einwände Du gegen ihn haben kannst!“

„Er ist fünfzig Jahr!“ bemerkte Käthe niederschmetternd.

„Fünfundvierzig!“ verbesserte die Mutter unwillig.

„Das kommt auf Eins heraus! – Er ist kleiner wie ich – er ist abscheulich häßlich, trägt buntkarrirte Shlipse – er ist sehr geizig – und er ist in jeder Beziehung ein kleines Gräuel,“ schloß Käthe ihre Verdammungsrede.

Die Mutter zuckte die Achseln. „Wenn Du Dein Urtheil über Menschen danach bestimmst, ob sie lang und groß sind, einen blonden Schnurrbart haben, schlechte Witze machen und Walzer tanzen können, dann bist Du eben noch viel kindischer, als ich gedacht habe,“ sagte sie ärgerlich.

„Bin ich auch,“ erwiederte Käthe kühn, in welcher die entschieden persönlich gefärbte Antwort der Mutter eine neue Erbitterung gegen Herrn Grauberg hervorgerufen hatte.

Herr Grauberg hielt sich einige Monate in der Stadt auf, um die Einrichtung einiger Fabriken zu studiren, die seiner heimischen Anstalt entsprachen. Er hatte Käthe’s Bekanntschaft auf einem Tanzfest gemacht und trotz der entschieden schlechten Behandlung, die ihm das Mädchen zu Theil werden ließ, sein von allen Müttern und einigen Töchtern der Stadt begehrtes Herz blindlings zu den Füßen dieser hochfahrenden jungen Dame niedergelegt.

Vielleicht war es der dem Menschen innewohnende Widerspruchsgeist, der den guten Mann trieb, nun gerade diejenige zu seiner Flamme zu erwählen, die fast als Einzige gegen seine Huldigungen und seinen wohl gefüllten Geldbeutel sich unempfindlich verhielt.

Wie viel zu Käthe’s ablehnendem Gefühl und Betragen die Anwesenheit des Forstreferendars Erloff beitrug, der auf einige Zeit beim Forstamt arbeitete und in der schmucken Uniform und mit seinem hübschen, fröhlichen Gesicht ein überall gern gesehner Gast war – dies zu verrathen, sind wir viel zu diskret!

In neuerer Zeit hatte Herr Grauberg angefangen, die Belagerung in beunruhigender Weise zu verschärfen – seine Shlipse wurden täglich bunter, und die heutige Uebersendung des Bouquetts konnte als officielle Eröffnung der Feindseligkeiten betrachtet werden

Die arme kleine Festung, der dies scharfe Geschütz galt, wurde nun noch dazu von der Mutter gänzlich isolirt – jede Andeutung, daß man es Herrn Erloff „doch schuldig sei“, ihn wieder einmal einzuladen, überhörte die Doktorin geflissentlich – und nur dem Umstand, daß ihre Freier sich beide fast überall einfanden, wo man gesellig zusammenkam, hatte Käthe es zu verdanken, daß sie den jungen Forstmann überhaupt hin und wieder sah.

Derartige gewitterschwüle Zustände in der Familie sind nie behaglich, und so kam es auch heute, daß der Doktor Strecker, als die Tischglocke die Seinigen zusammmenrief, eine merkliche Verstimmung vorfand.

Die beiden Jungen, Karl und Eduard, welche die Tertia und Quinta des Gymnasiums durch ihre Anwesenheit verschönten, merkten von dieser Verdüsterung des Horizonts natürlich nichts. Als Eduard mit besonders glücklicher Wahl des Gesprächsthemas die interessante Mittheilung machte. „Wie ich aus der Schule kam, ging Herr Erloff hier vor dem Hause auf und ab“, da nahm er die kurze Erwiederung der Mutter: „Sei still!“ nur für ein allgemeines Verbot und ahnte nicht, auf was für dünnem Eise er sich befand.

Karl, der schon vorgeschrittener in der Erkenntniß derartiger Verhältnisse war, versetzte ihm einen Puff unter dem Tisch und erhob dann seinerseits die Stimme, um das Gespräch zu beleben: „Vater, wir haben einen Verein gegründet!“

„So?“ erwiederte der Vater mit unheilverkündender Gleichgültigkeit, ohne sich im Zerlegen des Bratens zu unterbrechen.

„Jeder muß fünfzig Pfennig Eintrittsgeld zahlen,“ fuhr Karl fort.

Der Vater schien diesen zarten Wink nicht zu verstehen.

„Ich auch!“ bemerkte Karl mit erhobener Stimme.

„Bitte!“ erwiederte der Doktor kühl, „thue Deinen Gefühlen keinen Zwang an!“

Karl, der zu den glücklichen Naturen gehörte, denen der Besitz von Geld ein körperliches Unbehagen verursacht, und die nicht eher ruhen, als bis sie es für etwas absolut Ueberflüssiges wieder ausgegeben haben, wand sich in Qualen. Er sollte heut Nachmittag die geforderte Summe in die Schule mitbringen oder vom „Verein“ ausgeschlossen und somit zur social unmöglichen Persönlichkeit werden. Schielende Flehblicke nach der Mutter thaten heut auch keine Wirkung; sie war übler Laune wegen Herrn Grauberg und sah und hörte nichts.

„Was ist denn das für ein Verein?“ fragte der Doktor nach einer Pause.

„Er heißt Amicitia,“ bemerkte Karl ausweichend.

„Und was kann er außerdem?“ examinirte der Vater.

Karl war etwas verlegen, da die höheren Zwecke der Verbindung den Mitgliedern selbst erst zum geringsten Theil klar waren.

„Das wird alles erst,“ sagte er; „wir haben es uns heut Morgen ausgedacht! German, Roth und ich sind Vorsitzende – das heißt, wenn ich fünfzig Pfennig mitbringe!“

„Wer ist denn noch dabei?“ fragte die Mutter.

Karl lächelte schuldbewußt.

„Niemand!“ sagte er mit einigem Erröthen, welches sich bei der allgemeinen Heiterkeit, die dieser Verein von lauter Vorsitzenden erregte, fast bis zu Thränen steigerte.

„Na, da will ich heut noch einmal Gnade für Recht ergehn lassen und Dir das Eintrittsgeld schenken,“ sagte der Doktor, „obwohl es mir unfaßlich ist, wo Dein Taschengeld geblieben sein kann – wir haben ja erst den Zwölften.“

Karl enthielt sich wohlweislich jeder Entgegnung und bat unmittelbar nach Empfang des Geldes um Erlaubnis, sich den Freuden der Tafel heut zeitiger entziehen zu dürfen. „Der Verein trifft sich schon um dreiviertel vor der Schule – die Statuten sollen festgestellt werden,“ meinte er.

Von diesem Tage an nahm der Verein Amicitia Karl’s Seele ganz in Besitz, und die Familie wurde mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen. Die Verbindung schien zunächst nach dem Princip der Bettelorden begründet und erforderte beständige Zwangsanleihen zu geheimnisvollen Anschaffungen, die in Gestalt [79] von Nickel- und Silbermünzen den Eltern erpreßt, aber einem dunkeln Gerücht zufolge auch in Eßwaaren entgegen genommen wurden. Ja, man sagt sogar, daß die Amicitia sich einmal gegen eine Düte Pfeffernüsse nicht ganz ablehnend verhalten habe – aber es wird so viel geredet – man muß auch nicht alles glauben!

Käthe galt von der ersten Stunde an als Schutzpatronin und Huldin des Vereins, der meistens in Karl’s Stube tagte. Sie hatte den Mitgliedern Ordensabzeichen gestickt, die quer über die Weste getragen wurden und Uhrketten heuchelten – sie hatte zur Einweihungsfeier fünf Pfannkuchen geschenkt, an denen sogar Eduard participirte, der sonst seines zarten Alters wegen von den Freuden und Ehren des Bundes ausgeschlossen war, und sie nannte die Mitglieder ausnahmslos „Sie“, was für dieselben noch den Reiz der Neuheit hatte.

Was Wunder, wenn sämmtliche Genossen der Amicitia ein mehr oder weniger still glimmendes Flämmchen für das reizende Mädchen in ihren Herzen entzündeten und Karl als glücklicher Besitzer dieser Schwester noch eine weit angesehnere Lebensstellung im Verein einnahm, als ihm ohnedies zu Theil geworden wäre.

Als er nun vollends durch einige geheimnißvolle Andeutungen Käthe als von den Werbungen Herrn Grauberg’s bedroht dargestellt hatte, flammte die Begeisterung der Jungen hell auf, und es wurde eine Extrasitzung anberaumt, in der man gegen „das Scheusal“, wie der beklagenswerthe Freier officiell in der Bundessprache genannt wurde, Maßregeln zu ergreifen beschloß, die vorläufig in sehr unklaren, aber fürchterlichen Racheschwüren gipfelten.

Wissenschaftliche Bestrebungen blieben übrigens auch durchaus nicht ausgeschlossen in der Verbidung. Nachdem die Freuden einer Elektrisirmaschine ausgekostet und sämmtliche Mitglieder des Haushaltes bis zur Köchin herab sich als willige und unwillige Opfer den damit angestellten Experimenten hatten unterwerfen müssen, begann man der Chemie seine Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Furchtbare Elixire wurden gebraut, die dem Erfinder Unsterblichkeit verhießen, wenn er je einen leidenden Nächsten dazu bewegen konnte, sie einzunehmen, was zum Wohl der Menschheit nie gelang. Eine selbst fabricirte Salonrakete, von der Karl die feierliche Versicherung abgab, daß sie gänzlich ungefährlich sei, wurde dann im Wohnzimmer zur Probe losgelassen, wo sie leider so unfreundlich war, doch zu platzen und sich noch dazu als höchst ungeeignete Lokalität dafür den netten Sommermantel der Mutter ersah, in dem sie ein faustgroßes Loch hinterließ. Die schwer gereizte Besitzerin vergaß angesichts dieses Unfalls jede Achtung vor dem heranwachsenden Geschlecht und verhieß sämmtlichen Angehörigen des Vereins ein paar Ohrfeigen, wenn sie je wieder eine Rakete ins Haus brächten.

Einen Zündstoff anderer Art aus der Nähe zu entfernen, hatte die vorsorgliche Mutter aber leider verabsäumt, und so konnte es geschehen, daß Eduard als kindlicher postillon d’amour mit einem unsäglich mühsam zusammengequälten Akrostichon auf Käthe betraut wurde und dasselbe auch richtig an seine Adresse brachte. Von dem Verfasser, dessen Namen wir aus Zartgefühl verschweigen wollen, auf wörtliche Wiedergabe des Urtheils der Angesungenen vereidet, mußte der Kleine die etwas rauhen Worte wählen: „Sie hat gesagt, ‚er ist wohl verrückt?‘“ was aber den anspruchslosen Dichter immer noch zu der gewiß bescheidenen Aeußerung veranlaßte: „Es ist doch etwas!

Käthe hielt sich übrigens von da an eine Zeit lang fern von der Amicitia, bis der dichtende Sünder ihr feierlich gelobt, so etwas nie wieder zu thun, worauf sie ihm „noch einmal“ verzieh und sogar beim Lesen mit vertheilten Rollen diejenige der Thekla im „Wallenstein“ übernahm, zu deren Darstellung ihre Mitwirkung als unerläßlich gefordert wurde. Daß der zu ihr gehörende Max gerade in dem mehr für niedere Komik geeigneten Stadium sich befand, wo die Stimme zwischen piepsender Kindlichkeit und brummendem Baß ohne mildernden Uebergang hin und her schwankt, nahm den Liebesscenen viel von ihrem gefährlichen Zauber, da die allgemeine Heiterkeit immer wieder die Oberhand gewann, was den armen Max recht kränkte.

Daß die Poesie überhaupt in einem so absolut jugendlichen Kreise ihr Recht forderte, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Der Verein bestand denn auch noch nicht acht Tage, als sich das unabweisbare Bedürfniß geltend machte, ein litterarisches Organ für die Amicitia zu gründen.

Roth galt in der Klasse für riesig „genial“ und hatte sogar einmal eine Ballade verfaßt, welche die ergreifenden Worte enthielt:

„Und als die rothe Sonne sah
Wohl durch der Wolken Herzen,
Da lag der Ritter Bodo da
Und fühlte keine Schmerzen.“

In dieser fraglos beneidenswerthen Situation war der Ritter Bodo denn bis heute verblieben, ohne daß die Ballade einen Schluß bekommen hätte. Eben so bruchstückweise endete ein kritisirender Aufsatz über „Faust“. Derselbe enthielt in einem ungeheuer dicken, eigens zu dem Zwecke angefertigten Heft nur die bedeutungsschweren Worte: „Faust ist eine Tragödie in – Akten.“ Weiter ging es nicht, da Roth in der seligen Trägheit der großen Ferien es zu mühsam gefunden hatte, sich von der Aktzahl des zu besprechenden Dramas zu überzeugen, worauf denn das große Unternehmen an diesem kleinen Uebelstande Schiffbruch litt.

Aber der Verein Amicitia sollte dem Dichterberuf Roth’s zur Blüthe verhelfen, und die jungen Herren gründeten ein Blatt „Das Epheukränzchen“, welches unsere schwächlich gewordene Gegenwartslitteratur auf die Füße zu stellen bestimmt war. Die erste Nummer des „Epheukränzchens“ war bereits im Manuskript fertig gestellt und enthielt außer einem Aufsatz über die wunderbare geistige Befähigung eines Karl gehörigen Dompfaffen, der „klüger als ein Mensch“ war, ein Gedicht an das „Scheusal“ mit dem reizvollen Anfang: „Weh Dir, weh Dir, dreimal wehe!“ – Karl begab sich mit dieser Nummer zum Vater, um diesen als ersten und, wie zu hoffen stand, folgenschweren Abonnenten zu gewinnen, legte ihm das Probeheft vor und bat um seine freundliche Kundschaft.

Der Vater las prüfend und sagte dann etwas absprechend: „Das scheint mir allerdings der größte Blödsinn zu sein!“ fragte aber dann doch nach dem Preise der Vierteljahrsschrift.

„Monatlich zehn Pfennig,“ erwiederte Karl hoffnungsvoll glühend und streckte die Hand aus.

„Monatlich?“ wiederholte der Vater gedehnt, „nein, lieber Junge, das ist mir zu theuer!“

Und als Karl noch in seines Nichts durchbohrendem Gefühle stehen blieb, fügte der Doktor mit nicht mißzuverstehender Geradheit hinzu:

„Mir scheint überhaupt, als wenn Euer Verein in erster Linie dazu verpflichtete, daß die Schularbeiten niemals zu rechter Zeit fertig werden; ich will auf das ‚Epheukränzchen‘ abonniren, wenn Du Primus bist“ – ein Ausspruch, der den Eintritt des Vaters in den Leserkreis allerdings ungefähr in das Bereich des Fabelhaften verwies.

Ich muß es leider gestehen, daß Karl durch die Weigerung seines ersten Abonnenten derartig gekränkt wurde, daß er in Thränen ausbrach, was ihm, wie er der tröstenden Mutter zuschwor, seit Quinta nicht mehr passirt wäre.

Die Mutter und Käthe abonnirten – Käthe sogar auf zwei Exemplare, da sie von dem Haß der Amicitia gegen Herrn Grauberg gehört und sich ihr dadurch moralisch verpflichtet fühlte.

Herr Grauberg handelte allerdings sehr unklug – er hätte den Verein längst auf seine Seite bringen oder doch wenigstens zu passivem Verhalten veranlassen können! Aber er reizte die Tertianer durch eine Geringachtung, welche schlimme Folgen haben mußte. Erstens erwiederte er den Gruß der Mitglieder nur durch einen nachlässigen Griff an den Hut, ohne ihn vom Kopf zu ziehen – eine „Pöbelhaftigkeit“, die man ihm nicht durchgehen lassen konnte.

„Dem Kerl muß eben einfach Auffassung beigebracht werden,“ bemerkte German, der in der Verbindung die Rolle des Weltmannes vertrat und Karl mit einer Disciplinarstrafe hatte belegen wollen, weil dieser auf mütterlichen Wunsch neulich ein Brot hatte holen und höchst eigenhändig nach Hause tragen müssen, was German zu dem bedauerlichen Vorgehen des „Schneidens“ gegen ihn, ein sonst hochgeachtetes Vereinsmitglied, gezwungen hatte. –

Auf ausgegebene Parole wurde also Herr Grauberg von der Amicitia nicht gegrüßt, was er mit bewundernswürdiger [80] Seelenstärke – von den jungen Herren „Dickfelligkeit“ genannt – trug und nur in so fern überhaupt seiner Beachtung würdigte, als er bei einer Begegnung en masse sich bei Karl erkundigte, ob er etwa Sperlinge unter der Mütze habe. Das überlegene Lächeln, mit dem German das „Scheusal“ bei diesen Worten ansah, erweckte ihm die höchste Werthschätzung seiner Genossen, indem es Herrn Grauberg entschieden zum „Hereingefallenen“ stempelte. Aber diese „Frechheit“ gab das Zeichen zum Angriff, und von nun an wurde der arme Grauberg der Zielpunkt einer wahren Unzahl von Schuljungenstreichen, die mit solcher Schlauheit und Gewandtheit ausgeführt wurden, daß die wahren Urheber stets unentdeckt, ja selbst unbeargwöhnt blieben.

Es sollte in der nächsten Woche zur Gedächtnißfeier des Sedantages eine Festlichkeit im Ressourcengarten stattfinden, an der sich, des patriotischen Gedankens wegen, auch die Schulknaben betheiligen durften.

Ein Koncert am Nachmittag mit sich daran schließendem Tanz stand auf dem Vergnügungsprogramm, und Herr Grauberg hatte Käthe bereits um den ersten Tanz ersucht, den sie so gern – ach so gern! anderweitig vergeben hätte.

Da aber die herzlose Mutter ihre ausweichende Erwiederung auf Herrn Grauberg’s Frage, ob sie noch unversagt sei, durch ein „ich wüßte doch wirklich nicht, an wen Du Dich solltest versagt haben!“ vernichtete, so mußte Käthe darauf gefaßt sein, an der Hand des unbeliebten Freiers die Polonaise durch die vielfach verschlungenen Gänge des Gartens zu machen, und konnte es gewärtigen, daß Herr Grauberg diese Zeit des Alleinseins zu dem unangenehmen Anerbieten benützte, seine Schicksale zu theilen.

Die Sache wurde noch verwickelter dadurch, daß Erloff sie heute, am Tage vor dem Feste, getroffen und um den ersten Tanz ersucht, was sie mit Hinweis aus Herrn Grauberg hatte ablehnten müssen.

Erloff warf hierauf ein paar düstere Bemerkungen über „die Macht des Geldes“ hin, und Käthe fühlte sich dadurch zu der unvorsichtigen Aeußerung bewogen: „Sie wissen eben gar nicht, wie mir zu Muthe ist,“ was die Sachlage einen bedenklich großen Schritt näher an die unvermeidliche Explosion der Liebeserklärung brachte.

Käthe vertraute sich in ihrer Herzensnoth dem Bruder an: „Ich möchte so sehr ungern mit Herrn Grauberg Polonaise tanzen, Karl,“ sagte sie, mit Thränen in den Augen.

Karl lächelte.

„Laß das nur sein – wir werden schon dafür sorgen, daß der schofele Patron abblitzt!“ sagte er mit überlegener Siegesgewißheit.

Die Amicitia wurde noch früh vor der Schule in fliegender Eile zusammenberufen und eine Besprechung verabredet, die bereits im Voraus eine betrübende Zerstreutheit beim Extemporale zur Folge hatte und den Lehrer zu Bezeichnungen seiner Untergebenen hinriß, die man sich „eigentlich“ in Tertia nicht mehr braucht gefallen zu lassen, obwohl ein Esel an und für sich ein ganz nützliches Thier ist. Mehr will ich nicht sagen.

Da das Sedanfest die zarte Rücksicht nahm, an einem Mittwoch stattzufinden, so war der Nachmittag frei, und die Amicitia konnte vor dem Beginn der Feier tagen. Diesmal wurde sogar Eduard zugezogen, der neulich unter täuschendem „Wau wau“ Herrn Grauberg im dunklen Flur ins Bein gezwickt und sich dadurch zum Freiwilligen in diesem Feldzuge beurkundet hatte.

Im Gegensatz zu den kleinen Plänkeleien, durch die man bisher seine Gesinnungen an den Tag gelegt hatte, galt es heute, einen größeren Schlag zu führen; Herr Grauberg mußte auf irgend eine Weise schwer geschädigt und an der Ausführung der Polonaise gehindert werden.

Nach einigen flüchtigen Vorschlägen von Fuchseisen und Selbstschüssen – von Bestreichen der Treppe mit Oel, wurde zuerst der eben so erheiternde wie anmuthige Gedanke, dem „Scheusal“ mittelst Brennglases ein Loch auf den Rücken seines Festgewandes zu brennen, mit Akklamation aufgenommen, dann aber von German als „kindisch“ verworfen.

German hegte eine gerechtfertigte Abneigung gegen diese Form des geselligen Scherzes, da er vor mehreren Jahren einmal seinen kleinen Bruder in Gemeinschaft mit mehreren Freunden per Brennglas verwundet und dann durch die Gabe eines Pfennigs beschwichtigt hatte. Der Kleine machte aber dessen ungeachtet die schluchzende Meldung: „Sie haben mir angebrannt und haben mir diesen Thaler geschenkt!“ ein Verfahren, das nicht nur die Klage der Körperverletzung, sondern auch der Uebervortheilung durch Vorspiegelung falscher Thatsachen hervorrief und eine düstere Episode in German’s Leben bezeichnete, bei der, späteren Berichten nach, ein „armsdicker“ Stock thätig mitgewirkt hatte.

Darum konnte es ihm Niemand verdenken, wenn er sich zu einem Vorschlage ablehnend verhielt, der ihm so unangenehme Erinnerungen erweckte.

Nach einer langen und erregten Debatte, die bei besonders scharf ausgeprägten Meinungsverschiedenheiten sogar hin und wieder in Tätlichkeiten auszuarten drohte, wurde ein Entschluß gefaßt, mit lebhaftem Beifall begrüßt und unverzüglich ins Werk gesetzt.

Roth wohnte in unmittelbarster Nachbarschaft des bedrohten Herrn Grauberg und war somit in der Lage, die werthvollsten Nachrichten über das Feld der Thätigkeit zu geben.

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aus: Die Gartenlaube 1888, Heft 6, S. 94–98

[94] Herr Grauberg hatte den ersten Stock einer im Garten gelegenen, sehr hübschen Villa inne, deren Erdgeschoß von der Familie seines Hauswirths bewohnt wurde. Die Fenster der Grauberg’schen Wohnung gingen sämmtlich nach dem Garten hinaus. Da nun die Hausbewohner ohne Frage das Fest mit ihrer Gegenwart beehren und nur einen alten, stocktauben Portier zum Hüter desselben zurücklassen würden, so war die ruchlose Absicht des Vereins, der nicht mehr und nicht minder erdacht [95] hatte, als Herrn Grauberg einzusperren, mit Leichtigkeit durchzuführen.

Zur ungestörten Ausführung dieses Planes bedurfte es zunächst der elterlichen Erlaubniß für die Jungen, allein zum Fest zu gehen. Die Bitte darum konnte nicht weiter auffallen, da man bereits wußte und weiß, daß eine Zeit im Leben der Schulknaben eintritt, in welcher der Besitz naher – besonders weiblicher Angehöriger im öffentlichen Leben als eine Art Blamage aufgefaßt wird: ein Gefühl, das sich schon in Quarta durch den flehentlichen Wunsch an die Mutter äußert: „Hol’ mich nicht aus der Schule!“

Die Mittheilung, daß die Amicitia sich „für sich“ auf den Schauplatz des Festes zu begeben wünsche, wurde daher ohne weitere Bemerkung, als: „Da geht nur ab!“ aufgenommen und Eduard’s Begleitung, die man zu seiner sprachlosen Freude „brauchte“, gestattet. Daß die Jungen sofort nach dem Essen aufbrachen, um die Andern abzuholen, forderte auch keine Beachtung heraus; man war sogar recht froh, sie nicht beständig im Wege zu haben.

Bei Roth, dem nach der Straße zu gelegenen Ausgang der Grauberg’schen Villa gegenüber, faßte nun die ganze Gesellschaft Posto. Eduard kroch, mit genauester Instruktion versehen, ins Haus, um in dem Augenblick, wo ein verabredetes Signal ihm vom Fenster aus anzeigen würde, daß die Bewohner des Erdgeschosses sicher um die Ecke seien, sich in Eile und Stille an Herrn Grauberg’s Thür zu schleichen, dem Schlüssel leise umzudrehen und abzuziehen und dann zu der anderen Verbrecherschar zurückzukehren, wo ihn der Lohn seiner Thaten – je nach geschickter oder ungeschickter Ausführung in Gestalt einer Tracht Prügel oder einer Düte „Abfall“ vom Zuckerbäcker – erwartete. Alles stimmte aufs Haar. Herr Grauberg, der sich als eine der ersten Persönlichkeiten der Gesellschaft, der Berechnung der Jungen gemäß, viel später zum Aufbruch entschließen würde als seine Wirthe, wurde eingeschlossen. Eduard kehrte triumphirend wieder und der Verein begab sich in dem schönen Bewußtsein einer guten That seelenvergnügt nach dem Ressourcengarten, wo er dem Unbefangenen als eine Gesellschaft wohlgesitteter, artiger Knaben ohne irgend ein Brandmal des eben begangenen Verbrechens erscheinen mußte.

Während das Alles vor sich ging, schickten sich die Erwachsenen an, sich zum Feste zu verfügen. Käthe einigermaßen als Iphigenie zum Opfergang geschmückt – Gefühle, die sie sich hätte sparen können, wenn sie das nöthige Vertrauen in die Amicitia gesetzt hätte!

Rechtzeitig fand sich die Doktorsfamilie im Ressourcengarten ein. Die Mutter, sichtlich gehoben von der frohen Erwartung, vielleicht als Schwiegermutter der „besten Partie“ von dem Feste heimzukehren, der Vater mit der aus unterdrückter Wuth und Duldung zusammengesetzten Miene, welche Familienhäupter als eine Art von „besonderem Kennzeichen“ zu Tanzgelegenheiten mitzubringen pflegen – und Käthe sehr hübsch im hellen Strohhut und weißen Kleide.

Die Gesellschaft war im Großen und Ganzen pünktlich erschienen, und zur mäßigen Freude der Mutter war Erloff einer der Ersten, der sie im Ressourcengarten begrüßte. Er sah aber so strahlend vergnügt aus, daß es selbst für die Doktorin schwer war, ihre ablehnende Miene beizubehalten; sie lächelte denn auch ein wenig süßsauer, während ihre Augen den Garten durchflogen, um Herrn Grauberg zu suchen – aber allerdings nicht zu finden!

Der Doktor war sofort beim Eintreten von der Frau Kreisgerichtsdirektorin festgehalten worden, die, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, an diesem höchst geeigneten Orte eine Konsultation in freundschaftlicher Form herauszuschlagen beschloß und den empörten Arzt mit einer ausführlichen und farbenprächtigen Beschreibung von ihres Mannes Magenkatarrh ergötzte.

Erloff trat zu Käthe.

„Wo haben Sie denn Ihr getreues Grauthierchen?“ frug er mit vor Muthwillen glänzenden Augen.

„Sehnen Sie sich etwa nach ihm?“ gab Käthe sehr ernsthaft zurück.

„Freilich!“ erwiederte Erloff lachend, „ich und viele Andere mit mir! Welchen Tanz geben Sie mir denn nun, da Herr Grauberg den ersten für sich hat?“

Während das Paar sich über Käthe’s Tanzkarte in eifrige Berathungen vertiefte, die, wie wir fürchten, nicht immer ganz streng bei der Sache blieben, wurde die Mutter immer unruhiger. Die einleitenden Töne der Musik ließen sich hören – hier und da verbeugte sich ein oder der andere Herr bereits vor seiner Polonaisendame – und Herr Grauberg war noch nicht da!

Käthe faßte die Sache sorglos und herzlos auf – sie freute sich des Augenblicks! Da setzte der Tanz ein und Erloff erbat sich mit der ehrbarsten Miene von der Welt Angesichts der Mutter die Erlaubniß, des ausgebliebenen Grauberg’s Stelle vertreten zu dürfen: eine bedeutungsvolle Bitte, der sich, wie die Dinge einmal lagen, nicht wohl etwas entgegenstellen ließ.

Die Mutter schoß Dolchblicke auf das Töchterlein; dieses aber wandelte höchst vergnügt und unbefangen mit seinem Kavalier ab und schien durchaus dem Grundsatz zu huldigen, daß die Abwesenden immer Unrecht haben! Noch glaubte Käthe an eine einfache, zufällige Verspätung des lästigen Verehrers, als ihr bei der ersten Wegbiegung die Amicitia in geschlossener Schlachtreihe begegnete und sie nebst ihrem Begleiter mit so entschiedenen Gaunergesichtern begrüßte, daß ihr sofort klar wurde, hier sei etwas vorgegangen!

Die Amicitia hatte keine Dame erwählt – mit „Kindern“ tanzte sie nicht! Und Große, die sie ja hätte in Fülle als Partnerinnen haben können, sagten ihr nicht zu, da die Eine nicht zu haben war!

Das erhebende Bewußtsein, der Einen zu dem Gegenstande ihrer Wünsche für diese Polonaise verholfen zu haben – was Karl durch die unzarte Bemerkung: „Den mag sie!“ veröffentlicht hatte, half über den Schmerz der Entsagung fort – ganz abgesehen von dem glückseligen Gefühl, einen Streich erfolgreich ausgeführt zu haben!

Wenn wir sagten, daß Erloff seinen langen, ungestörten Spaziergang mit Käthe nicht zu einem entscheidenden Worte benutzt hätte, so würden wir ihn in das ungünstige Licht eines schlechten Waidmanns stellen, der den richtigen Moment zur Erjagung eines edlen Wildes vorbei gehen läßt! Und da hoffentlich den Lesern eben so wohl wie Käthe’s Eltern daran gelegen ist, daß sie einen Mann bekommt, der sein Handwerk versteht, so wird Niemand daran zweifeln, daß die Beiden ziemlich einig waren, als der Tanz sich seinem Ende zuneigte.

Käthe legte aber dem jungen Mann die dringende Bitte ans Herz, noch zu schweigen, da sie zunächst Herrn Grauberg bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit die Aussichtslosigkeit seiner Wünsche klar machen wollte – „eher beruhigt sich die Mutter nicht,“ sagte sie seufzeud.

„Vielleicht hat er schon selbst gemerkt, woher der Wind weht, und ist deshalb fortgeblieben“ meinte Erloff, aber das Mädchen schüttelte den Kopf.

„Bewahre, er ist ja heute Morgen noch bei uns gewesen!“

Das Fest nahm seinen ungestörten Verlauf. Käthe war in Folge ihrer wichtigen Erlebnisse sehr still und gedankenvoll, was die Mutter zu der frohlockenden Aeußerung gegen ihren Mann veranlaßte:

„Siehst Du, Arthur, sie ärgert sich, daß Grauberg nicht gekommen ist – am Ende war das ein ganz kluger Schachzug von ihm!“

„Liebes Kind,“ erwiederte der Vater ärgerlich, „laß doch das Mädchen mit dem kleinen Geldsack zufrieden – ein Wunder ist es doch nicht, wenn ihr der nette Erloff besser gefällt!“

Die Mutter sah pikirt aus – Männer sind doch zu unpraktisch!

Das Fest gipfelte in einem Kotillon, den die Jungen auf ihr stürmisches Flehen mit erleben durften, wenn auch Eduard seine mangelhafte gesellschaftliche Befähigung dadurch zeigte, daß er einschlief und mitten in einer effektvollen Tour dumpf polternd vom Stuhl fiel.

Die Amicitia aber feierte einen hohen Triumph, indem Käthe, die wohl ahnte, was sie ihnen verdanke, wenn auch nicht durch welche Mittel, alle Vereinsmitglieder mit Orden bedachte, was dieselben in wahre Ekstase versetzte! Der nächste Morgen brachte die vielbesprochene und gesuchte Aufklärung in Herrn Grauberg’s eigener, zorngeschwollener Person, die in so wörtlichem Sinne von den Freuden des gestrigen Festes „ausgeschlossen“ worden war.

[96] Eduard schlich sich beim Erblicken des Gefürchteten zum Hause hinaus, aber Karl hielt männlich Stand – allerdings hinter der Thür! – mit dem Bewußtsein, daß er den Schlüssel zu dem Geheimniß in der Tasche trage.

Ein unbehagliches Gefühl war es allerdings, als Herr Grauberg sich hoch und theuer vermaß, die Urheber des „Bubenstückes“ – eine Bezeichnung, die besser zutraf, als er zu ahnen schien – finden zu wollen und wenn sie sich im Schoße der Erde verborgen hielten.

Die etwas gedrückte Stimmung, die in Folge dieser Drohung sich Karl’s und Eduard’s bemächtigte, hatte eine so ungewöhnliche Artigkeit und Liebenswürdigkeit des Brüderpaares zur Folge, daß die Mutter sich besorgt erkundigte, ob sie etwa krank seien. Auch hielt die Amicitia ein paar Tage keine Sitzung ab, bis man doch endlich für nöthig fand, über die ferneren Schicksale des Schlüssels zu berathen, den Karl noch immer zagend auf dem Herzen trug.

Die erste Idee, das Corpus delicti durch die Post anonym an den Besitzer gelangen zu lassen, wurde bei näherer Ueberlegung als zu gefährlich verworfen und eine nächtliche Expedition nach einer nahen Brücke ins Werk gesetzt, wo unter angstvollen Seitenblicken, ob etwa ein Wächter des Gesetzes sich zeige, der Schlüssel in den Fluß und gleichzeitig ins Meer der Vergessenheit geworfen wurde.

So wirkungsvoll die That der Amicitia in Bezug auf Käthe’s und Erloff’s innerliche Herzensgeschichte gewesen war, so hatte sie dieselbe doch äußerlich wenig gefördert; die Mutter hielt so entschieden wie immer an ihren Plänen fest und war so eisig kalt gegen Erloff, wenn er sich zeigte, daß seine Absicht, sich auszusprechen, und Käthe’s Wunsch, ihm die Erlaubniß hierzu zu geben, jedesmal in der Blüthe erfroren. Das junge Paar sah sich bald nur auf zufällige Begegnungen angewiesen und auch diese wurden immer schwieriger ins Werk zu setzen, wenngleich der Weg von und nach der Singstunde immer ein nicht zu verachtendes Hilfsmittel blieb.

„Ehe Grauberg nicht fort ist, können wir nichts mit der Mutter machen,“ klagte Käthe bei einer solchen Gelegenheit.

„Wann reist er denn?“ fragte Erloff ungeduldig.

„In vier Wochen, wie ich gestern hörte,“ sagte das junge Mädchen niedergeschlagen.

„Und in fünf Wochen ist meine Zeit hier abgelaufen,“ rief Erloff, „es ist doch zum Verzweifeln! Ich warte jetzt noch acht Tage, und hat er dann nicht gemerkt, daß hier nichts für ihn zu hoffen ist, so trete ich ruhig vor Ihre Eltern hin und lasse ihnen die Wahl zwischen ihm und mir!“

Das gewissenhafte Brautpaar nannte sich nämlich noch selbstverständlich „Sie“, bis es die obrigkeitliche Einwilligung erlangt haben würde, an welcher Käthe, was die Mutter betraf, stark zweifelte.

„Nun muß ich aber gehen!“ sagte Käthe endlich, „ich sollte schon seit einer Viertelstunde zu Hause sein!“

„Wann sehen wir uns?“ frug Erloff.

„Wir sind heute Nachmittag alle draußen in der großen Menagerie,“ sagte Käthe, „die Jungen gehen auch mit – und natürlich Herr Grauberg; wenn Sie können, kommen Sie doch hin!“

„Ich habe Dienst,“ meinte Erloff; „wenn es irgend möglich ist, werde ich aber sehen, mich nachher noch auf einen Augenblick loszumachen.“

Die Menagerie, die nur auf der Durchreise sich hier producirte, hatte bereits seit Tagen die glühendsten Wünsche in Karl’s und Eduard’s Brust erregt. Der Verein war schon auf den Gedanken gekommen, die Kasse zu sprengen, in der sich allerdings zur Zeit nur sechsundfünfzig Pfennig befanden, um sich die Möglichkeit der persönlichen Bekanntschaft mit mehreren wilden Bestien zu verschaffen. Im letzten Augenblick hatten aber die verschiedenen Väter und Mütter ein menschliches Rühren gefühlt und das Eintrittsgeld gespendet.

Es zog also nebst Andern auch die Familie Strecker mit Ausnahme des Vaters vollzählig nach der Thierbude.

Die Mutter ging mit Käthe und Herrn Grauberg voran, die Amicitia folgte, Grimassen schneidend und dem ahnungslosen Freier ihre Mißbilligung durch Fäusteballen und Nachahmen seines Ganges kundgebend.

Die Schaustellung gewährte den erwarteten Genuß wenigstens den Erwachsenen nicht, da der wutschäumende, zähnefletschende Löwe, der grimme Tiger und die beiden bewachenden Mohren auf den Eingangsplakaten sich beim Eintreten in die geweihte Halle als zwei bekümmerte Affen, einen Waschbär und einen weißen, schlecht genährten Bedienten erwiesen. Das einzige Prachtstück dieser trügerischen Bude war ein großer, schöner Elefant, der durch Klugheit und Anmuth die Herzen gewann und von den Jungen mit wahrem Hochgenuß gefüttert wurde. Der Besitzer der Thiere hielt zu diesem Zweck Semmel und Obst feil, und unsere Familie erstand denn auch die verschiedensten Leckerbissen, um den Elefanten damit zu erfreuen.

Nur Herr Grauberg beteiligte sich nicht an diesem allgemeinen Sport.

„Sieh doch,“ murmelte Roth und stieß Karl an, „ob der gemeine Geizkragen wohl eine Semmel kauft! Fällt ihm gar nicht ein!“

„Er sieht nur zu, wie wir unser ‚mühsam erworbenes‘ Geld ausgeben,“ meinte German verächtlich; „wenn man’s ihm nur einmal tüchtig eintränken könnte!“

Karl zuckte die Achseln.

„Statt daß er uns was zu Futter für den Elefanten anböte – wir würden’s ja nicht annehmen, aber es schickte sich doch!“

Der Verein knirschte über diesen neuen Beweis von der Niederträchtigkeit des Scheusals, welches nebenbei Käthe auf das Unverhohlenste anhimmelte. Diese wurde endlich durch Eduard, der als Abgesandter diente, von dem häßlichen Charakterzug ihres Verehrers unterrichtet und wandte sich jetzt etwas boshaft an ihn: „Herr Grauberg, wollen Sie dem netten Elefanten nicht auch etwas geben?“

Der kleine Herr, solchergestalt vor einen Entschluß gestellt, griff in die Tasche – eine Bewegung, die von sämmtlichen Jungen mit gespanntester Neugier beobachtet wurde – holte aber statt des erwarteten Geldbeutels eine Flasche mit kölnischem Wasser heraus.

„Wir wollen doch einmal sehen, ob der Monsieur auch für den Luxus des Lebens Sinn hat,“ meinte er mit seinem gekniffenen Lächeln und hielt dem Elefanten die entkorkte Flasche zum Riechen hin.

Der aber verstand die Sache falsch, ergriff die Flasche und schluckte sie sammt ihrem duftigen Inhalt hinunter, ohne durch eine Miene seines riesigen Antlitzes zu verrathen, ob ihm dieser neue Leckerbissen gut oder schlecht geschmeckt habe.

Herr Grauberg faßte im ersten Schreck so hastig nach seinem Eigenthum, daß ihn der Elefant beinah als zweites Mißverständnis gepackt und verschluckt hätte – dann wandte er sich mit einem vor Besorgniß etwas künstlich zur Heiterkeit verzogenen Gesicht an Käthe.

„So hatte ich’s allerdings nicht gemeint.“

Weiter kam er nicht, denn der Eigentümer der Bude erhob ein gewaltiges Zetergeschrei über die Sache, und man wird sich die beglückten Gefühle der Amicitia vorstellen können, als der Thierbändiger Herrn Grauberg mit den Worten ehrte: „Wenn der ausgewachsene Mensch keine Vernunft nicht hat, was soll man da von den Kindern verlangen!“

Inzwischen hatte Käthe sich sacht in den Hintergrund begeben, die allgemeine Unruhe benützend, an der auch die Mutter, ihren Günstling mit der bekannten Magenstärke der Dickhäuter tröstend, sich beteiligte.

Ziemlich gleichzeitig war Erloff durch den Vorhang, der die Thür der Menagerie verdeckte, eingetreten, und das Brautpaar fand sich vor dem Affenkäfig – freilich ein etwas prosaischer Ort für ein Stelldichein – wieder, wo Käthe mit halb unterdrücktem Lachen das eben stattgehabte Abenteuer erzählte.

Der junge Mann horchte gespannt auf – es flog eine plötzliche Heiterkeit über sein Gesicht:

„Käthe, damit ärgern wir ihn weg! Auf dem Haupte dieses Elefanten wird uns neue Freiheit grünen!“

„Wie meinen Sie das?“ frug Käthe beklommen.

„Lassen Sie mich nur machen! Ein paar Helfershelfer brauche ich freilich, denn ich kann ihn nicht necken, ohne daß ich Ihre Mama mit ins Herz treffe!“ [98] „Der Verein!“ rief Käthe lebhaft, „zu so etwas ist die Amicitia da! Die Jungen gehen alle für mich durchs Feuer!“

„Bravo!“ sagte Erloff, „jetzt heißt es also, sich lieb Kind beim Verein machen – das werde ich schon fertig kriegen – ich bin auch einmal in Tertia gewesen!“

Inzwischen hatte sich die Gruppe am Elefantenkäfig aufgelöst; der Menageriebesitzer war durch ein reichliches Trinkgeld beschwichtigt worden, in dessen sicherer Voraussicht er seine Besorgnisse über die schlimmen Folgen der ungewohnten Mahlzeit für seinen Elefanten bedeutend schwärzer gemalt hatte, als sie in der That waren, und die Doktorin sah mit Entsetzen, daß, während sie mit dem erwünschten Schwiegersohn beschäftigt gewesen, der unerwünschte sich im Zwiegespräch mit ihrer Tochter befand. Die beiden Herren grüßten sich mit ziemlich schlecht verhehltem gegenseitigen Abscheu, und die Gesellschaft verließ die Bude.

Erloff ließ es sich, zur frohen Ueberraschung der Mutter, heut gar nicht angelegen sein, Herrn Grauberg den Platz an Käthe’s Seite streitig zu machen. Er gesellte sich vielmehr dem jugendlichsten Theil der Gesellschaft zu und gewann durch diplomatisches Betragen und eine wahrhaft tiefe Hochachtung, die er vor dem Verein und jedem seiner Mitglieder an den Tag legte, im Sturm die Herzen derselben, so daß German ihm später das ehrende Prädikat „ein höchst anständiger Kerl“ beilegte und sich mit Käthe’s Geschmacksrichtung einverstanden erklärte, was ja jedes weitere Wort zu Erloff’s Lobe überflüssig mache!

Von diesem Standpunkt aus kann es nicht überraschen, daß die jungen Herren sich schnell und widerstandslos zu eifrigsten Bundesgenossen Erloff’s anwerben ließen und sich zu jeder Schandthat fähig und willig erklärten.

Um die Ausführung des sich in unserer wahren Geschichte entwickelnden Planes zu erleichtern, stellte Erloff vor allen Dingen jedem Vereinsmitglied, und auch sogar Eduard, einen unbeschränkten Kredit zu Besuchen der Menagerie in Aussicht, wo täglich mindestens Einer sich erkundigen sollte und mußte, wie dem Elefanten die Eau de Cologne-Flasche bekommen sei!

Alles Weitere wurde bis ins Detail verabredet, und vor der Hausthür des Doktors verabschiedete sich Erloff, nachdem er vergeblich von der Mutter eine Aufforderung zum Nähertreten erwartet hatte. Die Doktorin war sehr erfreut über diese Wendung der Sache, und Käthe, der Karl zuzuflüstern Zeit gewann: „Erloff hat einen Bund mit uns gemacht“, tröstete sich mit der Zuversicht, die aus dem vergnügten Abschiedsgruß des Bräutigams geleuchtet hatte.

Die auswärtigen Mitglieder der Amicitia gingen mit Erloff davon, während Karl und Eduard ins Haus beordert wurden. „Die Thierbude war Plaisir genug für einen Tag“, entschied die Mutter.

Herr Grauberg behauptete also für diesen Abend siegreich das Feld. Der Vater schüttelte im Stillen verwundert den Kopf über Käthe’s Heiterkeit und dachte bei sich. „Am Ende nimmt sie ihn doch noch!“ und die Mutter triumphirte.

Von dem Elefanten war nicht die Rede; nur als Karl und Eduard zu Bette gingen und dem Gast gute Nacht wünschten, sagten Beide mit sehr artigen Verbeugungen: „Recht gute Besserung für den Elefanten!“ – eine Mahnung an das ungewohnte Erlebniß des Nachmittags, welche Herrn Grauberg für einen Moment die Stimmung verdüsterte.

Von diesem Abend an verfolgte der Elefant in geistigem Sinne Herrn Grauberg auf Schritt und Tritt.

Ging er auf der Straße, so kam ihm sicher ein Mitglied des Vereins entgegen, um mit abgezogener Mütze im bescheidensten Ton zu fragen, ob er schon gehört habe, wie es dem Elefanten gehe?

Am Nachmittag desselben Tages, als er seinen Besuch bei Doktors abstattete, trat Karl, anscheinend von der Straße kommend, ein, begrüßte Herrn Grauberg und sagte: „Ich war eben in der Menagerie – der Elefant soll seit gestern nicht ordentlich fressen!“

Bei einem Spaziergang der Familie zeigte Eduard auf einen Mann, der auf der andern Seite der Straße ging: „Sehen Sie den Mann, der so traurig aussieht, Herr Grauberg? Das ist der Wärter von Ihrem Elefanten!“

„Ach was – mein Elefant!“ knurrte Herr Grauberg zornig; „ich habe keinen Elefanten – laß mich in Frieden!“

Am schlimmsten wurde es, seitdem Käthe dem Vater zum Verbündeten gewonnen hatte. Der Doktor gab im ärztlichen Ton seine Ansicht dahin ab, „daß der Elefant allerdings nicht unerheblich an seiner Gesundheit durch das Verschlucken der Flasche geschädigt werden – ja wohl gar daran zu Grunde gehen könne!“

Herr Grauberg fuhr sich mit dem Tuch über die Stirn. „Das wäre ja eine theure Eau de Cologne-Flasche!“ sagte er mit etwas erzwungener Unbefangenheit.

„Ja!“ krähte Eduard, der seine Rolle sehr gut einstudirt hatte, „und wenn Ihr Elefant stirbt, müssen Sie ihn bezahlen, Herr Grauberg – der Mann hat’s gesagt!“

„Hast Du gesehen, wie sich sein Gesicht verzerrte?“ frug Roth, der gerade anwesend war, als er nachher mit Karl nach der Menagerie ging; „er wurde ganz grün vor Angst!“

„Da kommt er!“ sagte Karl, „thun wir, als wenn wir ihn nicht sähen, bis er dicht hinter uns ist. Jetzt!“ und mit erhobener Stimme fuhr Karl fort: „Und dieser Elefant ist ein ganz besonders kostbares Thier, hat der Mann gesagt!“

„Ja, das hat er zu mir auch gesagt!“ stimmte Roth ein; „die Zähne allein sind gewiß vierzig Thaler werth!“

„Mindestens!“ versicherte Karl, und Beide erschraken auf das Natürlichste, als in diesem Augenblick Herr Grauberg hinter ihnen vorkam.

„Sage einmal,“ begann Karl wieder, „was mag wohl so ein Elefant kosten?“

„Das weiß ich nicht,“ sagte Roth mit wahrer Taubenunschuld in seinen pfiffigen Schuljungenaugen, „ich glaube fünfhundert Thaler!“

Karl lachte verächtlich.

„Dafür kriegst Du ihn vielleicht ausgestopft, Roth – wenigstens fünftausend – das hat uns der Lehrer gesagt!“

„Ei, ei,“ stammelte Roth, „das kann ich mir gar nicht denken!“

„Natürlich,“ erwiederte Karl eifrig, „und da ist noch kein Porto dabei!“

Herr Grauberg trat in schweren Gedanken seinen Heimweg an; die Jungen hatten am Ende nicht so ganz Unrecht. Lagen die Dinge aber so, dann that er am besten, sich bei einem Sachverständigen zu erkundigen. Er setzte sich sofort hin, um eine Karte an die Thierhandlung von Hagenbeck in Hamburg zu expediren und sich über seine möglichen Ausgaben zu unterrichten. In die Nähe der Thierbude wagte er sich gar nicht mehr, da er immer fürchtete, gerade zu gefährlichen Krankheitserscheinungen „seines“ Elefanten zurecht zu kommen.

Sogar die Freierei wurde dem armen Mann durch diese fatale Geschichte verdüstert; er beschloß, das entscheidende Wort eher zu sprechen, als er eigentlich beabsichtigt hatte, da er ja doch noch immer unsichern Grund unter den Füßen fühlte – sich Gewißheit zu verschaffen und dann, das Jawort in der Tasche, den Ort zu verlassen, der ihm durch die beständige Sorge um das Befinden des Elefanten so verleidet ward.

Erloff, der durch die Jungen immer auf dem Laufenden erhalten wurde, war entzückt, wie sicher sein Mittelchen anschlug. Er trieb die jungen Bösewichter zu eifrigster Durchführung ihrer Rolle an, indem er ein geheimnisvolles Geschenk an den Verein in Aussicht stellte, das die kühnsten Erwartungen desselben überflügeln sollte.

Herr Grauberg selbst drängte zur Katastrophe. Er erhielt nämlich auf seine Anfrage einen Katalog von Hagenbeck, in dem der Preis eines ausgewachsenen Elefanten auf zehntausend Mark angeschlagen war, und diese Mittheilung fuhr ihm dergestalt in die Glieder, daß er beschloß, die ihn Tag und Nacht quälenden Sorgen wenigstens nach einer Seite hin zu einem Abschluß zu bringen, und wenn er noch nicht erfahren konnte, ob er einen Elefanten kaufen müßte, so wollte er wenigstens wissen, wie seine Aussichten auf eine Braut ständen. Er schrieb daher ein paar Zeilen an den Doktor, in welchen er bat, sich am nächsten Morgen zu einer Unterredung bei ihm einfinden zu dürfen.

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aus: Die Gartenlaube 1888, Heft 7, S. 112–114

[112] Der Zweck des von Herrn Grauberg feierlich angekündigten Besuches war den Eltern natürlich sogleich klar. Die Mutter hatte allerdings geglaubt, es verhindern zu können, daß das bevorstehende Ereigniß Käthe bekannt wurde, da sie immer noch hoffte, die Einwilligung der Tochter vielleicht durch Ueberrumpelung zu gewinnen – aber sie hatte ohne das laute Organ ihres Mannes und ohne Schlüssellöcher gerechnet.

Wer es zuerst gehört, das weiß heut noch Niemand; gewiß ist aber, daß noch am selben Vormittag das ganze Haus von Käthe abwärts bis zum Stubenmädchen genau darüber im Klaren war, daß Herr Grauberg morgen um die Hand Käthe’s anhalten wolle.

Hätte es noch an einer Bestätigung der Nachricht gefehlt, so wäre die Haltung der Mutter entscheidend gewesen, die seit dem Eintreffen von Herrn Grauberg’s Zuschrift in Feierlichkeit, Rührung und zugleich einer gewissen Strenge drapirt umherging und sich mit Ostentation nach den Tagespreisen von Rehrücken und Fisch erkundigen ließ.

Der Vater sah verstimmt aus und warf von Zeit zu Zeit sorgenvolle Blicke auf Käthe – das Haus gewährte einen beunruhigenden Anblick.

Als die Amicitia auch an diesem Sonnabend sich, wie gewöhnlich an diesem Wochentage, bei Karl versammeln wollte, wurde ihr von Amtswegen bedeutet „es paßt heut nicht“, und der Verein zog mit ziemlich hängenden Ohren ab, von Karl auf die Straße geleitet, der im Flüsterton und mit unendlicher Wichtigkeit die Eröffnung machte, „das Scheusal“ habe auf morgen seinen Hauptstreich vor. Nach einer kurzen, aber leidenschaftlichen Berathung faßte man den Entschluß, Erloff von der drohenden Gefahr in Kenntniß zu setzen; denn Karl’s Mittheilung „Käthe weint“ entflammte die ritterlichsten Gefühle der Tertia für die bedrängte Schöne.

Vollzählig begab sich die Amicitia zu Erloff, der ahnungslos auf dem Sofa lag und las.

Die Aufnahme, die er dem Verein angedeihen ließ, war glänzend! Erloff blieb sich wirklich immer gleich!

Er ließ Wein und Apfelkuchen bringen und bot den jungen Herren sogar den mehr ehrenvollen als zuträglichen Genuß einer Cigarre an, den sie, trotz einer inneren, dringend abmahnenden Stimme, doch sämmtlich annahmen; hierauf saßen sie mit unsäglich gehobenen Gefühlen, wenn auch etwas ungewandt, rauchend und beratend um den Tisch.

„Das Eine steht fest,“ sagte Erloff, als seine Gäste sich nach einer halben Stunde erhoben, um fortzugehen, „Sie dürfen ihn nicht zum Reden kommen lassen, am liebsten gar nicht ins Haus – wie Sie es machen, überlasse ich Ihnen, ich setze vollstes Vertrauen in Ihre Besonnenheit und Ihren Scharfsinn!“

Die namenlos geschmeichelten Jünglinge zogen, von den kühnsten Plänen und Vorsätzen geschwellt, ab, die wenigstens den einen unleugbar guten Erfolg hatten, daß alle Arbeiten zum nächsten Montag schon heute gefertigt wurden, um am morgenden Sonntag „die Hände frei zu haben“.

Für Karl hatte der Nachmittagsbesuch bei seinem künftigen Schwager allerdings die traurige Folge, daß er durch kreidebleiches und jammervolles Aussehen die Cigarre büßen mußte und von der Mutter beleidigend auf zu viel Pflaumenkuchen angeredet wurde – eine Beschuldigung, die er vorerst schweigend auf sich sitzen lassen mußte.

Der gefürchtete und ersehnte Tag, der die Entscheidung von Herrn Grauberg’s Lebensglück bringen sollte, brach mit hellstem Sonnenlichte herein: ein Wetter, wohl geeignet, Löwenmuth in allen Herzen zu erwecken.

Die Amicitia, im glücklichen Vorgefühl zu verübender Schandthaten, erhob sich allerseits früh von ihren Lagerstätten – ein auffälliges Verfahren, da sonst der Sonntag durch endloses „Ausschlafen“ begonnen zu werden pflegte. Aber Herr Grauberg wollte um halb Elf bei Doktors erscheinen, und somit mußten die Streitkräfte frühzeitig vertheilt werden.

Dem Kinde Eduard war die ehrenvolle Aufgabe geworden, aufzupassen, bis der Freier kam. Sein großmüthiger Vorschlag, den Klingelgriff mit feinem Frühstückshonig einzuschmieren war abgelehnt; dagegen Eduard für später eine Glanzrolle zuertheilt worden. Ein Detachement, aus German und Roth bestehend, lauerte um Herrn Grauberg’s Haus herum, bis er den sauern Weg antreten würde.

In dem Augenblick, wo man ihn aus der Thür kommen sah, trennte sich das Paar, um an zwei verschiedenen Straßenecken sein Opfer zu belauern.

Karl war in der Küche beschäftigt, die im Seitenflügel des Hauses lag und deren Fenster mit denen des väterlichen Studirzimmers korrespondirten, daher man von dort aus jeden Vorgang in des Doktors Heiligthum beobachten konnte, was für Karl, wie wir später sehen werden, unumgänglich nöthig war.

Erloff hatte inzwischen insoweit eine Initiative ergriffen, als er dem Doktor ebenfalls schrieb, seine Werbung um Käthe’s Hand, deren Neigung er sicher zu sein glaube, aussprach und um die Erlaubniß bat, heut im Laufe des Tages sich selbst Bescheid zu holen. Der Doktor kratzte sich ärgerlich am Kopf, als ihm solchergestalt zwei hoffnungsvolle Schwiegersöhne in den seltenen Ruhetag zu kommen drohten, raisonnirte auf erwachsene Töchter und alles, was damit zusammenhing, und freute sich im Stillen über seine vielbegehrte Käthe, die ihm nun einmal ganz besonders ans Herz gewachsen war.

Der ahnungslose Herr Grauberg warf sich inzwischen in schönsten Staat, parfümirte sich, als wenn er Reklame für ein Seifengeschäft machen sollte, legte hellrote Handschuhe an, die eine taktvolle Mitte zwischen Gesellschafts- und Visitenfarbe hielten, und zog sich den neuesten aller neuen dunkelblauen Gehröcke an. Wenn Herr Grauberg nicht bezaubernd aussah, so konnte wenigstens kein Mensch sagen, daß er sich nicht genug Mühe gegeben hätte, um diesen Zweck zu erreichen!

An der ersten Ecke, um die ihn sein Weg führte, zeigte sich Roth.

Roth ging langsam vor dem Freier her, in derselben Richtung, und Herr Grauberg, der, wie wir begreifen werden, Eile hatte, überholte den Jungen rasch und nahm sich kaum Zeit, seinen Gruß zu erwiedern.

Als er ein paar Schritte weiter war, betrachtete Roth mit prüfendem Blick das Innere seiner Handfläche, welches reichlich mit Kreide eingerieben war, und nachdem er sich von dieser Thatsache überzeugt hatte, rief er in diskretester Weise Herrn Grauberg an.

„Sie haben sich den Rock weiß gemacht, Herr Grauberg!“

Eine unliebsame Störung – aber immerhin mußte der eilige Freiersmann stehen bleiben.

„Willst Du mich vielleicht abklopfen?“ fragte er.

Jeder Rest von Reue oder Gewissenszweifeln wurde in Roth durch dieses „Du“ erstickt. Hätte Grauberg „Sie“ gesagt, wer weiß, was er gethan hätte – aber so – der Mensch verdiente nicht, daß man ihn schonte!

„Sehr gern!“ erwiederte also der Verschwörer mit verbindlicher Miene und klopfte mit seiner bekreideten Rechten den blauen Gehrock recht gründlich – hier und da zur Verstärkung der Farbenmischung noch ein wenig reibend.

Als er so den ganzen Rücken des bedauernswerthen Mannes eingeweißt hatte, sagte er: „Ganz ist es noch nicht fort, aber beinahe – das Uebrige werden Sie sich wohl zu Hause abbürsten lassen müssen!“

Herr Grauberg nickte und vergaß in seiner Eile sogar den Dank für die erwiesene Wohltat. Roth verließ ihn, drehte um, stürzte durch einen nur der Amicitia bekannten Hof und Schleichweg voran, bis zu German, der an der letzten Ecke von Doktors wartete, und berichtete athemlos den Erfolg seiner Sendung: „ Er bedankte sich nicht einmal,“ fügte er hinzu, „gieb’s ihm tüchtig, German!“

„Spare jedes Wort!“ erwiederte dieser verächtlich, „Du kennst mich!“

German, mit einem blauen Shlips und einem Stöckchen in der Hand, war das Bild des eleganten Flaneurs und sich dessen voll bewußt. Der ihm zugefallene Theil der heutigen Mission würde ihn in Folge seiner Feinheit etwas genirt haben, aber zum Glück war die Straße, dem Sonntagvormittag entsprechend, menschenleer und German zu allem entschlossen. [114] Er richtete es demgemäß so ein, daß er mit Herrn Grauberg an der scharfen Biegung, welche die Straße macht, so plötzlich zusammentraf, daß sie an einander stießen – lief an ihm vorbei – erkannte ihn anscheinend zu spät und drehte um: „Pardon, Herr Grauberg, Sie haben sich den Rock weiß gemacht!“

„Sieht man es noch?“ fragte Herr Grauberg ärgerlich und machte ungefähr die Pantomime des Mannes, der sich so darüber ärgerte, daß ihm der Zopf stets hinten hing.

„Beträchtlich!“ erwiederte German, „darf ich vielleicht behilflich sein?“

Herr Grauberg stellte sich mit einem diesmal ganz höflichen „Bitte!“ in Positur, und German begann mit seinem Stöckchen den Rock mit solcher Pflichttreue auszuklopfen, daß er ganz zu vergessen schien, wie der Gegenstand seines Fleißes nicht leer, sondern von einer Persönlichkeit ausgefüllt sei.

Herr Grauberg rief in Folge dessen ein paarmal schmerzvoll „au!“ – Sphärenmusik, nicht nur für German, sondern auch für Roth, der natürlich nahe genug versteckt war, um alles mit zu erleben.

„Tausend noch einmal,“ rief endlich der arme Dulder, „Du schlägst aber zu toll, mein junger Freund!“

Auch ihm – auch German dies Du – diese familiäre Anrede, das mußte gerächt werden!

„Ja, sonst geht es nicht ab, Herr Grauberg!“ sagte German und schlug nun erst recht gewaltig, „Pardon, aber Sie sehen zu skandalös aus, wahrhaftig! So – nun ist es ziemlich gut!“

Und sich mit noch ein paar extra kräftigen Jagdhieben erlabend, die, wie der Kunstausdruck sagt, „saßen“, ließ German sein Stöckchen sinken, nahm mit tadelloser Manier den Hut ab und erwiederte Herrn Grauberg’s „danke“ mit einem ganz aufrichtigen „o bitte – es hat mir großes Vergnügen gemacht!“ Der bearbeitete Herr Grauberg schritt nun seines Weges weiter, während die Bundesbrüder sich selig in die Arme fielen und vor Freude schrieen: „Der hat’s gekriegt!“

Inzwischen war Grauberg im Hause des Doktors angelangt. Eduard, der ihn kommen gesehen, gab das verabredete Zeichen nach der Küche und stürzte dann auf die Straße, um German und Roth zu holen, die sich durch die Hofthür schlichen und die Hintertreppe hinauf zu Karl in die Küche kamen.

Der Freiersmann war nun auch bis in des Vaters Stube vorgedrungen und die Jungen konnten von ihrem Beobachtungsposten aus sehen, wie er, vom Doktor zum Sitzen aufgefordert, dies mit einer Handbewegung ablehnte und in stehender Positur, die bekanntlich sowohl für Denkmäler, als auch für „anhaltende“ Bewerber die vortheilhafteste ist, seine Rede zu beginnen schien.

Diesen Moment benutzten die heillosen Jungen zur Ausführung ihres dritten Planes. Ein kleiner Spiegel, den Eduard aus Käthe’s Ankleidezimmer hatte holen müssen, wurde sinnreich so gehalten, daß die scharfe Sonne sich darin fing und wie ein blendender, flatternder Vogel im Wiederschein durch das gegenüberliegende Fenster auf das Gesicht des Freiers fiel.

Herr Grauberg stockte – fuhr mit der Hand über die Augen und fing noch einmal an. Der Doktor, der vor sich niedergesehen und mit dem Papiermesser gespielt hatte, um sich und seinem Gaste die Verlegenheit des gegenseitigen Anstarrens zu ersparen, blickte überrascht auf. Sofort duckten die Jungen in der Küche unter und waren sammt dem Spiegel verschwunden.

Herr Grauberg begann zum zweiten Male, aber als er eben wieder bis zur Hochachtung vor der Familie und der Neigung seines Herzens gelangt war, fuhr der tückische Blitz wieder über sein Antlitz, und ein nicht ganz zur Stunde und Sachlage passendes „Donnerwetter“ entschlüpfte den Lippen des in so ungewöhnlicher Weise Unterbrochenen. Die Jungen, welche aus den Bewegungen und Mienen der beiden Herren schlossen, daß man im Begriff stand, der Sache nachzuforschen, flohen eiligst aus der Küche. Die jauchzende Mine, die mangelhafter Trinkgelder halber Herrn Grauberg abhold war, wurde zum tiefsten Stillschweigen verpflichtet, und nun begann der letzte, entscheidende Akt, der, durch Eduard ausgeführt, dieser Freierei mit Hindernissen den größten Stein in den Weg werfen sollte.

Eduard wurde mit Mütze und Paletot versehen und vor die Flurthür geschickt.

Eben hatte Grauberg zum dritten und, wie er hoffte, unwiderruflich letzten Male seine wohlgesetzte Rede begonnen, als ein scharfer Klingelton durchs Haus gellte und Eduard, jede Furcht und Rücksicht bei Seite setzend, in des Vaters Zimmer stürzte.

„Herr Grauberg – der Mann aus der Menagerie sucht Sie überall – der Elefant liegt im Sterben!“ schrie er mit angstvoller Miene.

Herr Grauberg starrte den Jungen entsetzt an.

„Wo ist er denn?“ frug er mit bebender Samme.

„In seinem Käfig,“ erwiederte Eduard, „er macht so!“ und der Junge ahmte die leidende Stellung des Vierfüßlers in so lächerlicher Weise nach, daß dem Vater beinahe der Ernst abhanden kam.

„Ach, Dummheiten!“ rief Herr Grauberg, der ganz blaß geworden war, „wo ist der Menageriebesitzer?“

„Er kommt gleich her!“ sagte Eduard und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken, „wenn der Elefant stirbt, müssen Sie ihn kaufen und einen neuen dazu! – Schenken Sie mir die Zähne?“

Aber diese Frage blieb unbeantwortet. Herr Grauberg, dessen Nerven heute begreiflicherweise ohnehin überreizt waren, wurde durch die Vorstellung von einem todten und einem lebenden Elefanten, die er beide kaufen sollte, derartig verwirrt, daß er mit einem hastigen. „Sie verzeihen!“ seinen Hut ergriff und hinaus stürzte: ein Beispiel, dem Eduard eiligst folgte, da er näheren Nachfragen über die Sache auszuweichen wünschte.

Kaum war der arme Elefantenmörder mitsammt seinem verunglückten Heirathsantrag um die Ecke, so rannte ein Bote aus der Amicitia zu Erloff, um diesem zu verkünden: „Er ist fort!“ Erloff hielt den Moment für den geeignetsten, um in die leer gewordene Stelle einzurücken, und stand eine Viertelstunde später in derselben Stube, in derselben Situation vor demselben Vater, wie vorhin sein unglücklicher Nebenbuhler – nur mit dem Unterschied, daß ihn keine feindlichen Mächte an der Ausführung seines Vorhabens hinderten.

Wie viel der Umstand, daß die Doktorin ihren fünf intimsten Freundinnen unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit anvertraut hatte, Käthe werde sich diesen Sonntag verloben, zu ihrer Einwilligung beitrug, wollen wir dahingestellt sein lassen! Sie erfuhr durch ihren Mann nur, Herr Grauberg habe nicht angehalten, und wollte sich doch nicht der leeren Ruhmredigkeit beschuldigen lassen, um so mehr, da sie sich überzeugen mußte, daß Käthe sowohl wie der Vater doch nun einmal gegen Grauberg und für Erloff so entschieden seien, daß ihr Widerstand nicht viel nützen würde.

Wie eine Verlobung schließlich zu Stande kommt, das ist ja im Grunde auch gleichgültig – die Hauptsache ist doch, daß sie zu Stande kommt! Und als das hübsche, fröhliche, junge Brautpaar am Tische der Eltern saß, schmolz das Herz der Doktorin denn auch bald, und sie tröstete sich schneller über den abgewiesenen reichen Freier, als sie selbst es für möglich gehalten hätte.

Auf Erkundigungen ergab sich übrigens, Herr Grauberg sei aus Angst vor den Folgen seines Elefantenscherzes sofort in seine Heimath gereist, und Erloff ließ sich das kleine, boshafte Vergnügen nicht nehmen, den Rivalen noch am selben Tage durch die telegraphisch übermittelten Worte: „Der Elefant ist wieder wohl!“ zu trösten und sowohl seinen als Käthe’s Namen mit dem Zusatze „Verlobte“ darunter zu setzen.

Der Verein Amicitia hatte übrigens von seiner thätigen Mitwirkung, die er aus sehr triftigen Gründen zu verschweigen für angezeigt fand, die greifbarsten Vortheile. Erloff schenkte nämlich nicht nur einen Thaler in die Vereinskasse, die unter diesem noch nie dagewesenen Reichthum sich bog, sondern verehrte der Amicitia überdies eine Anzahl alter Hieber aus seiner Studentenzeit, die zu den lebensgefährlichsten und entzückendsten Unternehmungen Anlaß boten und als neues Bollwerk gegen die Wissenschaften von den Eltern in allen Tonarten verwünscht wurden.

Uebrigens bleibt der Verein noch heute dabei, daß ohne ihn die ganze Verlobung nicht zu Stande gekommen wäre! Als daher bei Käthe’s und Erloff’s Hochzeit, wo sämmtliche Mitglieder anwesend waren, ein Hoch auf die Amicitia ausgebracht wurde, schrie Niemand lauter mit, als diese selbst, die an einem Tische für sich thronte und so viel Champagner bekam, als sie irgend wollte – was sich eigentlich von selbst versteht, da sie alle inzwischen in die Sekunda gekommen waren! Nur Eduard legte durch einen plötzlichen, Allen so wie ihm selbst unerklärlichen Thränenstrom einen unmännlichen Mangel an Widerstandskraft gegen den Zauber geistiger Getränke an den Tag – die Andern vertrugen schon etwas! und hatten somit volles Recht zu rufen: „Die Amicitia lebe hoch – und abermals hoch – und zum dritten Male hoch!“