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Textdaten
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Autor: Wilhelm F. Brand
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Titel: „Das rationelle Kleid“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 93–94
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[93]
„Das rationelle Kleid.“
Von Wilh. F. Brand.

Es giebt Leute genug, welche die moderne Frauenkleidung als unschön und unzweckmäßig verurtheilen. Sobald aber Jemand sich beikommen läßt, an dem eng angeschnürten und wieder luftballonartig aufgeblähten, glatt anliegenden und wieder faltenreich herunterbaumelnden, oben ausgeschnittenen und unten nachschleifenden Kleide reformiren zu wollen, verfällt er dem Gelächter der Menge, derselben Menge, die über jede neue Mode, sie mag zweckmäßig oder nicht, schön oder häßlich sein, so lange spottet, bis sich das Auge daran gewöhnt hat und sie allmählich angenommen wird.

Die Gartenlaube (1888) b 093 1.jpg

Der getheilte Rock.

Hat also jede bedeutendere Modenänderung im Anfange mit Hindernissen zu kämpfen, um wie viel stärker werden sich diese emporthürmen, sobald eine Umgestaltung aller Kleidungsprincipien ins Auge gefaßt wird, eine vollständige Revolution der ganzen Frauentracht; denn das ist es in der That, was die in England bestehende Rational Dress Society anstrebt; es läßt sich leicht denken, mit wie viel Hohn und Spott sie von allen Seiten dafür überhäuft wird. Allein die Gesellschaft, über welche die „Gartenlaube“ schon einmal berichtet hat (vergl. Jahrg. 1883, S. 508), besteht fort, nimmt an Mitgliedern zu und beweist solchergestalt ihre Lebensfähigkeit. Die Grundsätze, welche sie lehrt, sind freilich ein seltsames Gemisch von unleugbarer Wahrheit und lächerlichen Uebertreibungen – immerhin aber eigenartig und interessant genug, um eine nähere wiederholte Beachtung zu verdienen.

Die beiden Hauptangriffsobjekte der Frauenkleiderreformatoren bilden die wesentlichsten Bestandtheile weiblicher Toilette: das Korsett und der lose Rock. Gegen das erstere ist auch bereits in anderen Landen so viel und mit Recht geeifert, daß die Kleiderrationalisten in dieser Beziehung kaum etwas Neues vorzubringen vermögen und wir daher bei diesem Punkt nicht länger zu verweilen nöthig haben. Um so überraschender aber sind die bezüglich des losen Rockes angestrebten Neuerungen, der von den Revolutionären als total naturwidrig und unpraktisch verurtheilt wird.

Ohne irgend welche Rücksicht, heißt es, auf die Proportion der einzelnen Körpertheile ist das Kleid gerade unten an den Füßen am weitesten, und hier ist es offen, offen für Wind und Kälte und offen auch zur Aufnahme von aller Art Schmutz oder, wie die Viscounteß Harberton, die Präsidentin des Vereins, in ihrer Broschüre „Reform in Dress“ im einzelnen ausführt: „Es ist diejenige Art eines Kleides, deren Reinhaltung die allerschwierigste ist, da dieselbe bei jedem Schritt sich an der Ferse reibt, selbst wenn der Rock wie es indessen gewöhnlich der Fall ist – nicht gerade so lang herabhängt, daß er mit Staub und Schmutz in Berührung kommt. In solcher Kleidung auf öffentlichen Verkehrsstellen treppab zu gehen – es ist vielleicht wohlthuender, daran gar nicht zu denken!“

Die Gartenlaube (1888) b 093 2.jpg

„Rationelle“ Frauenkleider.

Der Rock, eifern die Reformatoren weiter, der wie ein loser Umhang am Körper baumelt, verbindet ein Maximum von Gewicht mit einem Minimum von Wärme. Und dasselbe gilt von allen Unterröcken. (Ich darf mir wohl das Privilegium gestatten, bei einem derartigen Artikel, dem Beispiel der eben angeführten hohen Autorität folgend, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Es dürfte dadurch manchen weitläufigen Umschreibungen und selbst Mißverständnissen vorgebeugt werden.) Dieser Rock, der die freie Bewegung hemmt, ist zugleich die Ursache vieler Unfälle, und die Viscounteß berechnet, daß die „Vergeudung von Muskelkraft“, die aufgewandt wird, die Beine gegen eine Masse von Draperie zu stoßen, sich auf mindestens 50 Procent beläuft und, fügt sie hinzu, ‚im Wind mag es noch viel mehr betragen.‘ Dann führt sie weiter aus, daß eine Frau jedesmal, wenn sie die Treppe hinaufgeht, bei jeder Stufe ein Gewicht von ungefähr zwei bis sechs Pfund mit ihren Beinen zu heben hat. Das heiße aber nichts Anderes, als daß eine Frau, die fünfmal eine Treppe hinaufgegangen, eben so viel Kraft aufgewandt habe, als ein Mann braucht, zehnmal hinaufzusteigen. Man lasse den letzteren nur einmal, mit Weiberröcken angethan, einen Berg erklimmen, da werde er bald innewerden, was es heiße, sich so einen künstlichen Hemmschuh an die Beine zu legen, den die Frau Präsidentin mit einem „jungle“ vergleicht, jenem undurchdringlichen indischen Gebüsch, in dem der Tiger haust. „Die Natur,“ fährt sie dann fort, „hat gewiß nie geplant, daß die halbe Menschheit sich einen künstlichen jungle schaffen sollte, durch den sie ihr Leben lang waten und den sie, um ihn nie zu entbehren, sorgfältig mit sich umherschleppen sollte.“

Da nun die Rationalisten den praktischen Gesichtspunkt überhaupt als den fast einzig berechtigten in Toilettenfragen gelten lassen, so ist ihnen selbstverständlich auch die Schleppe, die bisher mit schweren Sammt- oder scharfglänzenden Atlasfalten das Entzücken künstlerisch sehender Augen war, ein hassenswerthes Unding. Die Idee, „daß Leute wünschen können, ihre Kleider auf dem Fußboden nachzuschleppen, um sich ein würdiges Aussehen zu geben,“ wird geradezu als eine abgeschmackte Tollheit erklärt.

„Warum aber,“ fragen sie weiter, „behält man dieses Kleid bei, an dem so viel auszusetzen? Etwa seiner Schönheit wegen? Ist es denn wirkach schön?“ Dagegen protestiren sie auf das Energischste. „Ein so künstlich zusammengestückeltes naturwidriges Ding, wie das moderne Frauenkleid, kann nicht schön sein –“ so lautet das Verdammungsurtheil. Was ist denn aber endgültig schön in der Mode? möchte man dagegen fragen. Würde es schöner sein, unsere Frauen im klassischen Gewand zu sehen, oder im ländlich kurzen Rock oder gar – im „Rational Dress“ der Reformgesellschaft?!

Denn diese Kleiderrevolutionäre begnügen sich nicht damit, das Bestehende niederreißen zu wollen; sie haben auch etwas Neues ersonnen, was dessen Stelle einnehmen soll. Doch wie das Fehlerfinden immer leichter ist als das Bessermachen, so geht es auch hier. Indessen sie greifen das Uebel an der Wurzel an, das muß man ihnen zugestehen. Nicht etwa tournürenlose Römerinnen oder kurzröckige Elsässerinnen erheben sie auf den Schild, noch begnügen sie sich mit anderen verhältnißmäßig noch [94] geringfügigen Trachtenänderungen. Sie gehen auf die Weisungen der Natur zurück und diese kennt, ihrer Meinung nach, nur eine Tracht, die Männertracht. Zwar denkt man nicht daran, diese ohne weiteres zu adoptiren und sich dadurch in einen zu starken Geruch der Emancipation zu bringen; man will zunächst nur das Princip der Herrentracht oder richtiger des divided skirt, des „getheilten Rocks“ (vergl. Abbildung 1) oder – wenn der Ausdruck statthaft – der „Kleidhosen“ durchsetzen.

Die Führerinnen der Reformbewegung tragen dieselben auch schon, hängen aber einstweilen noch eine Polonaise darüber, sodaß von dem divided skirt nichts zu sehen ist, es sei denn, daß der Wind gerade sein neckisches Spiel mit dem Ueberwurf treibt. Doch deutet alles darauf hin, daß dieser nur ein Uebergangsstadium bilden und mit der Zeit ganz in Wegfall kommen soll. Jedenfalls ist derselbe allen von den „ Rationalisten“ entwickelten Principien zuwider und schließlich doch eine Art von Weiberrock, wenn auch in reformirter Form. Es würden aber auch ohne denselben noch mancherlei und zwar recht wesentliche Unterschiede zwischen dem divided skirt und den Herrenbeinkleidern bestehen bleiben. Vor allem ist bei dem ersteren alles knappe Anliegen vermieden, er ist vielmehr lose und bauschig und selbst Plissées und Garnirungen werden nicht verschmäht.

Dieses „Kleid“ vermeidet allerdings alle vorhin angeführten Uebelstände. Dasselbe läßt den Straßenschmutz ruhig liegen, ist an den Füßen mehr oder weniger geschlossen; und da überdies nicht nur der Kleiderrock, sondern auch sämmtliche Unterröcke in Wegfall kommen, soll es ein Maximum von Wärme mit einem Minimum von Gewicht verbinden. Es werden daher zur geeignetsten Herstellung dieses Wärmeverhältnisses vornehmlich Wollstoffe empfohlen. Die Verfechterinnen des Gewandes wandeln also zum öfteren beträchtliche Strecken auf den von Professor Jäger gebahnten Pfaden.

Natürlich fällt auch der künstlich geschaffene „jungle“ bei dem neuen „Kleide“ weg: Treppen- und Bergsteigen wird eine reine Spielerei oder wenigstens um 50% erleichtert und jedweder Vergeudung von Muskelkraft wird ein Ende gemacht. Rechnet man zu dieser Befreiung von allen Hemmnissen des Unterkörpers die gänzliche Entfesselung der korsettlosen Taille, so ist nach Meinung der Reformatoren der weibliche Körper aller Zwangsketten entledigt und ein ideales Gewand für denselben geschaffen ganz ohne Makel und Fehl!

„Aber wie steht es mit der Sittsamkeit? Ist das Gewand wirklich ganz sittsam?“

„Warum denn nicht?“ antwortet man. „Etwa weil unser Kleid unten nicht offen, sondern geschlossen ist? Das falten- und volantreiche, volle, lose Gewand verhüllt die Gliedmaßen auf das sittsamste. Es ist gewiß anständiger als das moderne ausgeschnittene Ballkleid oder der kurze Rock der Bäuerin oder der Fee, den wir im Leben oder auf der Bühne zu sehen bekommen.“

Mit der idealen Einfachheit des neuen Kostüms wagen sich die Verfechterinnen desselben einstweilen gleichwohl noch nicht hervor, und man muß ihnen zugestehen: das Ueberwurfskleid der gegenwärtigen Uebergangsperiode ist zwar absonderlich genug, doch ist der so euphemistisch genannte „getheilte Rock“ dabei noch fast ganz und gar bemäntelt, wie unsere zweite Illustration (S. 93) darthut.

Obschon dieses Bild die neue Tracht bereits in einem sehr entwickelten Stadium darstellt, so fällt uns auf den ersten Blick doch kaum etwas Anderes dabei auf, als daß die Gewänder alle etwas lose und nachlässig sitzen. Sonst sind die jungen Mädchen noch ungefähr nach der gegenwärtigen Mode gekleidet.[1] Bei genauerer Beachtung aber werden wir leicht bemerken, daß die Röcke der „Kleider“ hier schon getheilt sind, was wir beim Gehen der Personen natürlich noch leichter gewahren würden. Thatsächlich aber werden die Ueberwürfe auf der Straße selbst von den leitenden Damen der Bewegung kaum schon so kurz getragen, wenigstens noch nicht von erwachsenen Personen. Wir haben indessen gesehen, daß jedweder Ueberwurf, der über die Kniee reicht, den Principien der Reformatoren zuwider ist, wenn auch seine Nachtheile durch die Auswahl eines leichten Stoffes und ein ganz loses Sitzen auf ein Geringes sich beschränken lassen. Das Ideal der Tracht und jedenfalls auch das Endziel der Extremen unter den „Rationalisten“ gipfelt also in dem gänzlichen Wegfall des Ueberwurfes oder doch in einer Kürzung des selben bis an das Knie.

Wird es je dahin kommen? Nur wenige Menschen werden in diesem Augenblick geneigt sein, diese Frage bejahend zu beantworten. Diese wenigen sind aber auch voll Zuversicht, daß in dem Zeitalter des Dampfes und der Elektricität, in einem Zeitalter, wo die Frauen immer selbständiger auftreten und aufzutreten haben, immer härter gedrängt werden, am Kampfe um das Dasein ihren Antheil zu nehmen, diese auf die Dauer sich nicht selbst einengen werden durch einen künstlich geschaffenen, sinnlosen „jungle“. Allein wer auch die Ansicht dieser Enthusiasten nicht in allem theilen mag, wird ihnen in manchen Dingen Recht geben müssen. Ließe sich da nicht einiges von ihnen lernen, ohne zu ihrem Radikalmittel zu greifen?

* *
*

Wir sehen voraus, daß dieser Revolutionsbericht als Brandfackel in manchen Familienkreis fallen wird, und wollen deshalb schon heute mit unserer Antwort auf die letztgestellte Frage nicht zurückhalten. Dieselbe muß auf jeden Fall bejaht werden, denn daß die Auswüchse unserer Mode, die hochgebauschte Tournüre, die Sturmhüte mit Vogelbälgen, die hohen Hackenschuhe etc. lächerlich sind, daß praktisch tätige Frauen auch eine einfache, praktische Tracht brauchen, wer wollte das in Abrede stellen? Aber deshalb die ganze Grundform der Frauentracht vernichten zu wollen, das scheint uns ein ebenso überflüssiges wie aussichtsloses Unternehmen. Diese Form ist ein in tauseud Jahren langsam Entwickeltes, historisch Gewordenes, ihr Princip: das den Oberkörper stützende Mieder, der züchtig verhüllende Rock ist sicherlich in Bau und Bestimmung des weiblichen Körpers zu tief begründet, um durch die Veschlüsse eines Agitationskomités umgestoßen werden zu können. Seine Bemühungen sollten sich lediglich gegen die Uebertreibungen richten, gegen den allzuraschen Wechsel und die sklavische Abhängigkeit vom Ausland, damit könnte schon sehr viel Gutes geschaffen werden, auch ohne die Radikalkur des „getheilten Rockes“, welchen seine Erfinderinnen, charakteristisch genug, nicht einmal selbst anzulegen wagen und der im Grunde nicht viel Anderes ist, als das alte Bloomer-Kostüm, welches vor 20 Jahren mit ähnlichem Eifer in Scene gesetzt werden sollte und vollständig Fiasko machte – offenbar weil sogar die große Mehrzahl der „praktischen“ Engländerinnen sich nicht zu einem solchen Verzicht auf die Hilfsmittel der Toilette entschließen mochte, auf die natürlichen und siegreichen Waffen ihres Geschlechtes von Alters her. Noch viel weniger scheint es uns denkbar, daß deutsche Frauen und Mädchen sich für das, allerdings sehr „einfache“ Pierrot-Kostüm der Abbildung 1 begeistern oder sich überhaupt nach einer männichen Tracht sehnen werden.

Bei dem unleugbaren Interesse aber, welches diese Frauenkleiderbewegung in England als Zeichen der Zeit besitzt, werden wir nicht verfehlen, gelegentlich wieder Bericht darüber zu erstatten.

Die Red.      

  1. Denn Blousen und Ueberwürfe, wie sie sie haben, tragen die Uebrigen ja auch.