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Titel: Amerikanische Liebesgeschichte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 686
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[686] Amerikanische Liebesgeschichte. Ein junger Amerikaner in dem Kreise Lawrence, ein großer Liebhaber spirituöser Getränke und einer zarten Landsmännin, bekam in einer seiner spiritualistischen Launen eines Abends noch sehr spät den Einfall, seiner Angebeteten einen Besuch abzustatten. Die junge Dame war mit einer Freundin allein und zeigte keine Lust, einem ungestüm anklopfenden Gaste Zutritt zu gestatten. Der Spiritus hatte ohnehin die Stimme des Anbeters so verstellt und unzart gemacht, daß sie nicht wieder zu erkennen war. Das zunehmende Umgestüm seines Klopfens und Lärmens brachte die beiden geängsteten Damen auf den Verdacht, Räuber versuchten einzubrechen. Sie verriegelten die Thür um so fester, je feuriger der Liebhaber um Einlaß brüllte und polterte. Er fing an gegen die Thür zu schlagen und zwar mit einem Fuße, der wie ein Mauerbrecher ohne Empfindung schien. Wiederholte Attaken mit diesem Sturmbock von Fuße schlugen ein ganzes Bret aus der Thür, so daß der feurige Liebhaber mit dem martialischen Fuße durchfuhr. Eine Dame faßte den Fuß geschwind und hielt ihn mit heroischer Kraft, gegen das noch feste, rissige Bret der Thür gedrückt fest, während die andere Dame, die Angebetete, den Vogel an den Federn, d. h. an dem martialischen Fuße erkennend, rasch eine Säge herbeiholte und den Fuß – absägte. Mit der größten Geschicklichkeit und Sicherheit führte sie die Operation der Amputation durch, so daß der Fuß des Anbeters innerhalb der Thür, der übrige Theil desselben aber vor derselben hinfiel. Der betrunkene, amputirte Liebhaber lag stöhnend auf dem Rücken und blieb so während der Nacht liegen. Am folgenden Morgen fanden ihn Leute und zwar noch am Leben und ganz nüchtern. Auf die Beine konnten sie ihn nicht bringen, denn er hatte bloß noch eins, auf welchem Niemand gehen kann. So brachten sie ihn in einem Wagen nach Hause, wo er sich bald wieder erholte und frisch und gesund seiner Geliebten schrieb, daß er sich anderweitig nach einer Lebensgefährtin umsehen wolle, womit die Dame in höflicher Antwort sich freudig übereinstimmend erklärte und Glück wünschte.

Wir würden kaum dieser Liebesgeschichte von der Amputation an bis hierher Glauben schenken, wenn sie schon zu Ende wäre. Man fragt billig: Wie kam es, daß sich der amputirte Herzensstürmer und Einbrecher nicht während der Nacht verblutete? Wenn wir fürchten und es für eine ausgemachte Sache annehmen, daß er sich hätte verbluten müssen, wäre doch erst zu fragen, ob er überhaupt nur blutete? Nein, weder im Herzen, noch am Beine, denn letzteres war von Holz.