Ambrosius Marthaus in Oschatz, Satteldecken-, Filz- und Filzwarenfabriken

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Titel: Ambrosius Marthaus in Oschatz, Satteldecken-, Filz- und Filzwarenfabriken
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aus: Die Groß-Industrie des Königreichs Sachsen in Wort und Bild. Erster Theil, in: Die Groß-Industrie des Königreichs Sachsen in Wort und Bild.
Herausgeber: Eckert & Pflug, Kunstverlag
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Eckert & Pflug, Kunstverlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Großindustrie Sachsen T1 0265.jpg

Ambrosius Marthaus in Oschatz,
Satteldecken- und Filzwaaren-Fabriken.


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Ambrosius Marthaus in Oschatz,
Satteldecken-, Filz- und Filzwarenfabriken.

In der Neuzeit, wo die Ansammlung großer Kapitalien in staunenerregender Weise vor sich geht, ist man gewöhnt, große Etablissements wie Pilze aus der Erde wachsen zu sehen. Das war früher nicht der Fall, und so finden wir auch jetzt noch Beispiele, wie Fabriken von Weltruf aus kleinsten Anfängen hervorgingen, allmählich aber durch umsichtige Geschäftsleitung, Fleiß und eiserne Ausdauer, durch weise berechnete Ausnutzung der jeweiligen Konjunkturen, sowie stetigen Fortschritt auf dem Gebiete der zweckmäßigsten Erfindungen zu einer großartigen Ausdehnung und Leistungsfähigkeit emporgehoben wurden.

Ein solches Etablissement von Weltruf sind die Satteldecken-, Filz- und Filzwarenfabriken von Ambrosius Marthaus in Oschatz. Ehe wir jedoch eine nähere Beschreibung der Anlagen und Einrichtungen desselben geben, sei uns zunächst ein geschichtlicher Rückblick gestattet, wobei wir uns einer zum 50jährigen Jubiläum der Firma herausgegebenen Festschrift als Unterlage bedienen.

Das Geschäft wurde, wie aus einer Bekanntmachung in den „Oschatzer gemeinnützigen Blättern“ hervorgeht, am 10. Mai. 1834 von Ambrosius Marthaus in Oschatz errichtet. Ueber den Begründer mögen folgende biographische Notizen hier Platz finden:

Geboren in drangsalvoller Zeit, am 1. Oktober 1808, mußte derselbe schon als 12jähriger Knabe, nach dem frühen Tode seines Vaters, in dem Geschäft mit thätig sein, da seine Mutter dasselbe unter nicht gerade günstigen Verhältnissen übernommen hatte und weiterführte. Nachdem er das Hutmacherhandwerk erlernte, begab sich der 17jährige Jüngling auf die Wanderschaft, bereiste vieler Herren Länder und kehrte nach Jahren zurück, um der Mutter von Neuem thatkräftige Unterstützung zu leisten. Im Jahre 1834 eröffnete er eine eigene Hutmacherwerkstatt, freilich unter schwierigen Umständen, denn er mußte bei den geringen Mitteln, welche ihm zu Gebote standen, die nötigen Räumlichkeiten zunächst mietweise beschaffen. Neue Ideen aber gaben dem Geschäfte einen mächtigen Impuls zum Aufschwunge. Der junge Meister ging bald daran, Filzschuhe nicht nur aus dem Ganzen, sondern auch aus Woll- und Haarfilz-Tafeln in verschiedenen Qualitäten, Formen, Farben und Aufmachungen, ähnlich den Lederschuhen, zu fertigen. Einige Kisten dieser Erzeugnisse brachte er mittelst Einspänner nach Berlin, um sich hier ein Absatzgebiet dafür zu schaffen. Dies gelang ihm in überraschendster Weise, denn die neuartigen Schuhe fanden allseitig Beifall und wurden flott verkauft. Mit Aufträgen reichlich versehen, kehrte der junge Unternehmer in die Heimat zurück und ging nun daran, dieselben auszuführen. Das war gewiß für ihn keine leichte Aufgabe, aber das Vertrauen seiner Abnehmer, die ihm gern die nötigen Mittel zur Anschaffung der Rohmaterialien und zur Zahlung der Arbeitslöhne freiwillig vorstreckten, ermöglichte es, die Bestellungen gut und pünktlich zu erledigen. Unter solchen Verhältnissen war das Unternehmen auf eine sichere Grundlage gestellt und ihm die Aussicht auf eine glückverheißende Zukunft eröffnet. Hierdurch zu neuen Unternehmungen ermutigt, verwirklichte Herr Ambrosius Marthaus die zweite Idee, auch Satteldecken verschiedener Art aus Filz herzustellen. Die Fabrikation dieses Artikels, der sich bei seiner vorzüglichen Ausführung ebenso ungeteilten Beifalls und günstiger Aufnahme zu erfreuen hatte, entwickelte sich rasch, und ist jetzt die Hauptbranche und eine Spezialität des Geschäftshauses.

[Ξ] Kaum aber hatte der thätige Mann angefangen, von den Früchten seines Fleißes zu ernten, da traf ihn ein harter Schlag. Bei dem großen Brande von Oschatz im Jahre 1842, welcher mehr als die Hälfte der Stadt, darunter Kirche und Rathaus, in Asche legte, war auch das von ihm im Jahre 1838 käuflich erworbene Grundstück ein Raub der Flammen geworden. Vom Jahrmarkte heimkehrend, fand er Alles, was er in jahrelangem Ringen mit Fleiß, Mühe und Sparsamkeit geschaffen, vernichtet und die Seinen mit nur wenigen geretteten Waren und Habseligkeiten inmitten der anderen Unglücklichen obdachlos auf freiem Felde. Mittelloser als je zuvor, blieb Herr Ambrosius Marthaus dennoch ungebeugt und begann sein Werk von Neuem. Es gelang ihm, auf der, kurz nach jenen Unglükstagen folgenden Leipziger Michaelismesse die wenigen geretteten und seitdem neu angefertigten Waren vorteilhaft zu verkaufen und außerdem eine Anzahl neuer Aufträge zu erhalten. Freilich mußten dieselben unter den schwierigsten Umständen zur Ausführung gebracht werden, da der Neubau, welcher an Stelle des eingeäscherten Gebäudes trat, erst im folgenden Jahre vollendet wurde. Die Entwickelung des Geschäftes nahm von jetzt ab einen ungeahnten Aufschwung. Mit der Vergrößerung des Satteldeckengeschäftes machte sich die Anlage einer eigenen Färberei und Druckerei notwendig. Dies führte freilich – was als Kuriosum aus jener Zeit erwähnt zu werden verdient – zu Konflikten mit der Färber- und demzufolge auch mit der Schuhmacher-Innung, indem dieselben den Betrieb der Färberei und Druckerei, sowie die Herstellung genähter Filzschuhe als zu ihren Berufen gehörig, nicht dulden wollten und gegen Herrn Ambrosius Marthaus einen Prozeß anstrengten, welcher aber nach jahrelangem Streit mit Rücksicht auf den „fabrikmäßigen“ Geschäftsbetrieb zu seinen Gunsten entschieden wurde.

Die fortschreitende Entwickelung des Unternehmens bedingte auch vermehrte Arbeitskräfte und diese wurden gefunden in der Königlichen Strafanstalt zu Waldheim, in welcher 25 Jahre lang – von 1852 bis 1877 – viele Sträflinge mit der Herstellung von Filzschuhen, Filz- und Satteldecken für die Firma beschäftigt gewesen sind. Die hierdurch wesentlich erhöhte Produktion wirkte gleichzeitig zu Gunsten der Haus-Industrie, welche sich immer mehr ausbreitete und zahlreichen Familien nicht nur in Oschatz selbst, sondern auch in den Nachbarorten lohnenden Verdienst gewährte.

Am 31. Oktober 1869 trat Herr Ambrosius Marthaus von dem Geschäft, das er 35 Jahre lang mit unermüdlichem Eifer geleitet, dem er seine ganze Kraft gewidmet hatte, zurück und legte es in die Hände seines ältesten am 6. December 1842 geborenen Sohnes. Nicht lange aber sollte er die wohlverdiente Ruhe genießen, denn am 26. Februar 1875 ging er – ein leuchtendes Vorbild seiner Nachkommen – zum ewigen Frieden ein.

Der nunmehrige Inhaber des Geschäfts, welcher ebenfalls den Familien-Erbnamen Ambrosius trägt, hat sich, gleich seinem Vater, als „Wanderbursch“ tüchtig in der Welt umgesehen und diejenigen Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt, welche dem Unternehmen zu so reichem Segen verholfen haben und ihm eine glückliche Zukunft verheißen.

Durch die verschiedenen Perioden der Unruhen und des Krieges nur wenig in Mitleidenschaft gezogen, gedieh das Geschäft zu immer größerer Blüte. Bereits im Jahre 1866 hatte die Verlegung desselben von der Hospitalstraße nach der Breitenstraße in die daselbst neuerbauten Fabrikräume stattgefunden; 1872 wurde hier ein angrenzendes Grundstück hinzugekauft und nun Dampfanlage geschaffen. Zweckmäßige Hilfsmaschinen, meist eigener Konstruktion des jetzigen Besitzers, wurden in Betrieb genommen und dadurch die Möglichkeit geboten, auch den weitgehendsten Ansprüchen, welche man an die Fabrikate stellen kann, zu genügen. Im Jahre 1876 wurde die damalige Aktienspinnerei an der Promenade erworben und mit zur Filzfabrikation eingerichtet. Aber alle diese Räumlichkeiten erwiesen sich in der Folge als unzureichend; es wurden daher 1887 die Verwaltungs- und Lagergebäude in der Breiten Straße abgebrochen und durch einen größeren Neubau ersetzt, auch im Grundstück an der Promenade ein großes dreistöckiges Fabrikgebäude aufgeführt.

In Bezug auf die Fabrikleitung wollen wir bemerken, daß seit 1879 der jüngere Bruder des Inhabers, Herr Hugo Marthaus, als Teilhaber in das Geschäft eingetreten ist.

Es erübrigt noch, der Einrichtung der Fabrik eine kurze Abhandlung zu widmen, um das Gesamtbild zu vervollständigen.

[Ξ] Zwei große Dampfmaschinen mit 4 Kesseln bilden die Triebfedern für die große Anzahl Hilfsmaschinen mit ihrem ordnungsmäßigen und präzisen Ineinandergreifen. Ueber 300 Arbeiter sind zum Teil an diesen Maschinen, zum Teil mit Handarbeit in den Fabriken beschäftigt, außerdem sind mehr als 200 in eigener Behausung für die Firma thätig. Die hellen, vorzüglich ventilierten, erwärmten und meistens elektrisch beleuchteten Arbeitsräume, die mit ihrer musterhaften Ordnung und Sauberkeit von der Umsicht der Eigentümer beredtes Zeugnis ablegen, bieten den Arbeitern einen gesunden angenehmen Aufenthalt und lassen zugleich erkennen, wie überhaupt in keiner Beziehung gespart wird, wo es das Wohl derselben gilt. Hiernach ist es auch erklärlich, daß sich in dem Etablissement ein tüchtiger Beamten- und Arbeiterstamm herangebildet hat, bei welchem 25jährige Jubiläen nicht zu den Seltenheiten gehören. Bereits 16 Werkführer und Arbeiter sind bei festlichen Gelegenheiten, wie das 50jährige Geschäftsjubiläum, Einweihung eines neuen Fabrikgebäudes u. s. w., mit Medaillen, Ehrendiplomen und ansehnlichen Geschenken etc. ausgezeichnet worden.

Es ist natürlich, daß ein so trefflich geleitetes Etablissement auch vorzügliche Waren liefert und zwar meist Spezialitäten, wie Satteldecken, Satteldecken-, Piano- und Teppichfilze, Filze für Schuhwaren, technische und hygienische Zwecke, ferner Filzschuhwaren – alles Fabrikate, die in ihrer Vollkommenheit und Mannigfaltigkeit tonangebend sind, und nicht allein in unserem deutschen Vaterlande, sondern in den meisten Ländern Europas und der übrigen Erdteile sich Eingang verschafft haben. So kann es nicht Wunder nehmen, wenn die Firma mit ihren Leistungen auf allen großen Ausstellungen, die sie beschickte, Anerkennung fand, wenn sie bereits auf der Chemnitzer Industrie-Ausstellung 1867 prämiiert, sodann auf der Weltausstellung in Philadelphia 1876 für „vorzügliche Arbeit und ausgezeichnete Qualität der Satteldecken, Filze und Filzschuhwaren“ mit dem ersten Preise gekrönt wurde und auch auf der Leipziger Wollwaren-Ausstellung 1880 den ersten Preis errang.

Eine weitere Auszeichnung erhielt der ältere Inhaber, Herr Ambrosius Marthaus, indem Se. Majestät König Albert von Sachsen geruhte, ihn 1885 zum „Königlich Sächsischen Kommerzienrat“ zu ernennen. Schon vorher, im Jahre 1878, war dem Etablissement die hohe Ehre des Besuches Sr. Majestät des Königs Albert von Sachsen zu teil geworden, bei welcher Gelegenheit Allerhöchstderselbe nach Besichtigung der Einrichtungen und Förderungsmittel Seine volle Anerkennung auszusprechen geruhte. Verschiedene spätere Besuche hoher Staatsbeamten brachten den Besitzern neue Ehren und Anerkennungen.

Indem wir noch die Schlußworte der Jubiläumsschrift, worin Herr Kommerzienrat Marthaus sagt:

„Deshalb blicke ich mit Dank zu Gott und mit Vertrauen auf meine wackeren Mitarbeiter in die Zukunft, in der Hoffnung, daß die Freudensonne, welche nach dem ersten halben Jahrhundert des Bestehens der Firma Ambrosius Marthaus auf das Werk herniederschaute, mir auch ferner leuchten möge. Von Ulrich von Hutten’s Wahlspruch: „Rast’ ich, so rost’ ich!“ beseelt, wird im Hinblick auf das Geschaffene, das weitere Fortschreiten und die Erreichung der höchsten Stufe der Fabrikation und Leistungsfähigkeit der Branche mein ständiges Ziel sein!“

hier wiedergeben, beenden wir unseren Bericht von der Entstehung, Entwickelung und hohen Blüte eines der angesehensten, leistungsfähigsten und bestgeleiteten Etablissements unserer heimischen Groß-Industrie!