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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Alte Vorurtheile
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 816
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Die Rheinmündungen in die Nordsee
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[816] Alte Vorurtheile. „Der Rhein verliert sich im Sande.“ So wurde uns in der Schule gelehrt und so stand es in den geographischen Lehrbüchern, und was der Lehrer sagt, muß wahr sein. Ich habe später die Angabe des schnöden Endes unseres Rheins noch mehrmals gefunden und finde sie eben wieder in einem Romane eines geschätzten Schriftstellers aus der neuesten Zeit. Wenn es nun auch möglich gewesen wäre, daß seit der Zeit der Normannen und der Hansa der Rhein sein Bette geändert habe und endlich wirklich im Sande verlaufe (wie denn unsere ganze politische Entwicklung seit jener Zeit im Sande versiechte), so hat man doch in neuester Zeit wiederholte Versuche einer direkten Seeschifffahrt von Köln aus gemacht; in den vierziger Jahren kam eine Dampf-Yacht der Königin von England direct von London nach Köln, man fährt auf allen Rheinschiffen direct nach Rotterdam und von dort auf einem andern Schiffe nach London. Indessen die alte Lehre klebt uns noch immer an, und bis auf die neueste Zeit wird der Rhein mit der Verleumdung heimgesucht, daß er sich im Sande verliere.

Das wahre Sachverhältniß ist dieses. Bald nach seinem Eintritt in Holland theilt sich der Rhein in zwei Arme. Der südliche Arm bekommt den Namen „Waal“, nimmt dann die Maas aus, theilt sich und vereinigt sich wieder und diese verschiedene Arme heißen dann: „neue Maas“, „alte Maas“, „Marve“ u. s. w. Zuletzt fällt die Wassermasse in mehreren Mündungen in die Nordsee. Der nördliche Arm behält noch eine Zeit lang den Namen Rhein, giebt einen Theil seiner Wasser durch den Drususcanal an die Yssel ab und theilt sich dann abermals. Der südliche Arm heißt nun „Leck“, der nördliche „krummer Rhein“. Noch einige Theilungen bringen dann noch die Namen „alter Rhein“, und „Vecht“ hinzu. Der krumme Rhein und der alte Rhein sind wenig mehr als todte Gräben, die nur vermittelst Schleußen fahrbar sind. Hier hatte sich allerdings, da sieben Achtel der Wassermasse an Waal und Leck abgegeben waren und für den alten Rhein nichts mehr übrig blieb, die Mündung in die See verstopft. Allein seit länger als 50 Jahren ist auch diese Mündung wieder geöffnet. Demnach verliert sich der Rhein nicht im Sande.

Daß man den verschiedenen Armen, in die er sich theilt, andere Namen gegeben hat, thut nichts zur Sache. Vielleicht mochte es, damit man sich zurechtfinden könne, nothwendig sein, die verschiedenen Arme, die sich namentlich durch Verbindung mit der Maas bilden, mit verschiedenen Namen zu bezeichnen. Daß man den Namen des Hauptstromen aufgab und dafür den Namen des Nebenstromen Maas annahm, gehört zu den Ungeschicklichkeiten, die mehrfach vorkommen. So muß der schöne und stärkere Missouri in Amerika bei seiner Vereinigung mit dem Mississippi auch seinen Namen aufgeben und ihn in dem letzteren verlieren. Daß nur die letzten todten Ausläufer des Rheins den alten eigentlichen Namen beibehalten, ist ebenso eine Ungeschicklichkeit, die sich vielleicht dadurch erklären läßt, daß der Rhein früher den Haupttheil seiner Gewässer wirklich in diesen Armen ergoß und daß sich das im Laufe der Jahrhunderte geändert hat. Denn der Rhein hat sein Bette vielfach verändert, und noch heute giebt es große Strecken von trockenen Flußbetten, in denen sonst der Rhein strömte. So lagen Rheinberg und Cleve früher unmittelbar am Rhein und liegen jetzt eine, resp. zwei Stunden von ihm entfernt.

Der alte eigentliche Rhein verläuft sich nicht im Sande, sondern theilt sich nur in mehrere Arme, die dann andere Namen bekommen. Er bringt seine grünen Wellen endlich dem deutschen Meere zu und trägt ehrlich die Schiffe aus der See und in die See.