Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen I. Section/H12

Heft 11 des Leipziger Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.)
Heft 12 der Section Leipziger Kreis
Heft 13 des Leipziger Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Zöpen
  2. Ramsdorf
  3. Wäldgen
  4. Voigtshain


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Zöpen.


Zöpen mit sechsundsechszig Hausnummern und etwa dreihundertfunfzig Einwohnern, liegt eine Stunde von Rötha in ziemlich gleicher Entfernung von den vier Städten Leipzig, Altenburg, Zeitz und Grimma, in der schönen fruchtbaren Pleissenaue, nicht weit von der Sächsisch-Bayrischen Eisenbahn. Das Dorf ist grösstentheils mit üppigen buschreichen Wiesen umschlossen und die Pleisse vereinigt sich nicht weit von hier mit den Flüsschen Wyhra und Eula, und in der Nähe von Treppendorf mit dem Elzschgraben oder Zitzsch, welcher die Zöpener Mühle treibt. Der feuchte höchst fruchtbare Boden trägt trefflich bestandene Waldungen und namentlich die des Rittergutes sind reich an schönen, alten Eichen.

Die ältesten noch vorhandenen Urkunden nennen Zöpen, das in frühester Zeit ein bedeutender Ort gewesen sein mag, Czopen und Zeppen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass bei der ehemaligen Eintheilung Deutschlands in Gaue oder Zupanien hier der Sitz einer Regierungsbehörde war, der ein vom Kaiser bestellter Edelmann vorstand, welcher das hiesige Schloss bewohnte. Ohne Zweifel ist Zöpen eine alte, von den Sorben gegründete Niederlassung, die, gleich den meisten Dörfern dieser Gegend, im zehnten Jahrhundert einem deutschen Herrn überlassen wurde, der eine Burg baute und die Einwohner des Dorfes als Unterthanen oder Hörige zum Lohn für treue Kriegsdienste erhielt. – Leider vernichtete im Jahre 1800 ein Brand das Pfarrarchiv mit vielen höchst wichtigen Dokumenten, so dass die Geschichte des Rittergutes und Dorfes Zöpen aus einzelnen zerstreut aufgefundenen Nachrichten zusammengestellt werden musste, namentlich ist der Verlust der Kirchenbücher und einer Chronik vom Jahre 1440 an zu beklagen, welche letztere nicht nur über Zöpen, sondern auch über viele Nachbarorte höchst wichtige Mittheilungen enthielt.

Der erste bekannte Besitzer von Zöpen ist Conrad von Weissenbach, der im Jahre 1454 und noch 1479 erwähnt wird. Ihm folgte Herold von Weissenbach, und diesem Christoph von Kitzscher, dem auch das Rittergut Kitzscher gehörte. Wolf Christoph von Kitzscher auf Kitzscher, Kesselshain und Thierbach wird 1612 genannt, und dessen Wittwe, Sabine von Kitzscher, 1643. Zwei ihrer Söhne, Christoph und Carl von Kitzscher erlangten im Jahre 1650 ihre Volljährigkeit und 1680 verkaufte Maria von Kitzscher, der von allen Gütern ihrer Familie nur Zöpen geblieben war, dieses an den Obersten Hans Rudolf von Minkwitz, später Gouverneur zu Leipzig, Commandant der Pleissenburg und Generalleutnant, Herrn auf Stosswitz und Trachenau, der 1702 in der Kirche zu Zöpen seine letzte Ruhestätte fand. Der nächste Besitzer des Rittergutes Zöpen war Adam Heinrich von Minkwitz, dem Moritz August von Minkwitz, Oberstleutnant in Sächsischem Dienst, folgte, welcher 1730 starb. Nach ihm war Herr des Gutes Zöpen der Hauptmann Carl Wilhelm von Minkwitz, welcher dasselbe 1776 an den Geheimerath Friedrich August Carl Freiherrn von Beust verkaufte. Im Jahre 1804 erbte das Gut der Kammerherr und Oberhofgerichtsrath Friedrich Carl Leopold von Beust, der es 1819 dem derzeitigen Besitzer Herrn Leutnant August Ferdinand Stockmann überliess.

Die Kirche zu Zöpen, welche ein stattlicher hundertundachtzig Fuss hoher Thurm schmückt, liegt vierhundert Pariser Fuss über dem Meere und war vor der Reformation dem heiligen Laurentius geweiht. Noch ist die Abschrift einer päpstlichen Bulle vom Jahre 1473 vorhanden, welche Bischof Thilo von Trotha zu Merseburg mit einem eigenhändigen Zusatze und Unterschrift versehen, hierherschickte. Die Kirche ist für die zahlreichen Parochianen ziemlich raumbeschränkt, indem die Dörfer Kahnsdorf mit dreihundert, Pürsten mit hundertfunfzig und Treppendorf mit siebzig Einwohnern hierher gepfarrt sind, so dass die Gemeinde aus mehr als achthundert Personen besteht. Im Innern der Kirche sind Kanzel und Altar, Werke des Bildhauers Griebsteiner zu Weissenfels vom Jahre 1693, bemerkenswerth, und auf dem Thurme hängen drei Glocken, welche früher ein sehr schönes Geläute gaben, bis vor ungefähr zwanzig Jahren aus der grossen, 1480 gegossenen, Glocke ein bedeutendes Stück absprang, wodurch deren Schall natürlich sehr beeinträchtigt wurde. Die zweite Glocke ist ohne Jahreszahl und bestimmt noch älter als die grosse; [90] die kleinste Glocke ist die jüngste. – Im Jahre 1693 hat die Kirche bedeutende Veränderungen erfahren, indem man vier neue Fenster durch die Mauern brach, die Chöre neu erbaute, die beiden Kapellen und die Sacristei von Grund aus abtrug und anderswo anbrachte, sowie Altar und Kanzel mit neuen Zierrathen versah. Den Bau leitete der Landbaumeister von Zeitz und die ganze Renovation kostete 932 Gulden 17 Groschen 7 Pfennige. Bald nach der Beendigung dieses Baues begann jedoch auch der Thurm schadhaft zu werden und man sah sich genöthigt, ihn bis zum Glockenstuhle abzutragen, aber bei der Stärke und Festigkeit der Grundmauern war es möglich ihn zu erhöhen. Im Jahre 1744 war der Thurm in seiner jetzigen Gestalt vollendet und zwar unter Aufsicht des Zimmermeisters Götze und Maurermeisters Uhlemann aus Borna. Seit jener Zeit ist an der Kirche kein erwähnenswerther Bau nöthig gewesen; 1786 wurde die Thurmfahne vergoldet und 1819 das ganze Gebäude abgeputzt. Die Orgel ist ein Werk des Schulmeisters Johann David Gerstenberg in Geringswalde, hat zwölf Stimmen, und kostete 208 Thaler, wobei dem Erbauer und seinen Gehülfen Kost und Unterhalt nebst einigen Kleinigkeiten noch besonders vergütet werden mussten. Filial von Zöpen ist das nahe Dorf Grosszössen. Der erste protestantische Pfarrer zu Zöpen war seit 1540 Matthäus Betzscher, oder nach anderen Nachrichten schon Benedikt Windisch, der zu Grosszössen einen besonderen Altaristen, Benedikt Hildebrand, hielt, welcher sich, nach dem Uebertritt seines Pfarrherrn zum Lutherthum, nach Pegau wandte.

In der Sacristei der Kirche zu Zöpen verwahrt man eine Schachtel, worin sich zwei Ratten oder diesen Thieren ähnliche Geschöpfe befinden die, obschon in völlig vertrocknetem Zustande, noch ziemlich gut erhalten sind, und nach dem Urtheile Sachverständiger als merkwürdige Abnormitäten für den Naturforscher nicht geringes Interesse bieten. Besonders merkwürdig ist der hintere Theil dieser Thierkörper, der fast von gleicher Länge wie der vordere ist und in einen dicken Eidechsenschwanz ausläuft.

Im Pfarrarchiv zu Zöpen liegt eine uralte Handschrift, die sich zur Zeit in einem so vermoderten und zerbröckelten Zustande befindet, dass es unmöglich ist einen Zusammenhang des Inhalts zu erlangen, der die wunderbare Sage von den merkwürdigen Ratten enthält. Zum Glück hat der vormalige Pastor Lindner in Zöpen 1756 von dem Urtexte, welcher damals schon fast ganz unleserlich war, eine Abschrift genommen, welche uns mitzutheilen der jetzige Herr Ortspfarrer Leipnitz so gütig war. Noch ist zu bemerken, dass vor etwa sechszig Jahren die Schachtel mit den Ratten und dem Texte, vermuthlich aus Aberglauben, gestohlen wurde, und nachdem man Alles von einem benachbarten Dorfe reclamirt hatte, fehlte in der betreffenden Schrift ein Blatt, weshalb man an einer Stelle den Zusammenhang vermisst. Das alte Manuscript erzählt: Hanns Haubold, oder wie es weiter unten steht, Hanns von Kunritz zu Zössen und seine Braut Barbara von Weissenbach, Herold von Weissenbachs auf Zöpen Tochter, waren mit einander vertrauet, verlobt und versprochen, es befand sich aber, dass sie guter Hoffnung war. Dieses letztere Aeltern und andere Leute wollten es schon rügen, davon reden und ihre alle Aeltern, Grossältern, Cunrad von Weissenbach und ihre Mutter Martha und seines Vaters Bruder Martin von Weissenbach und seines Vatern Schwester Ursula und seine Enkel Gertrud, Vity, der Wolfram Urban. Diese alle und seine Schwestern Ilze, Gertrud und Bruder Sebastian und seine Wertine (Wärterin) anna gingen sie an, was sich habe verlauten lassen – und so fing sie an, sich zu vermessen und zu schwören, und leugnete die ganze That. Hierauf redete Herr Benedictus Windisch, Pfarrherr und Pleban allhier, etwas ernstlich mit ihr, gegen den sie sich vermass: sie wollte Kröten und Schlangen gebären, wenn sie gesegneten Leibes wäre. Endlich habe sich Cunrad Fischer, vielleicht adlicher informator, oder praeceptor, angegeben, er habe die Scholastin seine Schülerinn, verführt, und es werde die Zeit ihrer Niederkunft zu Michael oder Gallus erfolgen, welches hernach auch zu bestimmter Zeit und zwar nach ihrem vermessenen Wunsche also geschehen sey, dass sie gegenwärtige Misgeburten in Gestalt der Kröten zur Welt gebracht habe. Was hernach Hanns und seine Brüder Albrecht und Ludwig gethan haben, ob sie die Braut geschimpft oder verklagt haben, weis ich nicht zu sagen, eben so wenig verstehe ich die folgenden Worte, ob es Beschwörungsformuln vom Herrn Pastore Windischen oder sonst unverständliche altdeutsche Wörter sind, wie wohl hin und wieder noch ein Verstand herausgebracht werden kann, z. B. ol, nicht oder mit; walp. Walpurgis, ferner: in lode pinna uxar, in laude prima uxor u. s. w.

Was die nachfolgenden Zehn Absätze mit Ӯ bezeichnet und die dabei stehenden Namen bedeuten, ob es abgehörte Zeugen sind, kann ich ebenfalls nicht errathen. Die Jahres Zahl yc, die unten am Ende des Zeddels [91] befindlich ist und ohne allen Zweifel im Jahre 1490 heissen soll, um welche Zeit auch das Weissenbach’sche Geschlecht in Zöpen und das von Künritz zu Grosszössen florirt hat, auch der Pfarrherr Benedikt Windisch allhier gewesen ist. Andere sagen: diese Kreaturen wären keinesweges Misgeburten, sondern Ungeziefer und grosse Ratten, von welchen sich ehedessen eine sehr grosse Menge auf einmal in allen Häusern, besonders in der Kirche aufgehalten hätten, davon noch ein paar zum Andenken in dieser Schachtel aufgehoben wären. Doch dieses Vorgeben scheint mit der in der Schachtel befindlichen Schrift zu streiten. Indessen glaube ich gleichwohl aus unterschiedenen Gründen, dass diese geschriebenen Blätter besonders auch ein Geschlechtsregister oder Stammtafel anzeigen.

Zöpen, den 30. Aug. 1756.
M. Christ. Gottl.
Lindner.     

Die zerstreuten schriftlichen Nachrichten, welche über die Vergangenheit Zöpens berichten, erzählen, dass im Jahre 1598 man die Leichen nicht mehr auf dem Kirchhofe, sondern auf dem neuen noch jetzt benutzten, schönen, freien Gottesacker beerdigte. Zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts herrschte auch hier jene furchtbare Wanderseuche, deren Symptome denen der asiatischen Cholera so ähnlich geschildert werden, dass kaum ein Zweifel möglich ist, dieser grausige Gast herbe schon vor fast zweihundert Jahren einen Schreckenszug durch unser Vaterland unternommen. In Zöpen erlag dieser Krankheit, sammt einer grossen Zahl seiner Kirchkinder, auch der Pastor M. Graf, und es wurde der hiesige Gottesdienst dem Pfarrer zu Lobstädt übertragen, wo die Pest ebenfalls entsetzlich wüthete. Merkwürdig ist es, dass Treppendorf, das in die Kirche zu Trachenau gewiesen wurde, und Kahnsdorf, wo der Gottesdienst in einem an der Strasse liegenden Hause stattfand, von der Krankheit gänzlich unberührt blieben. – Der siebenjährige Krieg brachte ausser kostspieligen Einquartirungen auch noch zwei aufeinander folgende schlechte Ernden, trotzdem mussten die Landleute Lieferungen für die Heere schaffen, so dass eine grosse Theurung entstand. Man bezahlte den Scheffel Korn mit 14 Thalern, Weizen mit 15 Thalern, Gerste mit 10 Thalern, Hafer mit 10 Thalern, Erbsen mit 7 Thalern und Kartoffeln mit 6 Thalern. Ein vierzehntägiges Kalb kostete 16 Thaler, ein ungemästetes Schwein 30 Thaler, ein Pfund Rindfleisch 8 Groschen, Kalbfleisch 5 Groschen, Schöpsenfleisch eben so viel, Schweinfleisch 7 Groschen, eine Kanne Butter 1 Thaler 18 Groschen, ein Schock Käse 2 Thaler, eine Kanne Oel 16 Groschen, eine Ruthe Rochlitzer Bruchsteine mit Fuhrlohn 50 Thaler, eine Elle grobe Hausleinwand 12 Groschen, ein Besen achtzehn Pfennige, der Tagelohn eines Arbeiters 14 Groschen, ein neues Hufeisen aufzuschlagen 12 Groschen, ein Viertel Bornaisches Bier 11 Thaler, ein Pfund Kaffee 15 Groschen, eine Dreiersemmel einen Groschen. Im Jahre 1763 feierte die hiesige Parochie das Friedensfest, wobei man einen Zug veranstaltete, der sich an der Kahnsdorfer Schäferei ordnete, und bei welcher Gelegenheit die Kirche mit einem aus grünem Damast bestehenden Altartuche geschmückt wurde, das 98 Thaler 16 Groschen kostete. Das Jahr 1763 war ungemein reich an Erndesegen, dagegen herrschte eine Viehseuche, so dass man das Kraut auf den Feldern armen Leuten schenkte. Am 30. Juni 1771 richtete eine Ueberschwemmung der Pleisse und ihrer Nebengewässer ausserordentlichen Schaden an, indem das Wasser zu so ausserordentlicher Höhe stieg, dass es in der Mühle zum Fenster hineinfloss, in die Ställe des Rittergutes drang, wo man kaum Zeit hatte, das Vieh zu retten, und ein Gebäude wegschwemmte. Der Besitzer des Rittergutes, Hauptmann von Minkwitz, flüchtete mit seiner Familie vor den Fluthen auf einem Leiterwagen, über den Breter gedeckt waren, nach dem Pfarrhause. Am schlimmsten traf die Ueberschwemmung das nahe Treppendorf, wo fast sämmtliche Gebäude beschädigt, theils eingeweicht, theils niedergerissen wurden; von einem der zunächst am Flusse stehenden Häuser blieb nicht einmal der Grund stehen.

Am 22. August 1775 Nachmittags drei Uhr wurde hier ein Erdbeben bemerkt, das ein entsetzlicher Orkan begleitete, der viele Dächer beschädigte und in den Waldungen die stärksten Bäume umstürzte. Am 4. Juli 1776 entstand ein heftiges Schlossenwetter, das alle Winter- und Sommerfrüchte niederschlug; das Sommergetreide erholte sich jedoch wieder und gab eine ziemliche Ernde. Ein besonderes Glück hatte Zöpen im letzten französischen Kriege, indem es durch die Truppen weniger als alle Nachbarorte zu leiden hatte. Zwar fehlte es nicht an bedeutenden Contributionen, aber feindliche Soldaten kamen nicht in den Ort nur einige kleine Colonnen zogen in den Octobertagen des Jahres 1813 still und friedlich nahe am Dorfe vorüber indem gegen Morgen, wo die Alliirten kaum einen Büchsenschuss entfernt marschirten, die Pleisse einigen [92] Schutz darbot, und gegen Abend, wo die Heersäulen der Franzosen auf der Strasse von Borna nach Leipzig in Bewegung waren, und auch bei der Eile, mit der man nach dem Schlachtfelde zu gelangen wünschte – die weitere Entfernung einen sicheren Versteck bot. – Unter den Feuersbrünsten, welche Zöpen in den letzten hundert Jahren betrafen, ereignete sich die bedeutenste am 15. April 1800, dem dritten Osterfeiertage Nachmittags drei Uhr, welche in der Schenke ausbrach und so schnell um sich griff, dass beide Güterreihen bis zum Herrenhofe nebst der Pfarre und deren Wirthschaftsgebäuden eingeäschert wurden, wobei auch das Pfarrarchiv zu Grunde ging. Am 15. September 1805 traf ein Blitzstrahl die Spindel des Kirchthurmes, ohne jedoch, obgleich er bis in die Kirche herabfuhr, erheblichen Schaden anzurichten.

O. Moser.     




Ramsdorf.


Ramsdorf liegt zwei Stunden südwestlich von Borna in der Nähe der Altenburgischen Landesgrenze auf einer sanften Anhöhe, die sich am Ufer des Schnauderflusses erhebt, gegen fünfhundertfunfzig Fuss über der Meeresfläche in einer sehr fruchtbaren Gegend. Südlich vom Orte liegen in geringer Entfernung die Altenburger Waldungen, der Kammerforst und Luckauer Forst, und durch das langhingestreckte Dorf führt die Strasse von Pegau nach Rochlitz. Es befinden sich hier drei Anspännergüter, funfzig Hintersässergüter und vierunddreissig Häuser mit mehr als fünfhundert Einwohnern, die sich nur mit Oekonomie beschäftigen. Vor der Theilung Sachsens gehörte Ramsdorf zum Stifte Naumburg-Zeitz, bis zu welcher Zeit Kirche und Schule ohne Mitwirkung eines weltlichen Coinspektors nur unter dem Superintendenten zu Zeitz standen. Als im Jahre 1815 Ramsdorf von dem Stifte getrennt wurde, kam es unter das Amt Borna. Der Antheil der stiftischen Kassen, welcher durch Staatsvertrag zwischen Preussen und Sachsen auf die zu Letzterem gehörigen stiftischen Parzellen fällt, wird von dem hohen Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts zu Dresden fundationsmässig zum Besten der betreffenden Kirchen und Schulen, und ihrer Diener abgesondert verwaltet.

Das mit den trefflichsten Feldern und Wiesen, einigen Teichen, beträchtlicher Schäferei, einer Mühle und Ziegelei begabte Rittergut gehört zu den bedeutendsten der Gegend und hat ein sehr hübsches mit Souterrains versehenes Herrenhaus, das bei seiner erhabenen Lage vortheilhaft in die Augen fällt, auch befindet sich daran ein recht netter Garten. In den ältesten Urkunden wird das Rittergut Ramsdorf unter dem Namen Rothowansdorf erwähnt. Im vierzehnten Jahrhundert war Erich von Rothowansdorf bischöflicher Hauptmann zu Naumburg, es lässt sich jedoch nicht beweisen, ob ihm das Gut Ramsdorf eigenthümlich zustand. Um das Jahr 1390 kam dasselbe in Besitz der reichbegüterten Familie von Weissenbach, von der Friedrich von Weissenbach 1393, Hans von Weissenbach 1409, Hans von Weissenbach, vermählt mit Anna von Ende 1465, Conrad von Weissenbach 1494 und Hans Christoph von Weissenbach 1528 genannt werden. Letzterer verkaufte Ramsdorf an den berühmten Juristen Hieronymus Panschmann, Assessor des Kammergerichts zu Speier und zuletzt churfürstlich Sächsische Geheimerath, der 1595 mit Tode abging, worauf das Gut an Heinrich von Bünau gelangte, welcher 1612 zum Defensionswerke für seine Güter Ramsdorf und Treben ein Ritterpferd stellte. Bald nachher kam Ramsdorf an die Familie von Braun, aus welcher der herzoglich Sächsisch-Weissenfelsische Landkammerrath Heinrich Eckebrecht von Braun auch Deutzen besass, woselbst er 1771 starb. Die Familie von Braun besass Ramsdorf bis zum Jahre 1819, wo das Gut durch Kauf an den Oekonomen I. G. Kolbe gelangte, von dem es die Familie Pelz erwarb. Der jetzige Besitzer von Ramsdorf ist Herr Alwin Pelz.

Die Kirche zu Ramsdorf ist ein kleines altes Gebäude, dessen Inneres nichts Merkwürdiges darbietet, und wohin das kaum zehn Minuten entfernte Wildenhain sammt dem an der Schnauder gelegenen Mühlengrundstücke Loschütz eingepfarrt sind. Die Kirche hat ein unbedeutendes Vermögen und ausser dem sie umgebenden Gottesacker befindet sich noch ein zweiter ausserhalb des Dorfes. Seit dem Jahre 1815 steht die [93] Collatur über Kirche und Schule Sr. Majestät dem König zu, die Inspection über beide aber üben gemeinschaftlich die Superintendentur und das königliche Justizamt zu Borna. Hierdurch ist der Pfarre ein Verlust geworden, indem ein bis 1815 aus dem benachbarten Kammerforste zu lieferndes Holzdeputat von acht Klaftern Scheiten in Wegfall kam. –

Zum Schlusse müssen wir noch bemerken, dass Ramsdorf einstmals der Aufenthaltsort des berüchtigten Räubers Nikel List war. Derselbe wurde 1656 zu Waldenburg geboren, trat 1674 in Kriegsdienste und liess sich alsdann zu Ramsdorf als Schenkwirth nieder, wo er bald einen Kreis von Raubgenossen um sich sammelte. Von hier zog er nach Beutha bei Hartenstein, betrieb das Räuberhandwerk im Grossen, und machte sich in- und ausserhalb Sachsen durch Kirchenraub und Mordbrennerei furchtbar. Als man ihn in Beutha verhaften wollte, schoss er auf der Flucht zwei Hartensteiner Bürger nieder, wurde aber doch endlich gefangen und 1699 zu Celle mit schrecklichen Martern hingerichtet. Im Jahre 1700 schleifte man sein Haus und setzte auf die Stätte eine Schandsäule. – In der moorigen Gegend zwischen Ramsdorf und Hagenest befinden sich eisenhaltige Quellen.

O. M.     




Wäldgen.


Wäldgen wurde in früheren Zeiten Wäldigen, oder auch „zum Walde“ genannt und liegt nicht weit von der Leipzig-Dresdner Chaussee in einer fruchtbaren nicht unangenehmen Gegend, kaum zwei Stunden von Wurzen und drei von Grimma auf der Grenze beider Aemter, nördlich vom Stenzwalde. Das Dorf Wäldgen besteht aus einer Mühle mit zwei Gängen und Schneidezug, einer Schenke, sechs Gärtnergütern und acht Häusern, mit etwa hundert Einwohnern, theils Ackerbauern, theils Handarbeitern. Der hiesige Flurbezirk umfasst einen Flächenraum von 259 Ackern 287 □ Ruthen.

Ueber die Gründung des Ortes fehlen alle Nachrichten, doch verräth schon der Name, dass vormals auf der Stätte, wo jetzt Wäldgen sich befindet, eine Holzung stand die muthmasslich im zwölften oder dreizehnten Jahrhundert ausgerodet wurde. Da Wäldgen in früheren Zeiten immer gleiche Besitzer mit dem nahen Sachsendorf hatte, so ist anzunehmen, dass ein solcher der Gründer des Rittergutes Wäldgen gewesen und dieses ursprünglich ein Vorwerk des Hauptgutes Sachsendorf gewesen sei, bis es Rittergutsgerechtsame erhielt. So viel ist gewiss, dass Wäldgen, Sachsendorf, Hohnstädt und andere nahe Güter ihre Entstehung nicht – wie Trebsen, Grimma u. s. w. – den Sorben verdanken, sondern neueren Ursprungs sind. Im Jahre 1284 gedenkt bereits eine Urkunde des Ortes Sachsendorf als eines zum Wurzener Distrikt gehörigen Dorfes, und Conrad von Sachsendorf lebte 1333, von dem Gute Wäldgen aber spricht keine Urkunde jener Zeit.

Das Rittergut Wäldgen, mit einem grossen, schönen Herrenhause und trefflichen Wirthschaftsgebäuden, ist wegen der beiden Dorfantheile sowol ein schriftsässiges Gut im Amte Wurzen, wie auch ein amtsässiges Gut im Amte Grimma. – Ob dasselbe, gleich Sachsendorf, zuerst im Besitze der Herren von Sachsendorf war, lässt sich nicht ermitteln, erst im Anfange des funfzehnten Jahrhunderts beginnt die Reihe der Herren auf Wäldgen in ununterbrochener Folge. Zu dieser Zeit gehörte das Rittergut Friedrich von Saalhausen, der auch Trebsen besass und um das Jahr 1450 gestorben sein muss. Sein Nachfolger war Hans von Canitz, dessen noch 1469 Erwähnung geschieht, wo er bei einem Vergleiche als Herr auf Sachsendorf, Wäldgen und Mühlbach genannt wird, doch scheint derselbe keine Söhne hinterlassen zu haben, indem die drei Güter an Bernhard von Stentzsch fielen, der sie 1514 Friedrich von Saalhausen auf Trebsen verkaufte. In der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts kam Wäldgen an die Familie von Schleinitz, aus der Wolf Dietrich von [94] Schleinitz das hiesige Rittergut von 1600 bis 1638 besass, wo es an den Rechtsconsulenten Augustin Prätorius gelangte, der 1676 mit Tode abging. Die Kirche zu Sachsendorf verwahrt seine und seiner Gemahlin Ueberreste, wie ein unter dem Orgelchore befindliches Epitaphium verkündet: „Wohl verdientes Grabmal zweier allhier in Gott ruhender Ehegenossen Tit. Herrn Augustin Praetorii auf Wäldgen I. U. D. und weit berühmten gewesenen Rechtsconsulentens und Tit. Frau Anna Elisabeth Praetorius geborene Frommholdin.“ Der nächste Herr auf Wäldgen war der Hauptmann Christoph Abraham von Canitz, welcher 1713 es dem Generalleutnant Hans Christoph von Canitz hinterliess, dem wiederum 1717 der Generalmajor Christoph Heinrich von Canitz folgte. Als Letzterer 1720 starb kam das Gut an den Rittmeister Hans Christoph von Döring, welcher 1758 vollendete. Diesem folgte Gottlob Heinrich von Döring, Domherr zu Meissen und Stiftsrath zu Wurzen, welcher 1780 starb, worauf der churfürstlich Sächsische Amtsverwalter Johann Augustin Petzsch in Besitz des Gutes trat, es jedoch schon 1794 seiner Wittwe hinterliess, nach deren im Jahre 1800 erfolgtem Tode es ein Sohn, der königlich Sächsische Amtsinspector Friedrich August Petzsch erhielt, jedoch bereits 1803 an den Amtshauptmann Gottfried August Freiherrn von Lorenz verkaufte, nach dessen 1814 erfolgtem Ableben Wäldgen bis 1821 im Besitze des Oekonomen Carl Christian Gottlieb Kopp blieb. Der neue Eigenthümer war Traugott Heinrich Günther Leuckard, königlicher Postmeister zu Luppa, von dem das Gut 1836 an Christoph Friedrich Feist, und von diesem 1839 an Carl Gottlob Feist überging. Noch in demselben Jahre erkaufte Wäldgen Carl Friedrich Gottlob Gässner, behielt es jedoch nur bis 1841, wo es an den früheren Besitzer des Rittergutes Dobrischau bei Bautzen, Jacob Lantz gelangte, der sehr viel für die Verbesserung des neuerkauften Gutes und Verschönerung der Gebäude that. Zur Zeit gehört Wäldgen Herrn H. Müller.

Zu den Schicksalen, welche Wäldgen im Laufe der Jahrhunderte betroffen, gehört die Vernichtung desselben durch die Hussiten, welche nach dem Gefecht am Collm ihre Wuth an den schuldlosen Bewohnern der Umgegend ausübten, und namentlich die Rittersitze und Kirchen verwüsteten. Ob das Schloss zu Wäldgen ein gleiches Schicksal hatte lässt sich nicht ermitteln, doch ist es sehr wahrscheinlich, da Wäldgen unter den Ortschaften angeführt wird, welche einer gänzlichen Vernichtung anheim fielen. Der dreissigjährige Krieg mit allen Leiden, welche Krankheit und Brutalität nur immer erzeugen können, traf auch die hiesige Gemeinde. Als der Schwedische Feldmarschall Banner Torgau belagerte, streiften seine Reiter fouragirend in weitem Kreise umher und nahmen dem armen Landmanne das Wenige, was vielleicht kurz vorher ein menschlicherer Soldat ihm gelassen hatte. Die Pest grassirte bald darauf in hiesiger Gegend so entsetzlich, dass in dem nahen Orte Sachsendorf nur funfzehn Erwachsene von ihr verschont blieben und der Pfarrer Thielemann von hinnen zog, weil er keine Gemeinde mehr hatte. Die wenigen Bewohner Sachsendorfs und Wäldgens nahm der Pfarrherr zu Burkartshain unter seine geistliche Obhut Die letzten Jahre der Napoleonischen Macht brachten auch Wäldgen mannigfache Beschwerden an Einquartirungen, Contributionen und Requisitionen. – Auch Brandunglück blieb dem Orte nicht fern. Im Jahre 1767, am 17. April, brach auf dem Rittergute ein Feuer aus, welches jedoch nur einige unbedeutende Gebäude einäscherte, da rechtzeitige Hülfe dessen Verbreitung hinderte, und in der Nacht zum 21. Juni 1771 entstand wiederum in den östlichen und südlichen Theilen der Rittergutsgebäude ein Brand, der beträchtlichen Schaden verursachte, indem er nicht nur die Gebäude, sondern auch die darin verwahrten Vorräthe verzehrte; das Herrenhaus blieb dabei unbeschädigt. Im Jahre 1783 verzehrte das Feuer ein Haus, dem Zimmermeister Schröter gehörig.

Wäldgen ist in die Kirche des nur eine Viertelstunde entfernten Dorfes Sachsendorf eingepfarrt, die schon vor der Reformation zum Sedes Wurzen gehörte. Sie brannte im Jahre 1693 nieder und über ihren Wiederaufbau sagt das Sachsendorfer Kirchenbuch: Nachdem in dem schrecklichen Brande, den 8. Octobris 1693, die ganze Kirche bis aufs blosse Gemäuer, sammt Thurm, Glocken, Seiger und Allem was in der Kirche befindlich gewesen, vom Feuer verzehret und zernichtet worden, hat Gott nach seiner grossen Güte bei so wenigen Mitteln und geringem Vorrathe uns mit so milder Hand gesegnet, dass ohne alle gemachten Anlagen und ausserordentliche Beschwerung der Eingepfarrten eine schönere Kirche und währhafter Thurm als man vorhin nie gehabt wieder erbauet und bis auf einen Taufstein oder Engel, einen geschnitzten Altar und grosse Glocke ganz aufgebauet auch den 14. Novembris 1699, gleich am Kirchweihtage mit herzlicher Andacht und Freude bei solennem cultu [95] durchs Gebet, Wort Gottes und Ausspendung des heiligen Abendmahls in Beisein der Herren Kirchenpatronen eingeweihet worden. Zum christlichen Andenken und aus schuldiger Dankbarkeit wegen solcher väterlichen Züchtigung und darauf erfolgter Begnadigung von Gott hat der Pastor loci aus Esaias Cap. XII, v. 1: „Ich danke Dir Herr, dass Du zornig bist gewesen über mich, und Dein Zorn sich gewendet hat und tröstest mich“ folgende beide Chronosticha, deren ersteres das Züchtigungsjahr 1693, das letztere aber das Hülfs- und Trostjahr 1698 anzeiget mit Vergiessung vieler Buss- und Freudenthränen aufgesetzet:

QVos satIs IratVs per terrVIt Igne fVrente
In pagI LatVs et VIscera prIMa, DeVs;
AeDICVs hos InstaVratIs tVrrIqVe VenVstIs
SoLatVr, sIt eI gLorIa LaVs et aMor!

Nächst solchem Kirchen- und Thurmbau ist auch die Kirchhofmauer weil selbige ganz eingefallen gewesen, durch Gottes Gnade und Segen von Grund aus neu aufgeführt und in jetzigen Stand kommen. Nach Inhalt der Bau- und Kirchrechnungen hat man auf den ganzen Bau bisher gewendet 1443 Mfl. 6 Groschen 1 Pfennig. Ob man nun zwar einige Capitalia hierzu, sonderlich vor das Rittergut Wäldgen gethanen Verlags hat aufnehmen müssen, nämlich beim Pfarrer allhier 125 Mfl. laut der Kirchväter Obligation, den 16. Septembris 1697 und 50 Mfl. aus der Wachauer Kirche, so bis auf 25 Mfl. bereits restituiret, so können doch solche beide Posten meistens bezahlet werden, sobald nur von unserer Frau und Fräulein Collatricibus der vom Herrn General-Major von Canitz offerirte Vergleich approbiret und ratificiret worden.“

Von der Zeit ihrer Erbauung bis jetzt hat die Kirche nur wenige Veränderungen erfahren. Im Jahre 1834 brach man die kalte feuchte Sacristei ab und errichtete dagegen auf der Mittagseite ein freundliches helles Gemach, für welchen Bau die Gemeinde aus ihren Mitteln alle Kosten bestritt, und 1839 schaffte die Kirchfahrt wiederum aus eigenen Mitteln sechs grosse neue Fenster an, wodurch das Innere der Kirche sehr an Licht gewann. – In der Schule zu Sachsendorf werden auch die Kinder aus Wäldgen unterrichtet.

O. M.     




Voigtshain
bei Wurzen.


Voigtshain liegt zwei und eine halbe Stunde nordöstlich von Wurzen, rechts von der Torgauer Strasse in einer hügeligen nicht unangenehmen Gegend, westlich von den Frauwalder Holzungen am Tammenhainer Bache, welcher nahe unter Voigtshain sich mit der Lossa vereinigt. Das Dorf zählt etwa zweihundert Bewohner, besitzt sieben und eine halbe Hufe Feld und ist nach dem kaum zehn Minuten entfernten Falkenhain eingepfarrt.

Der Name des Dorfes Voigtshain beweist, dass selbiges seine Gründung den Deutschen verdankt, die nach Besiegung der hier ansässigen Sorben die Waldungen und Haine niederschlugen und an deren Stelle Plantagen anlegten. Bei dem nahen Dorfe Falkenhain – so erzählt die Tradition – soll zur Zeit des Heidenthums ein Götzenbild, des Namens Falko, gestanden haben, und zwar bezeichnen alte Leute einen Punkt im sogenannten Haine, nicht weit vom Fusswege nach Dornreichenbach, als den Ort, wo der Abgott, umgeben von dichter Waldung, verehrt wurde. Dass die zwischen der Saale und Elbe wohnenden Slaven wirklich einen Götzen Falko verehrten ist wahr, und aus jener Zeit mag wol auch die Tradition herrühren, dass unter einer Reihe, an der Wurzener Brücke zwischen Falkenhain und Zschorna gestandener, uralter Eichen in grauer Vorzeit Gottesdienst gehalten worden sei. Nur erst vor wenigen Jahren wurden die letzten dieser merkwürdigen Bäume niedergeschlagen. Die christlichen Missionäre waren klug genug das Christuskreuz fast immer an Orten aufzupflanzen die den Sorben theuer und heilig waren, und somit ist viel Wahrscheinlichkeit da, dass die Sage sich hier auf geschichtliche [96] Thatsachen gründet, der Abgott Falko dem Orte Falkenhain seine Entstehung gab und die christlichen Priester nach Zerstörung des Götzenbildes noch längere Zeit unter den für heilig erachteten Eichenbäumen die neue Lehre verkündigten, und soviel als möglich die heidnischen Gebräuche mit derselben vereinigten.

Schon in den ältesten Zeiten erscheint Voigtshain als ein Besitzthum und Kirchengut der Bischöfe von Meissen, die auf dem hiesigen Schlosse einen Voigt hielten. Daher der Name Voigtshain. Der Ort war vor Jahrhunderten weit bedeutender als jetzt und wurde in Ober- und Untervoigtshain eingetheilt, wovon Obervoigtshain dem Kloster zu Mühlberg bis 1559 zinste, in welchem Jahre der Bischof von Meissen in den Genuss dieser Zinsen trat. Noch jetzt heisst die Stätte, wo vormals Obervoigtshain stand, die Obervoigtshainer Mark, und aller Wahrscheinlichkeit zufolge wurde dieser Theil von Voigtshain im dreissigjährigen Kriege vernichtet, da er erst im siebzehnten Jahrhunderte nicht mehr genannt wird. Bischof Johann VIII. von Meissen verkaufte Voigtshain zugleich mit Falkenhain 1538 an den Ritter Christoph von Truchsess (Drückses). Dieser erste weltliche Besitzer beider Güter, denn auch Falkenhain war bischöfliches Küchengut, regulirte 1542 die Kirchen- und Schulangelegenheiten, Einkünfte und Obliegenheiten unter Zuziehung der bischöflichen Regierung zu Wurzen in der Art wie sie im Wesentlichen noch heute bestehen. Nach seinem um 1548 erfolgtem Tode gelangte zu dem Besitze beider Güter Heinrich von Truchsess, der auf eigene Kosten 1550 den auf der Abendseite des Kirchgebäudes zu Falkenhain befindlich gewesenen Hauptthurm neu aufführen und einen Schüttsöller oder Getreideboden darin anlegen liess. Sein Tod erfolgte 1556, und Georg von Koseritz wurde Eigenthümer der Güter bis 1604, in welchem Jahre sie August von Lüttichau erwarb, der 1631 starb und die Güter seinem Sohne August von Lüttichau hinterliess. Ihm folgte 1686 Georg Rudolf von Lüttichau, Heinrich Rudolfs von Lüttichau auf Falkenhain Bruder, welcher „aus sonderlicher Andacht und Liebe zur Förderung des heiligen Gottesdienstes“ zur Erhöhung des Thurmes an der Falkenhainer Kirche eine ansehnliche Geldsumme darlieh. Im Jahre 1708 gehörte Voigtshain dem schon erwähnten Rudolf Heinrich von Lüttichau, churfürstlich Sächsischem Hauptmann und Herrn auf Falkenhain, Voigtshain, Rithmitz, Döbrichau und Nauendorf, einem sehr reichen Manne, der die noch jetzt stehende Kirche zu Falkenhain von Grund aus auf eigene Kosten erbaute, und 1725 gestorben ist. Sein Nachfolger, Georg Rudolf von Lüttichau, starb 1772 und dessen Sohn Hans Georg von Lüttichau verkaufte Voigtshain an August Gottfried von Hessling, dessen legitimirter Sohn, Herr August Hessling, es noch jetzt besitzt. Falkenhain blieb der Familie von Lüttichau noch bis 1796 wo es die verwittwete Frau Kreiskommissar Adolphine Caroline Wilhelmine von Carlowitz erstand.

Vor der Reformation war in Voigtshain eine Kapelle (von der jetzt keine Spur mehr vorhanden ist), welche der Pfarrer zu Müglenz mit zu versorgen hatte, weshalb noch jetzt das Rittergut Falkenhain und einige Bauergüter zu Voigtshain an den genannten Pfarrer einige Zinsen entrichten müssen; indessen haben beide Ortschaften schon sehr zeitig eine Gemeinde gebildet, und es ist sogar möglich, dass die Voigtshainer Kapelle entweder zum Rittergute gehörte oder doch nur bei gewissen Fällen benutzt wurde. Die Kirche zu Falkenhain wurde, wie schon erwähnt, 1708 neu erbaut und vielfach dotirt, so dass sie ein beträchtliches Vermögen besitzt. Unter den verschiedenen Legaten welche der Kirche geworden, befindet sich auch ein sogenanntes Musikgeld, welches auf dem Rittergute Voigtshain als Stammzins haftet und in 25 Mfl. besteht. Dieses Geld soll nach Bestimmung, der jedesmalige lehnsherrliche Besitzer in zwei Terminen zur Hälfte dem hiesigen Schuldiener und Cantor „gegen dessen Quittanz Ostern und Michaelis immediate auszahlen.“ Die alte Nachricht über dieses Legat sagt weiter: „es ist vermuthlich in der Absicht gestiftet, dass davon nicht allein die sonntägliche Kirchenmusik durch gehörige Adjuvanten, welche ebenermaassen von diesem Quanto tertiam partem erhalten sollen, möge bestellt, sondern vielleicht auch die Jugend in vocalibus et instrumentalibus musicis von dem Schuldiener gehörig soll unterrichtet werden.“ Da die Fundationsurkunde über dieses Legat nirgends aufzufinden gewesen ist, weigerte sich in neuerer Zeit das Rittergut solches zu zahlen, so dass die Angelegenheit zu gerichtlicher Entscheidung kam. – Der erste protestantische Pfarrer zu Falkenhain war Vitus Keller, der im Jahre 1542 hierher zog. Von ihm wird berichtet, dass er ein feiner, junger, geschickter Mann gewesen und vor vielen Anderen durch Herrn Philipp Melanchthon gegen Georg Spalatin gelobet und gerühmet worden sei. Weiter erzählt man, dass er grosse Anfechtungen von bösen Geistern gehabt habe und so oft er auf den Kirchhof gekommen sei ihm ein Gespenst aufgehuckt, auf des Pfarrers andächtiges Gebet aber wären die Geister endlich gewichen.

O. M.     




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