Adelbert von Chamisso (Die Gartenlaube 1881/1)

Textdaten
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Autor: Hermann Schults
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Titel: Adelbert von Chamisso
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 4–7
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Adelbert von Chamisso.

Zu seinem hundertsten Geburtstage.


„Ein Fremdling warst Du unserm deutschen Norden,
In Sitt’ und Sprache andrer Stämme Sohn,
Und wer ist heimischer als Du ihm worden?“
 Dingelstedt.


Es war eine literarisch viel bewegte, höchst interessante Zeit, in welche die Anfänge der dichterischen Thätigkeit Chamisso’s fallen. Auf der Schwelle unseres Jahrhunderts, in jenen Jahren, da Goethe und Schiller in wunderbarem Zusammenwirken, einander anregend und ergänzend, ihre unsterblichen Werke schufen, trat bekanntlich mehr und mehr jene Richtung in der Literatur hervor, die unter dem Namen der „romantischen“ bekannt ist, und als deren Ziel ihre Vertreter eine der einseitig-nüchternen Aufklärung entgegengesetzte poetische Lebensauffassung bezeichneten. Während die beiden Schlegel vorwiegend wissenschaftlich-kritisch für die neue Richtung thätig waren, trat neben dem früh verstorbenen Novalis besonders der hochbegabte Ludwig Tieck poetisch für sie ein, und um diese Häupter schaarte sich eine große Zahl begeisterter Anhänger, unter ihnen besonders Brentano und Achim von Arnim. Auf allen

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Adelbert von Chamisso.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.

Gebieten, in der Theologie und Philosophie, in der Geschichts- und Rechtskunde, in Literatur und Kunst, hat diese Richtung ihren entschiedenen Einfluß geübt. Ihr Zurückgehn auf das Mittelalter, in dem sie ihr Ideal zu finden glaubte, erweckte die deutsche Sprach- und Alterthumswissenschaft; ihr verdanken wir die Kenntniß und Sammlung unserer herrlichen Volkslieder, ihr die Weckung des nationalen Sinnes in jener Zeit politischer Ohnmacht und Erschlaffung, ihr die begeisternden Klänge aus den großen Tagen der Erhebung und Befreiung unseres Volkes. Aber wie überall auf dem Gebiete des geistigen Schaffens, so steht auch im Wirken der [50] „romantischen Schule“ neben dem hellen Lichte tiefer Schatten.

Trotz all’ ihrer unleugbaren Verdienste ist der Romantik nicht mit Unrecht Mangel an Gestaltungskraft, eine gewisse nebelhafte Verschwommenheit zum Vorwurf gemacht worden, vor allem aber die mystische, mittelalterliche Weltauffassung, welche sie an die Stelle der klaren, geistig-freien der classischen Periode zu setzen suchte.

Auch der Dichter, dessen hundertsten Geburtstag die deutsche Literatur im ersten Monat dieses Jahres[1] feiert, hängt in seinen literarischen Anfängen eng zusammen mit den dichterischen Bestrebungen und geistigen Zielpunkten der romantischen Schule, aber sein gesunder Sinn hat sich frühzeitig losgesagt von den „mondbeglänzten“ Irrgärten der Tieck’s und Schlegel’s, der de la Motte Fouqué’s und Brentano’s.

War Chamisso’s um das Jahr 1813 verfaßtes, wundersam phantastisches Märchen „Peter Schlemihl“ nach Art und Anlage noch durchaus romantisch, so machte sich der Dichter von nun ab mehr und mehr von jener Richtung frei, um fortan völlig eigene Bahnen zu wandeln. Von seinen romantischen Erstlingen, auf die er später mit Lächeln zurückschaute, hat er fast nichts in seine Gedichtsammlung aufgenommen: der Chamisso, den wir kennen und lieben, zeigt wohl einzelne romantische Spuren, wie besonders in der Aneignung fremder Stoffe und Formen, in der Hauptsache aber hat er mit den Romantikern nichts gemein, ja, er steht in entschiedenem Gegensatze zu ihnen. Bei ihm ist nichts Unklares und Verschwommenes: scharf und bestimmt tritt er uns entgegen. Nicht der nebelhaften Vergangenheit, der „romantischen Zaubernacht“ ist er zugewandt, sondern dem lichten Tage, der hellen, lebendigen Gegenwart, und während Jene aus der realen Wirklichkeit gern sich hinausretten in das Reich der Poesie und ihrer erträumten Ideale, tritt er fest und mannhaft mitten hinein in den Kampf des Lebens, eine von jenen ganz verschiedene, durchaus eigenartige Dichternatur.

Adelbert von Chamisso wurde in den letzten Tagen des Januar 1781 auf Schloß Boncourt in der Champagne aus einem altfranzösischen Adelsgeschlechte geboren. Umgeben von dem Glanze, den sein Stand mit sich brachte, wuchs hier der Knabe auf, bis die Revolution eine jähe Wendung der Verhältnisse herbeiführte.

In ihren Stürmen sank das Schloß Boncourt in Trümmer; es wurde dem Boden gleich gemacht, und nur die Erinnerung blieb dem Dichter. „Nach manchen Irrfahrten durch die Niederlande, Holland, Deutschland und nach manchem erduldeten Elend“, wie seine eigenen Worte lauten, kam Chamisso, dessen Eltern gleich vielen Leidensgenossen (1790) ihr Vaterland verlassen hatten, nach Berlin. Zunächst Page bei der Königin, dann Fähnrich und später Lieutenant, blieb er auch, als seine Eltern nach der Beendigung der Revolution nach Frankreich zurückkehrten, in Berlin; das für Preußen so unglückliche Jahr 1806 gab seinem Leben eine neue Wendung.

Nach der schmachvollen Uebergabe von Hameln, die er blutenden Herzens hatte mitmachen müssen, nahm er seinen Abschied und ging nach Frankreich zurück. Damit beginnt für ihn eine Zeit unruhigen Wanderns und Hin- und Herschwankens: ruhelos sehen wir den Dichter bald in seinem Geburtslande, bald wieder in seiner neuen Heimath; in jenem fühlte er trotz mancher verwandtschaftlichen und anderen Beziehungen, zumal seit die Eltern gestorben, sich nicht mehr heimisch, doch auch in dieser fand er, so sehr sein Herz ihr und seinen dortigen Freunden entgegenschlug, „ohne Stand und Geschäft“, wie er war, noch keine rechte Befriedigung, bis er seit dem Frühjahr 1812 seinen schon in Frankreich begonnenen naturwissenschaftlichen Studien mit größtem Eifer sich zuwandte. Seine „liebe Botanik“ vor Allem half ihm auch einigermaßen über die für ihn so peinliche Zeit der begeisterten Erhebung Deutschlands gegen Frankreich hinweg, und als wahre Erlösung aus den drückenden Verhältnissen begrüßte er freudig die Gelegenheit, die von dem russischen Reichskanzler, Grafen Romanzoff, ausgerüstete Expedition „in die Südsee und um die Welt“ als Naturforscher mitzumachen.

Mit dieser drei Jahre (1815 bis 1818) dauernden Reise beschloß Chamisso seine Wanderjahre, und sein weiteres Leben floß ruhig dahin. Bald nach seiner Rückkehr fand er endlich eine sichere, ehrenvolle Anstellung als Custos des botanischen Gartens in Berlin und überdies eine liebende Gattin und ein trautes Heim; glücklich im Kreise seiner Familie und Freunde hat er seitdem, mit mancherlei Ehren und Würden bedacht, dort ruhig der Wissenschaft und der Poesie gelebt, bis er am 21. August 1837 seiner fünfzehn Monate vor ihm heimgegangenen Gattin folgte.

Auf Chamisso’s wissenschaftliche Leistungen als Natur- und Sprachforscher einzugehen ist hier nicht der Ort; es genüge zu bemerken, daß dieselben ihre gebührende Anerkennung längst gefunden. Nur auf sein höchst interessantes Reisetagebuch sei kurz hingewiesen. Von ungleich größerer Bedeutung als der Gelehrte ist für unser ganzes Volk Chamisso der Dichter.

Kraft und Zartheit reichen sich in dem poetischen Schaffen Chamisso’s die Hand. In seinen Liedern kommt besonders die weibliche Seite seines Wesens zur Geltung. Wenige Erzeugnisse ähnlicher Art in unserer ganzen reichen Literatur zeigen eine solche wunderbare Einfachheit und Innigkeit, wie Chamisso’s „Frauenliebe und Leben“; wenige gehen so zum Herzen, und gerade zum deutschen Herzen, wie sie. Welches deutsche Mädchen hätte nicht das „Seit ich ihn gesehen, glaub’ ich blind zu sein“, oder das „Ich kann’s nicht fassen, nicht glauben“ mit selig pochendem Herzen nachgefühlt und nachgesprochen, welche Jungfrau nicht, gleich der Braut in jenen Gedichten, das „goldene Ringelein“ an die Lippen und an’s Herz gedrückt! Schildert uns hier der Dichter Glück und Schmerz eines liebenden Frauenherzens, so sehen wir in den „Thränen“ die Verzweiflung einer Armen, die, ihrer stillen Neigung zuwider, dem Ungeliebten die Hand reichen muß. Wie alle diese Dichtungen, wie ferner die Lieder, die der Dichter an seines Sohnes Wiege sang, so sind auch die meisten übrigen lyrischen Gedichte Chamisso’s so ganz deutsch nach Form und Inhalt, daß wahrlich Niemand in ihrem Verfasser den geborenen Franzosen vermuthen sollte. Deutsch ist ihr schwermüthiger Schmerz, der statt heiterer Blumen „vier Bretter auch nicht schlecht“ findet; deutsch ist das herzerquickende „Nur frisch, nur frisch gesungen, und Alles wird wieder gut“, echt deutsch das prächtige Lied „Der Frühling ist kommen, die Erde erwacht“, das wie fröhlicher Lerchenjubel klingt über grünenden Saaten.

Weitaus das schönste aller seiner Lieder dürfte aber „Schloß Boncourt“ sein. Es ist zugleich in mehrfacher Hinsicht für ihn selbst sehr bezeichnend. In dem „greisen“ Sänger steigt die Erinnerung auf an seine glückliche Kinderzeit: er sieht im Geiste das stolze Schloß seiner Ahnen mit seinen Thürmen und Zinnen, sieht all die lieben altbekannten Plätze –

„So stehst du, o Schloß meiner Väter,
Mir treu und fest in dem Sinn
Und bist von der Erde verschwunden –
Der Pflug geht über dich hin.“

Aber trotz der wehmüthigen Erinnerung an jene Zeit, die er mit all ihrem Glanze hat zu Grabe gehen sehen, trotz der leisen Trauer um das, was er selbst mit ihr verloren, segnet der Dichter voll Rührung und edler Milde den theuren Boden, daß er fruchtbar sein möge, segnet er zwiefach den Pflüger, der über die Stätte hin seine Furchen zieht. Hier zeigt sich so recht des Dichters großes, edles Herz; hier sehen wir auch, wie er, der gleichsam aus der alten Zeit in die neue herüberragt, dieser neuen, statt ihr zu zürnen, mit festem Blick und offenen Sinnes zugewandt ist, wie er dann sein tiefes Verständniß für das ruhige Fortschreiten der weltgeschichtlichen Entwickelung auch in seinem schönen Gedichte „Der alte Sänger“ deutlich kund giebt.

Dieses Gedicht führt uns zu den Balladen und poetischen Erzählungen. Trat uns in der Lyrik mehr Chamisso’s tiefes Gemüth und die zarte, oft fast weibliche Seite seines Wesens entgegen, so zeigt er sich hier vor Allem als ein männlich ernster, scharf ausgeprägter Charakter. Wir sehen in Chamisso einen Mann, der das Leben packt und mit besonderer Vorliebe gerade an seiner rauhen, ernsten Seite packt, seine Schattenseiten mehr als seine Lichtseiten sucht und poetisch zur Anschauung bringt. Ernst, ja fast düster sind viele seiner Gedichte. Ohne Zweifel hat Chamisso’s [51] Schicksal, das ihm schon in seiner Kindheit herbe Eindrücke die Fülle und auch in seinem späteren Leben mancherlei schmerzliche Erfahrungen gebracht, wesentlich diese Richtung mit bestimmt. Daher auch jene Herbigkeit und Bitterkeit, der scharfe, satirische Zug, den wir oft bei ihm finden, daher aber auch die tiefe psychologische Wahrheit, die erschütternde, überwältigende Kraft seiner Darstellung.

Die oft gerügte Vorliebe Chamisso’s für das Außergewöhnliche, besonders das außergewöhnlich Schreckliche, findet zudem, wie sein Biograph Hitzig hervorhebt, ihre Erklärung darin, daß er weit mehr als von „unserer europäisch-civilisirten Welt“ sich angezogen fühlte von Völkern und Kreisen, „wo es noch rohe Tugend und rohes Laster giebt“. Ueberdies, glaube ich, zeigt sich in diesem excentrisch-realistischen Zuge eine Spur von des Dichters angeborenem französischem Wesen, das auch sonst zuweilen als eigenthümlich lebendige, geist- und witzreiche Laune in seiner Poesie zu Tage tritt. Wohl ist er ein deutscher Dichter, aber wie er trotz seiner Gewandtheit im Deutschen doch zuweilen den Ausdruck suchen mußte, wie er in manchen Dingen von seiner Muttersprache nie losgekommen (so zählte er z. B. immer französisch), wie er, der sonst ohne besondere Veranlassung nie französisch sprach, in der Nacht vor seinem Tode beständig in dieser Sprache phantasirte, so verleugnet er auch in seinen Dichtungen nicht völlig sein französisches Blut. Die Behandlung solcher die Phantasie aufregenden, außergewöhnlichen Stoffe, wie sie z. B. „Die Löwenbraut“, „Der Invalide im Irrenhaus“, „Der Graf und der Leibeigene“, „Die Giftmischerin“ und andere zeigen, ist bei den Franzosen beliebt. Uebrigens zeigt, mit jenen verglichen, unser Dichter, der Deutschgewordene, fast durchweg tieferen sittlichen Gehalt. Manchmal erinnert er an Béranger, den er ja mit seinem Freunde Gaudy vortrefflich verdeutscht hat, wie denn, meine ich, z. B. das mit seinem grimmigen Proletariertrotze mächtig packende Gedicht „Der Bettler und sein Hund“, in’s Französische übersetzt, für ein Werk des berühmten chansonnier gelten könnte.

Wie unser Dichter – auch hierin den Franzosen ähnlich, aber auch hier von tieferer, edlerer Auffassung – es versteht, scheinbar der Poesie widerstrebende Stoffe aus dem täglichen Leben poetisch aufzufassen und zu verklären, zeigt das wunderschöne Gedicht von der „Alten Waschfrau“. In seinen ernsten Balladen läßt sich meist eine bestimmte sittliche Idee erkennen. Da zeigt er uns die Macht des schuldbeladenen Gewissens; da sehen wir die schändlichste Untreue und die freche Willkür des Gewaltigen; da führt er uns den schnöden Undank und die unersättliche Habsucht vor und ihre wohlverdiente Strafe. Neben solchen tiefernsten Gedichten begegnen wir in Chamisso’s Werken poetischen Fictionen, in denen des Dichters Satire in scheinbar harmlosem Gewande auftritt, wie unter Anderem in der „tragischen Geschichte“ vom Zopf, der „hinten hing“, in welchem überaus drolligen Liede das Zopf- und Philisterthum aller Art einen kräftigen Hieb erhält. Der wirklich harmlose Humor aber ist, von einigen Schnurren abgesehen, in Chamisso’s Gedichten selten. Anders in seinen zahlreichen Briefen. Da sehen wir oft den ernsten Mann harmlos lächeln und scherzen, wie denn auch nach Hitzig’s maßgebender Darstellung eine wahrhaft kindliche Unschuld und Reinheit ein Hauptgrundzug seines Wesens war.

Noch müssen wir der in Terzinen abgefaßten poetischen Erzählungen gedenken. Schaurig-düstere, ergreifende Stoffe sind es, die uns der Dichter in dieser höchst wirkungsvollen, von ihm meisterhaft behandelten Strophenform vorführt. Von allen diesen Gedichten ist das bei weitem bedeutendste „Salas y Gomez“, übrigens auch das Gedicht, welches Chamisso’s Ruhm in den weitesten Kreisen begründete. Da sehen wir auf nackter Klippe, auf die ihn aus dem vollsten Besitze irdischen Glückes heraus der Schiffbruch geworfen, einen Menschen, von aller Welt verlassen, allein mit seinem Schmerz, seiner Verzweiflung, seiner immer getäuschten und doch immer wieder auf’s Neue erwachenden Hoffnung. In die Platten des Schieferfelsens ritzt er seine Zeichen für jeden verflossenen Tag, jedes vollendete Jahr, bis er endlich, nachdem er das fünfzigste Jahreszeichen eingegraben, in müder Resignation abläßt, zu rechnen und zu hoffen. Noch einmal mit brechendem Auge sieht der Greis in ein Menschenantlitz, noch einmal hört er Menschenstimmen; er will sich noch aufrichten, will sprechen – „umsonst – er sinkt zurück; er hat gelebt“. Wo er so lange gelitten, da lassen, die ihn gefunden, seinen Leichnam liegen, mit sich aber nehmen sie, als des Todten Vermächtniß, die Schiefertafeln, auf denen er die Geschichte seines langen Lebens und Leidens verzeichnet hat. Das Grauen der Einsamkeit und des ewigen, öden Einerlei, das Ringen eines Menschenherzens zwischen Furcht und Hoffnung, das wilde Rasen der Verzweiflung und endlich die ruhige Ergebung in den unabänderlichen, höheren Willen, durch welche das Ganze einen versöhnenden Abschluß erhält – das alles ist hier in einer Darstellung voll tiefer psychologischer Wahrheit in erschütternder, großartiger Weise zum Ausdruck gebracht.

Chamisso ist eine durchaus eigenartige Erscheinung; nicht blos weil er, der Franzose, ein deutscher Nationaldichter geworden: eigenartig ist auch sein bewegtes Leben: eigenartig ist seine Poesie, in der die verschiedensten Elemente wunderbar sich mischen. Er läßt sich nicht zu anderen Dichtern gruppiren; er muß für sich betrachtet werden. Und wie sein Leben vollen Anspruch auf unsere Theilnahme hat, so müssen wir ihn selbst nicht nur hochachten als Charakter, wir müssen ihn auch lieb gewinnen, den ernsten Mann, mit den silbernen Locken und dem jugendfrischen Herzen, in dem die edelste Milde wohnt, ihn, der als Flüchtling zu uns gekommen und, Liebe mit Liebe lohnend, lebenslang mit ganzer Seele an seiner zweiten Heimath gehangen, der es verstanden, in unsere Sprache, in unser Wesen so ganz sich einzuleben, daß er uns in’s Herz hinein Weisen gesungen, die zum Schönsten gehören, was wir unser nennen.

Hermann Schults.

  1. Mit völliger Gewißheit läßt sich der Geburtstag nicht feststellen; am meisten Wahrscheinlichkeit hat der 30. für sich, welches Datum auch des Dichters Grabstein trägt. Nach einer Mittheilung seines in Berlin lebenden Sohnes, der mit dankenswerther Freundlichkeit dem Verfasser auf einige Anfragen Bescheid ertheilte, giebt Chamisso selbst in einem französischen Briefe an seine Verwandten in Paris den 20. Januar als seinen Geburtstag an, während er in seinem Reisetagebuche erwähnt, daß am 31. (1816) an Bord des „Rurik“ sein „Geburtstag oder vielmehr Tauftag“ gefeiert worden sei, und dazu die humoristische Bemerkung macht: „Wann und ob ich überhaupt geboren, ist im Documente nicht verzeichnet; Zeugen sind nicht mehr zu beschaffen, und es streitet nur die Wahrscheinlichkeit dafür.“ – (Wie Karl Fulda in seinem soeben erschienenen sehr beachtenswerthen Buche: „Chamisso und seine Zeit“ (Leipzig 1881) berichtet, war der genannte Brief an Adelbert’s Bruder Hippolyt gerichtet, in welchem Werke sich überdies höchst interessante neue Mittheilungen aus dem Leben Chamisso’s befinden. D. Red.)