ADB:Wenzig, Josef

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Artikel „Wenzig, Josef“ von Adolf Hauffen in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 41 (1896), S. 739–740, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wenzig,_Josef&oldid=- (Version vom 25. Februar 2020, 10:45 Uhr UTC)
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Wenzig: Josef W., deutscher und czechischer Dichter, pädagogischer Schriftsteller, Schulmann und Parlamentarier. Geboren am 18. Januar 1807 zu Prag, wo er sein ganzes Leben verbrachte. Seine Jugend und seine erste litterarische Thätigkeit fällt in eine Zeit, da die beiden Volksstämme Böhmens noch friedlich miteinander wirkten und der nationale Hader noch nicht, wie es später [740] der Fall sein sollte, eine vollständige gesellschaftliche Scheidung herbeiführte. So stand W. in freundschaftlichem Verkehre mit hervorragenden Vertretern der deutschen, wie der czechischen Litteratur, mit Egon Ebert einerseits, mit Celakowsky, Jungmann u. s. w. anderseits. Durch seine Abstammung und seinen Umgang beiden Nationen gleichmäßig angehörend, war er wie berufen zum litterarischen Dolmetsch. Er trat auch zuerst mit großentheils formgewandten und wohlklingenden Uebersetzungen czechischer und anderer slavischer Dichtungen in die Oeffentlichkeit. Mehrfach aufgelegt wurden die von ihm übersetzten „Slavischen Volkslieder“ (Halle 1830, später wiederholt in anderem Zusammenhange, zuletzt in der „Bibliothek slavischer Poesien“, Bd. 1, Prag 1876). Verwandte Veröffentlichungen sind: „Blüthen neuböhmischer Poesie“ (Prag 1833); „Blumenlese aus der böhmischen Kunst- und Naturpoesie“ (Prag 1854); „Westslavischer Märchenschatz“ (hier auch Lieder mit Melodien, Sprüchwörter und anderes. Leipzig 1857) und gelegentliche Berichte und Proben aus der czechischen Litteratur. Diese liebenswürdigste Seite seines Wirkens allein gibt ihm das Anrecht auf einen Platz in der A. D. B., denn nach seinem übrigen Auftreten kann er nicht als deutsch gesinnter (wenn auch deutsch schreibender) Schriftsteller aufgefaßt werden. Als Pädagog und Politiker hat er geradezu dem Deutschthum in Böhmen die tiefste Wunde geschlagen. Im J. 1834 wurde W. zum Professor der deutschen Sprache und Geographie an der ständischen Realschule in Prag ernannt, veröffentlichte in dieser Stellung geographische Lehrbücher, Schilderungen seiner Heimath (so „Die Umgebung Prags“, Prag 1857; „Der Böhmerwald, Natur und Mensch“, gemeinschaftlich mit Krejči, Prag 1860), historische und litterarhistorische Programmarbeiten. Seit dem Jahre 1848 begann er mit Wort und Schrift immer eifriger für die Czechisirung des damals zum größten Theile deutschen Schulwesens in Böhmen einzutreten. Er setzte es durch, daß in Prag die erste czechische Realschule errichtet und er 1853 zu deren Director ernannt wurde. Als Prager Stadtverordneter bewirkte er 1861 die Einführung des Czechischen als Unterrichtssprache in die Elementarschulen der Landeshauptstadt, im Landtage beantragte er das Jahr darnach das Gesetz der sprachlichen Gleichberechtigung für die Mittelschulen Böhmens, das sich später für die Deutschen als ein unerträgliches (inzwischen 1868 wieder aufgehobenes) Sprachenzwangsgesetz enthüllte. Auch als czechischer Schriftsteller entfaltete W. eine überaus fruchtbare und vielseitige Thätigkeit. Neben pädagogischen, politischen und historischen Schriften und Aufsätzen, schrieb er zahlreiche Gelegenheits- und Festgedichte, Dramen, Lustspiele, Possen und Librettos (so zu den bekannten Opern „Dalibor“ und „Libussa“ von Smetana). Mehrere seiner Schriften erschienen gleichzeitig in beiden Landessprachen. Nach längerem Ruhestande starb W. zu Turnau in Nordböhmen am 28. August 1876.

C. v. Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Bd. 55, 25–30. (Mit reichhaltigem, doch nicht ganz vollständigem Schriftenverzeichniß und ungenauem Todesdatum). – Vgl. Nekrologe in der Bohemia (1876, 29. August), Politik (28. August). – Außerdem Otto Banck im Dresdner Journal 1857, 11–13. – Urbanek, Wenzig, Životopisný nástín, Prag 1872, u. a.