ADB:Vaerst, Friedrich Christian Eugen Freiherr von

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Vaerst, Friedrich Christian Eugen Freiherr von“ von Max Hippe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 455–456, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Vaerst,_Friedrich_Christian_Eugen_Freiherr_von&oldid=- (Version vom 30. Oktober 2020, 10:46 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Vadder, Lodewyk de
Nächster>>>
Vaet, Jacob
Band 39 (1895), S. 455–456 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Eugen von Vaerst in der Wikipedia
GND-Nummer 117325015
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|39|455|456|Vaerst, Friedrich Christian Eugen Freiherr von|Max Hippe|ADB:Vaerst, Friedrich Christian Eugen Freiherr von}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117325015}}    

Vaerst: Friedrich Christian Eugen Freiherr v. V., Schriftsteller, ward geboren am 10. April 1792 zu Wesel als Sohn eines Officiers, mütterlicherseits als Enkel des Generallieutenants v. Wolframsdorf. Seine in Wesel begonnene Schulbildung ward in Baireuth fortgesetzt, wo V. zu Jean Paul in nahe Beziehungen trat, die ihn später noch manchmal in das Haus des Dichters zurückführten. Nachdem V. seine weitere Erziehung und Schulbildung im Cadettencorps zu Berlin genossen hatte, trat er in das stehende Heer ein. Er kam 1810 zu dem damaligen 2. westpreußischen Infanterie-Regiment nach Breslau und ward im folgenden Jahre zum Officier befördert. Seine militärische Laufbahn war kurz, aber inhaltreich. Er nahm nicht nur in dem unter dem Befehle des Generals York stehenden preußischen Hilfscorps 1812 an dem russischen Feldzuge Theil, sondern kämpfte auch in den Freiheitskriegen mit und ward für seine außerordentliche, in den Feldzügen von 1813–15 bewährte Tüchtigkeit durch hohe Ordensauszeichnungen, sowie durch Versetzung in die Garde belohnt. Trotzdem nahm er bereits 1818 mit dem Charakter eines Capitäns seinen Abschied, nachdem er schon vorher einen längeren Urlaub zur Fortsetzung seiner Studien benutzt hatte. Die folgenden Jahre, während welcher er seinen Aufenthalt mehrfach wechselte, brachten ihn an verschiedenen Orten mit den litterarischen Kreisen seiner Zeit in enge Berührung. In Berlin genoß er die Freundschaft E. T. A. Hoffmann’s, während er sich im Anfang der zwanziger Jahre zu Breslau an Männer wie Holtei, Schall, K. Witte anschloß. Aus den Anregungen, die er hier erhielt, ist seine erste litterarische Leistung, eine Reihe formvollendeter Sonette, hervorgegangen, die er zusammen mit denjenigen zweier Freunde 1825 drucken ließ. („Hundert Sonette von Eugen Baron v. Vaerst und zwei Freunden“, Breslau 1825.) Auch in Weimar, wo ihm die Wege durch Empfehlungen Jean Paul’s geebnet waren, knüpfte er Beziehungen an. 1825 sicherte er sich Mitbesitz und Mitredaction der „Breslauer Zeitung“, ließ sich aber hierdurch nicht an Breslau fesseln; vielmehr benutzte er die folgenden Jahre zu ausgedehnten Reisen im westlichen Europa. Nach einjährigem Aufenthalt in Dänemark besuchte er Paris, kam nach England, Holland und hätte vielleicht in Italien, wo er drei Jahre lang lebte, sich für immer niedergelassen, wenn nicht die Rücksicht auf seine betagte Mutter ihn 1830 in die Heimath gerufen hätte. Im folgenden Jahre veröffentlichte er eine politische Flugschrift „Politisches Neujahrsgeschenk“, Breslau 1831. Bald aber führten ihn alte Beziehungen von neuem nach Paris, wo er, mit großartigen, schon früher begonnenen Börsenspeculationen beschäftigt, nunmehr einige Jahre verblieb. „Mancherlei Erlebnisse aus jener Zeit hat er in seiner Cavalier-Perspective („Cavalier-Perspective. Handbuch für angehende Verschwender vom Chevalier de Lelly“, Leipzig 1836) niedergelegt, einem Buche, in welchem ein Epicuräismus geltend gemacht wird, der als das höchste Gut materiellen Besitz und eine genußreiche Lebensweise zu betrachten scheint, wobei der Verfasser nicht selten mit satirischer Laune mehrfache Gebrechen der Gegenwart aufdeckt.“ Nach Schall’s Tode kehrte V. 1834 nach Deutschland zurück, um gewisse Schwierigkeiten, die sich hinsichtlich seines Verhältnisses zur Breslauer Zeitung ergeben hatten, zu ordnen, ging aber nach einiger Zeit wieder auf Reisen, und zwar zunächst nach [456] England. Anfang 1838 besuchte er von Paris aus die baskischen Provinzen und hielt sich eine Zeit lang im karlistischen Hauptquartier, in der nächsten Umgebung des spanischen Thronprätendenten aus, der ihm Gunst und Vertrauen schenkte und es sich mit seinen Anhängern gerne gefallen ließ, daß man den deutschen Journalisten als diplomatischen Agenten einer europäischen Großmacht betrachtete. Doch hatte die Reise durchaus nicht, wie ein Theil der französischen und deutschen Presse annahm, irgend welchen amtlichen Charakter. Nur eine Mission des Herzens hatte V., wie er selbst sagt, zu Don Carlos geführt, um von hier aus durch seine von den gelesensten französischen, englischen und deutschen Zeitungen aufgenommenen Berichte das Publicum über die politische Lage in Spanien sachgemäß zu unterrichten. Im Jahre 1840 übernahm V. die Leitung des Breslauer Theaters, von der er jedoch, durch Gesundheitsrücksichten genöthigt, schon 1847 zurücktrat. Er zog sich nach Herrendorf bei Soldin auf das Gut seines Bruders zurück, wo er, von schweren körperlichen Gebrechen heimgesucht, am 16. September 1855 starb. Aus dieser letzten unglücklichen Periode seines Lebens stammen noch zwei Publicationen, die, wie alles, was er geschrieben, den Stempel eines vornehmen, vielseitig gebildeten und viel erfahrenen Geistes tragen: 1. „Die Pyrenäen“ (2 Bände, Breslau 1847), eine durch umfängliche historische und politische Excurse erweiterte Schilderung seiner wiederholten Reisen nach Südfrankreich und den baskischen Provinzen; 2. „Gastrosophie oder die Lehre von den Freuden der Tafel“ (2 Bände, Leipzig 1851), eine Sammlung geistreicher, sehr interessante historische Notizen enthaltender Aufsätze über unsere Nahrungsmittel und Getränke.