ADB:Steigentesch, August Ernst Freiherr von

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Artikel „Steigentesch, August Ernst Freiherr von“ von Friedrich Brandes in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 35 (1893), S. 577–580, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Steigentesch,_August_Ernst_Freiherr_von&oldid=- (Version vom 26. Februar 2020, 11:17 Uhr UTC)
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Band 35 (1893), S. 577–580 (Quelle).
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Steigentesch: August Ernst Freiherr v. St., Dichter und Diplomat, wurde geboren am 12. Januar 1774 zu Hildesheim. Von seinen (ursprünglich in der Schweiz und in Tirol ansässigen Vorfahren) war sein Großvater, Konrad St., geboren 1744 zu Constanz, gestorben 1779 in Wien, bekannt als beliebter Komiker und Charakterdarsteller am Wiener Hoftheater, für das er drei Lustspiele nach dem Englischen und Französischen (vgl. „Neues Wiener Theater“) bearbeitete. Steigentesch’s Vater, Andreas St., stand in Diensten des Fürstbischofs von Hildesheim, war dann beim Reichskammergericht in Wetzlar angestellt, wurde 1788 in den Reichsadelstand erhoben und starb als kurmainzischer Directorialgesandter in Regensburg. Nach einer sorgfältigen Erziehung trat S. 1789 in österreichische Kriegsdienste und wußte sich durch Kenntnisse und gewandtes Benehmen so zu empfehlen, daß er ungewöhnlich schnell avancirte und bald im diplomatischen Dienste verwendet wurde. So war er bereits 1804 Stabsofficier und ging in diesem Jahre in diplomatischer Sendung zum damaligen Landgrafen von Hessen-Kassel, ebenso vor Ausbruch des Krieges von 1809 an den preußischen Hof in Königsberg und noch in demselben Jahre an den russischen. Nach dem Kriege verließ er die Armee und war hauptsächlich mit litterarischen Arbeiten beschäftigt. Die Frucht eingehender kriegsgeschichtlicher und theoretischer [578] Studien hatte er bereits 1807 in einem Aufsatz über „Stehende Heere und Landwehr“ (in der „Minerva“, herausgegeben von Archenholz) geboten. Außer schöngeistigen Arbeiten widmete St. jetzt den Kriegsvorkommnissen und besonders der Frage über Volksbewaffnung warme Theilnahme, kehrte 1813, als Jedermann zu den Waffen griff, zur Armee zurück und wurde Generaladjutant des Feldmarschalls Fürsten von Schwarzenberg. Als solcher verstand er es, die Aufmerksamkeit des Fürsten Metternich auf sich zu lenken und wurde nun mit verschiedenen wichtigen Missionen betraut. 1814 ging er nach Norwegen, um dieses dem König von Schweden zu übergeben, war dann während des Wiener Congresses Generaladjutant des Königs von Dänemark und wurde später kaiserl. königl. Gesandter am dänischen Hofe in Kopenhagen. In dieser Zeit erschien die „Correspondance inédite de Napoléon“, in welcher der westfälische Gesandte Baron v. Linden diplomatische Ungeschicklichkeiten Steigentesch’s während seines Aufenthalts am preußischen Hof in Königsberg (1809) aufdeckte und vor allem ausdrücklich betonte, daß er zur Kenntniß verschiedener wichtiger Einzelheiten durch den Leichtsinn des österreichischen Unterhändlers St. gelangt sei. Steigentesch’s Vertheidigung auf diesen Vorwurf soll auf höheren Befehl unterblieben sein. Noch immer Günstling Metternich’s ging er während der „Hundert Tage“ mit dem Freiherrn Senfft v. Pilsach in die Schweiz, die als Hauptbasis der Operationslinie dienen sollte, und erhielt darauf vom Kaiser als Anerkennung das Commandeurkreuz des Leopoldordens. Nach dem Feldzuge begleitete er auf kaiserlichen Befehl den Kaiser Alexander, der ihn außerordentlich begünstigte, nach Petersburg und kehrte, durch zahlreiche Auszeichnungen geehrt, 1816 als General nach Wien zurück, wo er zum Wirkl. Geh. Rath und Generalmajor ernannt wurde. Im Jahre 1818 war St. Bevollmächtigter beim Bundesmilitär-Comité in Frankfurt und sollte 1820 als österreichischer Gesandter nach Turin gehen, woran ihn jedoch sein wankender Gesundheitszustand hinderte. Nach einer Erholungsreise durch Frankreich und Italien, die er in den durch satirische Sittenschilderungen und geistvolle Culturcharakteristiken ausgezeichneten „Mittheilungen aus dem Tagebuche eines Reisenden in den Jahren 1821 und 22“ (Leipzig 1824, ohne Namen) beschrieb, wurde St. noch einige Male mit diplomatischen Aufträgen (Gratulation zur Vermählung des Kronprinzen von Preußen u. a.) betraut, mußte sich aber bald, durch bedenkliche Anzeichen der Wassersucht genöthigt, von allem öffentlichen Wirken zurückziehen, bewohnte im Sommer meist sein Landhaus Laa bei Wien und starb am 30. December 1826.

St. ist eine der interessantesten Figuren des beginnenden 19. Jahrhunderts, in fast jeder Beziehung ein Product des napoleonisch-metternichischen Zeitalters. Ein Mann von seltener Schönheit, geistig wie gesellschaftlich hochbegabt, sorgfältig erzogen, in der Wissenschaft ein feingebildeter Laie, erfahren in allen Künsten der Conduite, ein virtuoser Lebemann, „ein Schmecker ohnegleichen“, dem gastronomische Genüsse über Alles gingen („Des Menschen Schicksal ist sein Magen!“), verstand er es, die Verhältnisse mit bewundernswerther Gewandtheit auszunützen und Jeden, der mit ihm in Berührung kam, für sich einzunehmen. So erklären sich seine außerordentliche Beliebtheit und die Erfolge am Wiener, am Kopenhagener und Petersburger Hofe, trotz der Calamität in Königsberg und trotz der allgemeinen, öffentlich bezeugten Geringschätzung seiner diplomatischen und militärischen Talente. Ein halber Abenteurer, dabei fast redlich und ehrenhaft, mit großer Dosis Leichtsinn versehen, aber ein gewissenhafter Cavalier, der sich auf Etikette wie selten einer verstand, mit ziemlich lockerer Moral, aber ohne moralischen Makel, vor allem ehrgeizig, aber bequem und sorglos, hatte St. seinen rühmenswerthen wie schlechten Eigenschaften die glänzendste Laufbahn zu verdanken. Durch Glück und Geschick im Spiel gewann [579] er ein beträchtliches Vermögen und vergrößerte es durch Heirath mit einem Fräulein v. Zwierlein († 1816), die er dann ohne gerichtliche Scheidung wegen körperlicher Reizlosigkeit von sich stieß, ohne den Verkehr, der ihm pecuniäre Vortheile brachte, ganz abzubrechen.

Auch in Steigentesch’s schriftstellerischem Auftreten machten sich die geschilderten Vorzüge und Unarten geltend. Es ist keine Frage, daß er einer unserer besten Lustspieldichter hätte werden können, wenn er weniger oberflächlich an seine Aufgaben gegangen wäre, wenn seinem Schaffenstriebe weniger das laienhafte Vornehmthun und eine raffinirte Amusementssucht um jeden Preis, als vielmehr die naive Freude und der sittliche Ernst des wahren Dichters zu Grunde gelegen hätte. Oft hat man das Gefühl, als ob der galante Hofmann sich des Poetennamens schämte und keinesfalls mit dem berufsmäßigen Dichtertroß zusammengewürfelt werden möchte. Sein Hauptbestreben ist, den gesellschaftlich erhabenen, distinguirten Lebemann herauszukehren, von oben herab zu witzeln und zu spötteln, nicht ohne pikant-mephistophelische Anwandlungen mit Behagen und in oft harmloser Form zu bieten. Daß St., ein ungemein klarer Kopf, dem Mutterwitz und Phantasie überreich eigen waren, vom dramatischen besonders dem komischen Schaffen eine weit höhere Auffassung hatte, als die hochgefeierten Kotzebue und Genossen, daß die Schule der Classiker auf seine künstlerische Einsicht günstige Wirkung ausgeübt hatte, beweisen seine trefflichen Aufsätze „Umrisse der Geschichte des Lustspiels“ und „Ueber das deutsche Lustspiel“, in denen er gegen die unsinnige Sentimentalität der Rührstücke, gegen die philiströsen Gevatterstücke und den tölpelhaften Witz der bürgerlichen Komödie scharf zu Felde zog. Die Aufgabe des dramatischen Dichters sei, das Leben in seiner vollen Wahrheit zu erfassen und in künstlerischer Weise vorzuführen, nicht aber moralische Salbaderei und carikirte Gefühle in unmöglichen Situationen zu bieten, wie es meist zur Zeit (theils in der Reaction, theils in der verkehrten Nachahmung des Classicismus) der Fall sei. Steigentesch’s Lustspielen selbst ist zum Theil das Verdienst zuzuschreiben, zur Reinigung des Theaters von den genannten Gebrechen und deren Wortführern, sowie zur Läuterung des Geschmacks, selbst der Technik, wesentlich beigetragen zu haben. Eine Zeit lang hat er außerordentliche Triumphe gefeiert und allgemeine Anerkennung gefunden. Wie hoch er als Lustspieldichter geschätzt war, erweisen manche gewichtige Stimmen tonangebender Dramaturgen und Kritiker. Börne sagt in einer Recension des Lustspiels „Die Entdeckung“ (Gesammelte Schriften, 2. Aufl., Hamburg 1835, 1. Theil, S. 94): „Den Lustspielen des Herrn v. Steigentesch stehen keine zur Seite, wenige nahe. Die Grazie der Lust, die nur lächelt, nicht lacht; die nur lispelt, nicht aufschreit; die verführt, nicht Gewalt gebraucht – dieses Aufbrausen der Empfindung, das Perlen eines Champagnerglases, nicht das Schäumen eines Bierkessels – diesen zarten Spott, der nur neckt, nicht verletzt, nur droht, nicht trifft – diesen schimmernden, dahin flatternden Witz, der wie ein Schmetterling den Honig der Blumen nur saugt, nicht zu klebendem Wachse festknetet u. s. w., wo findet man dieses alles sonst noch bei den deutschen Lustspiel-Dichtern?“ Bedenkt man, daß, abgesehen von vereinzelten Versuchen, das deutsche Lustspiel noch ganz in den Kinderschuhen steckte, so wird man über die ungeheuchelte Verzückung des meist unzufriedenen Börne nicht verwundert sein. Ja, ohne mit Wurzbach’s allzu wohlwollender Werthschätzung des Dichters übereinzustimmen, könnte man der Auffrischung einiger besserer Stücke Steigentesch’s das Wort reden. Was seinem dramatischen, sowie überhaupt dichterischen Schaffen mangelte, ist schnell zu übersehen aus der kurzen Inhaltsangabe der Hauptwerke in Menzel’s „Geschichte der deutschen Dichtung“ (neue Ausgabe, Leipzig 1875, II, 560. 561), der Menzel die wenigen, treffend charakterisierenden Worte [580] voransetzt: „Wieland’s geistvollster Nachahmer in Wien war Herr v. Steigentesch. Er schrieb Gedichte, Schauspiele, Erzählungen und Romane, die alle den Weltmann verrathen, der an die leichtesten Sitten gewöhnt ist.“ Steigentesch’s Schriften, die Quellen zu seiner Biographie u. a. sind vorzüglich zusammengestellt bei Constant v. Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich XXXVIII, Wien 1879; vgl. außerdem den dort nicht erwähnten Neuen Nekrolog der Deutschen, IV. Jahrg., 1826 Nr. LXXI; Koberstein 5IV, 413, 421, V, 415. 472. 474 (mit falschem Vornamen).