ADB:Reusche, Theodor

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Artikel „Reusche, Theodor“ von Alwill Raeder in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 799–801, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reusche,_Theodor&oldid=- (Version vom 19. September 2020, 12:21 Uhr UTC)
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Reusche *): Theodor R., Schauspieler, geb. am 11. Jan. 1826 in Hamburg, † am 12. August 1881 in Mondsee, war der Sohn eines angesehenen Arztes in Hamburg und sollte, nachdem zwei seiner Brüder bereits den Beruf des Vaters ergriffen hatten, für den Kaufmannstand sich ausbilden. Aber den Knaben hatte das reiche Bühnenleben der Vaterstadt schon so mächtig angelockt, daß er die Ausbildung künstlerischer Neigungen dem bürgerlichen Berufe vorzog. Er widmete sich, allerdings im Widerspruche mit dem Willen seines Vaters, der dramatischen Kunst und betrat, 22 Jahr alt, am 21. October 1848 in Schleswig zum ersten Male ein öffentliches Theater und zwar als Kurmärker in dem patriotischen Genrebild von Louis Schneider. Er debütirte nicht glücklich und auch seine späteren Versuche im Liebhaberfache waren erfolglos. Sein damaliger Director Engelhardt sprach ihm alles Talent ab. R. war entmuthigt, verzagte aber nicht, und zog lieber Entbehrungen vor, als daß er nach dem wohlhabenden Vaterhause zurückgekehrt wäre. Etwa vier Jahre lang zog er von einer kleinen Bühnen zur andern. Rostock, Erfurt, Kopenhagen, Kiel waren seine Hauptstationen. Erst als er 1853 nach Posen zum Director Franz Wallner kam, ging sein Stern auf. Wallner bemerkte seine Fähigkeiten für das komische Fach, namentlich für das charakterkomische und wußte das neuentdeckte Talent sehr zweckmäßig zu verwerthen. Schon damals in Posen wirkte er mit Helmerding zusammen. Wallner siedelte 1855 nach Berlin über, um das unter Rudolf Cerf in die Brüche gehende Königstädtische Theater in der Blumenstraße wieder flott zu machen. Das Posener Personal, darunter R., folgte dem erfahrenen Bühnenleiter nach der preußischen Hauptstadt und hier entwickelte sich nun im Zusammenhang mit dem Aufschwunge, welchen die Berliner Posse und das Volksstück unter Wallner und seinen Leuten nehmen sollte, das Talent Reusche’s zu einer so scharf ausgeprägten Individualität, daß nachgerade sein Name typisch für das Rollenfach wurde. Mit einer kurzen Zeitunterbrechung, in welcher der [800] zu immer größerer Beliebtheit gelangende Charakterkomiker an dem neugegründeten Victoriatheater in Berlin unter Cerf thätig war, gehörte er ausschließlich in Berlin dem Theaterunternehmen Wallner’s an, und bildete bis 1872 eine Hauptanziehungskraft des Wallnertheaters. Der stramme Hamburger – R. war von hoher, kräftiger Gestalt und volksthümlich militärische Rollen von preußischer Festigkeit und Gradheit erhielten durch ihn immer eine sehr nachhaltige und volksthümliche Wirkung – hatte sich dem Berliner Wesen vorzüglich assimilirt. Das Wort, die Rede glitt ihm rasch und kurz von den Lippen; er konnte scharf, schneidig sein, aber auch gemüthvoll und voller Herzenswärme. Im Vortrag der Couplets wußte er namentlich patriotischen Strophen eine packende Wirkung zu sichern. Aus jener Blüthezeit der Berliner Posse dürften dem zeitgenössischen Geschlechte viele Rollen Reusche’s in heiterer Erinnerung bleiben, z. B. Rosenkranz im „Goldonkel“, der Handelsjude Isaak Stern in „Einer von uns’re Leut’“, „Bruder Liederlich“, der Tambourmajor aus „Berlin wird Weltstadt“, Ferdinand in „Berlin wie es weint und lacht“, Herr Zademack in „Elzevir“, der Invalide mit dem Leierkasten in der „Spitzenkönigin“, Kieselack in „Kieselack und seine Nichte“. So fest nun Reusche’s Erfolge durch Jahre hindurch im Boden des Berlinerthums, der Berliner Posse und des Volksstücks wurzelten, so entschloß sich der beliebte Künstler dennoch, dieses locale Feld eines Tages aufzugeben. R. war ehrgeizig, und dem Lockruf eines Laube, der in Wien das Stadttheater gegründet und das Talent des „Berlinischen“ Charakterkomikers als ein weit expansiveres erkannt hatte, konnte er um so weniger widerstehen, als er selbst die Ueberzeugung von dem nahen Ende der classischen Berliner Possenepoche hegte. Der Grundton des Reusche’schen Humors war allerdings niemals die phantastische Ausgelassenheit oder witzige Inspiration gewesen, er neigte weit mehr zum Gemüthvollen und auch Rührenden und so gelang es unter Führung Laube’s sehr bald, den „Berliner“ Komiker zu einem der beliebtesten Charakterkomiker am Wiener Stadttheater zu machen. Schon sein Debüt im Moser’s „Stiftungsfest“ hatte ein günstiges Vorurtheil erweckt und die weiteren Rollen brachten manche für den in einem festorganisirten Ensemble sich einfügenden Charakterkomiker noch sehr ehrenvolle Erfolge. Der Bankier in Lindau’s „Maria und Magdalena“, der Rentier Soda in Laube’s „Böse Zungen“, Hirsch in „Heinrich Heine“ von Mels etc. erfuhren die günstigste Beurtheilung und reichen Beifall. Laube selbst widmet dem Künstler in seinem Buche: „Das Wiener Stadttheater“ manche Worte schöner Anerkennung, muß aber zugleich bemerken, daß die „Angewöhnung“ aus der früheren langen Beschäftigung als Possenkomiker manche tadelnswerthe Gedächtnißfehler zur Folge gehabt hätte. Wie hoch R. damals in Wien geschätzt wurde, beweist am besten der Umstand, daß Dingelstedt als Director des Burgtheaters wegen des Besitzes dieser komischen Kraft auf seinen Rivalen vom Stadttheater eifersüchtig wurde und sie ihm wegfing, ohne dann sich für die Individualität des Künstlers irgendwie zu interessiren. Reusche’s höchster Ehrgeiz war mit dieser neuen Stellung äußerlich gewiß befriedigt, aber gleichwol brachte das Engagement am Burgtheater dem Künstler kein Glück. Am 19. August 1875 war R. z. E. im Burgtheater aufgetreten (im „Vetter“ von Benedix und in dem Lustspiel „Freundschaftsdienst“). Freundlicher Beifall hatte ihn begleitet, aber kein rauschender, und um so mehr glaubte Dingelstedt Grund haben zu müssen, R. selten zu beschäftigen. Im „Veilchenfresser“, auch als Landwehrmann Schulze im Kurmärker bei einer Wohlthätigkeitsvorstellung durfte er noch größere Wirkungen erzielen. Aber neben dem inzwischen auch verstorbenen Karl Meixner kam er nicht auf. Er fühlte sich zurückgesetzt, seine Lage unbefriedigt, bis ein grausames Schicksal ihn ereilte. R. hatte mit seiner Familie im Sommer 1881 Erholung auf seiner [801] Villa in Mondsee gesucht. Am 12. August dieses Jahres verunglückte der Künstler durch einen Zusammenbruch des in zweiter Stockhöhe befindlichen Balcons, auf dem er das Frühstück einnahm. Die Gehirnerschütterung zog den Tod nach sich. Die Bestattung des in der gesammten Künstlerwelt tief betrauerten Mannes fand unter größter Theilnahme in Attersee statt. R. hinterließ das Andenken eines ebenso heiteren und gemüthvollen Darstellers, wie trefflichen Menschen. Mitte der sechziger Jahre hatte er sich mit einer reichen Wittwe aus Stettin verheirathet.


[799] *) Zu S. 296.