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Artikel „Ramsay, Karl Aloys“ von Paul Mitzschke in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 53 (1907), S. 194–195, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ramsay,_Karl_Aloys&oldid=- (Version vom 13. Dezember 2019, 16:49 Uhr UTC)
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Ramsay: Karl Aloys (hierfür fälschlich auch Albert oder Louis genannt) Ramsay, Arzt, Chemiker und Stenograph in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, war ein Mitglied des schottischen Zweiges der Familie, lebte aber meist in Deutschland und Frankreich; seine behauptete Zugehörigkeit zu den nach Elbing ausgewanderten Ramsays läßt sich nicht nachweisen. Er übersetzte zwei chemische Abhandlungen des kursächsischen Hofalchymisten Johannes Kunkel aus dem Deutschen ins Lateinische, die 1678 zuerst in London und Rotterdam erschienen und dann wiederholt neu aufgelegt wurden. Ramsay’s litterarisches Hauptverdienst liegt aber in den Bemühungen, die Kurzschrift, die damals in England schon weit verbreitet war, auch auf dem europäischen Continente bekannt zu machen. Seinen Uebertragungen legte er das englische Stenographiesystem von Shelton zu Grunde, ohne es jedoch sklavisch nachzuahmen. Im J. 1678 entstanden seine stenographischen Methoden für die lateinische, die deutsche, die französische und die italienische Sprache. Die zuletzt genannte Arbeit ist verloren gegangen, vielleicht nie im Druck erschienen.

Seine lateinische und seine deutsche „Tacheographia“ ließ R. noch im Herbst 1678 anonym in Frankfurt a. M. erscheinen, nachdem er in der dortigen „Wöchentlichen Post-Zeitung“ durch eine Vorankündigung auf die kommende Herausgabe hingewiesen hatte. Die deutsche Tacheographia ist das erste Erzeugniß stenographischer Litteratur in Deutschland; als deutsche Ausdrücke für den Gegenstand prägte R. die Wörter „Geschwinde Schreibkunst“, „Geschwinde Schreibart“ und „Geschwindschreiben“. Sein Büchlein wurde sogleich 1678 von dem Dresdener Philologen Daniel Hartnach ausgeschrieben, außerdem in den nächsten Jahren wiederholt unerlaubt nachgedruckt, besonders von dem Dresdener Buchhändler Mieth in dessen „Curiosem Schreiber“ (zuletzt 1712), während der Verfasser selbst nur 1679 eine weitere Ausgabe als „New vermehrte Tacheographia“ unter Nennung seines Namens in Leipzig erscheinen ließ. Nach langer Pause gab der Leipziger Buchhändler Geßner 1743 einen vermehrten Neudruck der deutschen Tacheographia heraus, der dann bis 1792 noch acht Mal, zumeist als Bestandtheil von Chr. E. Schröter’s „Allzeit fertigem Briefsteller“ im gleichen Verlag erschien. Einen wohlgelungenen anastatischen Neudruck der Originalausgaben von 1678 und 1679 veranstaltete im J. 1904 der Akademische Stenographenverein nach Stolze-Schrey zu Berlin. Die französische Tacheographia, die vermuthlich auch schon 1678 zuerst veröffentlicht wurde, kam mit einem Privilegium Ludwig’s XIV. von 1681 bis 1693 noch fünf Mal in Paris heraus, die lateinische aber erlebte nur zwei neue Titelauflagen 1681 und 1684 und ist 1904 ebenfalls von dem Akademischen Stenographenverein nach Stolze-Schrey zu Berlin durch schönen anastatischen Neudruck wieder zugänglicher gemacht worden.

Trotz dieser vielen Auflagen kann Ramsay’s System nur wenig Anhänger und Benutzer gewonnen haben. In Deutschland fanden seine nächsten Nachfolger Mosengeil und Horstig bei ihrem stenographischen Auftreten 1796 und 1797 noch ganz unbebautes Feld vor, und das einzige Zeugniß für eine [195] Verwendung der deutschen Tacheographia bildet das in der Kieler Universitätsbibliothek vorhandene Exemplar der Ausgabe von etwa 1750, worin ein Ungenannter am 18. Mai 1761 handschriftliche Zusätze zur Fortbildung des Systems angebracht hat. Die französische Tacheographia scheint zur Nachschrift der Fastenpredigten („petit carême“) benutzt worden zu sein, die der nachmalige Bischof von Clermont J. B. Massillon 1718 für den unmündigen König Ludwig XV. gehalten hat. Das lateinische System Ramsay’s fand einen tüchtigen Kenner und Praktiker in dem berühmten Gerhard van Swieten, der damit in Leiden von 1716 an Vorträge seines Lehrers und Freundes Hermann Boerhave stenographirte und später als Mitglied und Vorsitzender der Kaiserlichen Büchercensurcommission in Wien 1759 bis 1770 seine lateinischen Urtheile über Erscheinungen der medicinischen, naturwissenschaftlichen und vermischten Litteratur stenographisch abfaßte und fortlaufend in einen großen Band „Supplementum librorum prohibitorum“ eintrug. Die kaiserliche-königliche Hofbibliothek zu Wien verwahrt unter Nr. 11 934 diese Originalhandschrift, die 518 Folioblätter zählt und das umfangreichste stenographische Schriftstück früherer Jahrhunderte darstellt; eine Herausgabe in Lichtdruck mit Uebertragung plant Professor E. C. van Leersum in Leiden.

A. Junge, Die Vorgeschichte der Stenographie in Deutschland während des 17. und 18. Jahrhunderts (Leipzig 1890), S. 61–110 u. 120–121. – J. Zeibig u. H. Krieg, im „Panstenographikon“ I, S. 251–278. – H. Moser, Allgemeine Geschichte der Stenographie I, S. 98–104. – C. Dewischheit, Ramsay’s Verfahren, im „Schriftwart“, (Berlin) 1898, Nr. 8, S. 65. – A. Junge, Dokumente zur älteren Stenographiegeschichte Deutschlands. I. Zu C. A. Ramsay, im „Archiv für Stenographie“ 1894, S. 18–25. – Derselbe, G. van Swieten als Stenograph, im „Archiv für Stenographie“ 1901, Nr. 1, S. 13–22 nebst Tafel. – Derselbe, Eine praktische Verwendung von Ramsays Tacheographia? Ebenda Nr. 11, S. 309 f.; vgl. dazu A. Mentz und R. Havette, Ebenda 1902, S. 52 u. 325. – K. Riesenfeld, C. A. Ramsays französische und lateinische Stenographie, in der „Allgemeinen Deutschen Stenotachygraphenzeitung“ 1902, S. 224 ff., 240 ff.; 1903, S. 5 ff., 15 ff. – R. Havette, in der „Revue internationale de sténographie“, März 1905, S. 38–42. – A. Schramm, Handbuch der stenographischen Literatur II, S. 5 f., 15 f., 17 f. – E. C. van Leersum, Gérard van Swieten en qualité de censeur (Haarlem 1906).