ADB:Nehm, Johann Wilhelm

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Artikel „Nehm, Johann Wilhelm“ von Binder. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 391–393, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Nehm,_Johann_Wilhelm&oldid=- (Version vom 16. Januar 2022, 11:01 Uhr UTC)
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Nehm: Johann Wilhelm N., geb. zu Herdecke am 21. Febr. 1811, † zu Werl am 10. Juli 1841, der Sohn eines einfachen Bürgers und Schreiners. Den ersten Elementarunterricht empfing der stille, ernste, aber leseeifrige Knabe von Hermann, dem Organisten seiner Vaterstadt; im 11ten Jahre erhielt er den ersten Musikunterricht von dem dortigen Lehrer Barthe, um sich für den Lehrerstand vorzubereiten, welchen Lebensberuf er sich schon jetzt erwählt hatte. Der elfjährige Knabe machte rasche Fortschritte, besonders unter [392] der Leitung des Lehrers Ragermann, dessen Lehrtalent ihm zum Vorbild wurde. Um diese Zeit verlor er seine Mutter, und das nunmehrige Leben im Elternhause ließ ihn früh zur Selbstthätigleit und Selbstständigkeit des Charakters gelangen. 1823 trat er in die damals von vielen Auswärtigen besuchte Rectoratsschule seiner Vaterstadt ein, die zwar nicht viel bot, doch half sich N. durch fleißiges Selbststudium weiter. 1829 bestand er zu Soest die Aufnahmsprüfung in das dortige Lehrerseminar, wo er sich die Achtung seiner Lehrer und Mitseminaristen zu erwerben wußte und zu den Besten der Anstalt zählte. Verschiedene ihm nicht zusagende Verhältnisse des Seminars veranlaßten ihn damals, seine Erfahrung und sein Urtheil über Seminare in einem „Darstellung einiger Uebelstände etc.“ betitelten Schriftchen auszusprechen. Nach Absolvirung des zweiten Cursus des Seminars übernahm N. die zweite Lehrerstelle in Heißen, einem Dorfe bei Mülheim a. d. Ruhr. Da die dortigen Verhältnisse ohne sein Verschulden unangenehm für ihn sich gestalteten, er auch körperlich leidend war, verließ er die Stelle, um in seiner Heimath sich bei ärztlicher Pflege zu erholen; nach einem halbjährigen Aufenthalt daselbst war er soweit wieder hergestellt, um einem Rufe als Lehrer in Dortmund folgen zu können. Daselbst fand er einen ihm zusagenden Aufenthalt und Wirkungskreis; doch hatte er hier, wie schon früher, an häufig wiederkehrender Kränklichkeit zu leiden, die in ihm die stete Ahnung eines frühen Todes aufkommen ließ. Im Mai 1833 vertauschte er das ihm liebgewordene Dortmund mit Werl, wohin er an die evangelische Elementarschule berufen war. Er bewarb sich zwar 1838 um eine Lehrerstelle an der Düsseldorfer Realschule, trat aber nach genauerer Prüfung der dortigen Anstaltsverhältnisse von der Bewerbung zurück und verblieb bis zu seinem Lebensende in seiner Stellung zu Werl. – N. war in seiner Wirksamkeit als Lehrer von Bedeutung: seine Schule war nach dem rühmlichen Zeugniß seiner Vorgesetzten, wie z. B. des Schulinspectors Schütz, in stetem Fortschreiten, sein Unterricht anregend und auf die Uebung des Denkvermögens gerichtet. Gewissenhaft erfüllte er an sich die Pflicht der Weiterbildung; er las viel und immer in fortdauernder Beziehung zu seinem Beruf; Religion und Sprache waren die beiden von ihm mit Vorliebe gepflegten Unterrichtsfächer; von seinen Studien auf dem letzteren Gebiete zeugt sein 1837 veröffentlichtes Werk: Methodisches Handbuch für den Unterricht in den deutschen Stylübungen. Dieses Buch ist nach dem Urtheil von Fachkreisen, einige Mängel abgerechnet, von praktischem Werth und läßt die Einwirkung des vormaligen Lehrers Nehm’s, des auf diesem Gebiet rühmlich bekannten Seminardirectors Ehrlich, ersehen. Seine Bemühung für seine persönliche Fortbildung und das rege Interesse an seinem Berufe bekunden auch einige von N. hinterlassene und nicht zur Veröffentlichung gelangte Manuscripte, wie „Das Leben Jesu Christi“; dann Materialien zum Leitfaden für den Religionsunterricht“; ferner „Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Sprache“; „Palästina in geographischer und archäologischer Hinsicht“; schließlich „Gebete für Schule und Haus“. Die drei ersten Schriften sind für den Lehrer, die beiden letzten für den Schüler bestimmt; der „Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Sprache“, soweit er in drei Heften vorliegt, umfaßt das Lehrziel der Oberclasse der Elementarschule. - Die Persönlichkeit Nehm’s gewinnt aber eine weitere und ganz besondere Bedeutung in seinen Kämpfen und Bestrebungen für die Hebung der Volksschule und insbesondere für die Interessen des Lehrerstandes in geistiger und materieller Hinsicht. Die auf diesem Gebiete sich gestellte Aufgabe sucht N. in drei Schriften zu fördern, von denen die erste 1838 erschien unter dem Titel: „Was muß geschehen, wenn das Volksschulwesen gehoben werden soll? Ein Wort zur Prüfung und Beherzigung seinen Amtsgenossen in Westfalen und in den Rheinlanden empfohlen von W. Nehm“. [393] Der Weg, den N. hier seinen Amtsgenossen zur Erreichung seines Zwecks empfahl, war eine Petition in Corporation oder doch wenigstens ein Auftreten zu gleicher Zeit und nach gleichen Grundsätzen von allen. Er begann den Kampf mit dem einen Fehler, daß die Zeit zur Realisirung seiner Ideen noch nicht gekommen war, indem einerseits viele seiner Standesgenossen hiefür nicht die nöthige Erkenntniß oder den Muth besaßen, andrerseits aber auch gesagt werden muß, daß bei manchem Wahren, doch nicht alles ausführbar erscheint, was den Inhalt der Broschüre bildet; es fehlte insbesondere die Hervorhebung, daß der Lehrerstand vor allem durch geistiges Höherstreben sich eine günstigere materielle und sociale Stellung gewinnen muß. Die Folge der Veröffentlichung dieses Schriftchens war eine vielfach heftige Aufregung des Lehrerstandes; es erfolgten zunächst Besprechungen, dann Aufsätze im Westfälischen Anzeiger für und wider. Da auch die Sprache der Schrift hin und wieder leidenschaftlich und wenig maßvoll war, so ließ die Regierung zu Arnsberg und das Oberschulcollegium zu Münster dem Verfasser ihre Mißbilligung andeuten; schmerzlicher aber noch mußte N. die Enttäuschung berühren, die er seitens seiner Standesgenossen erfuhr, da sie seine Pläne nicht mit genügendem Nachdruck unterstützten und überhaupt nicht zu einmüthigem Handeln kamen. N. erkannte, daß unter solchen Umständen eine gewisse Mäßigung in der Erstrebung seiner Ziele geboten sei; diese war auch erkennbar in der bald darauf von ihm veröffentlichten zweiten Broschüre, die den Titel trug: „Darlegung einiger Uebelstände, welche den Volksschullehrerstand im Allgemeinen noch drücken, nebst Angabe zur Hebung derselben“, 1839. Hier stellt der Verfasser den Satz auf: „Alle legalen Verhältnisse des Lebens müssen, sollen sie wirklich legal sein, einen moralischen Grund haben“, ein Gedanke, der mit den modernen socialen Ideen verwandt ist; dann werden weiter General-Lehrerconferenzen in Vorschlag gebracht. Diese letztere Schrift fand vielfachen Beifall. Am 24. Januar 1840 reichte N. bei der Regierung zu Arnsberg ein Gesuch ein um Gewährung der Erlaubniß, seine Amtsgenossen und deren Freunde zu freiwilligen Beiträgen zur Unterstützung bedürftiger emeritirter Lehrer, deren Wittwen und Waisen auffordern zu dürfen, welche Bitte abschläglich beschieden wurde mit dem Beifügen, daß N. seine Zeit und Kraft mehr auf die Verwaltung seiner Schule, als auf dergleichen Bestrebungen verwenden möge. Kurz vor seinem nun bald erfolgenden Tode schrieb N. noch ein Schriftchen „Beleuchtung der von dem Herrn Superintendenten K. W. Weizmann herausgegebenen Schrift: Ueber das Verhältniß der Volksschule zum Staat und zur Kirche etc.“, 1840. Diese Schrift gewährt einen interessanten Einblick in Nehm’s geistige Entwickelung; er ist gegen früher maßvoller und ruhiger sowie klarer in seinen Anschauungen und Forderungen geworden, obwohl er sein Ziel stets im Auge behielt. Am 10. Juli 1841 starb er infolge eines Nervenfiebers zu Werl. – N. war eine von idealer Anschauungsweise, aber auch von starkem Selbstgefühl getragene Persönlichkeit, welche die knappen Verhältnisse der Jugendzeit früh zur Entschiedenheit und Selbständigkeit herausbildeten; dazu kam leider eine stets schwankende Gesundheit, welche die Empfindlichkeit seiner Natur krankhaft steigerte, was ihn denn oft die Schranke des Maßvollen und den richtigen Tact übersehen ließ. Ohne eine eigentlich gelehrte Bildung erfahren zu haben, besaß N. eine reiche Summe von Wissen, das er bei angeborener Wißbegier und stetem Studium gewonnen hatte und das ihn zum tüchtigen Lehrer sowie zum wackeren Kämpfer für die Interessen seines Standes in reichem Maße befähigte.

Erinnerung an Johann Wilhelm Nehm nebst Andeutungen über Zustände des Lehrerlebens von Riepe, Essen 1841; sodann Biographien der berühmtesten und verdienstvollsten Pädagogen und Schulmänner aus der Vergangenheit von J. B. Heindl. – Pädagogische Realencyklopädie, red. von K. G. Hergang. 2. Bd.
Binder.