ADB:Middeldorpf, Albrecht Theodor

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Artikel „Middeldorpf, Albrecht Theodor“ von Ernst Gurlt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 708–710, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Middeldorpf,_Albrecht_Theodor&oldid=- (Version vom 11. April 2021, 16:37 Uhr UTC)
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Middeldorpf: Albrecht Theodor M., Chirurg, war am 3. Juli 1824 zu Breslau, als Sohn des berühmten Professors der Theologie und Orientalisten Dr. Hinrich M., geboren, gewann frühzeitig Interesse für die Naturwissenschaften und zeigte zugleich in der Jugend schon eine bedeutende technische Begabung, die es ihm ermöglichte, manches künstliche Werk anzufertigen. Vom Herbst 1842 an, wo er das Friedrichsgymnasium verließ, bis 1846 studirte er in Breslau und Berlin Medicin, während welcher Zeit er namentlich Purkinje, Johannes Müller und Dieffenbach näher zu treten das Glück hatte. Mit einer Dissertation „Disquisitio de glandulis Brunnianis“, zu der er die Untersuchungen unter Müller’s Leitung gemacht hatte, wurde er 1846 Doctor, war darauf ein Jahr lang bei Purkinje Assistent, besuchte dann Wien und Paris und hatte nach dem 18. März 1848 in Berlin zum ersten Male Gelegenheit, Schußwunden in Menge zu sehen. Nach Breslau zurückgekehrt, war er eifrig bemüht, in den dortigen Hospitälern sich weitere Kenntnisse zu erwerben und gründete mit mehreren Freunden einen Verein für physiologische Heilkunde, an den er unter dem Titel „Der Name und das Wesen der Entzündung“ 1849 einen Commissionsbericht erstattete. Die bald nach seiner Heimkehr ausgebrochene Cholera gab ihm Gelegenheit zu neuen Untersuchungen, namentlich über die Verminderung des Wassergehaltes der Muskeln, den Eiweißgehalt des Erbrochenen und der Stühle, des Urins etc., veröffentlicht in einer Abhandlung in „Günsburg’s[WS 1] Zeitschrift für klinische Medicin“. Im April 1849 wurde er Assistent auf der unter Remer’s Leitung stehenden chirurgischen Abtheilung des Allerheiligen-Hospitals, wo er die reichlichste, eifrig benutzte Gelegenheit zu wissenschaftlicher Verwerthung des Materials fand. Schon damals begann er seine zahlreichen Experimente über die „Akidopeirastik“ genannte Untersuchungsmethode mit spitzen Instrumenten, veröffentlichte mehrere chirurgische Abhandlungen, z. B. über die umschlungene Naht, eine comparative Kritik der Steinoperationen am Damme, sowie eine experimentelle Arbeit „Ueber die Veränderung der Knochen und Knorpel in der Peritonealhöhle lebender Thiere“. So verflossen zwei Jahre unter ernster wissenschaftlicher und praktischer Beschäftigung, nur durch wiederholte Studienreisen nach Paris und an die deutschen Universitäten unterbrochen. Vom Herbst 1851 aber concentrirte er seine Thätigkeit auf folgende drei Hauptaufgaben: die Weiterentwicklung der Akidopeirastik, die Bearbeitung eines Werkes über Knochenbrüche und die Begründung einer chirurgischen Operationsmethode, mit der sein Name für immer verbunden sein wird, nämlich der von ihm so benannten Galvanokaustik. Ueber die Akidopeirastik, über welche er ein größeres Werk herauszugeben beabsichtigte, erschien nur eine kurze Abhandlung in Günsburg’s Zeitschrift (Jahrg. 7) „Ueberblick über die Akidopeirastik, eine neue Untersuchungsmethode mit Hülfe spitziger Werkzeuge“, in welcher er das Verfahren und die anzuwendenden Instrumente näher beschrieb. Das sehr geschätzte Werk „Beiträge zur Lehre von den Knochenbrüchen“, Breslau 1853 m. 5 Tafeln 4., welches manche neue Anschauungen und viele gute Beobachtungen enthält, wurde in seinem allgemeinen Theile zu seiner Habilitation als Privatdocent der Chirurgie im Mai 1852 benutzt. Für die Galvanokaustik aber, jene Operationsmethode, mittelst welcher vollständig blutlos, und zwar selbst in Höhlen operirt werden kann, in welche andere schneidende Instrumente kaum einzudringen im Stande sind, war M. der wissenschaftliche und technische Begründer, obgleich er nicht der Erste war, der von der elektrischen Glühwirkung zu Heilzwecken Gebrauch machte. Es gelang ihm, unterstützt durch befreundete Physiker, eine den Zwecken entsprechende Batterie zu construiren und mit Hülfe von geschickten Instrumentenmachern die zur Application [709] der Glühhitze erforderlichen Vorrichtungen und Apparate in mustergiltigster Weise herzustellen, so daß Ende März 1853 von ihm die erste derartige Operation am lebenden Menschen ausgeführt werden konnte. Der wissenschaftlichen Welt machte er seine Erfindungen in einem Bernhard Langenbeck gewidmeten Werke: „Die Galvanokaustik, ein Beitrag zur operativen Medicin, mit 4 Tafeln“, Breslau 1854 bekannt. – Im Herbst 1854 wurde er zum Professor extraordinarius der Chirurgie und Augenheilkunde ernannt und ihm die Leitung der chirurgisch-augenärztlichen Poliklinik übertragen; bald darauf wurde er auch Oberwundarzt des Allerheiligenhospitals. 1856 erhielt er die Leitung der chirurgisch-augenärztlichen Klinik und Poliklinik und wurde zugleich Prof. ordinarius. Er habilitirte sich als solcher mit einer kleinen Schrift: „De polypis oesophagi atque de tumore ejus generis primo prospere exstirpato commentatio.“ c. tab. Vratislav. 1867, 4, die einen seltenen Operationsfall näher beschreibt. Nach einer noch im September 1856 nach Paris unternommenen Reise, wo er seine galvanokaustische Operationsmethode vielfach zu demonstriren und mit derselben in den Hospitälern zu operiren Gelegenheit fand, wurde ihm die Anerkennung zu Theil, daß, außer anderen Ehrenbezeugungen, ihm von der Pariser Akademie der Wissenschaften ein Monthyonpreis und von der Commission für den Napoleonischen Electricitätspreis eine Erinnerungsmedaille zuerkannt wurde. – 1859 wurde er zum Medicinalrath und Mitglied des Provinzial-Medicinal-Collegiums ernannt. In demselben Jahre veröffentlichte er: „Sur une nouvelle forme de luxation de l’épaule: luxation en l’air“ (Clinique européenne) sowie als Gratulationsschrift der Breslauer medicinischen Facultät an seinen Vorgänger in der Leitung der chirurgischen Klinik T. W. Benedict eine: „Commentatio de fistulis ventriculi externis et chirurgica earum sanatione, accedente historia fistulae arte chir. plastica prospere curatae“, c. II tabb. 4. und machte 1861 (in den Abhandlungen der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur) eine Mittheilung über das von ihm erfundene Verfahren: „Die percutane Umstechung der Arterien“. – Die Kriege der Jahre 1864 und 1866 gaben ihm Gelegenheit, sich auch als Kriegschirurg auszuzeichnen. Im Feldzuge gegen Dänemark stand er vier seiner ehemaligen Schüler, welche in den Kriegshospitälern des Johanniterordens thätig waren, rathend und helfend zur Seite; 1866 war er zum Generalarzt und consultirenden Chirurgen bei der zweiten Armee ernannt, mit Aufopferung, auch hier wieder im Kreise seiner in den Feldlazarethen beschäftigten Schüler, in den Kriegshospitälern von Nachod, Trautenau, Königinhof und Umgebung thätig, wie er auch an der im Frühjahr 1867 nach Berlin berufenen Conferenz für die Reform des Militär-Medicinalwesens noch Antheil nahm. – Seit dem Kriege von 1866 aber war er ein kranker Mann, und obgleich er äußerlich noch in alter Weise thätig war, ja sogar mit seinem Collegen Häser zusammen noch die Herausgabe eines der ältesten Manuscripte über Chirurgie, des Wundarzneibuches des Deutsch-Ordensbruders Heinrich Pfolspeundt besorgte, nagte, genährt durch manche trübe Erfahrungen, der Wurm des Verderbens, den mehrere voraufgegangene Erkrankungen ihm zurückgelassen hatten, an ihm und mit überraschender Schnelligkeit bildete er in den letzten 10 Tagen seines Lebens eine Darmverschwärung aus, die durch Perforation und Bauchfellentzündung am 29. Juli 1868 seinen Tod herbeiführte. – M. ist es beschieden gewesen, das chirurgische Können durch seine Erfindungen und Leistungen nach verschiedenen Richtungen hin zu erweitern. Als klinischer Lehrer war er durch die Klarheit, Gediegenheit und Gelehrsamkeit seines Vortrages und seiner Entwicklung des Krankheitsbildes mustergiltig; als Operateur zeichnete er sich durch die sorgfältigste und gewissenhafteste Vorbereitung und die technische Vollendung der Operation aus, obgleich er fern von jeder krankhaften Operationslust war. Als Mensch und College war er stets bedacht, die Ehre des ärztlichen [710] Standes zu fördern; jedes aufrichtige und wahrhaft wissenschaftliche Streben durfte seiner Unterstützung gewiß sein. Der Ruhm der Breslauer Universität ist von ihm mit allen Kräften gefördert worden.

Vgl. Klopsch im Archiv für klinische Chirurgie. Bd. X. 1869. S. 397.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Friedrich Günsburg (1820–1859); deutscher Mediziner