ADB:Müller, Heinrich (Architekt)

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Artikel „Müller, Heinrich“ von Wilhelm von Bippen in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 52 (1906), S. 504–506, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:M%C3%BCller,_Heinrich_(Architekt)&oldid=- (Version vom 28. September 2022, 09:24 Uhr UTC)
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Müller: Heinrich M., Architekt, geboren in Bremen am 2. Februar 1819, † ebenda am 7. März 1890, hat, wie kaum ein anderer, dazu beigetragen, den Sinn für bildende Kunst in seiner Vaterstadt neu zu erwecken. Die Kirchspielschule, in der er, der Bildungsstufe seines Elternhauses entsprechend, die ersten Rudimente des Wissens in sich aufnahm, genügte seinem Bildungsdurste bald nicht mehr; er wußte es durchzusetzen, daß er auf das Gymnasium geschickt wurde. Aber, es hielt ihn doch auch hier nicht bis zum Schlusse fest. Mehr Anregung als aus den lateinischen Classikern hatte er inzwischen offenbar aus den alten und einzelnen neuen Bauten der Vaterstadt empfangen. Mit 17 Jahren wurde er Maurerlehrling und bald in allen Formen der Zunft Gesell. Als solcher wanderte er über Kopenhagen nach Riga und weiter nach Berlin. Dann aber ging er, zwanzig Jahre alt, nach München, um vornehmlich unter Friedrich Bürcklein’s (s. A. D. B. III, 624) Leitung Architektur zu studiren. Ostern 1841 siedelte er nach Berlin über, wo er durch Strack (s. A. D. B. XXXVI, 484) mit der antikisirenden Richtung Schinkel’s vertraut wurde. Der Hamburger Brand veranlaßte ihn, wie viele andere junge Architekten, im Sommer 1842 nach Hamburg zu gehen, um sich hier praktisch zu bethätigen. Zwei Jahre lang arbeitete er dort in Chateauneuf’s Atelier und führte dann noch etwa drei Jahre lang selbständig Bauten aus. Im J. 1846, als der Bau der ersten Eisenbahn, die Bremen mit dem Binnenlande verband, eine beträchtliche locale Umwälzung im Gefolge hatte, kehrte M. in die Vaterstadt zurück. Hier wurde ihm in der Nähe des neuen Bahnhofs der Bau eines großen Hotels übertragen, das noch heute nach bald sechzig Jahren den ersten Rang unter den bremischen Hotels behauptet. [505] In der großzügigen Anlage, die durch die späteren Auf- und Anbauten nicht verändert worden ist, prägt sich Müller’s Wesen vortrefflich aus. Die Erfolge, die er hierdurch und gleich darauf, wenn auch nicht geschäftlich, so doch als Architekt durch den Bau des Auswandererhauses in Bremerhaven und einiger Privathäuser in Bremen erzielte, stachelten die Mißgunst der zünftigen Gewerksmeister gegen ihn auf, vor der er nochmals der Vaterstadt den Rücken kehrte. Er ging auf etwa ein Jahr nach Wien, wo er u. A. an der Concurrenz für die Votivkirche sich betheiligte. 1855 aber kehrte er dauernd nach Bremen zurück, wo nicht nur seine Kunst, sondern auch die Lebhaftigkeit und Energie seiner Persönlichkeit sich nun rasch Geltung verschaffte. 1856 gehörte er zu den Gründern des Künstlervereins, dessen Präsident er etwa zwölf Jahre später wurde und dann mit einer kurzen Unterbrechung bis zu seinem Tode blieb. Er entdeckte die schöne gothische Halle am Dom wieder, die lange Zeit als Tabakslager mißbraucht worden war, und ruhte nicht, bis er sie als Vereinshalle für den Künstlerverein ausgebaut hatte. Daran schloß sich später der Bau eines großen Concert- und Festsaales, der über der dreischiffigen Halle und dem an sie anstoßenden Flügel des Domumgangs liegt, und wieder einige Jahre später der Anbau mehrerer anderer Säle, die nun dem Künstlerverein ermöglichten, zum Mittelpunkte einer glänzenden, je nach dem von ernster oder heiterer Kunst verschönten Geselligkeit zu werden. Bei Ausgestaltung dieser Feste trat seine lebhafte Phantasie, die Unermüdlichkeit seiner Schaffenslust, die bis ins Alter ihm verbliebene fröhliche Grundstimmung seines Wesens, sein unverwüstlicher Humor immer wieder in Geltung. Von 1861–64 erbaute M. die Börse am Markte, auch hier durch die Großartigkeit der Anlage imponirend, aber freilich auch durch die Nüchternheit der von ihm gewählten gothischen Formen den Eindruck seines Werkes beeinträchtigend. Er stand seit seiner Münchener Schülerzeit und blieb auch später beständig unter der irrigen Vorstellung, daß die Gothik der echteste architektonische Ausdruck germanischen Geistes sei. Auch die Rembertikirche hat er von 1869–71 und bald danach den erwähnten Saalbau des Künstlervereins in ungewöhnlich nüchternen gothischen Formen ausgeführt. Man hat, freilich sehr übertrieben, von M. wol gesagt, daß sein Intersse an seinen eigenen Bauwerken, wenn er einen guten Grundriß gezeichnet hatte, erlahmt sei; gewiß aber ist, daß er, wenn auch ein vornehmer, durch glückliche Vertheilung der Massen künstlerisch befriedigender Aufbau stets sein meist mit Erfolg durchgeführtes Bestreben war, doch keine Geduld hatte zur Ausarbeitung mannichfacher decorativer Formen. Ja, wenn die vorhandenen Mittel ihm erlaubten, wie beim Börsenbau, beim Bau des genannten großen Concertsaales und bei dem der Rembertikirche, Skulptur und Malerei heranzuziehen, so that er es gern, schon um auch diesen Gebieten der bildenden Kunst eine dauernde Pflege in Bremen zu sichern, aber man durfte nicht von ihm verlangen, daß er sich an das Studium und die Nachbildung der unendlichen Mannichfaltigkeit gothischer Werkstücke oder in einer späteren Periode der reizvollen Fülle der Renaissance-Ornamentik machte.

Auch die große Zahl von Privathäusern, die M. von 1852 an durch länger als dreißig Jahre aufgeführt hat, zeichnen sich aus durch einen zweckmäßigen Grundriß und durch eine vornehme Würde im Aufbau, sowol die ältesten, die unter dem Nachklange der in München in ihm erweckten romantischen Richtung entstanden, wie die späteren, in denen Schinkel’s durch Strack und Chateauneuf ihm vertraut gewordener Geist eine zum Theil glänzende Wiederbelebung fand.

Von antikisirenden Formen zu denen der italienischen Renaissance [506] überzugehen, war ein kleiner Sprung. M. hat in diesen Formen neben einer Reihe imposanter und in der inneren Einrichtung vornehmer Privathäuser auch das stattliche Haus der Gesellschaft Museum in Bremen und ungefähr gleichzeitig die Börse in Königsberg erbaut, die lange Zeit für das prächtigste und künstlerisch hervorragendste Bauwerk der Provinz Ostpreußen galt. Zum Schlusse aber wandte er sich völlig der wieder aufblühenden deutschen Renaissance zu, die in seiner Vaterstadt noch immer durch eine stattliche Zahl von Werken des siebenzehnten Jahrhunderts vertreten ist. Merkwürdig, daß er, der einen der schönsten alten Renaissancegiebel Bremens zu Gunsten des Börsenbaues niedergelegt hatte, am Schlusse seines Lebens mit jugendlichem Feuer für die Wiederbelebung eben dieser Stilform eintrat.

Daß ein Mann von Müller’s Schaffensdrang und künstlerischer Befähigung vor dem historisch Ueberlieferten nicht allzuviel Respect hatte, ist am Ende natürlich. Er hat sich nicht gescheut, zwei Flügel des alten Kreuzganges des Doms in aller Heimlichkeit niederzubrechen, weil sie in seinen Grundriß für den Saalbau des Künstlervereins nicht hineinpaßten, und gegen Ende seines Lebens hatte er es darauf abgesehen, die aus dem 11. und 12. Jahrhundert stammende Westkrypta des Bremer Doms niederzulegen zu Gunsten der von ihm durch lange Jahre erstrebten Restauration der halb in Trümmern liegenden Westfassade des Doms. Den Charakter des Doms als einer rein romanischen Anlage gröblich mißkennend, wollte er dem alten Bau eine gothische Front mit glänzendem Mittelportal aufdrängen. Nach einem lebhaften Kampfe, der darüber zwischen ihm und dem Schreiber dieser Zeilen entbrannte, mußte er seinen Plan aufgeben. An der dann für die Restauration des Doms ausgeschriebenen Concurrenz hat er sich im Frühjahr 1888 nicht mehr betheiligt. Er war im März von der Begräbnißfeier zu Ehren Kaiser Wilhelm’s I., für den er eine lebhafte Bewunderung hegte, krank aus Berlin zurückgekehrt und verfiel bald darauf in zunehmende Schwäche, von der er sich nicht wieder zu erholen vermochte.

Eine kurze feine Schilderung der künstlerischen Leistungen mit Abbildungen von einer ganzen Reihe seiner Privatbauten und mit Porträt Müller’s hat der Architekt Ed. Gildemeister in dem im J. 1900 von dem bremischen Architekten- und Ingenieur-Verein herausgegebenen Werke „Bremen und seine Bauten“, S. 415 gegeben. Ein Vortrag des Professors Dr. Kasten, bei der Gedächtnißfeier des Künstlervereins für Heinrich M. am 27. März 1890 gehalten, ist abgedruckt in der Weser-Zeitung vom 29. März, Morgenausgabe. Ein Medaillonporträt Müller’s von Diedr. Kropp in Marmor ausgeführt, schmückt die nördliche Vorhalle der Börse in Bremen.