ADB:Kramer, Wilhelm

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Artikel „Kramer, Wilhelm“ von August Lucae in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 27, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kramer,_Wilhelm&oldid=- (Version vom 3. Juni 2020, 11:11 Uhr UTC)
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Kramer: Wilhelm K., Ohrenarzt, geb. 1801 zu Halberstadt, † am 7. Decbr. 1876 zu Berlin, war der Sohn eines vielbeschäftigten Arztes[WS 1]. Er studirte in Berlin und nach Beendigung seiner Studienzeit in Wien und Paris, woselbst er sich vorzugsweise zunächst der Psychiatrie zuwandte. Nach Berlin zurückgekehrt hatte er als Assistent von Horn Gelegenheit, sich durch allseitige Ausübung klinischer Thätigkeit eine allgemeine medicinische Bildung anzueignen. – Darauf erfaßte er mit außerordentlichem Eifer das Studium der Ohrenheilkunde, welcher er als praktischer Ohrenarzt und fruchtbarer Schriftsteller fast 50 Jahre lang bis an sein Ende treu blieb. Eine Lehrthätigkeit hat K. nicht ausgeübt. Sein Hauptwerk ist das bereits im J. 1836 erschienene „Lehrbuch der Ohrenkrankheiten“, welches 1849 in zweiter Auflage herauskam. Kramer’s großes und bleibendes Verdienst um die praktische Ohrenheilkunde besteht vor Allem darin, daß er zu einer Zeit, wo die physikalischen Untersuchungsmethoden kaum Eingang in die Medicin gefunden hatten, dieselben mit großer Energie und Consequenz auf das Gehörorgan anwandte und somit den Grund legte zu einer wissenschaftlichen objectiven Untersuchung des Ohres. Weniger ins Gewicht fallend ist hierbei die von ihm verbesserte Untersuchung des äußeren Ohres mittelst des alten gespaltenen Ohrenspeculums als die methodische Untersuchung des mittleren[WS 2] Ohres vermittelst des Katheters und der Auscultation, die Einführung der Sonde durch den Katheter und die mit allem Nachdruck betonte örtliche Behandlung der ohne Perforation des Trommelfells einhergehenden Ohrenkrankheiten mit Katheter und Luftdruck. – Nicht weniger erfolgreich wirkte er durch seine Schriften, in denen er – zuweilen mit zu scharfer Kritik – auf Grund sorgfältiger historischer Forschung die Ohrenheilkunde vom Charlatanismus und Mysticismus[WS 3] säuberte und hierdurch dieser Disciplin, welcher das ärztliche Publicum ein nur zu berechtigtes Mißtrauen entgegentrug, eine geachtete Stellung verschaffte. – In der zweiten Periode seiner Wirksamkeit (mit dem Ausgang der fünfziger Jahre) machte sich bei K. ein bedeutender Rückschritt bemerkbar, indem er sich gegen die neueren Fortschritte der modernen Otologie aus dem Gebiete der Physiologie, der pathologischen Anatomie, der Untersuchungsmethoden ablehnend verhielt, und dabei so weit ging, daß er die Arbeiten eines Helmholtz und Toynbee bemängelte. Zeugniß hierfür ist unter den meist polemischen Schriften aus der letzten Zeit seines Lebens namentlich die im J. 1873 erschienene Arbeit „Die Ohrenheilkunde der letzten 50 Jahre. Zur Erinnerung an seine med.-chir. Doctor-Promotion im J. 1823“.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Karl Sigismund Kramer (1759–1808), ausübender Arzt in Halberstadt.
  2. Vorlage: mitleren
  3. Vorlage: Mysticimus