ADB:Hirzel, Heinrich (Archäologe)

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Artikel „Hirzel, Heinrich“ von Adolf Michaelis in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 50 (1905), S. 375–376, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hirzel,_Heinrich_(Arch%C3%A4ologe)&oldid=- (Version vom 1. Oktober 2022, 02:50 Uhr UTC)
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Hirzel: Joh. Kaspar Heinrich H., Alterthumsforscher. H. ward am 8. Juli 1840 in Leipzig geboren. Sein Vater Kaspar, ein älterer Bruder des Verlegers und Goetheforschers Salomon H., war schweizerischer Generalconsul, seine Mutter Therese eine geborene Lampe. Der ebenso geweckte wie liebenswürdige Knabe erhielt seit dem Herbst 1851 seine Ausbildung an der Nicolaischule, erkrankte aber im Frühjahr 1853 so ernsthaft, daß er für mehrere Jahre die Schule verlassen mußte und sich nur im Rollstuhl bewegen konnte. Durch Privatunterricht weitergebildet, konnte H. im Frühjahr 1856 in die Secunda wieder eintreten und verließ die Schule Ostern 1858 mit einem glänzenden Zeugniß, das ihm in allen Fächern den ersten Grad zuwies. Seine philologischen Studien begann er alsbald in Zürich, von wo er nach einem Jahre nach Göttingen übersiedelte. Hier übten besonders Ernst Curtius und Sauppe tiefen Einfluß auf ihn aus und er gewann ihre warme Zuneigung. Den Abschluß seiner Studien bildete ein Jahr in Bonn. Ritschl, Jahn und Springer waren seine Lehrer, und die Kunst gewann in seinen Studien ihren Platz neben der Philologie. Inmitten einer Schar gleichstrebender Genossen, unter denen Benndorf, K. Dilthey und der frühverstorbene Philosoph Zöpperitz ihm besonders nahe traten, nahm er an den Arbeiten und den Freuden dieses Freundeskreises lebhaften Antheil, ebenso geliebt von seinen Genossen wie hochgeschätzt von seinen Lehrern. Im Sommer 1862 bestand H. seine Doctorprüfung mit ausgezeichnetem Erfolge. Seine Arbeit „De Euripidis in componendis diverbiis arte“ (Bonn 1862), Sauppe und Curtius gewidmet, war ein scharfsinniger Beitrag zu der damals viel erörterten Frage nach dem Einflusse der Symmetrie und gleichmäßiger Zahlenverhältnisse auf den Bau der dialogischen Partien der griechischen Tragödie. Ausgehend von sicheren Beispielen geregelter Responsion suchte H. mit strenger Methode diese als Gesetz nachzuweisen und mit ihrer Hülfe schwierigere und verderbte Theile des Dialogs kritisch zu heilen. Ist auch die Philologie seitdem ganz andere Wege gegangen, damals lag diese Lösung in der Luft, und z. B. August Nauck (Euripid. Studien II, 187 ff.) sowie Aug. Meineke begrüßten Hirzel’s Arbeit mit lebhafter Anerkennung. Am 9. August 1862 promovirte H., am selben Tage mit Benndorf. Das folgende Jahr brachte H. in vielseitigen Studien, die ihn für eine Reise nach dem Süden vorbereiten sollten, im Elternhause zu; auch ein vierwöchiger Aufenthalt in Berlin diente dem gleichen Zweck.

Im August 1863 brach H. auf, widmete ein paar Wochen den antiken Ueberbleibseln der Provence, und langte Anfang October (einem „wunderschönen Monat, wie zum Verrücktwerden“) in Rom an, wo er auf dem Capitol in der casa prussiana, dem damaligen Sitze des Archäologischen Instituts, seine Wohnung und einen regen Kreis von Studiengenossen, darunter Ulr. Köhler und Helbig, fand. Im Winter ließ er sich dankbar durch Brunn in die Antikenschätze der römischen Museen einführen und begann auch alsbald mit eigenen Arbeiten sich „in das Fremdenbuch der Institutsschriften einzuzeichnen“ [376] (Annali 1863, S. 397 ff. über ein Mosaik aus Tusculum; 1864, S. 68 ff. über zwei Adonissarkophage). Im archäologischen Seminar zu Bonn hatte er einst durch methodische Analyse, ohne von Brunn’s Entdeckung zu wissen, in einem tanzenden Satyr des lateranischen Museums den Marsyas Myron’s erkannt; jetzt glaubte er die zugehörige Athena in einer capitolinischen Statue wiederzufinden (Annali 1864, S. 235 ff.). Der Sommer 1864 führte H. nach Sicilien (Bullettino 1864, S. 89 ff. berichtete er über Ausgrabungen in Syrakus) und Neapel, sodann nach Florenz, wo ihm die ganze Herrlichkeit der Renaissance aufging. Ungern verzichtete er wegen der damals unsicheren Verhältnisse auf einen Besuch Griechenlands und kehrte im Herbst nach Rom zurück, wo bald auch Benndorf zu gleichen Studien eintraf. Aber um die Weihnachtszeit ergriff den lebens- und schaffensfrohen Jüngling der Typhus, der ihn rasch dahinraffte (28. December). Der Verlust des von Allen geliebten Freundes traf die ganze capitolinische Jugend schwer. Er ward an der Cestiuspyramide bestattet, nahe dem Grabe eines vor 5½ Jahren in Rom verstorbenen, ihm sehr nahestehenden Vetters Fritz H. Seine Bücher stifteten die Eltern der Bibliothek des Instituts, dessen Leiter einem grade im Druck befindlichen Aufsatze Hirzel’s (über eine kürzlich in Pästum gefundene Vase mit der Darstellung des rasenden Herakles, Annali 1864, S. 323 ff.) einen ehrenvollen Nachruf hinzufügten: „Von seinen Freunden wegen seines offenen Charakters, seines stets heiteren und munteren Gemüths, seines frischen und aufgeweckten Sinnes geliebt, hatte er sich durch sein tiefes Wissen sowie durch die strenge Methode und solide Kritik in seinen Arbeiten bereits die Hochschätzung der Fachgenossen erworben“. Die klaren, offenen Züge des Verstorbenen bewahrt eine Lithographie von G. Feckert in Berlin.

C. Keller-Escher, Die Familie Hirzel von Zürich, Leipzig 1899, Taf. VIII. – Die vita hinter Hirzel’s Promotionsschrift. – Mittheilungen aus den Acten der Nicolaischule in Leipzig, vermittelt durch J. H. Lipsius. – Briefe Hirzel’s an O. Benndorf.