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Artikel „Heckewelder, Johann Gottlieb Ernst“ von Friedrich Ratzel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 11 (1880), S. 214–215, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Heckewelder,_Johann_Gottlieb_Ernst&oldid=- (Version vom 19. November 2019, 13:41 Uhr UTC)
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Band 11 (1880), S. 214–215 (Quelle).
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Heckewelder: Johann Gottlieb Ernst H., Missionär der Brüdergemeinde und Forscher über indianische Sitten und Sprachen, wurde am 12. März 1743 zu Bedford (England) von deutschen aus Mähren stammenden Eltern geboren, kam mit 11 Jahren nach Betlehem in Pennsylvanien, wo er neben dem Küferhandwerk sich der Vorbereitung zum Berufe eines Indianer-Missionärs widmete. 1762 ging er mit C. F. Post zu den Tuscarawas, wo aber die Verschwörung Pontiacs seine Thätigkeit schon im folgenden Jahre unterbrach. 1763–71 lebte er als Küfer in Betlehem, besuchte aber öfters die Missionsstationen am Susquehanna. Erst von 1771 an war es ihm vergönnt, sich ganz der Missionsthätigkeit zu widmen. Er wurde zuerst des Missionärs Zeisberger Gehülfe in Friedensstadt, dann in den Ansiedelungen der zur Brüdergemeinde gehörigen Indianer am Muskingum. 1780 vermählte er sich mit Sara Ohneberg. 1781 mußten diese Missionen in Folge der Grenzkriege verlassen werden und die beiden Missionäre bauten nun 1782 Gnadenhütten bei Detroit. 1786 konnten sie nach dem Ohiogebiet zurückkehren, wo sie eine neue Ansiedelung am Cuyahoga gründeten. H. kehrte in demselben Jahre nach Betlehem zurück, ging aber noch oft wieder in die Wildniß, so 1792 als Begleiter des General A. Putnam, der mit den Wabash-Indianern Verträge schließen sollte und 1793 in ähnlicher Mission bei den Miamis. 1797–1800 besuchte er vier Mal die Ansiedelungen am Ohio. 1801 siedelte er wieder nach Gnadenhütten über, wo er die Verwaltung einer Reservation von 12000 Acres zum Besten indianischer Schützlinge übernahm. 1815 kehrte er nach Betlehem zurück, wo er inmitten seiner großen Baumschule, umgeben von den Bäumen, Sträuchern und Thieren des Waldes, die er innig liebte, ein heiteres Alter verlebte. In diese Zeit fällt die Ausarbeitung seiner wissenschaftlichen Werke über die Indianer. Er starb am 31. Januar 1823. – Hauptwerke: „History, Manners and Customs of the Indian Nations, who once inhabited Pennsylvania and the neighbouring States“, 1818 (zuerst 1818 englisch in den Transactions of the American Philosophical Society erschienen; 1821 von Hesse ins Deutsche übersetzt und mit Einleitung von G. E. Schulze versehen, 1827 von de Ponceau ins Französische übersetzt; die letztere Uebersetzung ist mit 26 Briefen Heckewelder’s an de Ponceau und mit Vocabularien von Indianersprachen versehen); „Reise von Betlehem in Pennsylvannien bis zum Wabashfluß im nordwestlichen Territorium der Vereinigten Staaten von Nordamerika“. Mit Anm. herausg. von M. C. Sprengel (1797), „Narrative of the Mission of the United Brethren among the Delaware and Mohican Indians“ (1820). „Names which the Lenni Lenape or Delaware Indians gave to Rivers, Streams and Localities within the State of Pennsylvania, New Jersey, Maryland and Virginia, with their Significations“ (1822). – Diese Werke umschließen eine Fülle von Thatsachen, von denen viele, nebst Ueberlieferungen, geschichtlichen Notizen u. dgl. sonst nirgends zu finden sind. Ebenso werthvoll sind Heckewelder’s Urtheile über die Indianer, welche ohne Zweifel zu denjenigen gehören, auf die die Völkerforscher immer wieder zurückkommen müssen, weil nur wenige auf einem gleichen Reichthum eigener Erfahrung aufgebaut sind und zugleich so überzeugend den Eindruck der Wahrhaftigkeit machen. Sein nahezu 40jähriger Aufenthalt unter den Indianern Pennsylvaniens und angrenzender Gebiete, und zwar zu einer Zeit, in der diese Indianer noch nicht so tief wie später durch die allzu häufige Berührung mit Weißen verdorben waren, ist ein Vorzug, den nur wenige zur Urtheilsfällung [215] ebenso voll befähigte mit H. theilen. Gegenüber diesem Vorzug fällt es nicht stark ins Gewicht, daß H. vielleicht von einer allzu günstigen Meinung für seine farbigen Schützlinge und Glaubensschüler erfüllt ist. Diese Schwäche theilt er mit der Mehrheit der Missionäre aller Völker und Richtungen und man kann sogar sagen, daß sie fast mit Sicherheit erwartet werden darf bei einem Manne, dessen Lebenszweck es war, diese Kinder der Natur zum Christenthum und zur Kultur heranzuziehen und der für dieses Ziel, welches er für ein sehr hohes hielt, jeden Augenblick bereit war, sein Leben einzusetzen. Dem einfachen Leser thut die Wärme wohl, mit der H. von den Indianern spricht, über die von anderen Seiten verdammende Urtheile mit der größten Leichtfertigkeit gefällt werden, der Völkerforscher aber hält sich an die Thatsachen und weiß die Gemüthsfarbe abzustreifen, welche den Berichten da und dort ankleben mag. Uebrigens liegt ein kräftiger Beweis für die allgemeine Richtigkeit der Meinung, welche H. von den Indianern hegt, darin, daß sie selber das größte Vertrauen zu ihm hatten, ihm einen fast unbedingten Einfluß auf die Ordnung ihrer Beziehungen zur Regierung der Vereinigten Staaten einräumten und andererseits mehr als ein Mal ihn vor den Anschlägen der von feindlichen Weißen aufgereizten Nachbarstämme schützten. Waitz u. a. neuere Völkerkundige haben denn auch nicht gezaudert, das Urtheil zu bestätigen, welches G. E. Schulze der deutschen Uebersetzung des Heckewelder’schen Hauptwerkes vorgesetzt hat: „Da ihr Verfasser mehr als 30 Jahre unter denselben oder in ihrer Nähe gelebt hat; da er durch eine genaue Kenntniß ihrer Sprache im Stande war, die Denkart und Gesinnung derselben kennen zu lernen; da ferner die Art und Weise, wie er als Lehrer des Christenthums unter ihnen lebte und wirkte, das Mißtrauen, welches die Indianer gegen die Weißen zu hegen Ursache haben, entfernte und sie geneigt machte, sich über das, worüber er mit ihnen sprach, offenherzig zu erklären; und da endlich von der Beschränktheit in der Auffassung und Beurtheilung der Sitten roher Menschenstämme, welche bei christlichen Missionären oft angetroffen wird, in dessen Nachrichten keine Anzeige vorkommt, sondern diese Nachrichten vielmehr Beweise enthalten, daß er die wahre und naturgemäße Triebfeder der Handlungen der Indianer zu finden, und auch das Große und Hochherzige in der Gesinnung, welches manchen dieser Handlungen mit zu Grunde liegt, zu würdigen verstand: so kann seinen Nachrichten in Ansehung der Zuverlässigkeit der Vorzug vor allen übrigen, welche wir bis jetzt über die nordamerikanischen Indianer erhalten haben, nicht streitig gemacht werden.“

Nekrolog der Deutschen I. (1823) S. 783. Ausf. Mitth. u. Bild in der 1876er Ausgabe der History, Manners etc. von Reichel (Bd. XII der Memoirs of the Hist. Soc. of Pennsylvania).