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Artikel „Grien, Hans Baldung“ von Oskar Eisenmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 2 (1875), S. 17–19, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Grien,_Hans_Baldung&oldid=- (Version vom 9. Dezember 2019, 00:39 Uhr UTC)
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Baldung: Hans B., der oberdeutsche Maler, mit dem Zunamen Grün, oder Grien, auch Hans Grün und „Grünhans“ genannt (vgl. Dürer’s Tagebuch der Reise in die Niederlande, S. 138 in Campe’s Reliquien, Nürnberg 1828), geb. zwischen 1475 und 1480, † 1545. Seine Familie stammt aus Schwäbisch-Gmünd und er selbst nennt sich auf seinem Hauptwerke, dem Hochaltare im Münster zu Freiburg i. B. Gamundianus; ob er aber zu Gmünd wirklich geboren, und nicht vielmehr zu Straßburg, wo sich Glieder der Familie B. schon vor ihm vorfinden, ist zweifelhaft, jedenfalls verbrachte er in Straßburg die meiste Zeit seines Lebens. Im J. 1509 kaufte er (urkundlich laut Bürgerbuch) das dortige Bürgerrecht; 1510 ehelichte er Margaretha, geb. Herlin; in einem Rathsprotocoll vom J. 1511 erscheint er sodann zu Freiburg, wo er bis 1517 verweilt. In diesem Jahre erkaufte er von neuem das Bürgerrecht von Straßburg und ist anzunehmen, daß er von da an bis zu seinem Tode (laut Eintrag im Rathsbuch) seinen dauernden Wohnsitz daselbst gehabt habe. In seinem Todesjahre war er von der Zunft zur „Steltzen“ in den großen Rath gewählt worden.

Wo er seine Jugend verbracht, bei wem er seine Kunst erlernt, ist bis jetzt urkundlich nicht nachzuweisen gewesen, doch gibt der Gang seiner künstlerischen Entwickelung uns deutlichen Fingerzeig. Dürfen wir nämlich einer alten und sehr entschiedenen Ueberlieferung trauen, so sind zwei Jugendbilder Baldung’s im Kloster Lichtenthal bei Baden-Baden vorhanden. Vom J. 1496 datirt und mit einem aus den Buchstaben H und B zusammengesetzten Monogramme versehen, weisen sie trotz starker Uebermalung noch kenntlich genug die directe Schule Schongauer’s aus. Für ein solches Schulverhältniß spricht die Nachbarschaft der Reichsstädte Colmar und Straßburg, in welch’ letztere wir die Jugend des Meisters wenigstens verlegen dürfen. Im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts ist alsdann aber ein großer Umschwung in Baldung’s Kunstcharakter eingetreten, denn von da ab sehen wir ihn sehr entschieden der Bahn Dürer’s [18] folgen. Höchst wahrscheinlich hat der hochbegabte Schwabe vom J. 1507–1509 in Dürer’s Werkstatt gearbeitet und eine liebevolle Hingabe an die besondere Vortragsweise seines Vorbildes beeinflußte in der Folge seine Productionen in einer Weise, daß nicht wenige derselben bis vor Kurzem noch für Werke Dürer’s galten. Fragen wir, welche Berechtigung in kunstkritischer Hinsicht diese Verwechselung beider Maler beanspruchen könne, so ist keineswegs zu verkennen, daß B. in seinen besten Stunden der Dürer’schen Conception in formeller Beziehung ziemlich nahe kommt, wenn man die Summe seiner künstlerischen Potenz aber zieht, doch um eine sehr merkliche Stufe unter dem großen Nürnberger steht. Daß er aber neben einer bedeutenden Selbständigkeit Dürer’n in dessen charakteristischen Eigenschaften redlich nachstrebt, leuchtet besonders ein bei Betrachtung seiner Handzeichnungen. die sehr oft eine glückliche Auffassung Dürer’scher Eigenthümlichkeit, namentlich der Energie seiner Gestaltung und der unfehlbaren Linienführung erkennen lassen. Neben dieser ausgesprochenen Hinneigung Baldung’s zu der fränkischen Schule, sehen wir ihn indeß noch ganz andere Elemente seiner Begabung entfalten. Zuweilen wendet er nämlich sein Malerauge zur schwäbischen Schule hinüber und gibt einer Kraft und Harmonie des Colorits Raum, die uns gegenüber seiner sonstigen kühlen, ja oft trockenen Behandlungsweise, namentlich in einigen Tafeln des Freiburger Hochaltars in Erstaunen setzt. Dabei laufen Beleuchtungseffecte mit unter, welche an Corregio erinnern, so in zwei Darstellungen der Geburt Christi, bei denen das Licht von dem Kinde ausgeht, die eine zu ebengenanntem Werke gehörig, die andere in der Galerie zu Aschaffenburg. Hiezu gesellt sich bei ihm eine Sinnlichkeit, welche freilich nicht die freudige, stets wirksame Corregio’s ist, sondern die mehr augenblicklich auflodernde eines leidenschaftlichen Temperaments, indeß eines unmittelbaren Ausdruckes und Schwunges fähig, der ihm nicht selten grandiose Motive eingibt und ihn an Gewalt stürmischer Bewegung über alle seine Zeitgenossen hinausgehen läßt.

Neben diesen Vorzügen Baldung’s, welcher bis vor Kurzem der Stiefsohn der altdeutschen Kunstgeschichte war, dürfen freilich auch die Auswüchse seines Kunstnaturells nicht verschwiegen werden. Er ist nicht allein von knorriger und herber Kraft der Charakteristik, sondern treibt dieselbe, einem ungemäßigten Naturalismus die Zügel schießen lassend, zuweilen bis ins Harte und Bizarre, wodurch er in der Entwickelung des Körperlichen der Wahrheit und Schönheit gegenüber in bedeutendes Schwanken geräth und der tieferen religiösen Empfindung seiner Werke Abbruch thut. Auch schweift er in seinem Hang zum Phantastischen oft allzusehr aus, wie er denn überhaupt eigenwillig dem Einfluß der Renaissance sich verschließt. Eine gewiß mehr aus seiner psychischen Constitution als Mensch, denn aus einem Mangel künstlerischer Einsicht und Vermögens entspringende Ungleichheit in seinen Hervorbringungen und die daran sich knüpfende Verwirrung in der Erkenntniß derselben, sowie der Umstand, daß er nach Zahl und Werth auffallend schwach in den größeren öffentlichen Sammlungen vertreten ist, waren ohne Zweifel Veranlassung, daß die künstlerischen Qualitäten des Meisters lange Zeit sehr verkannt wurden. Die Zahl seiner uns überkommenen Gemälde beläuft sich auf 40–50, worunter die 11 Tafeln des Freiburger Hochaltars vom J. 1516 die vorzüglichsten. Sie enthalten die Krönung Maria’s mit den zwölf Aposteln zu beiden Seiten, die Verkündigung, Heimsuchung, Geburt und Flucht nach Egypten auf der Vorderseite, auf der Rückseite die Kreuzigung, links und rechts je zwei Heiligengestalten und eine Predella mit der Mutter Gottes nebst den Stifterbildnissen. Vielfach beschäftigt scheint er namentlich für die badischen Markgrafen gewesen zu sein und sehen wir Resultate davon in einem aus dem Kloster Lichtenthal stammenden Stifterbild der Kunstsammlung zu Karlsruhe, die Familie Markgraf Christophs in Verehrung vor S. Anna selbdritt, in dem trefflichen [19] Brustbild desselben Markgrafen ebendort und zu Schleißheim, und des Markgrafen Philipp Christoph in der alten Pinakothek zu München. Zwei geistvolle kleine Bilder von ihm sind auch die beiden nackten Frauen vom Tod umarmt und geküßt im Museum zu Basel. Ob der höchstinteressante Issenheimer Altar in der Sammlung zu Colmar, der vormals mit Bestimmtheit B. zugeschrieben ward und seinen Farbensinn zu einer glänzenden, ja fast übermüthigen Höhe gesteigert erkennen ließe, wirklich von ihm ist, scheint doch bei näherer Prüfung großen Bedenken zu unterliegen. Zwar muß die Consequenz der Folgerung in so weit zugegeben werden, als die aller Fesseln spottende Phantastik dieses Werkes die letzte Entwickelungsstufe eines Künstlernaturells, wie es das Baldung’s war, sein könnte. Aber vergegenwärtigen wir uns die beglaubigten Gemälde Baldung’s alle, so wird eine unleugbare, große Differenz zwischen der darin erkennbaren Technik, der ganz eigenthümlichen Vortragsweise ihres Urhebers und derjenigen des Issenheimer Altars augenfällig werden. Dies hat neuerdings Woltmann bestätigt und fast bis zur Evidenz nachgewiesen, daß M. Grunewald der Urheber dieses Altarbildes ist.

Stiche sind ihm mit Sicherheit bis jetzt nur drei zuzuschreiben, worunter der ein Pferd zügelnde Stallknecht der hervorragendste. Dagegen die Reihe seiner Holzschnitte ist eine ziemlich stattliche und wird zur Zahl 100 nur wenig fehlen (vgl. Bartsch t. VII. S. 301–322 und Passavant t. III. S. 318–326). Darunter zeichnen sich besonders aus Bartsch Nr. 43 der Leichnam Christi von Engeln zum Himmel emporgetragen, Nr. 44 die drei Parzen, Nr. 45 der betrunkene Bacchus, Nr. 55 der großartige Hexensabbath, und Passavant Nr. 66 Maria mit dem Kinde von Engeln umgeben. Vorzüglich bemerkenswerth sind einige Clairobscurblätter, wie überhaupt B. der größte Meister des Helldunkels in Deutschland ist.

Zahlreiche Handzeichnungen von ihm finden sich weithin zerstreut. Eine Reihe interessanter, sehr sicher und frei mit Silberstift gezeichneter Studienblätter enthält ein Skizzenbuch, welches dem Kupferstichcabinet zu Karlsruhe angehört.

Wie hoch Dürer seinen Nachfolger zu schätzen wußte, das ersehen wir aus dessen Reisetagebuch, worin aufgezeichnet steht, daß er in den Niederlanden Baldung’sche Blätter verkauft und verschenkt habe, und wie nahe sich die beiden Künstler auch im Leben gestanden, bezeugt die pietätvolle Anhänglichkeit, welche B. veranlaßte, sich nach dem Tode Dürer’s eine Locke seines Freundes zu verschaffen, die er als Reliquie bewahrte und die kürzlich in den Besitz der Wiener Akademie der Künste überging.

Vgl. Woltmann, Zeitschrift für bildende Kunst, 1866. S. 257–262 und 283–287. – M. Thausing, Jahrbücher für Kunstwissenschaft. II. Jahrgang, Heft 3. O. Eisenmann in Meyer’s Künstlerlex.