„Seine Ehre gebrochen“

Textdaten
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Autor: E.
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Titel: „Seine Ehre gebrochen“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 33-315
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[313]
„Seine Ehre gebrochen“.
Eine Erinnerung an Johanna Kinkel.[1]

Ich beabsichtige keine Charakteristik, noch weniger eine Biographie dieser ausgezeichneten Frau zu schreiben, die durch ein grauenvolles Verhängniß ihrer Familie entrissen wurde, als ihr Leben sich eben wieder auf das Glücklichste zu gestalten begonnen hatte. Sie wird ihren Biographen finden, sie verdient, sie bedarf ihn, einfach, weil sie wirklich ausgezeichnet war und weil der böse Leumund sich am liebsten mit dem Ausgezeichneten beschäftigt und es neidisch und mißgünstig in die Sphäre eigner Niedrigkeit herabzuziehen trachtet.

Nur einige charakteristische Züge aus ihrem Leben mit Gottfried Kinkel mitzutheilen, sei mir gestattet, die mehr als emphatische Apotheosen den hohen Werth dieser Frau erkennen zu lassen geeignet sind.

Mit Kinkel seit Jahren in brieflichem Verkehre, wollte ich ihn 1848 auf einer Studienreise – richtiger könnte ich meine damaligen Wanderungen im aufgeregten Vaterlande nicht bezeichnen – aufsuchen, um den Mann, dessen Worte stets von eben so viel Anmuth als Herzlichkeit durchweht waren, auch persönlich kennen zu lernen. Ich traf ihn nicht, wohl aber traf ich Johanna Kinkel, die mich freundlich bewillkommnete und mich durch ein lebhaftes Gespräch leicht zu fesseln wußte. Bald riefen Mutterpflichten sie zu ihren Kleinen, die krank gewesen waren, und ich folgte gern ihrer Einladung in das Kinderzimmer, um sie, wie ich sie vorher als geistreiche und liebenswürdige Gesellschafterin bewundert, nun auch als die zärtlichste, sorgsamste und verständigste Pflegerin ihrer kleinen Lieblinge kennen zu lernen. Jeder weiß, wie verhältnißmäßig selten diese drei Eigenschaften bei Müttern vereinigt angetroffen werden; bei Frau Kinkel kam noch die seltene Intelligenz hinzu, mit der sie Erziehung und Pflege betrieb. Gottfried, das älteste Kind, war Reconvalescent von einer hitzigen Gehirnentzündung; Arzt und Mutter hatten das Glück und Verdienst gehabt, den kleinen Patienten von dieser gefährlichsten aller Kinderkrankheiten zu retten. Unermüdlich Tag und Nacht hatte sie gesorgt, und nun stand ihr Liebling wieder gerettet vor ihr, die großen, klugen Augen zu mir aufschlagend und die Strophen halb singend, halb declamirend, in die ihm die geniale Mutter die Verhaltungsmaßregeln des Arztes eingekleidet hatte. Rührend war die Treuherzigkeit, mit der er die Schlußzeilen besonders betonte:

„Sonst kommt der Doctor Velten
Und thut gewaltig schelten.“

Ueber Politik war kein Wort gefallen, und auch als Kinkel nach ungefähr einer Stunde aus dem Colleg heimkehrte und ich mich zum Mittagessen halten ließ, waren es keinesweges die banalen Stichworte der Parteien, denen man damals kaum in irgend einer Gesellschaft entgehen konnte, welche das einfache, aber lecker bereitete Mahl begleiteten. Von Kindern und Kinderzucht, vom Rhein und von Rheinreisen war die Rede, und dabei verstand es Kinkel nicht nur, wie wenig Männer, seiner Johanna, der einzigen Dame bei Tische, die ihr gebührende Aufmerksamkeit und Artigkeit in ungezwungenster Weise zuzuwenden, er gab auch durch Wort und Ausdruck die glückliche Befriedigung seines Seelenlebens zu erkennen, der er durch ihren Besitz theilhaftig geworden war.

Nach Tische kamen einige Handwerker, deren Wünsche, obgleich sie noch weit über das verrottetste Innungsgelüste hinausgingen, doch mit freundlicher Klarheit berichtigt wurden. Nach ihrem Fortgehen klagten beide Ehegatten, wie schwer es sein werde, den Forderungen dieser Classe, die nur ihr nächstes und eigenstes Interesse in’s Auge zu fassen vermöge, gerecht zu werden. „Weil unser Bäcker keineswegs ein sonderlich virtuoses Brod bäckt,“ sagte Johanna, „verlangt er von Kinkel, er solle den Eingang des oberländischen Brodes verhindern, und ein verarmter Nagelschmied will ein Gesetz gegen die Anfertigung der Fabrikdrahtnägel. Aber so sind unsere Menschen fast sämmtlich. Kaum Einer unter den Tausenden, die wir sprechen hören, ist aufrichtig gemeint, dem Jahre 48 ein Opfer zu bringen. Weil Jeder zu gewinnen trachtet, wird der Fortschritt zum Bessern aufgehalten und einstweilen Jeder, der von höheren Ideen erfüllt ist, verlieren.“

Trotz der Kürze der Zeit war ein inniges Freundschaftsbündniß zwischen uns angeknüpft, und besonders von Johanna in Briefen fortgesetzt, die ich als ein theures Vermächtniß aufbewahre.

Kinkel wurde mehr und mehr von dem Ungestüm seiner Partei in den Strudel gerissen, dem er so wenig wie Andere einen Damm entgegen zu setzen vermochte, der aber, wie jede unvorbereitete Bewegung, sein natürliches Ende finden mußte, und dem sich zu entziehen er für ehrlos hielt. Es verfing nichts, daß ich ihm vorhielt, man werde nicht gründlicher, wenn man radicaler werde, und zuletzt seien die Verhältnisse stärker, als die Menschen. „Das Alles sagen wir uns selbst oft,“ bemerkte Johanna, „aber wenn Kinkel aus der Bewegung zurücktritt, welcher Bessere soll sie dann leiten? muß sie nicht in die Hände der unsaubern Geister fallen?“

Eine öffentliche Anstellung, die sich mir bot, nahm ich deshalb gern an, um den Kummer über das unausbleiblich bevorstehende Scheitern vieler meiner Hoffnungen zu bekämpfen, und widmete meine sämmtlichen Mußestunden den ernstesten Berufsstudien. Es gelang mir, des Fiebers, das auch in meinem Blute glühte, Herr zu werden, bis nach ungefähr Jahresfrist eine Zusammenkunft mit meiner Mutter mich wieder nach Bonn führte. Als die theure Frau bald wieder nach dem nördlichen Deutschland abgereist war, sah ich mich nach meinen Freunden um, aber ich traf nur noch wenige. Die ich sprach, waren ernst und traurig, einige waren ausgewandert, gar manche als Opfer gefallen, Kinkel war in der Pfalz.

Ich war viel allein, auf dem alten Zoll, auf dem Schänzchen. Jene Todessehnsucht kam über mich, die in jungen Jahren zu den gewöhnlichen Erscheinungen gehört, selbst wenn die Wirklichkeit keine herbe ist und höchstens mit den schwärmerischen Idealen ungereifter Ansichten contrastirt. Die kurze Frist im Kreise der Meinigen hatte mir wohl gethan und war mir im Gefühl wie ein Abschiedsfest, das mich frei gemacht habe. Der blutige Tod, die [314] Gefahren meiner Freunde standen mir lebhaft vor der Seele, und ich fand keine Ruhe vor Selbstvorwürfen, die ich mir machen zu müssen glaubte.

So kam ich zu Johanna und fand sie in der Kinderstube, ihr Jüngstes auf dem Schooße, in Vertretung ihres Mannes mit – der Redaction von Kinkel’s politischer Zeitung beschäftigt. Sie war bleicher, als früher, und hatte ein leidendes und angegriffenes Ansehen, das sich aber bald verlor und jener Spannung aller Fasern Platz machte, die wir bei energischen Staturen selbst noch beim Nahen des Todes nicht selten zu beobachten Gelegenheit haben.

Nach den ersten Begrüßungsworten und nachdem ich ihr mitgetheilt, welcher Zweck mich nach Bonn geführt habe, fragte ich nach Kinkel und erklärte, ihm folgen zu wollen. Ihre Beistimmung, der ich sicher zu sein glaubte, weil es ihr doch nur erwünscht sein konnte, einen Freund an Kinkel’s Seite zu wissen, sollte meinen Entschluß befestigen und mir die Rückkehr in meine friedlichen Arbeitskreise unmöglich machen.

Aber wie sehr hatte ich mich getäuscht! „Junger Mann, versündigen Sie sich nicht an Ihrer Mutter!“ rief Johanna, indem sie aufstand und ihre schönen, großen, unbeschreiblich sprechenden und gedankentiefen Augen auf mich richtete. Kaum je hat ein Blick so zauberhaft und schreckhaft auf mir geruht. „Denken Sie an Ihre Mutter, Freund! Was wollen Sie? Ist es nicht genug, daß wir sehenden Auges dem Abgrunde entgegengehen, der uns bald verschlingen wird? Ist es mit den Opfern nicht genug? Sie meinen, es werde mir eine Freude sein, Sie bei Kinkel zu wissen? O ja, ich leugne nicht, gerade Sie sähe ich gern dort. Er hat viel Gesindel und armselig elend Volk um sich. Aber nein, nein! Gehen Sie hin, woher Sie gekommen sind. Ich will nicht, daß Sie dem Gottfried folgen, denken Sie an Ihre Mutter, Ihre Mutter!“

Unser Gespräch wurde durch Besuche der damaligen Freunde Kinkel’s unterbrochen. Ich trat an’s Fenster und wartete. Bald kam Frau Kinkel wieder zu mir, nahm meine Hand und sagte mit feierlichem Ernste: „Lieber Freund, ich nehme Ihre Hand darauf, daß Sie Kinkel nicht nachreisen wollen, und nun versprechen Sie mir, daß Sie noch heute, gleich diese Stunde, wieder zurückreisen und Ihrem Berufe still weiter leben werden. Es nutzt zu Nichts. Adieu!“ Und damit hatte sie mich halb wider meinen Willen zur Treppe geleitet. „Sie werden vielleicht noch von mir hören,“ sagte sie, als wir schieden, „denn ich habe Sie sehr lieb.“

Ich ging. –

Später in meine trauliche Einsamkeit zurückgekehrt, wieder vor mir die lebendigen Wellen und die Bergrücken und die spärlichen Trümmer des Mittelalters, zu meiner Seite Bücher und angefangene Arbeiten, dahinter Glas und Flasche, mit gutem Sechsundvierziger gefüllt, – saß ich oft genug trauernd, grübelnd da; ich konnte mich nicht mehr, wie früher, mit Arbeitsgedanken umspinnen und abschließen, aber die Zeitungen mit ihren elenden Spiegelfechtereien waren mir ein Gräuel, und so nahm ich die Geschichte der französischen Revolution zur Hand und suchte dort nach Anhaltspunkten zur Erläuterung der Zustände und Vorgänge um mich herum.

Aus meinem Tagebuche flechte ich hier mit wörtlicher Treue das Nachfolgende ein, da es die Verhältnisse, in denen auch Johanna Kinkel lebte, die Anschauungen und Empfindungen der Freunde ihres Kreises in helles Licht setzt:

10. September. Wie oft hat mich neuerer Zeit tiefer Kummer gedrückt, mit welchem unsäglichen Weh habe ich namentlich der vielen Freunde gedenken müssen, welche durch die Revolution dem Tode oder dem Elend zugeführt wurden! Was habe ich gelitten, besonders um Dich, mein Kinkel, Du bester Mensch!

Vor 8–12 Tagen folterte mich die Sorge um Kinkel ganz besonders, und ich dachte daran, ob ich ihm nicht persönlich durch eine Reise nach Rastatt behülflich werden könnte. Schon vorher hatte ich einen Brief an den König von Preußen abgeschickt, den ich um Lebens und um Sterbens willen jetzt hier abschreiben will:

„ Allerdurchlauchtigster etc. etc.
Das Schicksal des Prof. Gottfried Kinkel veranlaßt mich, der ich ihm seit Jahren befreundet bin, aber bereits lange isolirt lebe, mit dem Versuche der Fürsprache Ew. Majestät Throne zu nahen. Von einer entschuldigenden Vertheidigung der Handlungen des Mannes kann nicht gesprochen werden, da dieselbe mit einer rechtfertigenden Beurtheilung der diesen Handlungen zum Grunde liegenden Ansichten beginnen und enden müßte. Es läßt sich aber eine Erklärung dieser Handlungen aus der unbefangenen Betrachtung des Lebensganges und der Charakterentwickelung Kinkel’s schöpfen. Was er war, hatte er selbst aus sich gemacht, meist nach Bekämpfung großer Hindernisse, und so waren alle Lebensgüter Kinkel’s sein selbst- und wohlerworbenes Eigenthum. Darum bebte er, je weiter er wuchs, vor keiner Gefahr zurück und legte gegen jeden zu erringenden Preis seine Existenz auf die andere Schale der Wage. Wie es ihm gelungen war, in privaten Verhältnissen seinen Ideen und Idealen die Wirklichkeit anzupassen und aus jedem Kampfe gerettet und mit Ehren hervorzugehen, so wurde er durch einen mißverstandenen Begriff von Consequenz auch dahin geführt, im Streben für die Menschheit, das kaum in viel Menschen edler glüht, mit aller Energie und unbegrenztem Opfermuthe einen Weg einzuhalten, auf den er durch nicht gewollle Verhältnisse und nicht gesuchte Menschen gedrängt war. Der Wahn, seine Ehre auch in den Augen als incompetent anerkannter Ehrenrichter aufrecht erhalten zu müssen, fesselte ihn an seine Fahne, an die Fahne der philosophisch-freien Menschheit, aber er hatte diese Fahne in andere Hände gegeben.
War er anfänglich nur zur Beantwortung der Handwerkerfrage in ernster Weise thätig und blieb klar und seineigen, so riß den Poeten, den Herrn der Phantasie und ihren Knecht, hernach der Taumel im Chaos fort, und es offenbarte sich an ihm, was er mir vordem bestritten hatte, daß die Ereignisse stärker sind, als die Menschen.
Ob Kinkel’s Einfluß und Wirksamkeit erheblich waren, ist nicht zu erörtern, da er ohne politische Befähigung und ohne einen andern Namen, als den des geistreichen Kunstkritikers, des liebenswürdigen Dichters und Gesellschafters, nur oratorisches Talent und den Zauber eines begeisterten und unmittelbaren Mannes in die insurgirten Lande brachte. Wie er dort verwendet wurde und im Strudel der sich überstürzenden Vorgänge wirkte, ist ihm kaum zuzurechnen, da er Glied in der Kette geworden war.
Sein Fehltritt war, daß er überhaupt nach der Pfalz ging. Aber er ging nur, weil er sich durch Preßvergehen für zu compromittirt wähnte, um in Lande als der fortzubestehen, der er gewesen, und weil es ihm unmöglich schien, zuzugeben, daß der Mensch besser sein könne, als sein Ruf.
Es wäre traurig, wenn um diesen Irrthum und um hervorragendes Talent und um die Fähigkeit, sich für das Höchste nicht nur zu begeistern, sondern auch aufopfern zu können, ein Mann, dem das Leben sich erst eröffnete, dem Leben, seinen zahlreichen auf ihn rechnenden Kindern, einer hochherzigen Frau, einer Reihe von Freunden, die ihn gern zurückgehalten hätten, der Kunst und Wissenschaft, die ihm schon Anerkennenswerthes verdanken, der Gesellschaft, deren Zierde er war, der Menschheit, für die er mehr lebte, als für sich und Einzelne, wenn er dem neu aufgebauten Staate entrissen werden sollte, der solcher Bürger am ersten bedarf, um nicht in Einseitigkeit zu verfallen.
Majestät! Die Todeskugel ist nicht zurückzurufen und ein Wort von Ihnen vermag Alles!“ – – – – – – –

20. September. Ich habe noch einige Notizen und Documente, die meinen unglücklichen Freund Kinkel betreffen, nachzutragen, da ich mit Bestimmtheit voraussetzen darf, daß dieselben dereinst als historisch werthvoll aufgesucht werden.

Zunächst aus Baden-Baden vom 11. August 1849 einen anonymen Brief, dessen Verfasserin ich sofort an der Handschrift auf der Adresse erkannte.

„Lieber Freund! Da ich nicht weiß, wie bald auch ich nicht mehr im Stande sein werde, Ihnen Aufschluß über das Schicksal unseres Freundes zu geben, so schreibe ich Ihnen hier einige unzusammenhängende Notizen, sage Ihnen aber ausdrücklich, daß Sie dieselben jetzt nicht publiciren dürfen, um nicht etwa durch voreiliges Geräusch die Lawine zum Sturz zu bringen, die über unsern Häuptern hängt. Es ist aber gut, daß einige wenige Freunde wissen, wie es steht, damit, wenn ich stürbe oder meiner Freiheit beraubt würde, Licht in ein Gewebe gebracht werden kann, das mich jetzt ohne Hülfe umschnürt. Aus bester Quelle weiß ich, daß das Kriegsgericht nicht auf Tod, sondern auf Gefängniß erkannt hat. Das Urtheil wird aber officiell

[315] nicht bestätigt. Warum? Wer kann es durchschauen? Von Berlin aus sind mir folgende Bedingungen gestern zugekommen; wenn mein Mann diese erfüllt, so soll ihm Begnadigung werden. An mich ergeht die Aufforderung, ihn dazu zu bereden.

Ein lebenrettendes Mittel ist vorhanden; es besteht in einer eigenhändig an den König gerichteten und bestimmten Erklärung aus folgenden drei Sätzen:
1) Er bekennt feierlich und öffentlich sein Verbrechen, daß er seine geschworenen Eide, seine Unterthanentreue, seine Staatspflichten und seine Ehre gebrochen und nach menschlichen und göttlichen Gesetzen den Tod verdient!
2) Er bekennt feierlich und öffentlich, daß er dies Alles nicht blos erkenne, sondern daß er es wahrhaftig und aufrichtig bereue!
3) Er bittet seine Majestät den König, um dieses Bekenntnisses und um seiner Reue willen, ihm das Leben zu schenken.
Ein rasch nachgesandter Brief benachrichtigt mich, daß, wenn es meinem Manne zu hart fallen solle, selbst zu schreiben, daß er seine Ehre gebrochen, so habe der König selbst geschrieben, daß er ihm diesen Satz erlassen wolle. Von den andern dürfe er aber weder Etwas auslassen noch zusetzen. Diese Bedingungen sind vom 3. August datirt; am 4. folgte das kriegsrechtliche Urtheil. – Ohne nun meinerseits ein Urtheil über diese Bedingungen zu äußern, noch zu verrathen, ob ich an – –’s Stelle sie eingehen würde, mache ich Ihnen nur noch als Geheimniß kund, daß dieses Gnadenmittel existirt, aber mir jede Möglichkeit versperrt ist durchzudringen. Die Geistlichkeit hat freien Zutritt bei ihm, aber für seine Frau ist sein Kerker hermetisch verschlossen. Meine unermüdlichen Bittgesuche, ihn zu sprechen, haben nirgends Eingang gefunden. Einer schickte mich zum Andern. Alle meine Baarschaft habe ich auf Eisenbahnen kreuz und quer im Lande, in Gasthöfen etc. verbraucht und endlich werde ich mein Theuerstes auf Erden seinem Schicksale trostlos überlassen und heimreisen müssen. Daran ist zunächst schuld eine fälschliche Denunciation, ich hätte meinen Mann zu seinen Schritten angetrieben. Dies ist nicht wahr. Ich theile seine Gesinnungen, aber ich habe seinem Willen den meinen zum Opfer gebracht, weil er mich überzeugte, daß sonst seine Ehre auf dem Spiele stehe. Andere Verleumdungen haben die Würde unseres so schönen und heiligen ehelichen Verhältnisses angetastet. Urheberin dieser Verleumdungen – – – ; Folge derselben: der Commandant von Carlsruhe erklärte mir in Gegenwart mehrerer Zeugen, daß eine solche Mißstimmung gegen mich herrsche, daß, wenn man hier etwas gegen mich unternähme, so könne und wolle er mich nicht schützen. Zweck der ganzen Intrigue: Ich soll von meinem Manne entfernt werden, um einen Lieblingsplan meiner – – ausführbar zu machen. Pfarrer K – – hat expreß die Reise hierher gemacht und meinem Manne einreden zu wollen, unsere Ehe sei eine unrechtmäßige. Andere Präliminarien lassen mich das Entsetzliche fürchten, daß diese Clique einen Eingriff in meine mütterlichen Erziehungsrechte beabsichtigt.
Meinen Seelenzustand mögen Sie nach allem diesem begreifen. Ich halte mich jetzt nur an den Bibelspruch: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren.“
Ich habe mich auf Gnade und Ungnade meinem Gotte zu Füßen geworfen, dem Gotte, an den ich glaube und den Jene verleugnen: dem Gotte der Wahrheit und der Liebe.“

Es wäre überflüssig, heißt es in meinem Tagebuche weiter, hier viel anmerken zu wollen. Man scheint diese Frau und Bettina, mit der jene Correspondenz vermuthlich gepflogen ist, haben mystificiren zu wollen. Denn die Absicht, Kinkel selbst sich ehrlos erklären zu lassen, um hernach doch freies Spiel zu behalten, wahrlich ich kann sie nur der – Manteufel-Stahl-Gerlach’schen Partei zutrauen.

Im Laufe der Zeit haben wir erfahren, wie sehr entgegengesetzte Ansichten über die Begnadigung oder Erschießung Gottfried Kinkel’s sich in den höchsten Kreisen geltend gemacht haben. Sogar ihre Entlassung sollen hohe Beamte einzureichen gewillt gewesen sein, falls man mit dem frühern Bonner Professor eine Ausnahme mache und ihn nicht auch kurzweg füstlire. –

Ach, dies Füsiliren! –

Allen, denen die genaueren Umstände bekannt geworden sind, unter denen Kinkel in Naugardt in Haft gehalten worden ist, wird das nachfolgende Antwortschreiben von besonderem Interesse sein, das ich auf meinen Brief an den König vom Grafen von Brandenburg, als Präsidenten des Staatsministeriums, erhielt.

„Ew. Wohlgeboren benachrichtige ich mit Bezug auf Ihre Immediat-Eingabe vom 25. v. Mts., welche dem Staatsministerium zur Bescheidung zugefertigt worden ist, daß des Königs Majestät die Bestätigung des gegen den bisherigen Professor Kinkel aus Bonn ergangenen kriegsrechtlichen Erkenntnisses, durch welches derselbe zu lebenslänglicher Festungsstrafe verurtheilt worden ist, obwohl das königliche General-Auditoriat es in seiner rechtlichen Begründung angefochten hat, indem nach den Gesetzen hätte auf Tod erkannt werden müssen, zu genehmigen geruht haben.
Berlin, 14. September 1849.
Gez. Graf von Brandenburg.“ 

Ich übergebe dieses Document ohne irgend welche erläuternde Betrachtung, zu der hier außerdem nicht der Ort wäre, der Öffentlichkeit.


Oeffentliche Blätter haben uns in letzter Zeit die Nachricht gebracht, daß Gottfried Kinkel in Fräulein Minna Werner eine neue Lebensgefährtin, eine zweite Mutter für Johanna’s Kinder gefunden habe. Wir hören außerdem, daß „er jetzt mit ruhigerer Erwägung der Umstände des äußeren Lebens sein inneres in befriedigender Weise zu gestalten anfange.“ Ueber solche Tagesgespräche will und mag ich in keine Erörterungen eingehen, sondern schließe meine Mittheilungen mit dem herzlichen Wunsche, daß aus den schweren Kämpfen und Bedrängnissen, die Kinkel in tiefaufgewühlter Zeit durchlebt hat, für ihn das Bewußtsein erwachsen sei, daß, wie sehr er sich auch oft in den Mitteln vergriffen, er doch stets das Rechte und Edle gewollt und daß ihm in Johanna ein Wesen zur Seite gestanden, die mit ihm die riesige Aufgabe wohl erkannte, der sie gewachsen zu sein glaubten, und die, wo sie geirrt, schwer dafür gebüßt, aber mit der Freudigkeit eines Märtyrers jede Buße über sich genommen. Nicht am Strande des schönen Rheines, den sie so sehr geliebt, in fremder Erde ruht ihr Leib. Er ruhe in Frieden, und Ehre und Liebe mögen ihr Gedächtniß durch die Jahrhunderte begleiten, in welchen man die Namen des edlen Paares noch nennen wird.
E.



  1. Siehe Gartenlaube 1859, Nr. 1.