Eine deutsche Frau in der Fremde

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine deutsche Frau in der Fremde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 9–11
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[009]
Eine deutsche Frau in der Fremde.

Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsere Reben und sonnige, kernige Menschen mit ganz eigenem deutschen Wesen in Sprache, Kleidung, Gesittung und Gesinnung, manch’ „ehrlicher Junge“, zu dem das lachende Schätzchen sagt: „Du gode Jong’! wat häß Du doch e dröckelig Gemööth!“[1] Leute voller Humor und Spaß, die gelegentlich auch gern „eene Preuß’ uhtze“[2] und von dem jungen Burschen, der Soldat ward, sagen: „Hä mooht Preuß’ werde“.

Am Rhein, am Rhein, wo Beethoven und Johanna Kinkel und ihr Gatte, der Dichter des schon in 22. Auflage erschienenen „Otto des Schützen“, und mancher Ton- und Sprachdichter geboren wurden und Singvereine und Liederkränzchen in Menge blühen, da wächst und gedeiht auch eine heitere, deutsche Lebens- und Liederlust, ein rothwangiges, eigenes Volks- und Liebesleben, schöner, als in vielen anderen Landesstrichen.

Johanna Kinkel ist die einzige Tochter einer alten, echten rheinischen Familie, einer Kölnischen. Ihr Vater, Joseph Mockel, war Gymnasiallehrer in Bonn, wo sie, in der Vaterstadt Beethovens, am 5. Juli 1810 geboren ward. Ein Bruder starb schon in der Kindheit, so daß sie als einziges Kind aufwuchs, sich in ihren kindlichen Spielen an Einsamkeit und Selbstständigkeit gewöhnte, und das mit ihr geborne musikalische Talent früh entdeckte und zu nähren verstand. Ihre Erinnerungen an die früheste Kindheit fangen mit der Mutter an, wie sie einmal an ihr Bettchen trat und rief: „Kind, wach’ auf, wir haben ja Frieden!“

Schöner Ruf zum Erwachen des kindlichen Bewußtseins! Sie blühte auf unter den Segnungen des Friedens, der heiteren, reichen wissenschaftlichen, musikalischen, künstlerischen und industriellen Cultur Bonns, bis eines Abends plötzlich Krieg, grimmiger Revolutions- und Bürgerkrieg in ihr strahlend schönes und reiches Familienleben eingriff, der Gatte von vier schlafenden Kinderchen Abschied nahm und in Nacht und Kugelregen verschwand, und sie dann selbst, von den Kindern und einem Säuglinge getrennt, als einsame, verlassene, bedrohte, verfolgte, überall zurückgewiesene Gattin und Mutter zwischen preußischen Militairmassen umherirrte und nach den heldenmüthigsten, ausdauerndsten Anstrengungen körperlich und geistig zusammenbrach. – Im zwölften Jahre wurde sie Schülerin des berühmten Franz Rieß (letzten Capellmeisters des letzten Kurfürsten von Köln), bei welchem auch Ferdinand Rieß und Beethoven ihre erste Meisterschaft über die Töne gelernt hatten.

Die Gartenlaube (1859) b 009.jpg

Johanna Kinkel.
(Nach dem vom Bildhauer Herrn Graß ausgeführten Relief-Portrait, gezeichnet von Herrn Böhm in London.)

Rieß lebte auf einem Gute bei Godesberg. Dorthin ging die zwölfjährige Johanna alle Wochen mehrere Male, um von dem Lehrer Beethoven’s auch Musik zu lernen. Später zog er nach Bonn, wo Johanna ihren Clavierunterricht fortsetzte und er noch manche Schüler bildete. Sie lebte fortan dem Hause, ihren Eltern und in allen Freistunden der Musik mit nur seltenen Ausflügen in Gesellschaft der Jugend gleichen Alters. – Im zweiundzwanzigsten Jahre vermählte sie sich mit dem Buchhändler Matthieux in Köln, trennte sich aber schon nach einem halben Jahre auf immer von ihm, da sie zu der festen Ueberzeugung gekommen, daß diese Ehe nie ihren innersten Ansprüchen des Herzens Befriedigung gewähren könne. Sie spricht sich darüber selbst so aus:

„Meine erste Heirath ist die Geschichte von Tausenden meiner Schwestern und das nothwendige Resultat unserer socialen Zustände. Unzählige Frauen gehen an ähnlichen Verhältnissen zu Grunde, indeß von einer ganzen Generation kaum eine den Muth hat, sich loszureißen und ihr besseres Selbst zu retten“ etc.[3]

Während der 10 Jahre bis zu ihrer Verehelichung mit Kinkel lebte sie ganz als gründlich studirende, ausdauernd arbeitende, strebsame und ausübende Künstlerin. Sie ging nach Berlin, um unter dem Capellmeister Böhmer einen ganzen, mehrjährigen, gründlichen Cursus im Generalbaß durchzumachen, und kam bald durch ihr eigenes Streben und Wirken in die gebildetsten Kreise. Sie lebte eine Zeit lang im Hause der Bettina v. Arnim und stritt sich Jahre lang ununterbrochen mit ihrem antagonistischen Freunde und trockenen, ruhigen Hegelianer, Geheimerath Henning. Die lebhafte, impulsive, junge, kecke Rheinländerin machte dem Philosophen auf dem Berliner Sande viel zu schaffen. Sie gab ihm in Festhaltung und dialektischer Durchführung ihrer Behauptungen nichts nach, so daß sie stets zusammenkamen, um begonnenen Krieg fortzusetzen.

Nach Vollendung ihrer Generalbaßstudien trat sie als Componistin auf. Es waren Lieder und ihre berühmteste, populärste Composition: „Die Vogel-Cantate“, die mit Flügeln und Schnäbeln ausgeführt wird, um den Streit der Singvögel um die Directorstelle (Satire auf die vielen Director-Candidaten in Bonn) recht anschaulich zu machen. Text und Composition sind ganz von ihr selber, so daß sie als die genialste Schöpferin des Komischen in der Musik (eine der größten Seltenheiten) angesehen werden kann. Bald darauf eine Operette: „Die unterbrochene Landpartie“, die, wie üblich, der Regen vereitelt, so daß eine Arie unter dem Regenschirme gesungen wird, während die Musik mit aller Macht, deutlich und täuschend, als Regen auf den Schirm niederprasselt.

Als Künstlerin war sie bereits so berühmt geworden, daß man der Prinzessin von Preußen, die geistvolle, belebende Musik hören wollte, keine geeignetere vorzuschlagen wußte, als Johanna Kinkel. Ihre Königliche Hoheit saß dem Professor Beyrs zu ihrem Portrait, der, um ihr Gesicht in der geistvollsten Belebung auffassen zu können, zu guter Musik rieth. So kam Johanna Kinkel zu der glücklich gelösten Aufgabe, durch ihre Töne den Ausdruck des geistvollen [010] Gesichts der jetzigen Prinz-Regentin von Preußen zu beleben und zu erwärmen. Wie sie in ihrem furchtbaren Kampfe um das Leben ihres geliebten Gatten alle Möglichkeiten auffand und versuchte, wagte sie auch 1849 an diese glücklichen Stunden zu erinnern. Bekanntlich aber blieben in dieser Richtung alle die herzerschütternden Bemühungen der Gattin und Mutter nicht nur erfolglos, sondern das Urtheil des nach langen Vorbereitungen und Wandelungen als das strengste ausgesuchten Kriegsgerichtes: lebenslängliche Festungsstrafe (die nach dem klar vorliegenden Gesetze höchstens auf zehn Jahre lauten konnte), wurde auf eine bis jetzt noch unaufgeklärte Weise in lebenslängliches Zuchthaus verwandelt.

In Berlin eröffnete sich Aussicht auf freiwillige Scheidung. Sie kehrte deshalb nach Bonn zurück und ward hier nach dem Code Napoleon gerichtlich geschieden. Da aber die katholische Kirche nicht scheidet, galt es später, um ihren wahren Ehebund zu schließen, sich von der Verantwortlichkeit vor dieser Kirche zu befreien. Dies that sie auf eine Weise, über die sie sich in den „Erinnerungsblättern“ so klar und offen ausgesprochen hat, daß wir darin nur die That eines weiblichen Herzens erkennen, das den Muth hat, aus innerster Ueberzeugung seiner Ehre und Sittlichkeit zu folgen. Als sie von Berlin nach Bonn zurückkam, sah sie Kinkel zum ersten Male wieder (sie hatten sich als Kinder gekannt). Es war in dem Hause des jetzigen preußischen Staatsministers Bethmann-Hollweg. – Die damals imposanteste und populärste Persönlichkeit der Universität und die geistvolle Frau und Künstlerin mögen sofort ein Gefühl gehabt haben, daß sie einander gehören. Sie trafen sich oft in Gesellschaft und machten Ausflüge zu Lande und zu Wasser; aber erst ein besonderes Unglück während einer abendlichen Spazierfahrt auf dem Rheine brachte die Knospe der Liebe zur Entfaltung und Blüthe. Sie wurden am 4. September 1840 von einem Dampfschiffe überfahren und in die Rheinfluthen geworfen, Kinkel rettete sie durch Schwimmen. Als er sie dem Tode entrissen, fiel sie ihm um den Hals und

„Du warst gerettet, mir gerettet
Für eine frische Lebensbahn;
An meine Brust lagst Du gebettet,
Und weinend blicktest Du mich an.
Und wie, vom Stromgott losgebunden,
Mich Deiner Locken Schwall umfloß,
Empfand ich willig mich umwunden
Von Deiner Liebe fessellos.

„Da fiel des Lebens höchste Stunde
Vom Himmel uns mit Allgewalt:
Frei gab Dein Mund sich meinem Munde,
Von Wonneschauern heiß durchwallt.
Da löste sich aus Todesschmerzen
Das allererste heil’ge Du:
Du hauchtest es aus vollem Herzen
Mir Uebersel’gem zu.“[4]

Sieben Jahre nach der Trennung von dem Buchhänder Matthieux war die Scheidung erfolgt, am 22. Mai 1840, um 11 Uhr. Nach dem Code Napoleon mußte die Geschiedene drei Jahre bis zur Wiederverheirathung warten. Diese fand am 22. Mai 1843 eine Viertelstunde nach 11 Uhr statt. Die Viertelstunde mußte zugegeben werden, weil man auf dem Rathhause gewissenhaft bemerkte, daß die Uhren entweder 1840 oder jetzt unrichtig gegangen sein könnten.

Die Oppositionen der beiden Kirchen, die durch diese Ehe berührt wurden, traten sofort in ihrer Weise gegen das Paar auf. Kinkel wurde von dem preußischen Ministerium für beförderungsunfähig in der theologischen Facultät erklärt. Er ward Professor der Literatur- und Kunstgeschichte, über die er ein besonderes Werk geschrieben. Das junge Paar schuf sich selbst eine schöne Welt:

„Es ruhte fromm und still befriedet
Nun Herz an Herz und Geist an Geist.“

Lassen wir sie selbst sprechen:

„Im Schlosse Clemensruhe bei Bonn, wo wir während unserer ersten Ehejahre wohnten, wurden dem Feste Peter und Pauli zu Ehren zwei Zimmer reich mit Blumen geschmückt, deren eines an die Galerie des inneren Hofes stieß, während das andere, durch eine weite Flügelthüre mit diesem zu einem Raum verbunden, die freie Aussicht über den Schloßgarten nach dem fernen Siebengebirge gewährte. Der ätherblaue Hintergrund hob sich reizend gegen die dunkeln Laubgewinde ab, die in Form eines gothischen Bogens die innere Thüröffnung bekleideten. Im Halbkreis saßen Männer und Frauen, die Häupter mit Kränzen von Epheu und Rosen geschmückt, und bildeten das Gericht über die jüngsten Werke des heitern Bundes (rheinischen Poeten-Vereins), die hier zum ersten Male zum Vortrag kommen sollten. Dieses Fest war von einem wahrhaft griechischen Hauch verklärt. Eine edlere, geistigere Stimmung im geselligen Genuß konnte nicht gefunden werden. Welche Erscheinungen zierten diesen Kreis! Genie, Freiheit und Grazie, Schönheit und Liebenswürdigkeit – jede holde menschliche Eigenschaft war dort einmal in ihrer höchsten Steigerung vertreten.

„Hier saß Carl Simrock, der Mann, der mit nie ermüdender Kraft den Hort uralter Schätze deutschen Heldensangs noch einmal aus den Fluthen der Vergessenheit an’s helle Sonnenlicht unserer Tage förderte u. s. w.

„Hier entzückte uns Emanuel Geibel durch sein wundervolles Talent des Improvisirens –

„Neben ihm contrastirte der kluge, das Maß nie vergessende Carl Beyschlag –, auch Alexander Kaufmann. – Wie könnte ich bei allen Namen verweilen, an deren jeden sich Erinnerungen der anmuthigsten Stunden knüpfen, die unser Haus genoß, indem sie unserm Kreise die feinste Blüthe ihres Talentes darbrachten. Einen sehr bedeutenden Antheil an dem Glanz unseres Festes hatten auch die weiblichen Gäste, Emilie von Binzer, die Novellistin, Marie, die Anmuthreiche, Mela, die fast von überirdischer Schönheit Strahlende, Mathilde, die still Sinnende, ach und unsere vortreffliche Freundin Auguste!

„Es war der Tag Peter und Pauli, an dem Kinkel verwundet und gefangen worden. An diesem Tage feierten wir ehedem das Stiftungsfest unseres rheinischen Patrioten-Vereins. –

„So stand die rosengeschmückte Festeshalle jetzt wieder vor meinen Augen, ich sah ihn, den ich, die Liebende, als den belebenden Geist dieser klassischen Geselligkeit empfand, in meinen Träumen noch einmal, wie damals, inmitten des epheuumrankten Bogens hoch emporgerichtet auf der Rednerbühne stehen, wie er vor vier Jahren zum ersten Male den in der Nacht vorher vollendeten „Quintin Messys von Antwerpen“ dem erwählten Kreise vortrug. Und an diesem Jahrestage, der so oft sein Haupt von Lorbeerzweigen, die verehrender Freunde Hand ihm flocht, beschattet grüßte, um dieselbe Stunde vielleicht sank er mit blutender Stirn zu Boden, fern von Allen, die so heiß ihn liebten!“ –

„Eine andere Erinnerung ward in mir lebendig,“ erzählt sie weiter, „als ich am andern Morgen das Boot in Coblenz bestieg. Hier hatten wir uns vor sechs Jahren zu Schiffe auf die Brautreise begeben, um unsern Freund Freiligrath in St. Goar zu besuchen. Eben waren Fr. v. Sallet’s Gedichte neu erschienen. Kinkel hatte sie mit auf die Reise genommen, und zeigte mir die „Romanze von einem deutschen Weibe“, zu welcher der Verfasser die Worte „nicht erfunden“ angemerkt hatte. Die Romanze erzählt, wie am Tage, „wo das Volk die Schranken verhaßten Druckes bricht,“ ein Mann zögert, von dem geliebten Weibe zu scheiden. Die Frau steht endlich auf und, die Hand auf seinem Arm, spricht sie zum Manne: „Jetzt geh!“ Der Dichter schließt mit den Worten:

„Und der dies Lied gesungen,
Hat auch ein liebes Weib.
Wenn ihm der Ruf erklungen,
Sie wird nicht sagen: „Bleib!“

„Kinkel stellte mich damals, die vor wenig Tagen ihm Vermählte, auf die Probe und fragte: „Nicht wahr, Johanna, auch Du würdest nicht sagen: „Bleib!“?“ –

„Furchtbare Macht, die auf die Lippe des Sängers gelegt ist.“ –

Diese Worte trennten das Paar am 10. Mai 1849, und zerstörten eine schöne Welt in der poetischen Hoffnung, daß für die ganze Menschheit eine schönere zu erkämpfen sei.

„Er wiederholte am 10. Mai Sallet’s Vers und setzte hinzu: „Halte mich nicht, Du Starke!“ – –

„Muß er scheiden, dachte ich, so mag er mindestens mit Freudigkeit scheiden; sein Weib soll ihm nicht den Wermuthbecher, sondern in ihrem Abschiedswort den stärkenden Wein kredenzen. Und so habe ich gethan.

„Er trat an die Bettchen unserer vier Kinder, die schon alle schlummernd lagen, ahnungslos, welch ein schreckliches Schicksal sich jetzt ihnen bereite. Als er auf die reinen Stirnen seiner holden Engelein den letzten Vaterkuß drückte, durchschütterte es meine Seele wie ein Angstschrei der Verzweiflung: „Gott, wie ist es möglich, daß ein Vater solche Kinder verlassen kann!“

[011] „Doch der Stimme des Muttergefühls antwortete sogleich mein helleres Bewußtsein: „Darum, weil sein großes Herz alle Kinder liebt wie seine eigenen, darum geht er für die Armuth, für die ganze Menschheit in den Tod!“

„Seit jener Stunde hatte ich tausendmal den Schmerz um seinen Tod überstanden, und doch war das Herz noch nicht erstarrt; es hatte noch die Kraft, Schmerzen, unendliche zu erdulden, und sie sollten ihm nicht erspart bleiben.“ – –

Diese Auszüge aus den „Erinnerungsblättern“ gewähren uns Blicke in das Leben der Gattin, Mutter und edeln deutschen Frau, ohne uns ihr ganzes Leben zu erschließen. Dazu würde mehr Raum und Satz gehören, wozu wir vorläufig noch kein Manuscript liefern können. Auch wie sie nun im preußischen Lager als einzelne Frau umherirrte, abgewiesen, bedroht, zuweilen höflich vertröstet, und bitterer enttäuscht und zurückgestoßen, um den gefangenen Gatten nur einmal zu sehen, ihm das Leben zu retten, ihn dem blutenden Herzen und den verwais’ten Kindern wiederzugewinnen – das können wir nicht mehr schildern, nachdem sie es in den „Erinnerungsblättern“ selbst gethan. –

Er ward ihr und den vier lieben Kindern und einer neuen angestrengten Thätigkeit, freilich in einem fremden Lande, wieder gewonnen. Sie fingen vom November 1850 an, sich eine neue Welt der Wirksamkeit in London zu schaffen, kämpfend und ausdauernd mit einem Heroismus, wovon sich nur die eine Vorstellung machen können, die selbst erfahren haben, was es heißt, auf fremdem, auf Londoner Boden, dicken Nebeln, feindlichem Klima gegenüber, in fremder Sprache, unter ganz widerwärtigen socialen Verhältnissen mit sonniger Rheinnatur und wesentlich deutscher Wissenschaft und Kunst Boden unter den Füßen, Anerkennung und Erfolg zu gewinnen. Sie erkämpften sich eine verhältnißmäßig schöne neue Welt, aber freilich nur mit solchen Gaben, solcher tagtäglich erneuerten harten Arbeit. Die gebildetsten englischen Kreise und alle Schichten der Deutschen in London verdanken dem Wirken Kinkels und seiner Frau in dieser oder jener Weise manches Schöne und Edele. Sie haben dem deutschen Namen hier neue Ehre und Anerkennung erworben, besonders als Lehrende. Johanna Kinkel hat durch ihren Clavier- und Gesangsunterricht in London ein neues, wissenschaftliches System, einen edeln, reinen Styl des Vortrages begründet und verbreitet. Ihre „Acht Briefe über das Clavierspiel“ (1852 in Deutschland erschienen) sind ein klassisches Meisterwerk. Dies erinnert uns an Johanna Kinkel als Schriftstellerin. In den „Erzählungen“ von ihm und ihr gemeinschaftlich (Cotta, 1851) sind „Lebenslauf eines Johannisfünkchens“, „Der Musikant,“ „Aus dem Tagebuche eines Componisten“, „Ein Reiseabenteuer“, „Musikalische Orthodoxie“ und auch die „Geschichte eines ehrlichen Jungen“ von ihr. Welch ein derber, sonniger, kecker Humor aus der Feder einer Frau! Man studire diesen gedrungenen, leichten, klaren Styl, wie ihn nie eine Frau und sonst nur Lessing schrieb, aber weit entfernt von dieser Keckheit und Frische aus dem Volksleben.

Ihre Oper: „die Assassinen“, 1847 vollendet und 1848 in Instrumentirung begonnen, wurde durch den März und ihre Leidensgeschichte unterbrochen. Sie schrieb in London Manches für englische und deutsche Blätter, und hinterläßt drei größere, noch ungedruckte Werke: eine große humoristische Cantate, bereits von ihrer „Kindergesangsclasse“ aufgeführt, ein musikalisch-kritisches Werk und einen größeren Roman.

Ihr eifrig gesuchter Unterricht im Clavierspiel und Gesang, ihre heitere, belebende Gesellschaft ward oft getrübt und unterbrochen durch die Wirkungen des Klima’s, Husten, Lähmungen, Herzcongestionen, besonders während der entsetzlichsten Contraste zu den heiteren sonnigen Tagen am Rhein, während der Londoner November-Nebel. Im vorigen Sommer saß sie dem edelen, deutschen Künstler Graß zu ihrem Relief-Portrait, und mahnte ihn während eines Spazierganges, sich zu beeilen, da ihr der kommende Herbst, wie gewöhnlich, Gesundheit, Gesicht und Geist trübe. Er nahm ihr diesmal mehr. Am 15. November 2 ¼ Uhr, im obersten Zimmer von einer Herzbeklemmung geängstigt, eilte sie an’s Fenster und stürzte hinab. Der Londoner Nebel war an diesem Tage besonders dick, beängstigend und beizend. So wurde die edele Frau, durch die reichsten Gaben und Verdienste in Deutschland und England ausgezeichnet und verehrt, die deutsche Frau, Gattin und Mutter, an welcher sich eine der erschütterndsten Tragödien dieses Jahrhunderts entwickelte und vollendete, ein Opfer der Fremde, um mit neuem unsterblichem Leben in die Herzen des deutschen Volkes und seiner Geschichte heimzukehren. –

Ihre irdische Hülle wurde mit einem feierlichen, großen Leichenzuge, bestehend aus deutschen und englischen Literaten, Künstlern, Kaufleuten u. s. w., besonders vielen ihrer Schülerinnen, weit hinaus in den Süden von London getragen. Die zarte, liebe, dreizehnjährige Johanna vertrat, als ich wieder in das Haus des verwittweten Mannes trat, die Stelle ihrer Mutter. Der starke, beinahe heroische Mann legte, als er mit mir das Haus verließ, seine Hand auf das zarte Kindesköpfchen, und empfahl ihr inzwischen mit rührender Zuversicht die Sorge für das Hauswesen. Englische Damen hatten ihr eben ein großes Bouquet der reizendsten Blumen geschickt, die sie in Vasen ordnete und die schöner aussahen, als je Blumen. Der November und das Haus waren so trüb und traurig. Und die Blumen und das frische Kindesgesicht und die Zuversicht und Leichtigkeit, womit sie sich in ihre neuen Pflichten zu finden wußte, sahen so lieblich und lebensfrühlingsartig aus, Himmel und Erde mögen sie segnen. Der Schlummernden aber draußen, weit von dem unheilvollen Nebel und Geräusche Londons, rufen wir mit Freiligrath aus seinem ihr nachgesungenen Schmerze zu:

     – – – – –
„Ein Schlachtfeld auch ist das Exil, –
Auf dem bist Du gefallen.
     – – – – –
     – – – – –
Fahrwohl! und daß an muth’gem Klang
Es Deinem Grab nicht fehle,
So überschütt’ es mit Gesang
Die früh’ste Lerchenkehle!
Und Meerhauch, der dem Freien frommt,
Soll flüsternd es umspielen,
Und Jedem, der hier pilgern kommt,
Das heiße Auge kühlen.“




  1. Herzlich Gemüth.
  2. Uhtze, huhtzen = zum Besten haben, foppen.
  3. Erinnerungsblätter aus dem Jahre 1849. Von Johanna Kinkel“, im Aprilhefte der „Deutschen Revue“ 1851.
  4. „Gedichte von Gottfried Kinkel. Vierte Auflage. Seite 229. Seine „Elegieen im Norden an Johanna“ werden jetzt mit mehr Verständniß und Genuß gelesen werden.