Zwei Brüder (Bernstein)

Textdaten
<<< >>>
Autor: Aaron Bernstein
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Zwei Brüder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wilhelm und Alexander von Humboldt
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[390]
Zwei Brüder.
Von Dr. A. Bernstein.

Gleich Frühlingssonnenstrahlen eine dustige Atmosphäre durchbrechend, leuchten die Standbilder der zwei Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt mitten in den verdüsternden Geist der gegenwärtigen Reaction hinein. Sie machen die Trübung nur erkennbarer, aber sie verbürgen zugleich ein Aufstreben aller lichten Geisteskeime, die in edlen Zeiten in das Volksbewußtsein ausgestreut wurden. Sie waren im ersten Viertel unseres Jahrhunderts Geisterpropheten der lichteren Zukunft; sie sind im letzten Viertel unseres Jahrhunderts eine Bürgschaft, daß es nicht dahinschwinden wird, ohne die Saat frisch zu beleben, die trotz der Hetze der herrschenden Verdüsterung in aller Stille fortkeimt.

Wenn man das geistige Schaffen der zwei Brüder betrachtet, so könnte es scheinen, als ob es gar nicht gleichem Stämme entwachsen. Ihre Leistungen stehen einander so fern, als wären sie von verschiedenen Trieben geleitet. Aber im tieferen Einblick ihres Strebens wird jedem Denkenden die Harmonie klar, welche ihrem gegenseitigen Forschen zu Grunde lag. Der Mensch als edelstes Product der Natur kann nur richtig erkannt werden in seinem Zusammenhange mit den kosmischen Weltgesetzen. Und der Kosmos gelangt erst zur Selvsterkenntniß durch den Menschengeist.

Die Natur in ihren ewigen Gesetzen ist bewußtlos. Die Sonne weiß nicht, daß ihre Anziehungskraft eine Planetenwelt regiert. Sie weiß nicht, daß ihr Licht Leben spendet in weitem Umkreise. Sie weiß nicht, daß ihre Wärme auf der Erdoberfläche eine unzählbare Pflanzenwelt, eine ihres Seins bewußte Thierwelt und eine von Geistesthätigkeit bewegte Menschenwelt erst ermöglicht. Und der Mensch, so lange er die Gesetze des Weltalls nicht erkannte, betete die Sonne, die unbewußte Natur, an. Erst in der Erkenntniß der kosmischen Gesetze begann der Geist der Menschen Wahrheit von Irrthum und Dichtung zu unterscheiden. Erst in dem edelsten ihrer Wesen gelangt die Natur zur Selbsterkenntniß. Der Kosmos und der Mensch, sie sind durch die Geistesreise der Erkenntniß mit einander verbunden. Sie bilden in ewiger Kraft und in stets aufstrebendem Geiste eine Verbrüderung der Weltharmonie.

Ein mächtiger Einfluß dieser Harmonie war es auch, welcher die zwei Brüder als Führer der Erkenntniß auf anscheinend verschiedenen Bahnen der Forschung geleitet hat. Wie Wilhelm von Humboldt die Entwickelungsgeschichte des Menschengeistes in dem Höchsten seiner Begabung, in der Menschensprache aufsuchte, so suchte Alexander von Humboldt die Urkraft der Naturgesetze zu ergründen, in der sich erst der Menschengeist entwickeln konnte. Beide Erkenntnißquellen stehen in einer engen Verbrüderung, beide im Zusammenhang ergänzen einander. Wenn man auch nirgends die Gemeinschaft ihrer Arbeiten nachweisen kann, die Ergebnisse weisen aus den Einheitssinn hin, dem ihr Geist entsprossen war.

Welch glücklicher Leitstern aber war es, der gemeinsam über den Häuptern der zwei Brüder schwebte?

Es war der Geist der edelsten Zeit des deutschen Vaterlandes! Es war der Geist der Lichtung und Aufklärung, der sich in den Heroen der deutschen Literatur erhob. Es war der Geist, der die Nation auf das Einheitsideal vorbereitete, dem wir noch jetzt entgegenstreben. Es war Schiller und sein Idealismus, der Wilhelm’s Geist auf’s Tiefste anzog und ihn künstlerisch und forschend anregte. Es war Goethe und sein Realismus, der dem Geiste Alexander’s die reale Richtung anwies. Die zwei Brüder, denen jetzt Standbilder in der nationalen Hauptstadt des deutschen Reiches errichtet worden sind, sie sind Vorbilder des wissenschaftlichen deutschen Lebens, wie Schiller und Goethe die Dioskuren der deutschen Kunst waren.

Aber ein noch höherer Genius, der den Menschengeschlechtern in der Jugend ihrer Culturblüthe nur einmal zu erscheinen pflegt, um ihrer edlen Entwickelung für spätere Epochen, gleich einer Offenbarung vorzuleuchten, strahlte in den Jugendjahren beider [391] Brüder heller als jemals auf. Es war der Genius der Humanität, der Genius der Aufklärung der Geister, der Genius treuer Menschenliebe, der Genius, der den Volksgeist mit idealem Streben erfüllte; dieser Genius war es, der damals hellaufstrahlend in die bescheidenen Wohnstätten der beiden Heroen der Kunst und der Literatur in Weimar und in Jena hineinleuchtete. Dieser Genius schwebte über den reinsten Jugendjahren der beiden Brüder. Er blieb ihnen auch bis an das Ende ihres Daseins treu, und er leuchtet auch noch heutigen Tages aus den edlen Gestalten hervor, welche zu ihrer Verehrung aufgerichtet worden sind. Dieser Genius einigt sie, wenn auch jeder von ihnen in Studien und Schöpfungen seinen eigenen und eigenthümlichen Neigungen folgte.

Zwei Brüder, stehen sie heute vor einem und demselben der Geistesbildung gewidmeten Institut. Die Universität der Hauptstadt des deutschen Reiches ist der rechte Platz für Beide. Sie haben beide dem universalen Wissen gelebt. Das Universale der Sprachgesetze des menschlichen Geistes hat Wilhelm zu einer wissenschaftlichen Forschung erhoben, die seit seinem Wirken sich glücklich fortentwickelt hat. Das Universale der Naturgesetze hat in Alexander’s Studien den Schwerpunkt all seines Forschens ausgemacht. Das Universum hat er stets in seinem weit ausgebreiteten Wissen zu einen versucht, dem von den Schlacken des Vorurtheils befreiten gesunden Menschengeist hat er die Millionen und millionenfachen Erscheinungen der Natur faßlich dargestellt. Der Kosmos war sein Jugendideal, und der Kosmos wurde das letzte Lieblingswerk seines hohen Alters.

Die Stätte des universalen Wissens, vor dem die zwei Brüder ihre rechte Stelle gefunden, sie ist die Pflanzschule unserer heranwachsenden Jugend, die im nächsten Wechsel der Jahrhunderte dereinst berufen sein wird, das Wissen hinauszutragen in kommende Geschlechter. – Mögen die Standbilder sie mahnen, demselben Geist der Humanität, der Aufklärung und des Wissens stets zu huldigen, in welchem diese edelsten Vorbilder für alle Zeiten geschmückt dastehen!

Aus der Lebensgeschichte der zwei Brüder wollen wir nur dasjenige hervorheben, was zum Verständniß ihrer geistigen Entwickelung nöthig ist. Sie waren die Söhne des im Dienste des Königs von Preußen stehenden Kammerherrn von Humboldt, der seinen Stammsitz in Tegel bei Berlin hatte. Den Vater verloren sie schon während ihres Knabenalters, die Mutter wachte jedoch mit liebender Sorgfalt über die Ausbildung der zwei Söhne, die von den vorzüglichsten Lehrern ihrer Zeit den Unterricht empfingen. Der freisinnige Pädagoge Joachim Heinrich Campe, dessen Schriften für die Jugend noch immer ein edles Muster von sittlicher und humaner Bildung sind, war der früheste Lehrer derselben. In Naturwissenschaft und Mathematik war der Physiker Professor Fischer ihr Lehrer. In die Pflanzenkunde weihte sie der später wissenschaftlich hervorragende Kunth ein. Während sie in Sprachen, Ethik und Aesthetik von J. G. Engel unterrichtet wurden, war der freisinnige Theologe Dohm ihr Lehrer in Geschichte und Religion. So wurden sie durch einen ausgezeichneten Privatunterricht soweit herausgebildet, daß sie in frühen Jünglingsjahren die Universität in Frankfurt an der Oder beziehen konnten.

Wilhelm, der ältere der zwei Bender, im Jahre 1767 geboren, widmete sich mit großer Vorliebe dem Studium der Rechtswissenschaft, trieb jedoch sowohl in Frankfurt wie später auf der Universität in Göttingen Alterthumskunde, Aesthetik und Kant’sche Philosophie. Er verfolgte den Lebensplan, dereinst in den Staatsdienst einzutreten. Alexander, im Jahre 1769 geboren, nahm sofort eine realere Richtung des Geistes an. Auch er bezog nach einem Jahr des Studiums in Frankfurt, im Alter von zwanzig Jahren die Universität Göttingen, woselbst er sich zwar mit dem Studium der griechischen Sprache befaßte, sich aber doch der Technologie – dieser damals noch sehr unentwickelten Kunst, die Naturkenntniß zur Förderung der Gewerbe zu verwenden – mit ganz besonderem Interesse hingab. Die naturhistorischen Forschungen hatten damals in Göttingen vorzügliche Vertreter, unter denen sich Blumendach, Gmelin und Lichtenberg rühmlich auszeichneten, deren Achtung er sich schnell erwarb.

Von hier ab scheiden sich die Bildungswege der beiden Brüder, sodaß wir jeden derselben in seinen Einzelzügen verfolgen und bis zur Höhe ihrer Entwickelung begleiten müssen.

Dem älteren Wilhelm war ein tief innerliches Wesen eigen, das sich der Dichtkunst und Philosophie zugeneigt fühlte. Später machte er die Entstehung und Entwickelung der menschlichen Sprachen zum Gegenstand seiner hauptsächlichen Forschungen. Er war noch sehr jung, als er zum Referendar im Kammergericht zu Berlin ernannt wurde. Das Rechtsinstitut, das sich damals zur höchsten Blüthe seines Ruhmes, der Unabhängigkeit des Richterstandes, erhoben hatte, besaß einen hohen Reiz in der Seele des jungen, ernsten Mannes. Bald jedoch erkannte er, daß seinem nach allgemeinerem humanem Wissen strebenden Geiste die stricte Rechtsform nicht genüge. Er entsagte deshalb dem Staatsdienst, um seinem inneren Zuge nach freier Entfaltung Folge leisten zu können.

Er ging nach Erfurt, Jena und Weimar, und schloß sich hier innig den großen Freidenkern Fr. August Wolf, Goethe, Schiller, Georg Forster und den beiden Brüdern Schlegel an. Ein noch innigeres Verhältniß verband ihn sodann mit Schiller, nachdem er sich mit einer Freundin der Gattin Schiller’s vermählte.

Aus dieser Zeit stammt ein Briefwechsel Schiller’s mit Wilhelm von Humboldt, der den schönsten Stempel ihres freien edlen Geistes an sich trägt und namentlich zur Kenntniß des Idealismus Schiller’s eine Grundquelle bildet.

So vergingen ihm denn zwölf Jahre seines Jugend- und Manneslebens in fortgesetzter Selbstbildung. Nunmehr erst, im Jahre 1802, trat er wieder in den Staatsdienst und ging als Ministerresident Preußens nach Rom.

Obwohl ihn die ewige Stadt in ihrer weltgeschichtlichen Wandelung und Entwickelung ungemein anzog, beschäftigte ihn dennoch der nimmer gestillte Zug zur Selbstbildung und trieb ihn an, die alten Sprachen der Basken zu studiren, um die Gesetze der Sprachentwickelung zu erforschen. Sein tiefer Lebensernst und die gewissenhafte Erfüllung seines Amtes bewirken es, daß der Staatskanzler ihn im Jahre 1809 nach Berlin berief, um ihm eine einflußreiche Stellung im Ministerium des Innern anzuvertrauen und ihm sodann die Direction der Unterrichtsangelegenheiten in Preußen zu übertragen.

Der Druck der Fremdherrschaft und des Despotismus des Eroberers Napoleon lastete damals mit ganz besonderer Schwere auf dem preußischen Staate. Stein, der ideale Befreier, war auf Befehl des Despoten aus dem Staatsdienste entfernt worden Wilhelm von Humboldt war kein Politiker in dem üblichen Sinne dieses vieldeutigen Wortes, aber er war erfüllt von der Ueberzeugung, daß nur in einer Reform des Volkslebens und einer Entwickelung im Geiste eines freien und bildenden Jugendunterrichts die dereinstige Quelle der Befreiung liege. Im Verein mit allen stillen Verehrern Stein’s und all den Freunden eines entwickelten freien Volkslebens entwarf er den Plan, die Volksschule ganz nach dem Systeme Pestalozzi’s einzurichten. Mit Nachhülfe von Fr. August Wolf erhob er das Gymnasialwesen und wies ihm die einflußreiche Stellung an, die es auf die höhere Jugendbildung ausübt. Die frühere Bevorzugung des Adels und den abgelebten Geist der Ritterakademien wies er weit von sich ab. Er erkannte mit edlem freiem Scharfblicke, daß in der Mitte des neu zu errichtenden Staatswesens eine Belebung der Wissenschaften unumgänglich sei, weshalb er auch allen Bedenken gegen eine Verlegung der Universität von Frankfurt an der Oder nach Berlin entsagte und für die Herstellung dieser im neuen Geiste auflebenden Universität mit aller Energie eintrat. Die Universität, vor welcher jetzt sein Standbild errichtet worden ist, ist hauptsächlich sein eigenstes Werk. Zur Forderung des neuen Geistes setzte er die Berufung ausgezeichneter Männer durch, die den Geist derselben erhöhte. Fichte, Fr. August Wolf, Schleiermacher und Böckh verliehen der Hochschule einen Glanz, den auch die Reaction der späteren Jahre nicht verlöschen konnte. Nicht minder verdankt ihm auch Preußen die Anregung des ersten Turnunterrichts, der freilich später wiederum unter Bann gethan wurde.

Auf all dies ideale freie Wirken des ernsten Mannes blickten indessen die alten Reactionsparteien, die ihren Einfluß am Hofe gefährdet sahen, mit tiefem Unbehagen. Auch Hardenberg konnte sich der Einwirkung dieser Parteien nicht ganz entziehen. Sie drangen darauf, Wilhelm von Humboldt aus seiner Amtsthätigkeit zu entfernen. Es blieb für Hardenberg kein anderer Ausweg, als durch einen Gesandtschaftsposten in Wien das Wirken des freien Mannes in Berlin zu unterbrechen.

Ebenso wenig wie Wilhelm von Humboldt ein Politiker im [392] gewöhnlichen Sinne des Wortes war, ebenso wenig war er ein Diplomat, der in Lügen und Intriguen und im Spioniren übliche Tagesdienste zu leisten vermochte. Er nahm den Posten an, um in ernstem Streben die Wiener Politik zur Verbesserung der deutschen Verhältnisse zu leiten. Er trat mit den Rheinbundesfürsten in ernste Unterhandlungen, die freilich vergeblich waren. Aber er harrte aus, bis die Jahre der Befreiung anbrachen und der erste Pariser Friede ihm Gelegenheit bot, seinem Walten einen Boden der Verwirklichung zu schaffen. Mit hohen Hoffnungen erfüllte ihn seine spätere Berufung zum Wiener Congresse. Aber die hinter seinem Rücken mit Rußland angezettelte heilige Allianz zertrümmerte alle seine Bemühungen und Pläne. Die russische Partei erklärte ihn für einen „gefährlichen Mann“, und der schwache Hardenberg wußte sich nach Herstellung des deutschen Bundes des Genossen Stein’s zu entledigen. Er sandte ihn als preußischen Gesandten nach London.

Noch einmal tauchte die Hoffnung in dem edlen Manne auf, dem Reactionsgelüste in Preußen entgegen zu wirken. Er wurde wiederum in den inneren Staatsdienst berufen und hegte den Plan, mit seinen freisinnigen Collegen im Ministerium einen gesunden Verfassungszustand in Preußen herzustellen.

Als es jedoch im Jahre 1819 dem Feind jeder Freiheit in Preußen, dem österreichischen allmächtigen Metternich, gelang, auf dem Karlsbader Congreß Preußen in die Schlingen der Reaction einzufangen, da nahm Wilhelm von Humboldt im Verein mit den freisinnigen Genossen Boyen, Grolmann und Beyme für immer seinen Abschied aus dem Staatsdienst und lebte fortan in seinem Schlosse Tegel bis zu seinem Tode der Freiheit seiner Wissenschaft.

Wilhelm von Humboldt war kein Beamter, der im Staube seiner Acten sein subjectives Wesen aufgehen ließ. Er blieb trotz all seiner amtlichen Arbeiten ein nach stets weiterer Erkenntniß strebender Gelehrter. Aber dieser innere Durst nach eigener Erkenntniß war so stark in ihm, daß all die Massen seiner gelehrten Arbeiten den Charakter von subjectiven Studien an sich tragen, die zwar als Studienquellen höchst werthvoll, aber in ihrer jetzigen Form keineswegs leicht faßlich sind. Nur seine schönwissenschaftlichen Arbeiten, Gedichte und Betrachtungen literarischer Producte sind genußreich und tragen die Anmuth seiner hohen Muster, denen er nachstrebte.

Seine Sprachstudien und namentlich seine geistreichen Untersuchungen über die Entstehung der menschlichen Sprachen und deren grammatischer Gesetze, die er in sehr umfangreichen Werken niedergelegt, bedürfen des systematischen Zusammenhanges, um selbst den Gelehrten dieses schwierigen Faches gemeinfaßlich zu werden. Sie sind ein reicher Schatz, dessen Gold in großartigen Gesichtspunkten von hoher Tragweite noch sorgsam nachgegraben und geläutert werden muß.

Nach anderer, aber nicht minder edler Richtung war der Geistesgang des jüngeren Bruders, Alexander’s von Humboldt, gewendet.

Nicht minder wie der ältere Bruder empfand er das Bedürfniß, sich im Kreise der Heroen der deutschen Literatur eine Erhebung für seine von Humanität erfüllte Seele zu suchen; aber seinem Geiste genügte nicht die innere Selbstschau und die Untersuchung der Probleme des menschlichen Seelenvermögens. Sein Blick richtete sich auf die Außenwelt und deren Kräfte, die den Organismus des Weltbaues bilden. Er wendete sich frühzeitig, bereits im zwanzigsten Lebensjahre, dem Studium der Gesteinswelt zu und veröffentlichte Einzelnheiten seiner Forschungen und Beobachtungen in den heimathlichen Gebirgen. Wenige Jahre darauf trat er in die Bergakademie in Freiberg ein. Bald darauf erwarb er sich ein so hohes Ansehen unter seinen Genossen, zu welchen auch Leopold von Buch gehörte, und bei seinen Vorgesetzten, daß er zum Bergassessor ernannt wurde. Schon im Alter von dreiundzwanzig Jahren nahm er die Stellung eines Oberbergmeisters am Fichtelgebirge in den fränkischen Fürstenthümern an und gab wissenschaftliche Arbeiten sowohl über die Entstehung der von ihm untersuchten Gebirgswelt, wie über die chemische Beschaffenheit der Gesteine und der Gase in den Höhlen derselben heraus.

Im Jahre 1792 erhielt er, während eines vorübergehenden Aufenthaltes in Wien, Kunde von der Entdeckung Galvani’s über den in den thierischen Muskeln auftretenden elektrischen Strom; sofort beschäftigte er sich mit Untersuchungen und Beobachtungen dieses damals noch völlig neuen Phänomens und sammelte Materialien zur Erkenntnisß desselben, die er später in zwei Bänden veröffentlichte: über die in der Elektricität erkennbaren Momente des „Lebensprocesses in der Thier- und Pflanzenwelt“. Wie scharf sein Einblick in diesen tief verborgenen Proceß schon damals war, das bekundet die Thatsache, daß man noch jetzt seine Bemerkungen als fundamentale Grundsätze der weit hinaus entwickelten Wissenschaft werthzuschätzen allen Grund hat.

Im Jahre 1796 starb die edle Mutter der beiden Brüder. In der Seele Alexander’s reiste nunmehr der heiße Wunsch, die Erde in all ihren Welttheilen und Zonen, forschend nach den Gesetzen und Erscheinungen der Natur, kennen zu lernen. Die hohe Begeisterung des siebenundzwanzigjährigen Gelehrten, der sich bereits durch persönliche Verbindungen mit den berühmtesten Gelehrten in England und in Frankreich die höchste Achtung erworben hatte, gewann ihm allenthalben die lebhafteste Theilnahme. Er bereitete sich zur Beobachtung der Natur und zu geographischen Messungen auf seinen Reisen in gewissenhaftester Weise vor, und trieb praktische Astronomie, nachdem er sein Amt niedergelegt, um sich ganz seinen Lebenszielen widmen zu können.

Im Jahre 1797 begab er sich wiederum nach Jena, um im Umgang mit Goethe und Schiller seinem idealen Zuge ein Genüge zu verschaffen. Zugleich legte er sich jetzt ernstlich auf Anatomie, um die Thierwelt in fremden Zonen mit dem Verständniß des Fachmannes studiren zu können. Sodann trat er eine Reise nach Italien an, um die Vulcane in ihrer Thätigkeit zu beobachten, und verlebte darauf einsam den Winter mit Leopold von Buch in Salzburg und Berchtesgaden, um sich mit ihm gemeinsam in meteorologischen Beobachtungen und Messungen zu üben.

In solcher Weise wissenschaftlich ausgerüstet, begab er sich nochmals nach Paris, um womöglich einen gleichstrebenden Reisegenossen daselbst zu finden. Die Theilnahme, welche ihm in allen gelehrten Kreisen geschenkt wurde, und das Vertrauen auf den hohen Geist und die Festigkeit seines Charakters ließ ihn bald den erwünschten Genossen in dem ausgezeichneten Botaniker Aimé Bonpland finden, der in der That mit ihm alle Abenteuer, alle Gefahren und alle Untersuchungen, Forschungen und Entdeckungen im ruhmwürdigsten Sinne des Wortes theilte.

Im Jahre 1799 schiffte er sich in Spanien mit seinem Genossen Bonpland ein, um die neue Welt, welche damals noch nicht zum Gegenstand wissenschaftlicher Erforschungen gemacht worden war, kennen zu lernen. Von diesem Zeitpunkt ab beginnt sein großartiger Lebenslauf, den er bis zu den letzten Tagen seines Daseins im freiesten Dienste der Wissenschaft fortsetzte. Niemandem vor ihm und bisher auch noch Niemandem nach ihm wurde das Glück und das Verdienst zu Theil, volle sechszig Jahre eines Menschendaseins in so fruchtreichem Wirken für alle Zweige der Naturwissenschaft opfern zu können. Ihn auf diesem erhabenen Siegeszuge des Geistes zu begleiten, heißt die ganze Fülle der menschlichen Erkenntniß geschichtlich durchwandern. Ja, ein volles Menschenleben reicht kaum hin, um die von ihm veröffentlichten Werke zu studiren. Wie er bestrebt war, in allen Zweigen der Naturwissenschaft die Phänomene zusammenzufassen, so war er selber ein Phänomen des Menschenseins, das man in unserer Zeit nur anstaunen kann, um die Unerschöpflichkeit des menschlichen Geistes zu bewundern.

Die Wissenschaft ist von ihm nicht erschöpft worden. Sie ist nach ihm noch fortgeschritten und ist noch gegenwärtig nach allen Seiten im Fortschritt begriffen. Aber was Tausende der fruchtreichsten Geister in volle Thätigkeit versetzt, ist von diesem großen Universalgeist in den Grundzügen zum größten Theil erkannt und vorgezeichnet worden. Wenn wir die Spectral-Analyse, die neuesten Entdeckungen der organischen Chemie und der Physiologie ausnehmen, so können wir nur sagen: im Geiste Alexander von Humboldt’s lag Alles concentrirt, was unser Jahrhundert zu einem der fruchtreichsten in der Menschengeschichte erhebt.

Die Geologie, die Geographie, die Pflanzenkunde, die Gebirgskunde, die Meeresströmungen, die Astronomie, die Verbreitung der Wärme auf der Erde, die magnetischen Eigenschaften der Erdkugel, die Beschaffenheit des Luftmeeres, die Rolle der Elektricität im Lebensproceß der Thierwelt, die Sternennebel im Weltenraum und die Moose, welche nur das Mikroskop erkennbar werden läßt, das Größte und das Kleinste in der unendlichen Natur gestaltete sich in seinem Geiste zu einer einheitlichen Auffassung zusammen. [393] So weit das Wissen der ganzen Menschheit bis zu seinem Zeitalter vorgedrungen war, trat es in Harmonie in seinem Geiste auf. Er war selber ein Kosmos des Wissens, als hätte die Natur in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit einmal das bewußte Ziel verfolgt, sich in einem einzigen Menschengeiste wiederzuspiegeln.

Im Parke des Schlosses Tegel, das Wilhelm von Humboldt in den Jahren seiner stillen Forschungen mit herrlichen Erzeugnissen der Kunst ausgestattet hat, bildet das Grab der zwei Brüder ein Heiligthum der Poesie, das das Menschenherz tief ergreift. Wilhelm ruht dort seit dem Jahre 1835, Alexander seit dem Jahre 1859. Ueber ihren Gräbern schwebt auf einer Säule ein herrliches Kunstwerk, „die Hoffnung“, von Thorwaldsen’s unsterblicher Meisterhand. Dahin wallfahren in tiefer Seelenandacht viele Freunde der höheren Poesie und Verehrer des wissenschaftlichen [394] Strebens der zwei Brüder, von denen einer das Menschenwesen, der andere den Kosmos zum Gegenstand ihrer Erforschung erhoben. – Auch über ihren nunmehr errichteten Standbildern vor der Berliner Universität schwebt in dem Bewußtsein ihrer Beschauer das Bild der höheren Hoffnung: der Hoffnung, daß der Geist der freien Wissenschaft siegreich all die Trübungen überwinden wird, die aus vergangenen Jahrhunderten noch immer einzelne Geister der Gegenwart umfangen.