Zur Nachricht für Luftschnapper

Textdaten
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Autor: Dr. J. D.
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Titel: Zur Nachricht für Luftschnapper
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 171
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[169]
Die Gartenlaube (1877) b 169.jpg

Schloß Weißenstein.
Nach der Natur aufgenommen von E. Rabending.

[171] Zur Nachricht für Luftschnapper. (Mit Abbildung S. 169.) Wir thun wohl keinen zu kühnen Ausspruch, wenn wir sagen, daß jeder Naturfreund das vorstehende Bild mit wahrem Vergnügen betrachten werde. Sind doch die Bergformen so erhaben und edel, die Gruppirungen so harmonisch, die Details so niedlich und schmuck! Aber unser Bild leidet an einem wesentlichen Mangel: es hat keine Farbe. Das saftige Grün der Wiesen und Wälder, das blendende Weiß der Schneekuppen, die zahllosen Farbentöne der Felsen, das Alles vermag der Griffel nicht wiederzugeben. Wohl tritt es Jenem vor das Auge, der die herrliche Gegend schon durchwandert hat, aber jedem Andern wird die regste Phantasie nur einen schwachen Abklatsch der bezaubernden Wirklichkeit bieten. Und dann noch Eines: wer kann die frische, gesunde Luft malen, die in diesen Bergen weht?

Das Pusterthal Tirols ist wegen seiner Naturschönheiten weltberühmt. Durch die Eisenbahn ist es erst dem reisenden Publicum erschlossen worden. Von Klagenfurt oder Villach aus ist die erste Station auf tirolischem Gebiete das niedliche Städtchen Lienz. Ein bequemer Postomnibus fährt täglich nach dem drei Stunden nördlich gelegenen Windisch-Matrey. Von hier gelangt man auf vorzüglichem Fahrwege in zehn Minuten nach Schloß Weißenstein. Auch sind auf dem Bahnhofe in Lienz directe Wagen nach Weißenstein zu haben. Die Straße durchschneidet herrliche Waldpartien, bietet den Anblick der verfallenen Veste Künburg und führt an den Mündungen des Deffereggen- und Virgenthals vorüber. Endlich erscheint das malerisch gelegene Windisch-Matrey und hoch über ihm Schloß Weißenstein, das auf einem gegen Süd, West und Nord senkrecht abfallenden Dolomitfelsen thront. Seine Meereshöhe beträgt tausendunddreißig Meter. Erbaut wurde es im sechszehnten Jahrhundert von den Grafen von Lexgunde. Nachmals ging es in den Besitz des Erzstiftes Salzburg und des Hauses Oesterreich, dann in den der Marktgemeinde Windisch-Matrey über, von welcher es der gegenwärtige Besitzer als Ruine gekauft hat. Heute ist es zur Aufnahme von Reisenden und Sommergästen als Hôtel und Pension eingerichtet. Schon jetzt sind fünfzig Zimmer bewohnbar, und ihre Anzahl wird noch verdoppelt werden.

Sowohl von außen wie von innen gewähren die zahlreichen Thürme, Erker, Zimmer etc. einen höchst malerischen und romantischen Anblick. Auf dem Balcon des Speisesaales kann man stundenlang verweilen, ohne sich an dem prachtvollen Landschaftsbilde, an dem herrlichen Thale, an dem imposanten Hochgebirge satt zu sehen. Auf der Ostseite des Schlosses wurde ein Park angelegt, durch den man in wenigen Minuten in den Wald gelangt. Eine halbe Stunde entfernt bildet der Tauernbach einen mächtigen, vierzig Meter hohen Fall, der von balconartigen Felsenmauern umgeben ist. Weiterhin gelangt man in das Tauernthal, das zu dem wegen seiner landschaftlichen Reize berühmten Außer- oder Innergschlöß und zur Pragerhütte führt; sie werden von dem Venediger (3772 Meter), dem Schlaten- und Vilgratengletscher überragt. Von hier ersteigt man den Gipfel des Großvenedigers in zwei bis drei Stunden und ohne alle Gefahr. Eine andere, überaus lohnende Partie ist der Gang zum Kalferthörl. Auf dem neu angelegten Wege erreicht man es bequem in drei Stunden und kann auch hinaufreiten. Von der Aussicht, die sich oben darbietet, wird man sich lange nicht losreißen können. Oestlich steht der Großglockner (3796 Meter) in seiner ganzen Majestät da, und an ihn reihen sich die schneebedeckten Abstürze der Schobergruppe; westlich wird das Auge durch den Groß- und Kleinvenediger derart gefesselt, daß es kaum Zeit gewinnt, auch die übrigen Punkte der langgedehnten Gletscherkette zu betrachten. Von kleineren Ausflügen erwähnen wir nur noch den zur Nicolauscapelle mit dem Einblick in das Virgenthal und dem Rückblick auf Weißenstein, Kalferthörl, Bretterwandspitz und Steiner Alpe.

Weißenstein ist, wie obige Mittheilungen zeigen, ein wahrhaft reizender Punkt in der Bergwelt Tirols, und wer es einmal gesehen, verläßt es gewiß nicht ohne den Vorsatz, es im nächsten Jahre wieder zu besuchen.

Dr. J. D.