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Autor: Karl Biedermann
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Titel: Zum Gedächtniß Kaiser Wilhelms
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 166–168
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Zum Gedächtniß Kaiser Wilhelms.
Die Gartenlaube (1888) b 166.jpg

Eine tiefe Trauer und eine laute Wehklage geht durch ganz Deutschland: der allverehrte, allgeliebte Kaiser Wilhelm I. ist nicht mehr! Was, bei dem außerordentlich hohen Alter des greisen Monarchen, unaufhaltsam immer näher und näher drohte, aber immer wieder ferner gerückt erschien durch seine wunderbar kräftige Natur, das ist nun wirklich eingetreten, und wie sehr wir unsere Gedanken gewöhnt zu haben meinten an das Unvermeidliche, dennoch stehen wir im Innersten erschüttert vor der unerbittlichen Wahrheit, daß uns hinfort nicht mehr vergönnt sein soll, unsere Blicke verehrungs- und bewunderungsvoll zu erheben zu der ehrwürdigen Heldengestalt in weißem Haar und weißem Bart, dem geweihten Hort und der sichtbaren Verkörperung unserer nationalen Einheit!

Denn das war Kaiser Wilhelm I. nicht in jenem gewöhnlichen Sinne, wie jeder Monarch der Vertreter und Schirmherr seines Volkes und Staates ist, sondern in einem viel höheren. In ihm verehrte die Nation den starken Begründer und den weisen Erhalter des neuen Deutschen Reiches; durch ihn sah sie sich, dankerfüllt, aus jahrhundertelanger Zerrissenheit und Schwäche erweckt und mit Einem Male zu einem Range unter den Völkern Europas erhoben, von dem wohl die wenigsten unter uns selbst nur zu träumen gewagt hatten, von ihm datirte für Deutschland eine Periode innerer Einigkeit seiner Fürsten und seiner Stämme, wie sie in dem mehr als tausendjährigen Verlaufe der deutschen Geschichte noch nicht dagewesen, und einer Machtstellung nach außen, wie sie in solcher Festigkeit und so dauerverheißend selbst den glänzendsten Zeiten früherer deutscher Kaiser niemals beigewohnt hatte.

Und alles das war ganz wesentlich mit das eigenste Werk und Verdienst des verewigten Kaisers. Er persönlich hatte, unter dem Beirath der sachkundigsten Männer, eines Roon, eines Moltke u. a., jene Neugestaltung des preußischen Heeres in die Hand genommen und durchgeführt, die schon 1866 sich als ein so wunderbares Mittel gewaltigster Schlagfertigkeit bewährte, 1870 aber ganz allein Deutschland vor der Gefahr einer, wenn auch nur zeitweiligen, Besetzung seiner Grenzlande durch feindliche Truppen schützte und den Krieg sofort in Feindesland hinüberspielte. Er war durch die Erfolge seiner siegreichen Waffen und der nicht weniger siegreichen diplomatischen Künste seines großen Ministers Bismarck, dem er das ganze Gewicht der preußischen Macht zur freiesten Verfügung gestellt, der Begründer eines neuen, starken festgegründeten deutschen Reiches geworden. Und, was beinahe noch schwerer, gewiß aber nicht minder verdienstlich war, er verstand es, durch seine Weisheit zu erhalten, was seine Bismarck und Moltke Großes und Glorreiches geschaffen; er verstand es, den lauernden Feinden Deutschlands Furcht vor dessen allzeit bereiter Wehrhaftigkeit, den befreundeten Mächten aber volles Vertrauen zu seiner aufrichtigen Friedenspolitik einzuflößen.

Daher nahten auch ihm, ihrem ehrwürdigen Senior, huldigend Europas Fürsten, große wie kleine; er ward der Stifter und der beherrschende Mittelpunkt eines machtvollen Bundes, an dessen Spitze er die Erhaltung des europäischen Friedens, die er sich selbst zur heiligen Pflicht gemacht, auch andern, wenn nöthig, gebieten konnte.

In Deutschland selbst ward Kaiser Wilhelms Persönlichkeit der alles verbindende, ausgleichende, versöhnende Talisman. In ihm fanden die deutschen Fürsten die sicherste Bürgschaft dafür, daß ihnen nichts angesonnen werden würde, was nicht schlechterdings nothwendig wäre entweder für die Sicherheit und Größe des Reichs oder für die innere Wohlfahrt der Nation. Um ihn scharten sie sich – nicht halb widerstrebend, wie im alten deutschen Reiche so oft die Vasallen um ihren obersten Lehnsherrn, nein, voll Hingebung und Anhänglichkeit, wie getreue Bundesgenossen um das von allen hochgehaltene und verehrte Haupt des Bundes, und er selbst, der edle Greis, begehrte nichts anderes zu sein, als „der Erste unter seinesgleichen“.

Und, wie die Fürsten, so die Völker. Der kältere Norden wie der lebhafter empfindende Süden, sie huldigten mit der gleichen Begeisterung dem allgeliebten Kaiser Wilhelm. Ja selbst in jenen erst neuerlich für Deutschland zurückgewonnenen Landschaften, wo das Gefühl der alten Zugehörigkeit zum Reiche, verdunkelt durch lange Trennung von uns, sich nur schwach wieder regt, selbst dort ward das persönliche Erscheinen des Kaisers allerwärts das Signal zu freudigen Kundgebungen weiter Bevölkerungskreise. Die seltene Mischung echt fürstlicher Hoheit und fast bürgerlicher Einfachheit, die in Kaiser Wilhelm war, bezauberte Alt und Jung, Vornehm und Gering. Daher die zahllosen Kundgebungen der Ehrerbietung und Liebe, die bei jeder Gelegenheit von allerwärts ihm zuströmten – in Wort und Bild, in gebundener und ungebundener Rede, aus Palästen und Hütten daher vor allem jene vielen halbschüchternen und doch treuherzig zutraulichen Sendungen aus den Kreisen der Armen und Bedrängten, ja aus den Kreisen der Jugend- und Kinderwelt, die entweder mit vertrauensvollen Bitten dem hohen Herrn nahten oder auch nur im Drange ihres Herzens ihm die Verehrung der Absender bekundeten, ihm eine kleine Liebesgabe, und wäre es nur ein Strauß seiner blauen Lieblingsblume, zu bieten wagten. Und alle diese Zusendungen fanden bei ihm die gleiche wohlwollende Aufnahme, und allen diesen Bitten gewährte er, so weit es irgend möglich, freundliche Erhörung.

Denn, wie das Volk ihn, so liebte er das Volk. Alle Stände, alle Berufsklassen umfaßte er mit derselben väterlichen Gesinnung. Noch in seinem höchsten Alter war es sein liebster Gedanke, nachdrücklich und nachhaltig für jene große, ehrenwerthe Gesellschaftsschicht zu sorgen, auf deren rühriger Arbeit ganz wesentlich mit der Wohlstand der Nation beruht, und fast mit Bangen mag ihn der Zweifel erfüllt haben, ob noch bei seinen Lebzeiten für ein so schwieriges Beginnen die rechte Form und der wirklich zum Ziele führende Weg gefunden werden möchte.

Kaiser Wilhelm gehörte nicht, gleich seinen berühmten Vorfahren, dem Großen Kurfürsten und Friedrich dem Großen, zu jenen genialen Herrschern, die alles nur durch die eigene Kraft vollbringen und für welche auch die begabtesten ihrer Diener nur ausführende Werkzeuge ihrer selbstschöpferischen Ideen sind. Auch wäre wohl zu dieser Art selbstherrlichen Regiments, sogar eines Friedrich des Großen, weder unsere Zeit noch unser Volk angethan. Aber Kaiser Wilhelm verstand die seltene Kunst, im Kabinet wie im [167] Felde die rechten Männer um sich zu scharen und sie auf die rechten Posten zu stellen, und zugleich übte er die, bei Monarchen noch seltenere, Selbstverleugnung, der erprobten Einsicht dieser Männer, bisweilen wohl sogar mit Hintansetzung der eigenen Wünsche, rückhaltlos sich anzuvertrauen.

Rührend, wie dieses Vertrauen, war auch die Bescheidenheit, womit er den Dank der Nation und den Ruhm bei Mit- und Nachwelt für all das Große, was ihm gelungen, von sich auf Die abzulenken suchte, die ihm dabei rathend oder helfend zur Seite gestanden hatten. Nach dem glorreichen Tage von Sedan richtete er – damals noch König Wilhelm – an die im Feldlager mit anwesenden deutschen Fürsten eine Ansprache, worin er sagte:

„Sie wissen, meine Herren, welch großes geschichtliches Ereigniß sich zugetragen hat. Ich verdanke dies den ausgezeichneten Thaten der vereinigten Armeen, denen ich mich bei dieser Veranlassung gedrungen fühle meinen königlichen Dank auszusprechen um so mehr, als diese großen Erfolge wohl geeignet sind, den Kitt noch fester zu gestalten, der die Fürsten des Norddeutschen Bundes und meine anderen Verbündeten, deren fürstliche Mitglieder ich in diesem großen Momente zahlreich um mich versammelt sehe, mit uns verknüpft, so daß wir hoffen dürfen, einer glücklichen Zukunft entgegenzugehen. Meinen Dank jedem, der ein Blatt zum Lorbeer- und Ruhmeskranze Unseres Vaterlandes hinzugefügt!“

Und beim Mittagsmahl im großen Hauptquartier am 3. September brachte er folgenden Trinkspruch aus:

„Wir müssen heut aus Dankbarkeit auf das Wohl meiner braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister v. Roon, haben unser Schwert geschärft, Sie, General v. Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf v. Bismarck, haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie uns also auf das Wohl der Armee, der drei von mir Genannten und jedes einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen hat!“

Ihm stand überhaupt die Sache des Vaterlandes und des Volkes allezeit weit höher als seine Person. Gleich seinem großen Vorfahr Friedrich II. betrachtete er sich nur als den „ersten Diener des Staats“ und handelte streng in diesem Sinne. Es mag ihm nicht immer leicht geworden sein, langgehegte Ansichten, werthgehaltene Einrichtungen den Wünschen des Volkes, wie sie durch dessen gesetzliche Vertreter an ihn gelangten, oder dem selbsterkannten Bedürfniß der Zeit zu opfern; aber niemals hat er eigenwillig an überlebten Zuständen festgehalten oder einem einseitigen Interesse das Interesse des Ganzen nachgesetzt. Nie war sein Ohr jenen falschen Freunden des Königthums geöffnet, welche dem Monarchen einzureden suchen, seine wahre Größe bestehe in der Unbeschränktheit seiner Machtbefugniß, und wenn in seinen letzten Lebensjahren ihn bisweilen die Besorgniß zu beschleichen schien, als könne die Würde der Monarchie leiden unter einer zu weiten Ausdehnung volkstümlicher Einrichtungen, so hat doch diese Besorgniß ihn nie zu dem Versuche verleitet, die Schranken zu verrücken, welche eben diese Einrichtungen der Gewalt des Staatsoberhauptes setzen.

Geboren, auferzogen und zum Manne gereift in den Formen und Bräuchen des absoluten Königthums, der Abkömmling eines Herrscherhauses, welches sich wie wenige mit Recht rühmen darf, durch eine Reihe ausgezeichneter Regenten aus seinem Schoße die Größe seines Staates und die Wohlfahrt seines Volkes begründet und gefördert zu haben, in einem Alter, wo es selbst dem Privatmann schwer fällt, seine Ansichten und Lebensgewohnheiten noch zu ändern, hat er, wenn auch vielleicht nicht immer ohne Ueberwindung, doch immer ohne Rückhalt, sich in die neuen Verhältnisse geschickt und den Anforderungen einer neuen Zeit stattgegeben. Als 1844 sein königlicher Bruder sich anschickte, die Verfassung des Landes auf wesentlich veränderte Grundlagen zu stellen, da hat er seine Bedenken dagegen nicht zurückgehalten; nachdem jedoch die berufenen Rathgeber des Königs in ihrer großen Mehrheit sich für die Notwendigkeit einer solchen Aenderung ausgesprochen, hat er diesen Bedenken entsagt und seine Stimme ebenfalls für die Aenderung abgegeben, indem er jene denkwürdigen Worte sprach:

„Ein nettes Preußen bildet sich; das alte geht zu Grabe. Möge das neue so erhaben und groß werden, wie es das alte mit Ehren und Ruhm geworden ist!“

Als dann 1848 König Friedrich Wilhelm IV. noch weiter gehend, eine Verfassung ganz im Geiste moderner Zeit verhieß, erklärte der damalige Prinz von Preußen auf eine an ihn von den Ständen des Belgarder Kreises gerichtete Adresse:

„Sie wissen, daß ich als Mitglied des Staatsministeriums das Patent Sr. Majestät vom 18. März, durch welches dem preußischen Volke eine konstitutionelle Verfassung verheißen worden ist, mit voller Uebereinstimmung unterzeichnet und mich dadurch zu deren einstiger Aufrechterhaltung verpflichtet habe. Sie kennen mich hinreichend, um zu mir das Vertrauen zu hegen, daß ich meinem gegebenen Worte mich treu erweisen werde.“

Zehn Jahre später, 1858, ergriff er selbst als Regent die Zügel der Regierung Preußens. Weit entfernt, durch hochtönende Verheißungen um die Gunst des Volkes oder um den Beifall der öffentlichen Meinung Europas zu werben, war er vielmehr fast ängstlich bemüht, überschwenglichen Erwartungen, die der Regierungswechsel erregen könnte, entgegenzutreten. „Von einem Bruche mit der Vergangenheit,“ so erklärte er in jener berühmten Ansprache an das neue Staatsministerium, „soll nun und nimmermehr die Rede sein; wohl aber soll die bessernde Hand angelegt werden, wo sich Willkürliches oder gegen die Bedürfnisse der Zeit Laufendes zeigt.“ Aber so bekannt und erprobt war bereits die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung und die Festigkeit seines Willens, daß diese strengbemessene Zusage mehr wahre Befriedigung erweckte, als alle noch so viel verheißenden Kundgebungen, wie sie sonst wohl vorgekommen.

Dann freilich kam gleichwohl eine Zeit, wo das Verhältniß zwischen Thron und Volk eine schmerzliche Trübung erfuhr – sicherlich für niemand schmerzlicher als für ihn. „Ich schlafe keine Nacht,“ sagte er tiefbewegt zu Herrn v. Beckerath, als dieser ihn beschwor, Frieden zu machen mit seinem Volke. Mit seiner strengen Pflichttreue als Monarch eines großen Staates und seiner ebenso strengen Gewissenhaftigkeit in Erfüllung gegebener Zusagen sah er sich vor die harte Wahl gestellt, entweder wohlerwogenen Plänen für die Wiedererhebung Preußens zu der ihm gebührenden Machtstellung, zugleich für die Einheit und Größe des gesammten Deutschlands zu entsagen, weil die gesetzlichen Vertreter des Volkes die zu deren Ausführung nötigen Mittel verweigerten, oder geschehen zu lassen, daß seine Regierung sich für einige Zeit außerhalb der Verfassung stelle. Wie lebhaft mag der hohe Herr den großen Moment herbeigesehnt haben, wo die Erfolge der gegen den Widerstand der Volksvertretung durchgeführten Maßregel das Vorgehen seiner Regierung, wie er sicher hoffen durfte, rechtfertigen und so zwischen ihm und seinem Volke die von ihm so schmerzlich vermißte Eintracht wiederherstellen würden! Wie sehr eilte er, noch unter dem frischen Eindrucke der glänzenden Siege in Böhmen und der nicht minder glänzenden diplomatischen Erfolge des Jahres 1866, zu dieser Aussöhnung die Hand zu bieten! Wahrlich, einen ähnlichen Akt edelster Selbstverleugnung, wie es unter den damaligen Umständen die von König Wilhelm angeordnete Vorlegung des Indemnitätsgesetzes an die Kammern war, dürfte man in der ganzen Geschichte des Konstitutionalismus wohl vergebens suchen!

Als Kriegsherr hat Kaiser Wilhelm mit den Truppen, an deren Spitze er in den beiden großen Kriegen von 1866 und von 1870 bis 1871 sich persönlich stellte, alle Gefahren und alle Anstrengungen redlich getheilt. Nur mit Mühe konnte ihn in den heißen Schlachten von Königgrätz und von Gravelotte seine Umgebung aus dem Feuer der feindlichen Geschütze entfernen, dem er unerschrocken und heldenmütig sich aussetzte. Mehr als einmal hat er mit dem dürftigsten Nachtlager und mit der knappen Kost des gemeinen Soldaten vorliebgenommen. Blieb er doch selbst im Frieden seinen militärischen Gewohnheiten so treu, daß er auch in seinem Königspalais zu Berlin nie anders als in einem schlichten eisernen Feldbett und unter einer einfachen Decke schlief. Was Wunder, wenn Offiziere und Gemeine, wenn die Söhne seines Preußens wie die aller andern Bundesstaaten mit einer Begeisterung ohnegleichen an ihm hingen. Er selbst zeigte sich fast überwältigt von diesen stürmischen Liebesbeweisen seiner Krieger.

„Den Empfang durch die Truppen kannst Du Dir denken! unbeschreiblich!“ – so telegraphirte er vom Schlachtfelde von Sedan aus an seine Gemahlin. Und dann wieder: „Ueberall ward ich begrüßt von stürmischen Hurrahs der heranziehenden Trains, welche die Volkshymne anstimmten; es war ergreifend! “ [168] Mit der erlauchten Gefährtin seines Lebens theilte er seine Freude über die errungenen wunderbaren Siege, aber auch seine Trauer über die vielen gefallenen Helden; an sie richtete er alle seine Depeschen von den Schlachtfeldern aus, an sie ausführliche Schilderungen der gewaltigen Kriegsereignisse. Aus allen diesen Zuschriften spricht in ergreifendster Weise, wie der liebende Gatte und der warmfühlende Vater seines Volkes und seines Heeres, so aber auch der selbst in den schwersten Stunden unerschütterlich Gott vertrauende, selbst auf der steilsten Höhe menschlichen Ruhmes sich demüthig vor Gott beugende Held.

„Wenn ich mir denke,“ schreibt er an die Königin bald nach der Kapitulation von Sedan und der Gefangennahme Napoleons – „daß nach jenem großen glücklichen Kriege (1866) ich während meiner Regierung nichts Ruhmreicheres mehr erwarten konnte, und ich nun diesen weltgeschichtlichen Akt erfolgt sehe, so beuge ich mich vor Gott, der allein mich, mein Heer und meine Mitverbündeten ausersehen hat, das Geschehene zu vollbringen und uns zu Werkzeugen seines Willens bestellt hat. Nur in diesem Sinne vermag ich das Werk aufzufassen und in Demuth Gottes Führung und seine Gnade zu preisen.“

„Gott sei gepriesen für diese erste glorreiche Waffenthat, er helfe weiter!“ – so telegraphirte er an die Königin nach der ersten gewonnenen Schlacht bei Weissenburg, und wiederum nach Wörth: „Preise Gott für seine Gnade!“ Kaum Ein Telegramm, worin nicht diese dankbare und demüthige Anrufung Gottes sich wiederholt.

Als Napoleon III., der erst kurz zuvor ihn muthwillig aufs tiefste beleidigt hatte, indem er in seinem Uebermuth ihn entweder zu einer maßlosen Selbsterniedrigung zwingen oder zum Kriege reizen wollte, als dieser selbe Napoleon sich ihm als Gefangener ausliefern und in der demüthigen Gestalt eines Ueberwundenen und um Frieden Bittenden vor ihm erscheinen mußte, da war er, in der ganzen Hoheit seiner edlen und wahrhaft frommen Gesinnung, so weit entfernt auch von dem leisesten Anfluge der Selbstüberhebung oder der Schadenfreude, daß er vielmehr tiefergriffen an seine Gemahlin schreibt: „Was ich alles empfand, nachdem ich vor drei Jahren Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht gesehen hatte, kann ich nicht beschreiben.“

Ja, echte Frömmigkeit war der Grundzug im Charakter des Kaisers Wilhelm, war das, was allen seinen anderen trefflichen Eigenschaften gleichsam die Weihe gab, aber eine Frömmigkeit, die fern war von jeder Frömmelei und eine erklärte Feindin jener Scheinheiligkeit, welche unter der frommen Maske so gern ganz andere Neigungen und Absichten verbirgt. Dies bekundete er schon als Prinz-Regent von Preußen, da er in seiner Ansprache an die Minister sagte:

„Mit allem Ernst muß der Richtung entgegengetreten werden, die dahin abzielt, die Religion zum Deckmantel politischer Bestrebungen zu machen. In der evangelischen Kirche, wir können es nicht leugnen, ist eine Orthodoxie eingekehrt, die mit deren Grundanschauungen nicht verträglich ist und die in ihrem Gefolge Heuchelei hat. Alle Heuchelei, Scheinheiligkeit, alles Kirchenwesen als Mittel zu politischen Zwecken ist zu entlarven!“

Wohl hatte Kaiser Wilhelm Grund, der göttlichen Vorsehung zu danken und sie zu preisen für das, was sie Großes an ihm und durch ihn an Preußen an Deutschland gethan! Wenn er zurückdachte an die traurigen Tage seiner Kindheit, wie die unvergeßliche Königin Luise mit ihm fliehen mußte aus der von dem französischen Eroberer bedrohten Hauptstadt, fliehen weiter und weiter vor dem nachrückenden Feinde bis an die äußerste Grenze der preußischen Staaten, wie die geliebte Mutter auf der mühe- und gefahrvollen Reise schwer erkrankte, er selbst in Memel am Nervenfieber darniederlag; wenn er sich der Thränen seiner Mutter erinnerte, die sie über den Zusammenbruch der Monarchie Friedrichs des Großen geweint, und jener Worte, mit denen sie seinen älteren Bruder, den nachmaligen Friedrich Wilhelm IV., und ihn gemahnt: „Befreit Euer Volk von der Schande der Erniedrigung, worin es schmachtet, sucht den jetzt verdunkelten Ruhm Eurer Vorfahren zurückzuerobern!“ – wenn er alles dieses sich ins Gedächtniß zurückrief und damit die glorreichen Waffenthaten seines Heeres verglich, welche selbst die der Befreiungskriege noch übertrafen, die von Frankreich zurückgewonnenen Länder, die in seine Hand gegebene ungeheure Machtfülle, die Erhebung Preußens und Deutschlands zum ersten Range unter den Nationen – dann mochte er wohl mit gerührtem und dankerfülltem Herzen ausrufen: „Der Herr hat alles wohl gemacht, der Name des Herrn sei gepriesen!“

Und er konnte das mit um so reinerem Gewissen, als er sich bewußt war, zu dem Kriege, der ihm und uns so Großes eintrug, keinen Anlaß gegeben zu haben, vielmehr dazu auf die frevelhasteste Weise gezwungen worden zu sein; als er sich ferner bewußt war, seiner Siege niemals sich überhoben, seine Macht niemals mißbraucht zu haben. Hat er doch in jener großen Stunde, wo in seiner Person das alte deutsche Kaiserthum erneuert wurde, das feierliche Gelübde gethan: „Mehrer des Reichs zu sein nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.“

Ein so gewaltiger Kriegsfürst Kaiser Wilhelm I. war, als ein ebenso aufrichtiger Freund des Friedens hat er sich allezeit bewährt. Was Napoleon III. nur heuchlerisch verkündete: „Das Kaiserreich ist der Friede,“ das konnte er von dem durch ihn gegründeten und von ihm beherrschten Reiche mit vollster Wahrheit sagen. Wozu jener sich willkürlich aufwarf, zum Schiedsrichter Europas, dazu ward dieser edle, selbstlose Kaiser von streitenden Parteien mehr als einmal freiwillig auserkoren. Wo es galt, das Gleichgewicht und die Ruhe Europas gegen bedenkliche Verrückungen der Machtverhältnisse sicherzustellen, da hielt ihn weder die Rücksicht auf alte und werthgehaltene Beziehungen, noch die Besorgniß vor Gegnerschaften, die er dadurch sich schaffen konnte, von der Erfüllung dieser in seinen Augen heiligsten Pflicht zurück.

So schmückt seinen Sarkophag neben dem Lorbeer des Helden die Palme des Friedens, neben beiden aber der Eichenkranz des Vaters und Wohlthäters seines Volkes und der gesammten deutschen Nation; sein Angedenken aber wird gesegnet bleiben und fortleben unvergänglich von Geschlecht zu Geschlecht! Das bezeugte schon vor nunmehr zehn Jahren, als zweimal eine ruchlose Hand sein theures Leben gefährdete, der in allen deutschen Gauen erschallende laute Aufschrei des Entsetzens und der bangsten Besorgniß; das bezeugen die tieftraurigen Blicke und die unwillkürlich hervorbrechenden Thränen, womit, da Gott nun den geliebten Kaiser – in einem Alter, wie es wenig Menschen vergönnt ist – durch einen sanften Tod zu sich genommen, diese Trauerkunde allerwärts aufgenommen worden ist.

Selten wohl konnte ein Mächtiger der Erde mit so ruhigem, ja freudigem Bewußtsein diesem göttlichen Rufe entgegenharren, wie Kaiser Wilhelm; denn selten wohl hat selbst ein Privatmann, geschweige ein mit großer und schwerer Verantwortlichkeit Belasteter alle seine Pflichten, die nächsten wie die höchsten, die des zärtlichen Familienvaters, wie die des Herrschers eines mächtigen Reichs, so treu, so gewissenhaft, so peinlich streng erfüllt wie er.

Möge sein Geist fort und fort ruhen auf allen seinen Nachfolgern und auf dem ganzen deutschen Volke!

Karl Biedermann.     
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