Zimmerische Chronik/Band 1/Kapitel 75

<<< Kapitel 75 >>>
aus: Zimmerische Chronik
Seite: Band 1. S. 542–547
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[A212a] Wie grave Haugo von Werdenberg die statt und herschaft Mösskirch erblichen eingenomen und wie unadenlichen er gegen fraw Margrethen grevin von Öttingen, hern Johann Wörnhers gemahel, sich gehalten.

Nach solchen handlungen hat sich grave Haugo von
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Werdenberg one verzug an kaiserlichen hove verfüegt, und demnach der kaiser ime acht tausent guldin von etlicher dienst und nachraisens wegen noch zu erlegen schuldig, hat er solch gelt nachgelassen und, unangesehen sein, auch seiner brüeder glaublich verschreiben und zusagen, sovil bei
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Irer Majestat und derselben sone, dem könig Maximiliano, angehalten, das die ime sollich eingenomne zimbrische güeter, auch was sonst oft bemelter herr Johanns Wörnher noch gehabt, für obbemelte schuld geschenkt und zugestelt haben, im auch desshalben brieve under iren insigeln ufgericht und
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geben. Daruf grave Haugo, sobald er wider anhaimsch worden, sich mit etlichen pferdten beworben und mit denselben geen Messkirch kommen, hat daselbst dem rat und der gemaind, was er zu hof ausgebracht, fürgehalten, mit angehenktem begern, ime und seinen gebrüedern als
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erbherrn phlicht und huldigung zu thon; darbei getrewt, soverr im solch sein begern abgeschlagen, herte und schwere straf desshalben gegen inen fürzenemen. Wiewol nu deren etlich, so sich grave Haugen widersetzten, hat doch sollichs nichts erschießen mögen, sonder, in [A212b] ansehung das
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sie kainer rettung, hilf oder trosts sich versahen, sein sie zu ainer erbhuldigung getrungen worden, welches in wenig tagen hernach mit allen dörfern, der herrschaft Möskirch zugehörig, auch beschehen. Und des tags grave Haugo die stat also erblichen eingenommen, ist ain großer thail der
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ringkmaur daselbst vom spital an bis schier zu dem schlos, wie das noch heutigs dags gesehen wirt, nidergefallen, welches ime pillich seiner unbefuegten handlungen und das sollich einnemmen nit wirig, ain gewiss anzaig gewesen sein solte. Demnach ist er zu fraw Margrethen, herrn Johannsen

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[543] Wörnhers gemahel, ins schloß kommen und ir anzaigt, welchermaßen kaiser und könig ime und seinen gebrüedern die herrschaft Mösskirch irer getrewen dienst halben erblichen geaignet, desshalben iren notturft, das sie die
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herschaft mit allen zugehörden zu handen bringen, fürter irs gefallens damit zu handlen, zum höchsten erfordere, mit beger, sie welle mit iren kinden (deren acht unerwachsne herrn und frölin zugegen standen) [268] des schlosses daselbst abtretten, ime raumen und einhendig machen; welle
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er sie gern zu Sigmeringen haben und ir alda ain behausung eingeben, oder aber sie möge ins under haus in der stat, welches dozumaln herrn Gotfriden von Zimbern zustendig, einziehen und darin sich und die iren, so lang ir gelegenhait, enthalten etc. Als fraw Margreth solchs gehört, ist
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woll zu gedenken, was kommers ab solchem begern sie empfangen, hat in doch mit wainenden augen seins vilfältigen beschehens zusagens, auch glaublichen verschreibens und versprechens, [A213a] sie und ire kinder betreffent, erinnert und ermant und in dermaßen von seinem fürnemen
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abzusteen gepetten, das er dozumal aus erbärmbde und mitleiden wider von ir in die statt hinab gangen. Nu het aber fraw Margreth durch ire kundtschaften erfarn, das grave Haugo auf den aubendt wider kommen wurde, derhalben sie alle thüren und stegen im frawenzimber versperren und
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verriglen lies, der zuversicht, grave Haugo wurde ir als ainer gebornen frawen verschonen und, in ansehung das sie oder ire kinde ime darzu nit ursach gegeben, kain gwalt brauchen, welches sie aber nichts helfen mögen; dann grave Haugo gleich nach dem nachtessen mit vill gesindts wider
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kommen und, als er die thürn verspert befunden, hat er die gewaltigclichen aufbrechen lassen; ist also mit seinem gesind und gewerter handt widerumb hinauf zu ir gangen und sie abermals vom schlos abzutretten ermant. Do hat sie in darfür so kleglichen gepetten, das ain iden verstendigen
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pillich solte bewegt, ain erbermbde mit ir und iren unerzognen kinden zu haben. Nichtdesterweniger hat er seinen dienern die pet, leilach, truchen und anders, auch was sie sonst weiters für ain hausrath in irem gemach noch gehabt, zu den fenstern und läden über die mauren in den
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schlosgarten zu werfen bevolhen; ist volgendts wider zu ir kommen und hat gesagt, was sie im schloß thun, ob sie auf der erden ligen welle; sie künde übernacht darin nit beliben;

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[544] und ob sie mit willen nit weichen, werde er verursacht, seine diener sie in ainem sessel (das hat der Schwab uf sein gut Österreichisch geredt) hinaus tragen zu lassen etc. Hierauf, unangesehen das sie in wainendt nochmals [A213b]
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zum höchsten gepetten, sie und ire kind des iren nit also gewaltigclich wider alles glaublich versprechen und zusagen zu entsetzen (ich geschweig der jungen herrn und frölin, deren acht unerzogen gegenwurtig, so cläglich und jämerlich gebärten, das sie in pillichen erbarmbt und von seinem
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tirannischen und unerseetigten gemüeth und fürnemen solten abgewendt haben), nam er sie under den arm, fürt sie wider iren willen mit gwalt die stiegen hinab. Nu hett weilund der alt herr Wörnher selig ain dorechten, kindischen armen mentschen, genannt Junghans, von jugendt auf umb Gottes
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willen erzogen; derselbig unbesint dor, als er sahe, das grave Haugo vilbemelte fraw Margrethen, die er nit anderst [269] dann sein muter sein vermainte, mit gwalt aus dem schlos füern wölte, empfieng er darab ain solchen verdruß, das er eilendts ain axt zu sich genommen und in ain winkl,
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do er vermainte, grave Haugo anhin geen wurde, sich verborgen, und so bald grave Haugo für in anhin gangen, ist er herfür gesprungen und gesagt: »Du böswicht, woltest mir mein liebe muoter mit gwalt hinweg fürn, du must sterben!« und hiemit die axt zuckt, des vorhabens, im
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damit das hirn einzuschlahen. Aber fraw Margreth hat dem thoren gewert und domals grave Haugen sein leben, welches er doch umb sie oder ire kinder nihe verdienet, erhalten. Dergestalt ist die erlich grevin aus irem widdem wider all verschreiben und glaublichs zusagen und versprechen deren
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von Werdenberg glogen und trogen und mit gwalt davon trungen worden. Und ist warlichen ain erbärmbclicher, jämerlicher [A214a] anblick gewest, das ain solche edle grevin sampt iren unerzognen kinden, die ainstails mit cläglichem schreien und wainen umb sie liefen, des iren one
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alles verschulden, wider recht also entsetzt haben sollen werden. Es hat weder grave Jerg, noch grave Ulrich, seine brüeder, dahin nit vermögt mögen werden, das sie wider vilbemelte fraw Margrethen sich haben hierinnen wellen bewegen oder gebrauchen lassen. Und wiewol grave Haugo
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die statt Mösskirch zu ainer erbhuldigung getrungen, nochdann hat er den burgern daselbst nit trawen wellen, dann er sich ains auflaufs besorgt, derhalben er fraw Margreth

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[545] nicht durch die statt, sonder durch den schlosgarten am graben hinumb zum undern thor in obbemelts herrn Gotfridts behausung gefürt, darin sie bei aim halben jar ungevärlichen mit den jungen herrn und frölin sich enthalten;
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in welcher zeit sie vill kommers erlitten, bis sie zu letsten von grave Haugen gar aus Mösskirch vertriben worden. In wenig zeiten hernach hat grave Haugo Wolfen von Honnburg, seßhaft zu Krauchenwis, zu obervogt geen Messkirch verordnet, der solt die ganz herschaft von sein und
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seiner gebrüeder wegen inhaben und regieren. Er ist aber nit über ain jar obervogt alda beliben, in ansehung das im als aim lehenmann der freiherrschaft Zimbern von wegen des lehens Kruchenwis nit gepürn wellen, hierinnen oder in anderm wider seine lehensherrn sich gebrauchen zu lassen.
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Hernach hat grave Haugo ain andern vom adl, Batt von Schowenburg genannt, an bemelts Wolfen von Honnburgs stat zu obervogt und nach demselben noch ain vom adl, genannt Berch[A214b]tolt von Balghaim, angenomen. Die haben die herschaft etliche jar verwalten; in summa, grave
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Haugo hat alle sachen dermaßen gehandlt, als ob er und seine nachkommen die herschaft Messkirch für und für inhaben und dero zu eewigen zeiten nimmermer mögen, noch kinden wider entsetzt werden; dann er hat bei kaiser Friderrichen ain freihait erlangt, demnach die stat Messkirch
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bishieher [270] sich der freiherrschaft Zimbern wappen gebraucht, das solchs hinfüro sollte geendert sein, namlich ain schilt in mitte nach der lenge abgethailt, darin ain fanen, auch in der mitte abgethailt, halb Werdenberg und halb Montfort. Solche freihait ist von grave Haugen anno
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domini vierzehenhundert neunundachtzige zu Linz mense Novembri erlangt worden. Die ist aber über etliche jar hernach, als herr Johanns Wörnher freiherr zu Zimbern der junger Mösskirch sampt der ganzen herrschaft widerumb erobert, cassirt, durchstochen und abthon worden, und hat
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die statt Mösskirch ir vorigs wappen, wie sie das noch füeren, widerumb angenomen, wiewol bemelte stat, ehe und zuvor sie in die zimbrische hand komen, das zimbrisch wappen nit gefürt, sonder hat ein schwarzen kesselring in eim weißen wappen gehapt, wie dan noch heutigs dags man
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sich iezgehörts kesselrings zu allen zaichen ußerhalb der besiglung geprauchen thuet.

* [1556] Hernach anno 1519, als herzog Ulrich von 1

[546] Würtenberg sich für Reitlingen[1] legeret, das auch in etlichen tagen eroberet, do ließ er der statt wappen enderen und, als sie ain schilt dreimal abgetailt nach der [1557] zwerch und von farben, wie Falkenstain oder Bechburg, do ließ
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er in die oberst veldierung ain schwarz hirßhorn machen, wie dann mertails ander stett im land zu Würtenberg auch im geprauch. Solche wappen ließ er uf dem Markt zu Reitlingen und sonst allenthalben hin und wider malen und ußchlagen. Aber es het dozumal nit die mainung mit
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Würtenberg, wie bei zeiten der römischen kaiser und könig, do die herrn und die diener dem reich ein feder nach der anderen ußzogen; es woltens die steet, auch die stend des reichs nit vergut nemen, darumb ward der schwebisch bundt ufgemanet, der herzog seins lands verjägt und domit
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Reutlingen beim reich erhalten. Der herzog het ain besonders vatterunser gemacht, gereimpt, von reichsstetten, in und an sein land gelegen, und so es ime het mit Reitlingen glückt, wolt er den fuß weiter haben gesetzt; aber es missrieth im, ward darob verdriben, wie oblaut. Daher gehert das new
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patternoster oder vatterunser[2], das herzog Ulrich von den nechstgelegnen reichsstetten und andern herrschaften gemacht, darbei abzunemen, was er im sinn gehapt zugleich seinen vorfarn. * Vilbemelter grave Hugo von Werdenberg hat die von
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Messkirch scharpf regirt und kains wegs leiden wellen, das die burger alda irer vorigen herrschaft offenlichen gedenken. Nu sein aber der mererthail burger daselbst der großen untrew, so grafe Haugo an iren jungen herrn wider alle sein schriben und zusagen geüebt, gar übel zuefriden
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gewest; also wiewol sie solchs nit wenden, haben sie doch oftermals mit reden sich gut zimberisch und dermaßen, als ob sie wenig gefallens ab disen unpillichen handlungen tragen, bewisen. Derhalben, als solchs grave Haugen fürkommen, hat er etlich derselben, [A215a] sonderlichen aber
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inen drei, mit namen Petter Büchsenmaister und sein bruder Ludwigen Messerschmidt, auch Conradt Küslingen, bürtig von Messkirch, fahen, die geen Sigmeringen füern und alda

etlich zeit in harte gefengknus legen lassen, aber sonst nichts,

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[547] dann das sie irer vorigen herrschaft woll geredt und die wider begert, übel gehandlt, bezigen oder überwisen mögten werden, auch etliche zeit mit harter gefengknus waren gestraft. Hat grave Jörg von Werdenberg seim brueder, grave
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Haugen, eingeredt, mit bericht, das im solche hertigkait über die armen leut gar nicht gefalle, sonderlich seitmals die anders nichts verschuldt, dann das sie ire naturliche und angeborne hern, die sie kennen und lieben (darumb sie dann pillich solten gelopt werden) widerumb zu herren begeren.
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Mit solchem und anderm hat bemelter grave Jörg an seim brueder sovil vermögt, das er die gefangnen widerumb ledig glassen und sich hinfüro solcher strengkait enthalten. Es ist zu wissen, wiewol die von Werdenberg alle herrn Johannsen Wörnhers etc. güeter erlangt, das grave
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Eberhart von Würtenberg der elter Oberndorf mit seiner zugehörde gleich im anfang, als die vermaint declaration ausgangen, aus ansuochen herrn Gotfridts, damit sollich herrschaft seinen phlegsönen dester ehe wider wurde, eingenomen hat; actum den vierten tag Marcii anno
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vierzehenhundert achtundachtzige. Wie aber bemelt Oberndorf mit seiner zugehörde in die werdenbergisch handt kommen, wurdet hernach gesagt werden.



  1. Reitlingen] s. Sattler, Geschichte des Herzogthums Würtenberg unter den Herzogen II, I ff.; Gratianus, Geschichte der Achalm und der Stadt Reutlingen II, 161 ff.; Heyd, Ulrich, Herzog von Würtenberg I, 524 ff.
  2. vatterunser] s. Heyd a. a. o. I, 529; Liliencron a. a. o. III, 237 ff.