Zeichen und Wunder aus Böhmen

Textdaten
<<< >>>
Autor: F. v. S.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Zeichen und Wunder aus Böhmen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 784
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[784] Zeichen und Wunder aus Böhmen. (In der Jakobskirche zu Prag.) Die Jakobskirche in der Altstadt, in der Nähe des Theinhofes und der Fleisch schramme, ist die längste aller Prager Kirchen, dabei hoch, aber schmal und düster. Sie macht einen unheimlichen Eindruck, wie das anstoßende Minoriten-Kloster, zu welchem dieselbe gehört. Das Volk weiß von beiden unheimliche Geschichten. Einst war das Kloster sehr reich; König Wenzel I., welcher 1228 gekrönt ward, hatte es gestiftet und mit glänzenden Einkünften versehen; jetzt ist das Kloster verarmt, nur wenige Mönche leben darin und haben ihre großen Resectorien, den Bibliotheksaal und eine Reihe anderer Gemächer als Speicher und Waarenniederlagen an Juden vermiethet. In den gothischen Kreuzgängen weht es uns feucht und dumpfig an, eine große Darstellung des bethlehemitischen Kindermords und seltsame alte Bilder blicken von den Wänden herab, und auf dem Steinpflaster liegen hier und dort Waarenballen umher. Nähern wir uns dem Kirchengang, so begrüßt uns ein düsteres memento mori: eine vergilbte Tafel ob einem Betpult, auf welcher die Namen der verstorbenen Klosterbrüder in langen Reihen aufgezeichnet sind. Zu Anfang dieses Jahrhunderts füllte sich diese Sterbetafel rasch mit neuen Namen: ein junger Mönch vergiftete den Guardian und sieben Ordensbrüder, weil er auf diese Art zur Stelle eines Klostervorstandes zu gelangen meinte. Er wurde des Mönchgewandes entkleidet und gleich einem andern gemeinen Verbrecher gerichtet. Seine Helfershelferin, eine Küchenmagd, saß zwanzig Jahre auf dem Spielberge, wurde später begnadigt und ging jahrelang als Hausirerin in den Straßen Prags umher; in der Juniwoche 1848 soll dieselbe als das Opfer einer Lynchjustiz gefallen sein. Ein altes Weib wurde damals vom Volk gesteinigt, weil man bei ihr Patronen fand und meinte, sie trage dieselben dem Militär zu; in der Todten wollen die Leichenbesorger die Giftmischerin von St. Jakob erkannt haben.

Als im Jahre 1689 französische Mordbrenner, von den Ministern Ludwig’s XIV. entsendet, in Prag an mehreren Orten Feuer anlegten, litt auch die Jakobskirche durch den Brand, ihr Gewölbe stürzte ein und mußte neu gebaut werden. Nach der Wiederherstellung malte Sebastian Zeiler, ein junger Prager Künstler, im Jahre 1713 während einer furchtbaren Pest in dieser Kirche und wurde von der Seuche bis zum letzten Pinselstrich am Hochaltarblatt von St. Jakob verschont; kaum aber war dieses fertig geworden, erkrankte der Maler und wurde zwei Tage später auf den Pestkirchhof zu Wolschan hinausgeführt[1].

Links vom Hochaltar erhebt sich ein prachtvolles Mausoleum, ein Meisterwerk, das J. Ferdinand Brolow nach einem Entwurf des genialen Fischer von Erlach ausführte. Auf einem Sarg, über welchem ein kolossaler Ruhmesengel schwebt, wird ein stattlicher Mann in voller Ritterrüstung und den Insignien des Malteserordens, eine Allonge auf dem Haupte, von der allegorischen Figur der Religion gestützt. Der verdienstvolle Todte, den dieses Denkmal feiert, war der böhmische Kanzler und Großprior des Malteserordens in Böhmen, Johann Wenzel Graf Wratislaw von Mitrowic († 1712), unter drei Kaisern erster Staatsminister und der Gründer der böhmischen Hofkanzlei in Wien. Die Freude an diesem schönen Denkmal verkümmert uns der Gedanke an die Sage, der Kanzler Wratislaw sei scheintodt begraben worden, in der Gruft bei St. Jakob wiedererwacht und unten entsetzlich zu Grunde gegangen. Man hörte in der Kirche ein Poltern, ein Aechzen und Stöhnen, leider aber lag der Gedanke an Gespenster jenen finsteren Zeiten näher, als der an einen möglichen Scheintod; anstatt die Gruft zu öffnen, begnügte man sich, den Gruftstein mit Weihwasser zu besprengen. Als geraume Zeit nachher das Erbbegräbniß eine neue Leiche aufnehmen sollte, fand man, nach der Sage, den Sarg des Oberstkanzlers gesprengt und dessen Gerippe auf dem Steinpflaster liegen!

Im Kirchenschiff, gleich rechts vom Haupteingang, hängt an einem Pfeiler an einer kurzen Kette eine widerlich vertrocknete Menschenhand, braun und zusammengeschrumpft, ein höchst unangenehm überraschender Anblick. Ehe wir uns bei dem Küster nach der Bedeutung dieses seltsamen Kirchenschmucks erkundigen, erblicken wir am nächsten Pfeiler ein stark nachgcdunkeltes Bild, dessen Unterschrift in drei Sprachen, in der deutschen, der böhmischen und der lateinischen, nähere Nachrichten über jene Todtenhand enthält. In einer haarsträubenden Orthographie sind da folgende Zeilen zu lesen: „Anno 1400 bei Lebzeiten des Bonifaz, Pabsten, dieses Namens Neuntens, bei Regierung des Königs Wenzeslaus und des Wolframs, Erzbischofs zu Prag, die Mutter Gottes, Jungfrau Maria in ihrem Versperbild, welches allhier in der Kirche zu derselben Zeit bei einem abseitigen Pfeiler unweit vom Altar des hl. Erasmi gesetzet und sehr andächtig verehret, von einem Gottlosen Räuber, welcher die Kleinodien von erwähntem Bild berauben wollen, bei der Hand nehmend, bis er offenbaret worden, gehalten, die seinige Hand vermittelst des Gerichtes ist ihm abgehauen worden und bis heutigen Tag allhier aufgehängter sich befindet.“ Das Bild stellt eine weite gothische Kirchenhalle vor, an einem Pfeiler sieht man den Erasmusaltar und den Marienaltar. Auf dem letzteren steht die wilde Gestalt des kirchenräubers, der eben nach dem Schmuck desselben gefaßt hat und vom Marienbilde festgehalten wird. Durch die Kirche eilen einige Minoritenmönche herbei, mit grellen Gebehrden des Staunens und Entsetzens. In der zweiten Abtheilung sieht man die Bestrafung des Räubers, dem vor der Jakobskirche die rechte Hand abgehauen wird.

Das Marienbild, welches in dieser Wundergeschichte eine Rolle spielt, steht jetzt, in bunte Flitter gekleidet, auf dem Hauptaltar der Jakobskirche, in welcher noch im vorigen Jahrhundert ein ganz eigenthümliches lateinisches Oratorium aufgeführt zu werden pflegte. Es feierte die „Geschichte“ vom Jahre 1400. Das Marienbild und der Kirchenräuber sangen die Hauptpartieen darin, zuerst Solonummern, dann ein Duetto, in welchem das Bild den ruchlosen Attentäter abmahnt und zu bessern sucht, hierauf trat ein Chor der Häscher ein etc.

Kaiser Joseph II., bekanntlich kein Freund von Wundern, Wunderbildern, Processionen u. dergl., befahl im Jahre 1784 die vertrocknete Hand des Kirchenräubers aus der Kirche zu entfernen, und man that nach seinem Geheiß. Wohl siebzig Jahre mag die Kette, welche jene Hand trug, leer an der Wand gehaftet haben; seit einiger Zeit tauchte die Hand des Kirchenräubers wieder auf und hängt als ein scheußliches Exempel an ihrer alten Stelle, jetzt, da man schreibt „im Jahre des Heils 1860.“
F. v. S.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Sebastian Zeiler’s Grabmal ist noch in Wolschan zu sehen. In seiner Grabinschrift heißt es u. A.: „Sebastian Zeiler, ein Maler war er und wußte das Licht von dem Schatten zu unterscheiden. Anjetzo ist er selbst ein Schatten worden.“