Ying Ning oder die lachende Schönheit

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Ying Ning oder die lachende Schönheit
Untertitel:
aus: Chinesische Volksmärchen, S. 307–317
Herausgeber: Richard Wilhelm
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Eugen Diederichs
Drucker: Spamer, Leipzig
Erscheinungsort: Jena
Übersetzer: Richard Wilhelm
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
E-Text nach Digitale Bibliothek Band 157: Märchen der Welt
Eintrag in der GND: [1]
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[307]
95. Ying Ning oder die lachende Schönheit

Wang Dsï Fu aus Lo Tiän in Gü Dschou hatte als Kind seinen Vater verloren. Er war sehr begabt und bestand schon mit vierzehn Jahren sein erstes Examen. Seine Mutter hütete ihn mit Sorgfalt und ließ ihn nicht einmal alleine von Hause fort. Sie verlobte ihn mit einer geborenen Siau, die vor der Hochzeit starb. Es war noch keine neue Verbindung eingeleitet, da traf es sich, daß er am Laternenfest auf Einladung seines Vetters Wu mit diesem ausging, um sich ein wenig zu unterhalten. Vetter Wu wurde noch am Ausgange des Dorfes von einem Diener seines Vaters abberufen. Wang Dsï Fu aber beschloß, klopfenden Herzens, allein diesem Drängen von Wolken lustwandelnder Mädchen zu folgen. Vor ihm ging ein junges Mädchen mit ihrer Dienerin. Ihre Finger spielten an einem Mandelzweig. Keine andre kam ihr gleich an Schönheit. Man hätte ihr lachendes Antlitz fassen wollen. Wie gebannt sah er sie an, unbekümmert um die Neugierde der andern. Da enteilte sie lachend und sprach [308] zu der Dienerin: „Dieser Herr hat blitzende Diebsaugen.“ Die Blume ließ sie niederfallen. Voll Sehnsucht nahm er sie an sich; verlorenen Sinnes, voller Unruh kam er heim. Dort barg er seine Blume unter dem Kissen und entschlummerte.

Von da an sprach er nichts und aß auch nichts mehr, recht zur Sorge seiner Mutter. Die opferte und betete für ihn; aber er wurde schmal und kam von Kräften. Wohl gab der Arzt ihm Arznei, das Böse zu vertreiben; doch da verlor er sich erst recht.

Zufällig kam da einmal Wu, und den beauftragte die Mutter, auszuforschen, was denn sei. Als Wu zum Bett des Kranken kam, entrollten dem bei seinem Anblick Tränen. Wu ging herzu und sprach beruhigend auf ihn ein, bis er den ganzen Sachverhalt erzählte. Wu lächelte: „Du bist in deinem Kopf auch gar zu närrisch. Die Erfüllung deines Wunsches ist nicht schwer. Ich werde nach ihr fragen. Wenn sie so zu Fuß dort vor dem Dorf herumspazierte, ist sie kaum aus vornehmer Familie. Ist sie nicht verlobt, so löst sich sicher alles noch zu allgemeinem Wohlgefallen. Andernfalls – denk ich – für gute Gaben wird sie wohl zu deinem Willen sein. Du denk jetzt nur an dein Befinden. Das andre aber überlasse mir!“ Als Wang das hörte, mußte er wohl gegen seinen Willen wieder lächeln. Wu ging fort und berichtete der Mutter. Dann begann er diesem Mädchen nachzuforschen. Doch umsonst. Er kam auf keine Spur, so daß die Mutter Wangs sehr traurig wurde und sich keinen Rat mehr wußte. Aber ihres Sohnes Antlitz blieb nun heiter seit den Worten Wus; er konnte sogar wieder essen. Eines Tages kam sein Vetter wieder, und er fragte ihn, was er entdeckt habe. Der hub mit Lügen an: „Gefunden hab ich sie. Sie ist die Tochter meiner Tante, also eine Base auch von dir. Sie ist noch nicht verlobt. Wenn auch im Hinblick auf eine Vermählung Raum für mancherlei Bedenken sein mag wegen eurer nahen Blutsverwandtschaft, ihre Eltern werden sicher [309] einverstanden sein, wenn sie nur erst den ganzen Sachverhalt erfahren.“ Da stieg dem jungen Wang die Freude wohl bis zu den Augenbrauen, und er fragte nach der Wohnung. Wu – vermessen wie er war – erklärte: „Auf dem Südwestberg. Zwei Meilen wohl von hier.“ Als Wang ihn dann beschwor, die Sache weiter zu besorgen, versprach ihm jener alles gerad heraus und ging.

Wang schritt nun täglich fort in der Gesundung. Er griff nach der Blume unter seinem Kissen, und er sah sie an. Sie war wohl trocken, aber unversehrt, und er ließ seinem Denken freien Lauf und spielte mit der Blume so, als wäre sie das Mädchen. Er wurde böse, daß sein Vetter solang ausblieb. Er sandte Botschaft; aber Wu gebrauchte Ausflüchte und kam nicht mehr. Der junge Wang ward mißmutig und beunruhigt. Da besann er sich, daß eigentlich zwei Meilen gar nicht viel bedeuten, daß man darum nicht auf fremde Gnade angewiesen sei. Die Blume in dem Ärmel machte er sich trotzig auf den Weg.

Es wußte niemand was davon; er ging allein und traf auch niemand, den er hätte nach dem Wege fragen können. Als er zwei Meilen in der Richtung nach dem Südwestberg gegangen war, türmten sich vor ihm die Felsen auf. Erfrischend wirkte dort das helle Grün, es war ganz still, nur die Vögel flogen hin und her. In der Ferne tief im Tal sah man ein kleines Dörfchen wie in einem dichten Garten stehen. Dort ging er hin. Nicht viele Häuser waren da, doch wirkten sie recht hübsch und anmutig unter den Strohdächern. Im Norden stand ein Haus, vor dessen Tür Trauerweiden wuchsen. Pfirsich- und Aprikosenbäume, untermischt mit schlankem Bambus, überragten seine Mauer, hinter der die Vögel zwitscherten und sangen. Er stieg auf einen großen, glatten, reinen Felsblock, der der Tür gegenüber stand, um sich dort auszuruhen. Plötzlich hörte er hinter der Mauer eine weiche, feine Mädchenstimme langgezogen einen Namen rufen, und da sah er auch das Mädchen, gegen Westen gehend, [310] einen Zweig mit Aprikosenblüten in den Händen, den es sich gebeugten Kopfes in das Haar zu stecken mühte. Doch als sie da den Jüngling sah, hielt sie ein wenig an und lächelte und ging ins Haus, und ihre Finger spielten mit dem Zweige. Er konnte sehen, daß es eben jenes Mädchen war, das er auf dem Laternenfest getroffen hatte. Da kam unvermittelt große Freude in sein Herz, nur führte ihn kein Weg zu ihr. In der Tür war niemand, an den er sich da hätte wenden können, und so saß und lag und ging er nun den ganzen Tag umher bis gegen Abend, vollen Herzens, und er dachte nicht an Durst und Hunger. Manchmal nur sah er ein Mädchen, das wohl nach ihm spähte und sich wunderte, daß er nicht gehe. Plötzlich aber kam auf einen Stock gestützt ein altes Weiblein heraus, erblickte ihn und sprach: „Wo kommt Ihr her? Ich höre, daß Ihr seit dem frühen Morgen hier draußen wartet. Was gedenkt Ihr denn zu tun? Habt Ihr keinen Hunger?“ Der Jüngling stand rasch auf, verneigte sich vor ihr und sprach: „Verwandte möchte ich besuchen.“ Er mußte es zweimal sagen, bis die schwerhörige Alte ihn verstand; dann fragte sie ihn nach dem Namen seiner werten Anverwandten. Als er den nicht wußte, lachte sie und lud ihn zu sich ein: er müsse den Besuch ja doch verschieben. Erfreut ging er der Alten nach durchs Tor und auf dem Weg, der ganz von weißen Steinen war und den in dichten Büscheln rote Blumen rings umsäumten. Die Wände in den Räumen innen waren weiß und glatt wie Spiegel. Durch die Fenster hingen Blütenbüsche eines Apfelbaumes. Kissen, Teppiche, die Tischchen und das Bett, es war da alles rein und schön. Während auf Geheiß der Alten eine Dienerin das Mahl bereitete, erzählte er von sich und seinen Anverwandten. Da fragte ihn die Alte plötzlich: „Heißt Euer Großvater nicht Wu?“ Nachdem er es bejahte, erklärte sie: „Dann seid Ihr ja mein Neffe! Eure Mutter ist meine jüngere Schwester. Weil wir diese Jahre her in sehr bescheidenen Verhältnissen leben [311] mußten und keinen Mann im Hause haben, hörte der Verkehr mit der Familie auf. Ihr, mein Neffe, seid so groß geworden, daß ich Euch gar nicht wiedererkannt habe.“ Er erwiderte: „Ich bin jetzt gerade wegen der Tante gekommen und habe in der Eile den Namen vergessen.“ – „Ich heiße Tsin“, so sagte sie, „und habe keine Kinder. Nur ein kleines Mädchen ist noch da, das von der Nebenfrau geboren wurde. Ihre Mutter hat sich nun wieder vermählt und hat sie mir zum Aufziehen gelassen. Sie ist durchaus nicht dumm; nur hat sie wenig Unterricht genossen und kennt den Ernst des Lebens nicht. Wart ein wenig, und ich will sie holen, daß sie dich begrüßt.“ Da kam die Dienerin und richtete das Mahl. Er aß, dann rief die Alte nach dem Mädchen. Lange Zeit verging, dann hörte man von draußen unterdrücktes Kichern. Die Alte rief: „Ying Ning, es ist dein Vetter da, hörst du nicht auf mit deinem Lachen draußen!“ Die Dienerin schob sie herein. Sie hielt sich ihren Mund zu, konnte aber nicht im Lachen innehalten. Die Alte machte strenge Augen: „Ein Gast ist da, und du lachst immerzu. Was soll das heißen!“ Da brach das Lachen ab; das Mädchen richtete sich auf, und Wang verneigte sich vor ihr. Die Alte sprach: „Das ist dein Vetter. Man gehört zur gleichen Familie und kennt sich noch nicht. Das ist eine Schande!“ Der Jüngling fragte: „Wie alt ist denn die Base?“ Die Alte hörte nicht; da lachte Ying Ning wieder so, daß sie nicht schauen konnte. Da sprach die Alte: „Nun siehst du, daß sie nichts gelernt hat! Sie ist schon sechzehn Jahre alt, und sie benimmt sich närrisch wie ein Kind!“ – „So ist sie eben ein Jahr jünger, als ich bin“, erwiderte der Jüngling. „Dann bist du ja schon siebzehn“, sprach die Alte. „Wer ist deine Frau?“ Er sagte ihr, daß er noch keine habe, worauf sie meinte: „Wie ist denn das möglich, daß du bei deinen Talenten und deinem Aussehen nicht verlobt bist? Auch Ying Ning hat keinen Mann, ihr würdet recht gut zueinander passen. Schade, daß das Hindernis der nahen [312] Verwandtschaft da ist!“ Der Jüngling sagte nichts, er sah nur Ying Ning an und hatte keine Zeit, wo anders hinzuschauen. Da flüsterte die Dienerin Ying Ning ins Ohr: „Die blitzenden Diebsaugen hat er noch immer“, worauf Ying Ning erneut in Lachen ausbrach. Die Dienerin sah sie an und sagte: „Wir wollen sehen, ob die grünen Pfirsiche schon blühen!“ Darauf erhob sich Ying Ning, hielt sich den Ärmel vor den Mund und ging mit kleinen Schrittchen zur Tür hinaus.

Die Alte ließ dann für den Jüngling Bettzeug richten und sagte: „Wir wollen dich noch ein paar Tage dabehalten. Wenn du Langeweile hast, so mag der kleine Garten hinterm Hause dir Zerstreuung bieten. Auch sind Bücher noch zum Lesen da!“

Am andern Tag ging Wang in den Garten. Der Rasen war einem Teppich gleich, und Pappelkätzchen lagen auf dem Weg umher. Ein kleines Gartenhaus stand da, von Blumen und von Büschen dicht umschlossen. Langsam schlenderte er durch die Blumen, als er über sich von einem Baum herab ein Wispern hörte. Er sah auf, und Ying Ning saß dort und fing zu lachen an. Der Jüngling rief ihr zu: „Halt ein! Du fällst!“ Sie aber kletterte herab und konnte sich vor Lachen gar nicht halten. Der Jüngling holte die Blume aus seinem Ärmel, sie Ying Ning zu zeigen, und sprach: „Du hast sie beim Laternenfest fallen lassen; deshalb habe ich sie aufbewahrt.“ Sie fragte: „Was hast du dabei gedacht?“ Da sagte er: „Ich wollte dir so meine Liebe zeigen, die dich nie vergißt. Jetzt aber laß mir Glücklichem Erbarmen widerfahren!“ Das Mädchen sprach: „Das ist doch eine Kleinigkeit. Wenn du gehst, so will ich dir durch meine Magd hier von den Blumen aus dem Garten ein recht großes Bündel richten lassen, das du mit dir nehmen kannst.“ „Du bist recht närrisch!“ sagte da der Jüngling. „Warum soll ich nun närrisch sein?“ – „Ich liebe doch nicht die Blume, sondern jene, die sie in der Hand gehalten hat.“ Ying Ning sagte: „Das [313] ist doch selbstverständlich, daß sich Verwandte lieben!“ Wang entgegnete: „Die Liebe, von der ich spreche, ist nicht Verwandtenliebe, sondern eine Liebe zwischen Mann und Frau.“ – „Ist da ein Unterschied?“ – „Gewiß, da ist man nachts beisammen.“ Das Mädchen dachte eine gute Weile mit gesenktem Haupte nach und sagte dann: „Ich pflege nicht mit andern Leuten nachts zu schlafen!“ Sie hatte noch nicht ausgeredet, da kam die Dienerin herbei; der Jüngling aber ging verwirrt von dannen. Erst später trafen sie sich wieder bei der Mutter. Die fragte, wo sie denn gewesen seien. Das Mädchen sagte: „Der Vetter möchte gern des Nachts mit mir beisammen sein!“ Wang warf ihr, sehr verlegen, warnend einen Blick zu, worauf Ying Ning lächelte und nicht mehr weiter sprach. Die Alte hatte wohl zum Glücke nichts verstanden.

Die Mahlzeit war beendet, als von Wangs Familie ausgesandte Leute mit zwei Eseln kamen. Nach langer Irrfahrt hatten sie den Herrn gefunden. Wang bat die Alte, Ying Ning zu erlauben, mit ihm heimzukehren zu der Mutter. Mit Freuden wurde ihm willfahren: „Nicht erst seit heute oder gestern“, hieß es, „war dies meine Absicht; es ist gut, daß du sie zu der Tante führen kannst, sie soll sie kennen lernen.“ Dann rief die Alte Ying Ning, hieß sie ihre Sachen packen und mit ihrem Vetter gehen. Sie sorgte noch für Mundvorrat und sagte dann zu Ying Ning: „Die Familie deiner Tante hat Vermögen und kann leicht noch jemand mehr ernähren. Du brauchst gar nicht erst wieder heimzukommen. Lerne dort Anstand und Musik, damit du später deinen Schwiegereltern dienen kannst, und dann bemüh die Tante gleich, dir eine passende Partie zu finden!“ So entließ sie Wang und Ying Ning.

Bei ihrer Ankunft war Wangs Mutter sehr erstaunt über das schöne Mädchen und befragte ihren Sohn, wer es denn sei, worauf er sagte, es sei seine Base. Da sprach die Mutter: „Was Vetter Wu dir neulich sagte, war doch nur erlogen. [314] Ich besitze keine Schwester mehr, und ich kann daher auch keine Nichte haben.“ Ying Ning aber sagte: „Ich bin nicht das Kind der ersten Frau. Tsin hieß mein Vater. Als er starb, war ich noch in den Windeln, daher weiß ich weiter nichts.“ Da sprach die Mutter: „Meine Schwester war an einen Tsin verheiratet, doch ist sie lange tot. Wie sollte sie auf einmal wieder leben?“ Da kam der Vetter Wu, und Ying Ning zog sich vor ihm in das Haus zurück. Wu fragte ganz genau nach allem, dachte lange nach und fragte dann: „Das Mädchen heißt Ying Ning?“ Befragt, woher er diesen Namen wisse, sagte er: „Es ist das eine unheimliche Sache. Als Tante Tsin gestorben war, da lebte noch der Onkel eine Zeitlang, bis ihn eine Füchsin behexte und er an der Auszehrung zugrunde ging. Die Füchsin aber hatte ihm ein Kind geboren namens Ying Ning, das dort auf dem Bett in seinem Wickelkissen lag, und das auch alle die Verwandten sahen. Auch später kam sie öfter wieder. Da hat man einen Teufelsbanner um einen Zauberspruch gebeten, den man an der Wand befestigte. Darauf hat die Füchsin sich das Kind genommen und ist fortgegangen. Sicher ist es das!“ Im weiteren Gespräche hörten sie aus einem Zimmer nebenan ein lautes Lachen. Es war Ying Nings Lachen. Vetter Wu wollte sie sehen, und als die Mutter sie zu holen kam, da schüttelte das Mädchen sich vor Lachen, daß sie gar nicht schauen konnte. Erst als ihr die Mutter streng befahl hinauszugehen, konnte sie das Lachen unterdrücken. Doch kaum hatte sie Wu gegrüßt, da kehrte sie auch schon wieder um und brach in ihrem Zimmer wieder in lautes Lachen aus, daß alle in dem Hause darob verwundert waren.

Wu ging aus, der Sache nachzuforschen. Er suchte nach dem Dorf und nach dem Grab der Tante Tsin; doch fand er weder Dorf noch Grab. Dann kehrte er zurück. Die Mutter fürchtete, sie sei vielleicht ein Geist. Sie ging zu ihr hinein und sagte ihr von Wu’s Erzählung. Ying Ning aber zeigte keine Angst; sie war auch nicht gerührt, weil [315] sie nun keine Heimat habe, sondern immer und zu allem lachte sie voll Übermut.

Sie kam an jedem Morgen früh zum Bett der Mutter, um sie zu begrüßen; sie war flink in jeder Handarbeit. Nur war sie stets dem Lachen nah, und ob man es ihr auch verbot, sie konnte es nicht lassen. Freilich war ihr Lachen hübsch: sie lachte toll, doch tat es ihrer Anmut keinen Eintrag. Ein jeder hatte sie darum auch lieb, und in der Nachbarschaft die jungen Frauen und die Mädchen stritten sich, von ihr besucht zu werden. So wählte denn die Mutter einen Tag, der Glück verhieß, um da die Hochzeit abzuhalten. Weil sie aber fürchtete, es wäre am Ende doch ein Geisterwesen, so beobachtete sie sie heimlich in der Sonne. Der Schatten war aber durchaus nicht schwach, nicht anders als gewöhnlich. So kam der Hochzeitstag. Sie hatte prächtige Gewänder angelegt und war bereit zur Trauungszeremonie. Doch als es anfing, fing sie neuerlich zu lachen an und konnte keinerlei Verbeugung machen, so daß man die Feierlichkeit kürzen mußte.

Jedesmal wenn die Mutter trübe oder voller Ärger war, so kam und lachte sie und vertrieb alle üble Laune. Hatten in dem Haus die Mägde etwas angestellt und fürchteten sie Schläge, so kamen sie zu ihr und baten um ein gutes Wort bei ihrer Schwiegermutter, dann geschah ihnen kein Leid. Sie hatte eine Liebe zu den Blumen, wahrhaft voller Leidenschaft. In der Verwandtschaft bat sie überall darum; ja sie versetzte sogar ihre goldenen Spangen, um dann besonders schöne Arten einzukaufen. Nach wenig Monaten war alles voller Blumen, Gartenwege und Treppenstufen, daß es keinen Platz mehr ohne Blumen gab. Eine starke Kletterrose war hinter dem Haus unmittelbar am Nachbargarten. Oft stieg Ying Ning da hinauf, um Blüten abzubrechen für ihr Haar. Eines Tages sah sie dort der Nachbarsohn und starrte unverwandten Blicks nach ihr. Sie wich dem Blick nicht aus; sie lachte noch dazu. Der Nachbar meinte, daß sie einverstanden sei, und so [316] schwoll ihm das Herz noch mehr. Sie deutete auf einen Platz dort unten an der Mauer und stieg dann herab; der Nachbar aber dachte an ein Stelldichein und kam bei Dämmerung erfreut dahin. Er sah sie auch und ging nun auf sie zu; mit einem lauten Aufschrei aber taumelte er zurück: Es war nicht Ying Ning, es war der Schimmer eines faulen Baumes nur, und ein Skorpion in einem Astloch hatte ihn dort gestochen. Der alte Nachbar kam herbei und seine Frau, die fragten ihn, und er erzählte alles; aber in derselben Nacht noch mußte er sterben. Da verklagten denn die Nachbarsleute Wang, weil er mit Ying Ning Hexenkünste treibe. Der Beamte aber wußte, daß Wang ein ehrbarer Gelehrter war. Deshalb erklärte er die Klage seines Nachbars für Verleumdung und wollte ihn zur Strafe prügeln lassen. Weil sich aber Wang für ihn verwendete, entließ er ihn. Wangs Mutter aber sprach zu Ying Ning: „Du mit deinem kecken Wesen! Ich habs wohl gewußt; Übermut tut niemals gut. Der Richter ist von klarem Geist, so sind wir noch verschont geblieben. Aber wär er dumm, es hätte sicher Weib und Kind nun öffentlich vor dem Gerichte Zeugnis geben müssen. Mit was für einem Antlitz hätte dann mein Sohn vor die Verwandten treten müssen?“ Da sah nun Ying Ning ernst drein und lachte nicht mehr wieder. Die Mutter sagte zwar, sie müsse nicht vom Lachen völlig lassen, nur zu seiner Zeit; aber Ying Ning lachte nicht mehr wieder, auch wenn man sie lachen machen wollte. Trotzdem aber ließ sie auch den Kopf nicht hängen.

Eines Abends saß sie ihrem Manne gegenüber, und es rollten ihr die Tränen nieder. Auf seine Frage sagte sie ihm mit erstickter Stimme: „Wenn ich denke, daß ich erst so kurze Zeit bei dir bin, dürfte ich es wohl nicht sagen; denn du könntest ja erschrecken oder Anstoß nehmen. Aber weil ich sehe, daß ihr beide, du und deine Mutter, mich so lieb habt ohne Rückhalt, hoffe ich, daß es nichts tut, wenn ich nun offen mit dir spreche: Ich bin [317] wirklich einer Füchsin Kind. Als meine Mutter starb, hat sie mich dem abgeschiedenen Geiste der verstorbenen Frau meines Vaters anvertraut, der ich es danke, daß ich heute hier bin. Meine alte Pflegemutter liegt verlassen draußen in den Bergen, und es sammelt niemand ihre Gebeine, so daß sie nicht Ruhe finden kann. Wenn du nicht die Mühe scheust, so stille ihren Kummer!“ Wang stimmte zu, und so fuhren sie mit einem Sarg hinaus. Richtig fanden sie den Leichnam noch und setzten ihn in dem Familiengrabe bei.

Von da ab ging das Ehepaar an jedem Totenfest im Frühling zu dem Grabe der Familie Tsin und opferte und ließ es an dem Grab nicht fehlen. Ein Jahr nachher genas die junge Frau von einem Söhnchen, das vor keinem Fremden Scheu empfand und immer nah dem Lachen war, selbst als man es noch auf dem Arme trug. Das hatte es von seiner Mutter.

Wenn man Ying Nings keckes und übermütiges Lachen in Betracht zieht und gar bedenkt, was sie dem Nachbarsohne für Geschichten machte, gleicht sie einem Wesen ohne Herz. Die Art aber, wie sie für die Beerdigung der Pflegemutter sorgte, läßt erkennen, daß sie ihre eigentliche Seele nur verhüllte in dem Lachen.

Anmerkungen des Übersetzers

[404] 95. Ying Ning. Vgl. Liau Dschai.

Das Märchen ist in der Stilisierung des verstorbenen Herrn Dr. Harald Gutherz, mit dem diese Sammlung gemeinsam geplant war, wiedergegeben.