Wie lehrt man die Vögel „auf Kommando“ singen?

Textdaten
<<< >>>
Autor: Josef von Pleyel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Wie lehrt man die Vögel „auf Kommando“ singen?
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 28–29
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1898
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[28]
Wie lehrt man die Vögel „auf Kommando“ singen?

Auf der vorjährigen Ausstellung des Berliner Vereins „Ornis“ konnte man Vögel sehen und hören, die zu jeder Zeit und an jedem Ort sangen, sobald ihre Herren es verlangten. Diese Ausbildung der Vögel, daß sie sozusagen „auf Kommando“ singen, war bisher in Deutschland wenig bekannt; die gefiederten „Kommandosänger“ waren in Berlin von Wiener Vogelfreunden ausgestellt worden.

Wie alle anderen Naturliebhabereien, wird auch diese nicht bei jedem Beifall finden. Es giebt Naturfreunde, denen alles Künstliche zuwider ist und die am Vogelgesang nur dann Freude empfinden, wenn er am rechten Orte unter Gottes freiem Himmel aus freier Vogelbrust erschallt. Andere wieder mögen in dieser Ablichtung eine Vergewaltigung des Vogels erblicken. Gerade durch den Ausdruck „auf Kommando“ wird die Vorstellung einer strengen Handhabung der Gewalt erweckt. In Wirklichkeit ist dies keineswegs der Fall; die Vögel werden weniger zum Singen „kommandiert“, als vielmehr dazu freundlich ermuntert. Diese oder jene unsrer Leserinnen besitzt vielleicht einen Stubenvogel, den sie aufs liebevollste behandelt; der Vogel erwidert ihre Zuneigung, er bekundet Freude bei ihrem Erscheinen, und wenn sie ihn mit einem schmatzenden Ton lockt oder bei seinem Namen ruft, dann singt er sie in jubelnden Strophen an. Derart gezähmte Vögel kommen nicht selten vor, und man könnte sie wohl „Kommandosänger“ nennen, denn auch bei denen, die man auf Ausstellungen der Vogelfreunde sieht, ist der Vorgang im Grunde genommen derselbe. Es ist gewiß von Interesse, zu erfahren, durch welche Mittel der Mensch eine derartige Herrschaft über die gefiederten Sänger zu erlangen vermag, und wir bringen darum im nachfolgenden einige Mitteilungen aus der Feder eines österreichischen Vogelkundigen. Mögen sie zugleich dazu beitragen, unerfahrene Vogelliebhaber von falschen Abrichtungsversuchen, von etwaiger Anwendung von Zwangsmitteln abzuhalten und eine Ausartung dieser Beschäftigung zur Tierquälerei zu verhüten.

*               *               *

Die Ausbildung der Vögel zu „Kommandosängern“ ist sehr einfach; sie erfordert nur drei Dinge: große Liebe zum Vogel und gründliches Verständnis desselben, schließlich Geduld im höchsten Maße.

In Wien, von wo zuerst die Nachricht der „auf Kommando“ singenden Vögel ausging, hat man hauptsächlich drei Arten, die dressiert werden: das Schwarzplättchen oder die schwarzköpfige Grasmücke (Sylvia atricapilla), den „gelben Spotter“ oder Gartenlaubvogel (Sylvia hypolais) und den gewöhnlichen Buch- oder Edelfinken (Fringilla coelebs).

Nicht jeder Vogel eignet sich zum „Kommandosänger“, es hat eben nicht jeder das Zeug dazu.

Der Vogel, den man ausbilden will, muß vor allem vollkommen zahm sein und, was die Hauptsache ist, er muß seinen Herrn und Besitzer kennen; die Fütterung hat aus diesem Grunde immer sein Eigentümer selbst zu besorgen, er darf dieselbe nie Dienstleuten überlassen. Der Käfig ist möglichst niedrig zu hängen, am besten in Augenhöhe; wenn man füttert, so spreche man immer zu dem Vogel, schmeichle ihm, schmatze mit den Lippen und lasse sich durch anfängliche Scheu in keiner Weise beirren. Hauptsächlich hat man zu trachten, daß der Vogel die Scheu vor der Hand verliere, man fasse deshalb den Käfig oft an. Frißt einmal der Vogel oder singt er gar im Beisein seines Besitzers, so hat man die erste Stufe erreicht – die Zähmung.

Es ist aber nicht genug, daß der Vogel vor seinem Herrn die Scheu verloren hat, auch gegen fremde Leute darf er nicht ängstlich oder wild sein. Singt der auf diese Weise gezähmte Vogel, so versuche man es mit dem Wechseln des Stand- oder Hängeortes des Käfiges; man setze den Käfig auf den Tisch, lasse ihn geraume Zeit dort stehen, dann hänge man ihn an ein anderes Fenster, stelle ihn auf eine Kommode etc. Anfänglich wird es wohl mit dem Singen seine Schwierigkeit haben, da die immer wechselnde neue Umgebung den Vogel zerstreut macht; er beschäftigt sich mehr mit Betrachtung der Gegenstände in seiner neuen Umgebung als mit Singen. Doch dies dauert nicht lange, bald beginnt er wieder sein Lied, unterbricht es nicht, wenn man zu ihm tritt, ja fingt noch lauter und mit erhobener Stimme, wenn man ihm durch Schmatzen schmeichelt. Ist der Liebhaber mit seinem Vogel so weit, daß dieser nun ein ganz und gar zahmes Tier geworden ist, das beim Nahen seines Herrn freudig die Kopffedern sträubt und ihn vielleicht gar schon mit einer kurzen Strophe seines Gesanges begrüßt, so kommt nun erst das schwerste Stück Arbeit, und das ist die Ausbildung an ganz fremden Orten, im Garten, im Wald etc.

Gar mancher Vogel, der zu Hause, in der Wohnung der fleißigste Sänger war, der auf das geringste Schmatzen seines Herrn sofort reagierte, zeigt sich oft an fremden Orten als der größte Schweiger, oder singt nur dann, wenn er keinen Konkurrenten hört. Andere wieder werden durch den Gesang eines ihrer Art angehörigen Sängers geradezu aufgemuntert. Diese letzteren, sogenannten „kecken“ Vögel sind sehr beliebt, für sie ist der Sang eines anderen der Beginn zum Sängerkriege, der stundenlang fortgesetzt wird. Bevor der Vogel vom Zimmer weg zur Abrichtung an andere außerhalb der Wohnung gelegene Orte getragen wird, ist er noch an einen kleinen Käfig, den sogenannten „Austragkäfig“, zu gewöhnen, in den man ihn aber nur vorübergehend für kurze Zeit einsperren darf. Anfänglich wird man den Vogel wohl durch einige Kniffe, wie Leckerbissen etc., in denselben locken müssen, später hüpft er selbst hinein, wenn man die beiden geöffneten Thürchen einander nahe bringt.

Singt der Vogel am fremden Orte, läßt er sich durch Gesänge von Artgenossen nicht beeinflussen, so hat man gewonnenes Spiel.

Nochmals aber sei hervorgehoben, daß das erstrebte Ziel nur durch Geduld und die liebevollste Behandlung des gefiederten Schülers bei strenger Vermeidung aller Zwangsmittel erreicht werden kann.

Wer ungeduldig gleich im Anfang den Erfolg sehen will, wird, wie ja überall im Leben, auch hier nichts erreichen. Es wurde erwähnt, daß nicht jeder Vogel zu dieser Ausbildung sich eignet. Ich habe mir selbst mit gewissen Vögeln alle erdenkliche Mühe gegeben, meine Bestrebungen scheiterten an der Individualität des Tieres. Anderseits habe ich Vögel selbst gehabt und im Besitze anderer gesehen, die wahre Ideale von „auf Kommando singenden Vögeln“ waren. Ich erinnere mich eines Rotkehlchens, das nur durch die beispiellos liebevolle Behandlung seitens seines Pflegers so weit gebracht wurde, daß es nicht allein dem Kommando – Schmatzen mit den Lippen – seines Herrn Folge leistete, sondern auch dem aller Besucher. Trat man zu seinem Käfig und spitzte nur die Lippen zum Schmatzen, so blähte sich dies liebliche Vögelchen auf, sträubte Kopf- und Kehlfedern und machte, hell sein Lied singend, alle jene Verbeugungen, die so lebhaft uns die Balz, das Minnewerben, darstellen. Der Wiener Vogelliebhaber nennt dies „Ansingen“.

Josef von Pleyel.



[29]