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Textdaten
Autor: Max Wilhelm Meyer
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Titel: Wie Berge und Erdbeben entstehen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[8]
Wie Berge und Erdbeben entstehen.
Von M. Wilhelm Meyer.


Die Erde bebt! Der Ausruf schließt den Schrecken aller Schrecken in sich. Vor allen anderen entfesselten Naturgewalten giebt es ein Entfliehen, oder Vorbeugungsmittel, Anzeichen, welche der Katastrophe vorangehen; man kennt ihre Ursachen und fürchtet deßhalb ihre Wirkung, so entsetzlich sie auch oftmals auftreten mag, nicht so sehr wie die dämonische Gewalt, welche den Erdboden, auf dem wir in sicherer Zuversicht unsere Häuser, unser Glück und unsere Hoffnungen bauen, aufwogen läßt wie ein sturmgepeitschtes Meer, klaffende Wunden in das Erdreich reißt, Gebirge aufwirft und Feuerschlünde, die mit glühenden Lavaströmen, erstickendem Aschenregen und siedendem Wasser die Landschaft überfluthen, über welcher eben noch ein hoffnungsstrahlender Himmel, lachender Sonnenschein lag. Das beständige Donnerrollen unter und über der Erde, der Sturm und die grellen Blitze, welche die plötzlich hereingebrochene Nacht schrecklich aufhellen, sind kaum noch im Stande die Todesangst zu erhöhen, welche bei solchen Paroxysmen der Natur auch den Muthigsten ergreift. Wohin sollen wir uns retten, da wir nicht dem Erdboden entfliehen können, welcher die unveräußerlichste seiner Eigenschaften, seine Unbeweglichkeit, plötzlich verloren hat? Uns ist, als müßten nun alle Grundbegrifffe der Dinge, welche uns nie widerlegte Erfahrungen seit dem Tage unserer Geburt einimpften, schwinden und sich in ihr sinnverwirrendes Gegentheil umwandeln, als müßte nun das Feuer uns frösteln machen, das Eis brennen, die Luft zu Stein werden und das Wasser sich in trockenen Sand verwandeln, der den Berg emporströmt. Denn das sind keine unerhörteren Widersprüche in sich selbst, als den starren Fels in wogender Bewegung zu sehen. Die sonst so liebevolle Natur ist plötzlich in Vernichtungswahnsinn verfallen. Wir sind derselben gänzlich willenlos ausgeliefert.

Was Wunder, daß kein Naturereigniß so nachhaltig im Stande ist, das menschliche Gemüth in Erregung zu erhalten, ja verhängnißvoll bloß durch den allgemeinen Schrecken zu zerrütten! So erzählt ein Arzt, der nach dem furchtbaren Erdbeben auf Chios im April 1880, durch welches über 3500 Menschen getödtet wurden, Hilfe bringend das verwüstete Land durchreiste, daß der größte Theil des jungen weiblichen Geschlechtes nach dem Beginne der Erdbeben in Folge der Gemüthsbewegungen an Epilepsie erkrankte.

„Wenn ein Menschenkenner,“ so schreibt jener Arzt, „jetzt diese elenden, mehr bläulich als röthlich gefärbten Antlitze erblickt, so muß ihn Wunder nehmen, daß Furcht und Schrecken eine solche Verwandlung bewirken können.“

Hört man indeß vom den Einzelheiten solcher furchtbaren Ereignisse auch nur erzählen, so begreift man wohl die grauenhafte Furcht, welche das Geschehene den Ueberlebenden einflößen mußte. Man höre nur die folgenden Berichte aus dem großen Erdbeben von Lissabon, dem Ereigniß eines Augenblickes, welches die Gemüther aller Menschen in Europa während des ganzen Verlaufes der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts (das Erdbeben fand am 1. November 1755 statt) ebenso nachhaltig zu erregen und immer wieder zu beschäftigen vermochte, wie alle Schrecken der französischen Revolution.

Der erste fürchterliche Stoß war erfolgt, welcher in wenigen Sekunden die ganze, eine halbe Million Einwohner zählende Stadt in Trümmer legte und dessen die Grundfesten Europas erschütternde Wirkung bis hinauf nach Schweden und dem westlichen Rußland verspürt wurde. Was sich retten konnte, stürzte zum Meere, an dessen Ufer ein neuerdings aus Marmor aufgeführter Quai entlang lief, woran viele Schiffe vor Anker lagen. Plötzlich that sich eine gräßliche Kluft unter diesen Hunderten unglückseliger Menschen auf und verschlang sie alle in einem einzigen Augenblick mit sammt dem Quaigemäuer und allen Schiffen, die daran ankerten. Nie ist eine Spur wieder davon zum Vorschein gekommen. Wo die Mauer stand, fand man später unter dem Meere den Grund erst bei 600 Fuß Tiefe. Gleich nach der Katastrophe schäumte das Meer furchtbar auf und eine ungeheuere Woge stürmte über die zertrümmerte Stadt hin. Sie allein soll nach dem Erdbeben noch 60 000 Menschen mit sich fort in den Meeresgrund gerissen haben.

Kein Ort auf der weiten Erde ist vor Erdbeben sicher; denn es giebt keinen Fleck auf derselben, welcher nicht schon einmal durch diese geheimnißvollen Gewalten der Tiefe erschüttert worden wäre, und an jedem Tage, ja zu jeder Stunde erbebt die Erde irgendwo auf ihrem Umkreise; keinen Augenblick lang rastet der Dämon der Verwüstung unter unseren Füßen. Oft wüthet er, sobald er einmal sein dunkles Werk begonnen, Monate, selbst Jahre lang in denselben Erdgegenden. So dauerte das Erdbeben in der griechischen Provinz Phokis vom 1. August 1870 bis zu demselben Monat im Jahre 1873 fort, und es wurden in dieser Zeit dort von Schmidt, dem unlängst verstorbenen Direktor der Sternwarte von Athen, nicht weniger als 35 sehr starke Stöße und 300 bis 320 schwere Erdbeben, die stattgefunden hatten, verzeichnet. Ja in den ersten drei Tagen soll buchstäblich die Erde fortwährend gebebt haben, so daß vermutlich 29 000 größere oder kleinere Stöße in dieser kurzen Zeit erfolgt sind. An anderen Orten hört die Erde überhaupt fast niemals auf zu beben. Namentlich ist in dieser Hinsicht Centralamerika berüchtigt, von welchem man einen gewissen Theil „die Hängematte“ nennt: so schaukelt dort der Erdboden beständig hin und her. Die Einwohner dieser Länderstrecken haben ihr Leben von vornherein darauf eingerichtet. Sie leben in niederen Rohrhütten, die keinen erheblichen Schaden anrichten können, wenn sie einmal bei Nacht über ihnen zusammenstürzen.

Was ist die Ursache dieser schrecklichen Kundgebungen aus dem Innern unseres Planeten? Wo ist die Kraft zu finden, welche Berge versetzt in einem Augenblicke und Erdschollen vom Umfange ganzer Königreiche hin- und herrüttelt, sowie wir es etwa mit einem am Wege liegenden Baustein zu thun im Stande sind? Wie begreiflich ist es, daß die geängstigte Menschheit diese Fragen aufwirft, daß sie verzweifelt von der Wissenschaft die Lösung verlangt. Denn obgleich wir wohl wissen, daß wir ewig machtlos dieser ungeheuerlichsten aller Elementarmächte gegenüber stehen werden, so wissen wir doch aus vielfacher Erfahrung, daß die Kenntniß der Ursachen unseres Verderbens die Angst mildert, weil sie die Hoffnung auf irgend einen Ausweg oder ein Schutzmittel, und sei es auch von höchst problematischer Natur, gewährt, das unsere Sinne wenigstens zeitweilig beruhigt. Aber wie begreiflich ist es auch, daß wir noch so wenig unbedingt Zuverlässiges über diese Ursachen wissen, wie rastlos auch die Schar der Forscher am Werke thätig sein mag!

Die Gewalt, welche die Erde über so ungemein große Gebiete hin erschüttern kann, muß offenbar aus den tiefsten Tiefen des Planeten hervorbrechen. Genaue Untersuchungen einiger in neuerer Zeit stattgehabter, verhältnißmäßig unbedeutender Erdbeben, welche in Mitteleuropa stattfanden und deshalb vielseitig beobachtet werden konnten, haben ergeben, daß der Stoß, welcher die Erschütterung hervorbringt, nicht unter einer geographischen Meile, in einem einzelnen Falle, beim rheinischen Erdbeben von 1846, sogar fünf Meilen unter der Erdoberfläche erfolgte. Dieses gilt vom Stoß selbst. Die Ursache jedoch, welche den Stoß hervorbringt, liegt doch wahrscheinlich noch viel tiefer. Die größte Tiefe aber, bis zu welcher Menschen sich selbst in die Erde hinabgewühlt haben, beträgt kaum mehr als den zehnten Theil einer Meile, und das tiefste Loch, welches sie in die Erdrinde gebohrt haben, um wenigstens ihre Instrumente bis dort hinabzusenken und die Art des Erdreichs zu untersuchen, welches tief unten vergraben liegt, geht 1272 Meter hinab. Dieses tiefste Loch in unserm Weltkörper befindet sich in der Nähe von Berlin, bei dem Orte Sperenberg und wurde in den Jahren 1867 bis 1871 gebohrt. Eine gleich lange Strecke, als hier in die Tiefe hinabgeht, würde ein Fußgänger auf der Erdoberfläche bequem in einer Viertelstunde zurücklegen. Wie sollen wir über das eigentliche Erdinnere etwas Sicheres erfahren, wenn wir von der äußersten Umhüllung unseres Planeten noch nicht so viel untersuchen können, wie die Papierdicke über einem Globus von etwa einem Meter Durchmesser beträgt?

Als man das Thermometer in das Sperenberger Bohrloch hinabsenkte, fand man die längst bekannte Thatsache, daß die Temperatur des Gesteines mit der Tiefe regelmäßig wächst, auch [10] hier durchaus bestätigt. Während in den oberen Schichten nur eine Wärme von 8 bis 10 Grad herrschte, konstatirte man auf dem Grunde des Loches eine Temperatur von 48 Grad Celsius, bei welcher ein Mensch nur unter besonderen Vorsichtsmaßregeln einige Minuten lang existiren könnte, da bekanntlich eine Erwärmung des Blutes bis auf 42 Grad bereits den sicheren Tod zur Folge hat. Der Mensch selbst wird also niemals bis zu bedeutend tieferen Schichten der Erde hinabgelangen können. Trotzdem dürfen wir aber, wegen der überall ausnahmlos vorgefundenen Steigerung der Temperatur nach unten (wenngleich dieselbe in verschiedenen Bergwerken in sehr verschiedenen Progressionen vor sich geht) mit Bestimmtheit schließen, daß dieselbe auch in größeren Tiefen so weiter fortschreitet, und da man die sogenannte „geothermische Tiefenstufe“, das heißt die Anzahl von Metern, um welche man hinabsteigen muß, um einen Grad Celsius Temperatursteigerung zu beobachten, im Mittel aus vielen Messungen etwa zu 33 Metern veranschlagen kann, so ergab ein der damaligen Anschauung entsprechendes einfaches Rechenexempel, daß bereits in einer Tiefe von etwa zwei Meilen eine Hitze herrschen müsse, bei welcher die meisten uns bekannten Stoffe in glühenden Fluß übergehen. Bei 6 bis 8 Meilen aber müßten selbst die am schwersten schmelzbaren Stoffe, wie beispielsweise Porcellanerde, die bei 1700 Grad flüssig wird, im Körper der Erde ein gluthendes Meer bilden.

Daß sich in Wirklichkeit die Sache so verhalten sollte, daß wir nämlich auf der Schale eines Eies spazieren gehen, dessen Inneres eine wahre Hölle aus glühenden Lavaströmen sei: das haben wir Alle längst in der Schule erfahren, und seit ich das wußte, habe ich immer heimlich gezittert, wenn einmal einer meiner Kameraden diese zerbrechliche Eischale in trotzigem Uebermuthe mit Füßen stampfte. Selbst später, da ich als junger Mensch einmal den ausgebrannten Krater der Solfatara bei Neapel besuchte und der Erdboden, welcher sich wie der Deckel über einen Topf mit kochendem Wasser über die alte Feueresse gelegt hat, hier und da an den Seiten zischenden Dampf durchlassend, gar dumpf und hohl erdröhnte, wenn man einen schweren Stein mit Wucht gegen ihn aufprallen ließ, selbst damals überkam mich noch dieses seltsame Gefühl der Unsicherheit, als müsse hier bereits einige Meter unter mir ein schrecklicher Schlund sich wölben, der unmittelbar in das unermeßliche Flammenchaos des flüssigen Gluthmeeres unter uns führt.

Offenbar war es ja auch das Nächstliegende, die Thatsachen so zu deuten, wie es uns der Lehrer angab. Wir erblickten ja in den Vulkanen „Sicherheitsventile“, welche dafür sorgen sollten, daß die Erde nicht plötzlich einmal mit einem entsetzlichen Krach von den Mächten des Feuers aus einander gesprengt werden konnte, und aus diesen Vulkanen sahen wir ja wirklich glühend flüssiges Gestein hervorquellen. Das mußte natürlich unmittelbar aus dem Gluthmeere im Innern heraufgedrängt worden sein, weil sich die äußere Kruste langsam abkühlen, dadurch aber enger werden und den heißen Kern einschnüren muß, bis er sich in solch gewaltigen Ausbrüchen Luft macht. Wie durch das Emporbrausen der flüssigen Gesteinmassen und durch die Dampfexplosionen, welche das hereinsickernde Wasser erzeugt, die Erde auf weite Strecken hin erzittern kann, wie ferner ähnliche Vorgänge, welche nicht ganz bis an die Oberfläche gelangten, Erdbeben hervorbringen können, selbst wo sich kein sichtbarer Vulkan befindet, das Alles war am Ende beinahe unmittelbar zu begreifen.

Aber wir müssen uns daran gewöhnen, jene Ansichten von der Natur, welche wir in unserer Jugend liebgewonnen haben, eine nach der anderen preiszugeben. Die Naturwissenschaften haben seit zehn oder zwanzig Jahren fast in allen ihren Verzweigungen so gewaltige Fortschritte gemacht, so fundamental verändernde Grundideen sind über das Weltgefüge ausgesprochen worden und haben sich allgemein Geltung zu verschaffen gewußt, daß von dem alten Baue schlechterdings fast gar Nichts mehr als das Material, die einzelnen Bausteine noch vorhanden sind, die zu einem ganz neuen Gebäude zusammengefügt werden mußten. In besonderem Maße fällt diese neubildende Aufgabe der modernen Geologie zu, und ich muß die Leser bitten, ehe ich weiter erzähle, zunächst mit den alten Ansichten im Geiste gründlich aufzuräumen.

Vor Allem glaubt kein Forscher der Neuzeit mehr an die Eischale. Die Erdkruste ist im Gegentheil ohne Zweifel sehr dick. Die Bescheidensten nehmen einige fünfzig Meilen an; Einige aber gehen – auf wissenschaftlicher Forschungsbasis – bis 200 Meilen, und es giebt sogar Untersuchungen, welche eine vollkommen solide Erdkugel für sehr wahrscheinlich erklären.[1]

Zunächst zeugt nämlich, genauer besehen, die Temperaturzunahme des Erdreichs in der Tiefe durchaus nicht für einen glühend flüssigen Kern. Dieselbe Zunahme findet auch statt, wenn man sich in horizontaler Richtung durch einen Berg wühlt, wie man es bei Tunnelbauten thut. Dann richtet sich die Wärmeerhöhung genau nach der Höhe der überliegenden Gesteinsschichten. So fand man beispielsweise im Gotthardtunnel unter der höchsten Bergkuppe, als eine Schicht schwerer Gesteinmassen von 1700 Metern Mächtigkeit über den Häuptern der kühnen Eindringling ruhte, eine Temperatur des Gesteins von mehr als 30 Grad an, während bei Göschenen, etwas hinter dem Eingange des Tunnels, dasselbe Gestein eine von den äußeren Einflüssen unabhängige Temperatur von nur 8 Grad aufwies. Und doch war man im Innern des Tunnels dem Erdmittelpunkte um keinen Schritt näher als am Eingange. Die Temperatur wechselte, stieg und fiel in der ganzen Länge des Tunnels mit den Linien des Profils des über ihnen lastenden Gebirges. Es war kein Zweifel, daß die herrschende Wärme nur eine Folge des ungeheuren Druckes der überlagernden Gesteine sein konnte.

Dieser Druck wächst eben so regelmäßig mit der Tiefe, wie die Temperatur, und wir sind durch gar keine Anzeichen oder irgend einen haltbaren logischen Schluß berechtigt, anzunehmen, daß auch nur ein Theil der dort unten angetroffenen Wärme aus einem glühenden Kerne zu uns heraufstrahle. Bei streng mathematischen Untersuchungen über die Sonne hat man sogar ermittelt, daß der innere Druck in dieser gewaltigen Gaskugel heute noch viel mehr Wärme erzeugt, als sie in das Weltall zu unserm Nutz und Frommen ausstrahlt. Die Sonne wird also im Innern beständig heißer; sie giebt von innen keine Wärme an die Oberfläche ab. Bei der Erde liegen die Verhältnisse wohl etwas anders und man darf annehmen, daß sie sich in der That allmählich abkühlt und daß sie einstmals selbst bis zu ihrer Oberfläche glühend heiß gewesen ist; aber wir besitzen hierfür heute durchaus keine anderen Beweise mehr, als in der bekannten Entstehungsgeschichte der Planeten, welche einst Kant und Laplace ausdachten, begründet liegen. Darnach muß sich die Erde einmal als Gasball von der Sonne losgelöst und folglich damals die Temperatur der letzteren besessen haben. Die Urgesteinsschichten aber, welche wir zutiefst in der Erde ruhend finden, der Granit, Gneiß, Porphyr, welche allerdings mit der flüssigen Lava die meiste Aehnlichkeit haben und den ersten Panzer darstellen sollten, welcher sich über dem glühend flüssigen Ball erstarrend ausspannte: diese Urgesteinsschichten sind inzwischen eben so wohl als Ablagerungen aus Urmeeren erkannt, wie die überliegenden Schichten; nur daß sie durch den ungeheuren Druck, welcher ehedem über ihnen lastete, halb zerschmolzen, halb auskrystallisirt und alle Reste organischer Wesen in ihnen zertrümmert werden mußten.

Zugegeben, wird man erwiedern, daß dieser Druck die in der Tiefe herrschende Wärme erzeugt; dann muß sich aber doch dieselbe eben so andauernd steigern, als ob sie von innen her erzeugt würde, und es muß eine Tiefe geben, in welcher diese Hitze alle Gesteine in glühenden Fluß versetzt. Wir werden also durch die neuen Ansichten auf den alten Fleck zurückgeführt.

Die Frage ist aber, in welcher Tiefe dieser Fluß nach unseren neuen Ansichten eintritt, und hier liegt eben der wesentliche Unterschied. Obgleich es beispielsweise zweifellos ist, daß die Sonne an ihrer Oberfläche aus sehr leicht beweglichen Gasen besteht, halten doch die meisten Sonnenforscher dafür, daß dies in ihrem Innern keineswegs der Fall ist. Der ungeheure Druck hemmt die Atome in ihrer freien Beweglichkeit und es entsteht dadurch ein seltsamer Zustand, den man weder gasförmig, noch flüssig, noch fest nennen kann, der mit dem letzteren Eigenschaftsworte aber wohl beinahe am besten bezeichnet wird, weil ein Ding, dessen einzelne Theile sich gegen einander nicht verschieben lassen, für fest gilt. Solch „kritischer“ Zustand muß offenbar auch im Erdinnern herrschen.

In kleinem Maße sehen wir ähnliche Erscheinungen in unseren Laboratorien. Unter höherem Drucke bedarf es auch einer höheren Temperatur, um einen Körper zum Schmelzen zu [11] bringen. Läßt aber der Druck bei genügend hoher Temperatur plötzlich nach, so findet auch sofort die Schmelzung statt. Diese seltsamen Beziehungen zwischen dem herrschenden Druck und dem Uebergange aus dem einen in den andern Aggregatzustand kann man vom flüssigen in den gasförmigen Zustand jederzeit auf das Leichteste beobachten, und da diese Anschauung für unsere nächsten Betrachtungen von sehr großer Wichtigkeit sind, so will ich hier einen Moment dabei verweilen.

Man nehme eine Flasche kohlensaures Wasser. Wir wissen, daß die Kohlensäure unter großem Drucke in das Wasser hineingepreßt wurde und, da die Flasche luftdicht verschlossen ist, unter diesem selben Drucke verharrt. Die Kohlensäure, das leichte Gas, ist vollkommen mit dem Wasser zusammen flüssig geworden. Lüftet man nun den Verschluß der Flasche auch nur ein wenig, so steigen sofort aus allen Theilen der Flüssigkeit Gasbläschen auf, und wenn man die Flasche plötzlich ganz öffnet, so strömt das Gas mit großer Vehemenz aus dem Halse empor und reißt eine Menge Flüssigkeit mit fort, welche wahrhaft vulkanartig aus dem Halse empor geschleudert wird. Jedermann hat diese Erscheinung als ein selbstverständliches Ding kennen gelernt. Läßt man nun das Selterswasser ausbrausen, so daß lange Zeit keine Blasen mehr aufsteigen, erhitzt es aber dann, so entweicht aufs Neue Kohlensäure aus dem Wasser. Das geschieht aber nicht, wenn man eine geschlossene Flasche erhitzt, weil sich der Druck in gleichem Maße steigert wie die Temperatur. Dies ist eine sehr wichtige Wahrnehmung, welche, unterstützt von der Thatsache, daß ein hoher Druck allein genügt, um alle früher für „permanent“ erklärten Gase (Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff) in Flüssigkeiten zu verwandeln, deutlich zeigt, wie offenbar eine fortschreitende Erhöhung des Druckes jeden beliebigen Körper durch alle drei Aggregatzustände zu führen vermag. Auch Flüssigkeiten wird man einmal in unseren physikalischen Laboratorien durch den Druck allein fest machen, zum Beispiel Eis aus Wasser bei einer Temperatur erzeugen, die um so höher über dem Nullpunkte liegt, als der angewandte Druck erhöht werden kann. So paradox das klingt, so würde sich doch solches Eis, könnten wir es überhaupt in dem zusammenpressenden Apparate berühren, warm, ja sogar heiß anfühlen. Allerdings wird es wohl noch sehr lange dauern, bis wir die hierzu erforderlichen mechanischen Hilfsmittel besitzen.

Genug! Wir haben gesehen, daß eine Verminderung des Druckes genügt, um Flüssigkeiten gasförmig und feste Körper flüssig zu machen. Auf dieser Thatsache beruht die ganze moderne Vulkantheorie, und die Vulkane wieder sind heute nicht mehr wie vordem die Erzeuger, sondern die Erzeugten der Erdbeben. Alles kehrt sich um gegen die früheren Anschauungen.

Die Erdbeben werden hervorgebracht einerseits durch den Kampf der zusammenziehenden Molekülarkraft, welche die Wärme-Ausstrahlung des Erdkörpers im Laufe der Jahrmillionen erzeugt, mit den inneren Kräften des Gesteins, welche seine Festigkeit bedingen, und andererseits durch den Kampf der allgemeinen Schwere mit der hinwegschleudernden Centrifugalkraft. Wir wissen, daß der Erdball mit mächtiger Energie um seine Achse schwingt und dadurch die Aufbauschung am Aequator, die „Abplattung“ des Planeten, entstehen läßt. Es ist nun streng mathematisch nachgewiesen, daß diese Abplattung bei einem sehr großen und nicht absolut festen Körper sich stets so groß erhalten muß, wie sie bei einem flüssigen sein würde. In der That findet man diese Bedingung bei der Erde und den übrigen Planeten erfüllt. Gleichzeitig folgt aber aus jener mathematischen Untersuchung, daß die Erde, wenn sie in ihrem Umschwung aufgehalten würde, ganz abgesehen von anderen Einwirkungen, sich schnell zur vollkommenen Kugel zusammenziehen würde. Die drei Meilen Erdreich, welche sich jetzt rings um den Aequator aufthürmen, müßten also mit fürchterlicher Gewalt nach den Polen hingedrängt werden und dabei offenbar die Erdoberfläche rings zersprengen, zerreißen, überwerfen, mächtige Gebirgszüge bilden, wo ein Hinderniß die vom Aequator nach den Polen hin wandernden Erdschollen aufhalten, aufstauen, nach oben empordrängen, knicken würde, wie man es im Innern der Gebirge an den Schichtungen als in der That geschehen deutlich erkennt.

Die Rotation der Erde nimmt aber in Wirklichkeit unzweifelhaft ab. Selbst während historischer Zeiten glauben die Astronomen eine Verlängerung des Tages konstatiren zu können. Jedenfalls aber wissen wir, daß aus dem Weltraume beständig Staub und Steine auf die Erde herabfallen, welche der letzteren Bewegung nothwendig hemmen. Nur die Quantität dieser Hemmung, nicht ihr Vorhandensein, ist noch zweifelhaft. Mit der Rotation nimmt also die Abplattung der Erde ab. Das Erdreich wandert in der That vom Aequator nach den Polen. Die geologischen Beobachtungen bestätigen es vollkommen. Dies ist die eine, horizontal wirkende Bewegung, welche Gebirge, wenn auch in sehr langsamem Tempo, zu bilden im Stande ist.

Die andere, und wahrscheinlich die stärkere, Bewegung ist nach unten gerichtet. Sie wird durch die Wärme-Ausstrahlung bewirkt, wodurch sich die Ausdehnung der Erde beständig vermindern muß. Das Erdreich will niedersinken. An einigen Stellen ist es nachgiebiger als an anderen. Hier sinkt es zuerst und bricht schließlich an den Linien durch, wo eben die Erde zufällig am wenigsten widerstandsfähig ist.

Dieses wird im Allgemeinen sehr langsam geschehen. Die Natur, der unzählige Millionen von Jahren zu Gebote stehen, hat durchaus keinen Grund, sich zu übereilen; sie weiß es gewiß besser als wir, daß bei der Uebereilung und bei überstürzten Revolutionen nie etwas Gutes herauskommt. Man hat deßhalb heute längst die „Katastrophentheorie“ bei Seite geworfen und ist überzeugt, daß alle die noch so ausgedehnten Veränderungen der Erdoberfläche und alle die grundverschiedenen Schöpfungsperioden der Erdgeschichte ganz allmählich in einander übergehend sich gestalteten. Die Gewalten der Erdschöpfung arbeiten noch beständig an dem ungeheuren Werke und die Erdbeben sind die Anzeichen der gebirgsbildenden Kraft. Deßhalb treten dieselben auch in jungen Gebirgen, wie den Alpen, an denen die Natur noch fortwährend arbeitet, in größerer Menge auf als in den uralten Bergresten, zu denen beispielsweise der Harz gehört. Das Erdreich rückt beständig von der Stelle; kein Fleckchen Erde ruht absolut. Ich selbst habe es mit beobachtet, wie der Hügel, auf welchem die Sternwarte von Neuenburg steht, zwischen Sommer und Winter in beständiger drehender Bewegung begriffen ist, und auf der Berliner Sternwarte hat man die überraschende Thatsache mit aller Sicherheit konstatirt, daß der Pfeiler, worauf das dortige Meridianinstrument ruht, sich seltsamerweise mit der Anzahl der beobachteten Sonnenflecke mehr oder weniger bewegt. Wenn nun solchen Bewegungen der Erdscholle Hindernisse entgegen treten, wodurch sich die bewegende Kraft mehr und mehr ansammelt, so begreifen wir, wie sie sich schließlich durch plötzliche Zuckungen Luft machen wird, sobald die erdbewegende Kraft größer geworden ist, als die hemmende war. Diese Zuckungen sind die Erdbeben, welche man deßhalb „tektonische“ nennt. Bei Weitem die größte Zahl der Erdbeben gehört offenbar dieser Kategorie an und hat deßhalb mit vulkanischen Erscheinungen nicht das Geringste zu thun.

Wo dagegen auf großen Bruchlinien gewaltige Erdschollen tiefer und tiefer gesunken sind, wie zum Beispiel längs der ganzen Westküste von Amerika, wo das Erdreich von der Höhe der Kordilleren bis in die Tiefe des Großen Oceans abgerutscht ist, da entstehen begreiflicherweise auch im Erdinnern leicht tiefe Spalten. Der Druck der überlagernden Gebirgsmassen vermindert sich, das unter demselben früher festgewesene Gestein schmilzt; die darin eingepreßten Gase entweichen. Ein Vulkan entsteht; die Selterswasserflasche hat uns gezeigt, wie das ganz natürlich zugeht. Wir begreifen nun auch, weßhalb sich die Vulkane immer längs der großen Gebirgszüge am Meere hin wie Perlenschnüre an einander reihen. Hier existiren eben die größten Bruchlinien, die tiefsten Spalten. Die Erdscholle sank hier am meisten herab und das Meer konnte hier bis zu den stehen bleibenden Gebirgsmauern vordringen. Das Meer selbst hat deßhalb, abermals im Widerspruche mit der alten Ansicht, mit der Vulkanbildung direkt gar Nichts zu thun; seine Nähe bei den Vulkanen ist nur eine Begleiterscheinung, einer gemeinsamen Ursache entspringend. Wo das Land flach zum Meere herabsteigt, wie an den atlantischen Küsten von Europa und Amerika, kommen deßhalb auch keine Vulkane vor.

Es muß auffallen, daß ich in diesem schnell skizzirten Bilde von den neuen Ansichten über die Erdbildung bis jetzt eines vermeintlichen Einflusses auf das Auftreten der Erdbeben gar keine Erwähnung that, welche gerade in gegenwärtiger Zeit wieder in Aller Munde ist. Ich meine die Falb’sche Idee von dem Einflusse des Mondes. Der Grund meines Schweigens hierüber ist einfach der, daß diese Ansicht, welche übrigens lange vor Falb der [12] gründliche Erdbebenforscher Perrey aussprach, auf der früher allgemein üblichen Ueberzeugung vom glühend flüssigen Meere unter unseren Füßen beruht. Dabei soll und darf niemals geleugnet werden, daß der Mond einen gewissen „auslösenden“ Einfluß auf die Erdbeben- und Vulkanerscheinungen ausübt. Er ist aber zweifellos nicht die Ursache derselben, sondern spielt höchstens in vereinzelten Fällen die Rolle des Zündholzes, welches man in ein Pulverfaß wirft.

Wir haben ja oben gesehen, wie die Verminderung des Druckes auf die tiefliegenden Schichten den Ausbruch von Vulkanen hervorbringt. Die Anziehung des Mondes vermindert nun in der That diesen Druck unter Umständen, doch nur in so sehr geringer Weise, daß sie eben höchstens bei schon vorhandener außerordentlich großer Spannung den letzten Ausschlag zur Katastrophe giebt. In einem Falle wissen wir es sogar ganz unzweifelhaft, daß allerdings selbst eine sehr geringe Druckverminderung die Vulkanerscheinungen begünstigt. Dieser Fall betrifft den kleinen, beständig und wie ein Uhrwerk regelmäßig thätigen Vulkan Stromboli, der nördlich von Sicilien aus dem Mittelländischen Meere hervorragt. Derselbe stößt notorisch bei niederem Luftdrucke mehr Rauch aus und ist lebhafter thätig als bei hohem, und die Schiffer benutzen ihn deßhalb, wie es scheint, schon seit dem grauen Alterthume als zuverlässigen Wetterpropheten.[2]

  1. Lesern, welche in die Theorien und Ansichten der modernen Geologie tiefer eindringen möchten, ist das vor Kurzem komplett erschienene, ganz vorzügliche Werk von Neumayr, „Erdgeschichte“, auf das Wärmste zu empfehlen.
  2. In Anbetracht des Interesses, welches die Falb’sche Theorie in letzter Zeit erregt hat, werden wir auf den obigen trefflichen Artikel in einer der nächsten Nummern unseres Blattes einen Artikel „Ueber Erderschütterungen“ von Rudolf Falb folgen lassen. Die Redaktion.