Was thut man bei Erkältung?

Textdaten
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Autor: Friedrich Dornblüth
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Titel: Was thut man bei Erkältung?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 708–710
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Was thut man bei Erkältung?
Altes und Neues zur Beherzigung für die rauhe Jahreszeit.
Von Dr. Fr. Dornblüth.


Husten, Heiserkeit, Halsweh, Schnupfen und katarrhalische Brustaffectionen, die man vorzugsweise als Folgen einer Erkältung ansieht und selbst mit diesem Namen bezeichnet, sind so allgemeine Begleiter der kalten Jahreszeit in unserem Klima, daß sie kaum als Krankheiten gerechnet werden. Man wird nicht gerade arbeitsunfähig dadurch; Menschen von übrigens guter Gesundheit überwinden solche leichtere Erkältungskrankheiten in der Regel in kurzer Zeit ohne wesentliche Störungen und besonders nachtheilige Folgen; so will man ihnen also auch keine besondere Aufmerksamkeit widmen, vor allen Dingen aber sich nicht „unterkriegen“ lassen, das heißt: man will sich nicht als krank betrachtet wissen, nicht das Zimmer hüten, nicht gewohnten Beschäftigungen und Vergnügungen entsagen, auch nicht besondere Vorsichtsmaßregeln anwenden. Wird das Befinden dabei recht schlecht, stellen sich Fieber, Schmerzen und andere nicht so leicht abweisbare oder überwindliche Erscheinungen ein, dann sei es, so meint man, immer noch Zeit, einen Arzt zu fragen.

Linderung will man freilich gern haben: dazu weiß ja jede Mutter oder Tante prächtige, unfehlbare Mittel, jede Zeitung preist solche in Hülle und Fülle an; sie sind meist nicht unangenehm zu nehmen, und da die betreffenden Krankheiten nach einiger Zeit vorübergehen, so steht der Nutzen der angewendeten Mittel bei den Gläubigen fest und findet immer neue Empfehler oder Empfehlerinnen. Je bequemer die Mittel anzuwenden, je angenehmer sie zu nehmen sind, desto beliebter sind sie, und Fabrikanten und Marktschreier wetteifern in immer neuen Darstellungen und Anpreisungen. Da haben wir die ganze Reihe der süßen und schleimigen Mittel in unzähligen Formen und Mischungen: weißen Zucker, Candis- und Malzzucker, Caramellen (gebrannter Zucker), Bonbons etc., Gummi, Eibisch, Süßholz und Süßholzextract (Lakritzen), isländisches und Seemoos (Carragheen), Racahout und Chocolade, Malzthee, Malzextract, Malzbier (Malzgesundheitsbier etc.), auch Mischungen von süßen, schleimigen und bitteren Pflanzentheilen (Brustthees), lösende Salze, wie kohlensaures Natron und Salmiak, in natürlichen und künstlichen Brunnen, in Pastillen, Tabletten und Pillen; nicht gar selten auch derartige Mittel mit Zusätzen von narkotischen, betäubenden Giften (Opium und Morphium), in neuester Zeit auch von Carbolsäure (Phenol), und noch manches Andere.

Die schleimigen und süßen Mittel wirken dadurch, daß sie bei örtlicher Berührung die gereizte und trockene oder mit zähem Schleim überzogene Schleimhaut des Halses anfeuchten und den Schleim lockern, wodurch der Hustenreiz gemildert wird. Sie können also nur nützen, wo das Leiden auf der Oberfläche der Schleimhaut des Rachens, oberhalb des Kehlkopfes und der Stimmritze, sitzt; hat das Leiden seinen Sitz im Kehlkopfe selbst oder unterhalb desselben, in den Luftröhren und Lungen, wohin jene Mittel nicht kommen, so können sie natürlich gar nichts ausrichten. Natron und Salmiak wirken ebenfalls örtlich schleimlösend; indirect, wenn sie durch den Magen in’s Blut gelangen wirken sie höchst unsicher und immer nur, nachdem sie in beträchtlichen Mengen genommen worden sind. In letzterem Falle können sie aber, wie auch die massenhaft verschluckten süßen und schleimigen Mittel, durch Störung der Verdauung leicht mehr Schaden als Nutzen stiften. Die narkotischen Mittel wirken durch Betäubung der Nerven, können unter der Aufsicht eines verständigen Arztes, der besonders das Zuviel verhindert, durch Beseitigung des Hustenreizes großen Nutzen schaffen, sollten aber ohne Arzt wegen ihrer sonstigen bedenklichen Wirkungen niemals angewendet werden.

Warme Getränke (Brust- und Hustenthees u. a. m.) können außer durch ihre örtliche reizmindernde und schleimlösende Wirkung auch durch Vermehrung der Absonderungen der Schleimhäute vom Blute aus sich nützlich erweisen; doch thun sie dies nur, wenn man sich zugleich warm verhält, am besten im Bett, wo denn auch die Hautausdünstung selbst bis zur Schweißbildung gesteigert werden kann. Letztere pflegt besonders willkommen zu sein, weil vielfach vorausgesetzt wird, daß mit derselben Krankheitsstoffe ausgeschieden werden und damit die Genesung eintrete. Wenn der Zusammenhang gleich ein anderer ist, so steht doch fest, daß manche Erkältungskrankheiten, die mit trockener Haut und Frösteln beginnen, einem kräftigen Schweißausbruche rasch weichen: und somit sucht man also gern einen solchen Schweißausbruch herbeizuführen, was bald durch warme Einhüllung und reichlichen Genuß warmer Getränke, bald durch anstrengende Körperbewegung, bald durch warme Bäder, russische und römische Dampfbäder, bald durch Einpackungen in naßkaltes Leinentuch geschieht.

In Fällen einfacher Erkältungen kann bei sonst gesunden Leuten jede dieser Methoden zu rascher Genesung führen, was sich gleich bei der ersten Anwendung zeigt; liegt aber eine tiefere Gesundheitsstörung zu Grunde, so erlangt man nicht nur keinen guten Erfolg, sondern kann sogar die Krankheit verschlimmern, oder auf Grund irgend eines bisher vielleicht nicht beachteten Leidens, etwa eines organischen Herz- oder Blutgefäßfehlers, gefährliche Zufälle, z. B. Lungen- oder Hirnblutungen, hervorrufen. Dies geschieht um so leichter, je heftiger durch die Bestrebungen, Schweiß zu erzeugen, z. B. durch erhitzende Getränke, heiße Wasser-, und Dampfbäder, das Blut oder vielmehr der Blutlauf erregt wird. Wenn man also nicht ganz sicher ist, daß durch die Natur des Kranken und seines Leidens jede Gefahr ausgeschlossen ist, so hüte man sich wenigstens vor der selbstständigen Anwendung irgend eines eingreifenden Verfahrens.

Ferner behalte man im Gedächtnisse, daß sowohl die innerlich angewendeten Hausmittel, wie die sogenannten Schwitzcuren ihre gute Wirkung alsbald zeigen müssen; gehen Tage darüber hin, ehe solche eintreten, so kann man sicher sein, unwirksame oder gar verkehrte Mittel in Anwendung gezogen zu haben, und thut dann besser, von dem Versuche abzulassen, ehe man viel Zeit verloren

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Die Gartenlaube (1879) b 709.jpg

Mondnacht im Hafen.
Auf Holz gezeichnet von Signor Carlo.

[710] oder wohl gar Schaden angerichtet hat. Man bedenke auch, daß ein mit Sachkenntniß vom Arzte geratenes Verfahren dem Kranken Zeit und Leiden erspart, und zwar um so sicherer, je frühzeitiger, vor der Entstehung oder Einwurzelung ernsterer Gesundheitsstörungen, zweckmäßige Mittel und Wege in Benutzung gezogen werden.

Dies brauchen nun keineswegs sehr starke und eingreifende Mittel und Curen zu sein: im Gegentheil, die besseren Aerzte haben zu allen Zeiten gesucht und sind in der Neuzeit besonders bestrebt, ihre Ziele mit den einfachsten und unschuldigsten Mitteln zu erreichen, und das Meiste, was sie anwenden, ist viel weniger eingreifend und angreifend oder störend, als unzweckmäßig angewendete Hausmittel oder populäre Curen. Auch rührte die den Nichtkenner geradezu verwirrende Mannigfaltigkeit der Mittel und Curen keineswegs nur von Laune oder Vorliebe verschiedener Aerzte für verschiedene Verfahrungsweisen her, sondern vielmehr daher, daß wirklich verschiedene Wege zu einem und demselben Ziele führen und daß die Auswahl sich nach den näheren, nur durch genaue Sachkenntniß aller einschlagenden Verhältnisse richtig zu beurtheilenden Umständen richten muß.

Wie die Beseitigung solcher leichten Krankheiten, so kann auch ihre Verhütung auf verschiedenen Wegen erstrebt und erreicht werden: bald ist das seiner Zeit von Dr. Bock so warm empfohlene Unterjäckchen (oder überhaupt warme Kleidung, auch Unterhosen oder wollene Strümpfe), bald die Abhärtung durch kalte Waschungen und Bäder, bald die Erregung stärkerer Hautthätigkeit und allgemein lebhafteren Stoffwechsels durch warme Wasser- und Dampfbäder, bald das Verweilen in gleichmäßig warmer Luft, bald der unausgesetzte Genuß frischer Luft, selbst das Schlafen bei offenem Fenster zweckmäßiger. Es kommt eben auf die Umstände und auf die Personen an. „Eines schickt sich nicht für Alle.“

Die richtige Auswahl läßt sich aber auch hier nur auf Grund genauer, nicht anders als durch ernstes Studium und Erfahrung gewinnender Sachkenntniß treffen, und wenn auch ein volksthümlicher Spruch behauptet: „Probieren geht über Studiren“, so kann doch ein richtiges Probiren auch nur auf Grundlage ausreichender Kenntnisse und des nicht ohne Mühe zu erwerbenden Vermögens der unbefangenen Beobachtung geschehen. Wer anders probirt, wird viel Lehrgeld zahlen müssen. Das Lehrgeld besteht aber nicht blos in dem für unzweckmäßige, werthlose oder gar schädliche Mittel weggeworfenen Gelde, in nutzlos vergeudeter Zeit und verlängerten Leiden, sondern oftmals in dauernden Schädigungen der Gesundheit.

„Wir können aber doch nicht wegen jeder kleinen Unpäßlichkeit zum Arzte schicken!“ Solches zu verlangen wäre gewiß unbillig, dürfte den Patienten zu große Kosten, den Aerzten zu viel Belästigung bereiten. Wer einen ärztlichen Leib- und Seelsorger hat, der wird von ihm auch für solche Fälle, namentlich bei Kindern, nach und nach gewisse Krankheitszeichen und Verfahrungsweisen lernen, die das Befragen für den einzelnen Fall unnöthig machen. Wer nicht in dieser angenehmen Lage ist, der wird sich bemühen müssen, zwischen leichter und schwerer Erkrankung unterscheiden zu lernen: sehr schlechtes Befinden, starkes und anhaltendes Fieber (mit Frost und Hitze; am sichersten zu erkennen wenn das fest in die Achselhöhle gedrückte und eingeschlossene Thermometer mehr als 30 bis 31 ° R. oder 38 bis 39 ° C. zeigt), heftige Schmerzen bei sonst gesunden Menschen – das sind Zustände, welche ärztliche Behandlung unerläßlich machen, aber auch leichtere Krankheitserscheinungen bei Schwächlichen, mit organischen Fehlern Behafteten oder sonstwie Kranken erheischen Vorsicht und, wo er irgend zu haben ist, ärztlichen Rath. Bei Schlingbeschwerden muß man an Rachenbräune, bei heftigem, auffallend klingendem Husten von Kindern an Kehlkopfentzündung oder Halsbräune denken – gefährliche Krankheiten, die frühzeitig erkannt und sachkundig behandelt sein wollen.

Hat man dagegen keinen Grund, eine ernstliche Krankheit zu vermuten, sind z. B. auf eine Erkältung nur leichter Schmerz und eingenommener Kopf, Schnupfen, leichte Halsbeschwerden oder leichter Husten und Heiserkeit ohne bedeutende Schmerzen und ohne starkes und anhaltendes Fieber gefolgt, dann kann man es immerhin versuchen, durch warme Kleidung (namentlich der Füße, die viel wichtiger und wirksamer ist, als Einpacken des Halses), durch erweichende Schluckmittel oder Getränke oder durch Erregung tüchtigen Schweißes vermittelst kräftiger Körperbewegung, eines warmen Bades von 30 ° R., allenfalls eines römischen Bades das Leiden zu überwinden oder im Beginn zu unterdrücken. Wenn aber solche Mittel nicht rasch zum gewünschten Ziele führen, das Wohlbefinden wieder herzustellen, dann säume man nicht, alsbald wirksamere ärztliche Hülfe nachzusuchen; dadurch wird nicht nur Zeit und Ungemach erspart, sondern können auch mancherlei ernstere Folgen nur anscheinend leichter Unpäßlichkeiten verhütet werden. Ist es doch eine der segensreichsten Aufgaben der ärztlichen Thätigkeit: Krankheiten zu verhüten!