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Warnung für Auswanderer (Gerstäcker 1868)

Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Warnung für Auswanderer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 496
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Arauco, Chile
Blätter und Blüthen. Zum Thema: Warnung für Auswanderer
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[496] Warnung für Auswanderer. In der Kölnischen Zeitung vom 2. Juli lese ich, daß die chilenische Regierung mit einem Hamburger Hause einen Contract über schweizer, tiroler und deutsche Colonisten abgeschlossen habe. Die Auswanderer müssen gute, vom chilenischen Consul in Hamburg visirte Zeugnisse besitzen, werden auf Kosten der Regierung nach Hamburger Reglement als Zwischendeckspassagiere und bei ihrer Ankunft an Ort und Stelle nach – Arauco gesandt, wo ihnen nach den gesetzlichen Bestimmungen Land angewiesen wird. Der Contract erstreckt sich über vier Jahre und sind nach demselben im ersten Jahre einhundert, im zweiten zweihundert, im dritten dreihundert und im Vierten vierhundert Familien zuzulassen.

Arauco ist ein fruchtbares und gesundes Land und die chilenische Regierung die anständigste und zuverlässigste von allen südamerikanischen Republiken, aber – die Sache hat einen Haken, und ich möchte wirklichen Familien mit Frauen und Kindern wohlmeinend rathen, sich eine Auswanderung nach Arauco gerade sehr zu überlegen, ehe sie die Ihrigen vielleicht in eine hier gar nicht geahnte Gefahr bringen. Arauco ist jenes schöne und weitausgedehnte Gebiet, das etwa zwischen dem einundvierzigsten und dem dreiundvierzigsten Grad südl. Breite in Chile liegt und noch bis vor kurzer Zeit die chilenische Republik – als unabhängiges indianisches Gebiet – in zwei Theile schied.

Die Araucaner sind noch vollblütige unvermischte Indianer und dabei ein kriegerischer tapferer Stamm, den es die chilenische Regierung – bis vor ganz Kurzem – unmöglich fand zu unterjochen. Verschiedene Kriege wurden geführt, die chilenischen Soldaten zogen aber stets den Kürzeren und in Arauco herrschten deshalb eigene, von den Indianern allein gegebene Gesetze, nach denen ein Weißer nicht einmal ihr Land betreten durfte, ohne bei ihnen Erlaubniß einzuholen. Das hat sich jetzt geändert. Das Militärwesen in Chile wurde – meist auf französischem Fuß – verbessert. Die Artillerie bildete sich vorzüglich aus, und vor noch nicht langen Jahren, nach einigen indianischer Seits verübten Viehdiebstählen und sonstigen Grenzbelästigungen, fielen sie in Araucanien ein und schlugen die Araucaner in die Flucht.

Aber selbst damals konnten sie sich nicht im Lande halten, sondern zogen sich wieder in ihre eigenen Grenzen zurück. Die Araucaner hielten aber keine Ruhe; eine neue Züchtigung wurde nöthig, und soviel ich weiß, hat die chilenische Regierung jetzt das ganze Land im Besitz, für das sie sich natürlich keine bessere Einwanderung wünschen könnte, als eben eine deutsche. Gerade die Deutschen aber, so vortreffliche Colonisten es sein mögen, sind am wenigsten geeignet, den Grenzschutz gegen einen unruhigen Volksstamm zu bilden, oder gar in dessen Mitte den Acker zu bauen. Der Deutsche ist ruhiger, friedliebender Natur und langsam in seinen Bewegungen; er wäre bei indianischen Ueberfällen den meisten Gefahren ausgesetzt. Und selbst angenommen, daß keine Ueberfälle mehr zu fürchten wären, was ich aber keineswegs behaupten will, kann es gar nicht ausbleiben, daß sie sich steten Belästigungen und Viehdiebstählen ausgesetzt sehen und die Ansiedler selbst auf Jahre hinaus noch immer für ihre Familien in Sorge zu leben haben würden.

Besonders der Mädchenraub ist von diesen mit den Penchuenchen eng verwandten Stämmen getrieben worden, und welche Hülfe kann den Einwanderern selbst die chilenische Militärmacht bieten, wenn sich die Räuber über die Cordilleren flüchten? Eine Auswanderung nach Chile, insofern der Deutsche unbedingt auswandern will, werde ich immer befürworten. Chile ist ein reiches und gesundes Land und der Deutsche dort geachtet und gern gesehen, aber wohlmeinend möchte ich meine Landsleute warnen, sich in das erst eroberte indianische Gebiet von Arauco, so schön und fruchtbar das Land selber sein mag, vorschieben zu lassen.

Man hat in neuester Zeit überhaupt mehrfach gesucht, gerade Deutsche zu Ausfüllseln zu gebrauchen, und eifrige Versuche sind ebenfalls gemacht worden, sie nach dem Süden der Vereinigten Staaten zu locken, wo sie die verlorenen Sclaven ersetzen sollen. Die freie Ueberfahrt hat dabei für den Unbemittelten etwas außerordentlich Verführerisches, und er denkt sich gewöhnlich: „Wenn ich nur erst einmal drüben in Amerika bin, dann ist Alles gut.“ Aber wie furchtbar sieht er sich oft dabei getäuscht und wie manche Familie hat sich nicht allein dadurch in’s Elend gestürzt, sondern auch ihre einzelnen Glieder hinsterben und verkommen sehen!

Wieder und wieder hat man sie allerdings gewarnt, allein immer wieder treten neue Speculanten auf, welche Deutsche in ihr Netz zu locken suchen, und das hier Gesagte kann deshalb gar nicht zu oft wiederholt werden. Das Gefährlichste für die deutschen Auswanderer sind die in Deutschland unterzeichneten Contracte, die dem Auswanderer selber gewöhnlich Hand und Fuß binden, während sie den Agenten freie Hand lassen. Es ist dabei unglaublich, mit welchem Leichtsinn solche Leute, denen Amerika einmal im Kopfe steckt, derartige Schriftstücke unterzeichnen.

Ich habe einen Contract in meinen Händen, welcher, ebenfalls von Hamburg ausgegangen, von sämmtlichen Auswanderern ohne Weiteres unterschrieben wurde und trotzdem die Leute den überseeischen Plantagenbesitzern dergestalt in die Hände gab, daß sie nicht allein wie Sclaven verwendet werden konnten, sondern auch nicht die geringste Controle in Händen behielten, selber zu überwachen, wann ihre Arbeitszeit, mit der sie ihre Passage bezahlen sollten, zu Ende sei.

Das ist hier bei dieser chilenischen Auswanderung allerdings nicht der Fall. Die chilenische Regierung verlangt von den deutschen Einwanderern keine Arbeit für sich, sondern nur die Besiedelung eines leerstehenden und ihr dadurch unbequemen Terrains. Sie will Araucanien so rasch wie möglich dicht besiedeln, um den Indianern die Möglichkeit zu nehmen, sich wieder darin fest zu setzen. Aber gerade dagegen möchte ich meine deutschen Landsleute warnen, denn vor allen Dingen verlangen sie doch persönliche Sicherheit, besonders für ihre Familien, und die kann ihnen bis jetzt noch, meiner Meinung nach, Araucanien nicht bieten.

Friedr. Gerstäcker.