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Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Am Thiergarten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 491–493
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 26
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[491]
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Nr. 26. Am Thiergarten.
Von Guido Hammer.


Von jeher übte schon der bloße Anblick eines so recht verwetterten, mit graugrüner Flechte überwucherten Wildzaunes einen ganz unbeschreiblichen Zauber auf mich aus. Was träumte da mein Sinn sich Alles dahinter! Und lag denn dabei nicht auch die Wirklichkeit vor, daß da drinnen, im eingehegten, stillen Forste, das von mir so sehr geliebte Wild verborgen sein mußte, da ja sonst eine Einfriedigung zwecklos gewesen sein würde? Um nun, wenn es auch nur von außen sein konnte, möglicherweise ein Stück Wild davon in Sicht zu bekommen, war es mir ein Geringes, eine vielleicht viele Meilen weit umschlossene Wildbahn ohne Aufenthalt zu umkreisen. Oder ich konnte wohl auch dicht an der Vermachung einer solchen im Grase oder auf duftiger Erica tagelang [492] auf einer Stelle liegen bleiben, hier auf das etwaige Erscheinen von Wild zu lauern. War dies ja noch außerdem Wonne genug für mich, dabei im Schatten überhängenden Gezweiges zu rasten und träumerisch durch dasselbe nach den im endlosen Aether schwimmenden Wolken zu schauen oder dem Fluge über mich hinziehender Vögel folgen zu können. Aber auch die im heißen Sonnenschein munter dahinschlüpfenden grünschillernden Eidechschen, wie die über Blüthen hingaukelnden bunten Falter, summende Bienen und andere Netzflügler, Ameisen und Käfer – kurz Alles, was lebte und webte – ergötzten mich dabei; allerdings nur so lange, bis endlich mein eigentliches Sehnen sich erfüllte und die Blicke durch die Vergatterung, wohin sie zunächst doch immer und immer wieder schweiften, einen dunkeln oder lichten Fleck entdeckten, den mein Instinct als ein Stück Wild erkannte. Wie pochte mir da schon bei einem selbst so ungenügenden Anblick das Herz! Rückte aber nun gar das Erspähte, etwa ein Damhirsch, näher heran, daß ich mit scharfem Auge die volle Gestalt zu betrachten vermochte – wie still-, doch tiefbeglückt erfreute ich mich dann dieses für mich wahrhaft köstlichen Genusses!

War der unbehinderte Eintritt in ein solches Wildgehege gestattet, dann schweifte ich natürlich nicht außerhalb seiner Grenzen umher, sondern durchzog dasselbe nach allen Richtungen mit fröhlichem Sinn und gespanntester Erwartung und war nicht müde dabei, den verschiedenen Fährten zu folgen oder jedes in Sicht bekommene Wild zu beschleichen, um es in möglichster Nähe mit stiller Herzenslust zu belauschen. Manches Mal bin ich so, vom genossenen Anblick wie berauscht und verzaubert, weiter gezogen durch Wald und Busch, über nassen Bruch und schwankendes Moor, mich dabei so tief in das Leben eines vielleicht eben gesehenen Rothhirsches hineindenkend, daß ich, unwillkürlich des Edelgeborenen Gebahren nachahmend, auf Momente – und dies sind die glücklichsten meines Lebens gewesen – vergessen konnte, daß ich – „Herr der Schöpfung“ sei!

Aber auch später, nachdem ich die Sache mehr vom rein waidmännischen Standpunkt auffaßte, behielt das Thiergartenleben noch alle seine Reize für mich; betrachtete ich es doch jetzt außerdem als eine lehrreiche Schule für den lernbegierigen und gern beobachtenden Jäger. Welche Freude gewährte es mir daher, als ich einmal auf längere Zeit Gelegenheit fand, eine sowohl in ihrer Größe ganz bedeutende, wie auch durch vortrefflichen Wildbestand sich auszeichnende Wildbahn in gediegener waidmännischer Begleitung begehen und – bejagen zu dürfen. Hier war es auch, wo das Original meiner beigegebenen Zeichnung mir leibhaft vor Augen trat.

Einer frischen, ja schon reifkalten Octobernacht war eben der erste bleiche morgenverkündende Dämmerstreifen am östlichen Horizonte gefolgt, den überall tiefdunkler Wald begrenzte, als mein gastfreundlicher Wirth, der alte Wildmeister des fürstlichen Thiergartens zu X., mit mir hinausschritt, die frischverpflügten Waldwege, die den Wildpark umliefen, abzuspüren, ob etwa Hirsche aus den angrenzenden freiliegenden Forsten an die Einsprünge[1] gezogen und wohl gar eingefallen wären, da es eben Brunftzeit war. Still, in unbestimmter Dämmerung, lag der meilenweite Thiergarten vor uns, umschlossen von noch weit mächtigeren freien Forsten, daß, soweit und wohin das Auge auch blickte, es auf düsterm Föhrenwalde haften blieb. Nur da, wo Gewässer die unabsehbare Haide durchrauschten oder als stille Weiher lagen, stiegen die weißen Schwaden aus dem geschlossenen Nadelholze empor und wogten und wallten in lichten Streifen dem morgenschimmernden Aether zu, bis sie, von den ersten aufblitzenden Sonnenstrahlen getroffen, als rosiger Duft über den dabei noch immer beschatteten Wipfeln der in leichtem Morgenwinde rauschenden Kiefernbestände hinzogen. Gleich darauf lagen jedoch auch sämmtliche weitgestreckte Forsten in goldener Sonnenpracht vor dem entzückten Auge, und die erwärmenden Strahlen verklärten überall, wo sie nur hindrangen, die starren, mattsilbernen Reifkrystalle, welche die kalte Nacht geboren, zu wunderbar farbenschillernden, leise erzitternden Tropfen, während da, wo bleibend die tiefern Waldesschatten lagerten, sich noch lange scharf begrenzt der eisige Schmelz vom demantglänzenden, lebendig geküßten Naß abzeichnete.

Und wie nun so der lichte Tag gekommen, da regte sich’s allüberall voll Lebenslust und Fröhlichkeit in tausend und abertausend Geschöpfen. Besonders aber waren es die lieben Vögel, welche jetzt mit ihren lustigen, lockenden Stimmen den Wald belebten, denn da gab es ganze, unzählbare Flüge dieser leichtbeschwingten trauten Sänger, die, zur großen Südreise gerüstet, sich schaarenweise gesammelt hielten, während andere in kleineren Gesellschaften oder auch vereinzelt die Dickichte durchflatterten. Doch auch gewaltigere Töne, als die melodischen Lockrufe der sich umhertummelnden geflügelten Schaaren, vernahm das gespannte Ohr dann und wann, denn trotz des nun schon volllichten Tages drang zuweilen noch der dröhnende Schrei eines Hirsches durch die übrigens so heilig stille Haide. Mit Wonnegefühl horchte man auf und nahm die Richtung wahr, ob der sehnsüchtige Ruf außer- oder innerhalb des Thiergartens erklang.

So hatten wir eben wieder, und diesmal zweifellos auf freiem Walde, das Gurgeln eines alten Hirsches vernommen, welcher, der Richtung nach, voraussichtlich nach einem eine kurze Strecke vor uns liegenden Einsprunge zuzuziehen schien. Vorsichtig, den Wind dabei scharf beobachtend, pürschten wir uns deshalb bis an eine kleine Lücke, von wo aus man, zog der Schreier wirklich nach gedachtem Platze, ihn leicht beobachten konnte. Und richtig! Kaum zehn Minuten mochten wir gestanden haben, in welcher Zeit wir den Erwarteten noch manchmal im Weiterziehen hatten murren hören, da knackte und brach es im nahen Dickicht und der Kopf eines sehr starken Hirsches schob sich vorsichtig hervor, um mit gehobener Nase den Wind einzuholen. Aus unserem sicheren Versteck konnten wir nun durch einen Feldstecher, den der brave Wildmeister stets bei sich zu führen pflegte, deutlich die zwölf Enden des capitalen Geweihes zählen und uns außerdem an des Trägers Anblick und Gebahren erquicken. Eine ziemliche Weile blieb so der Hochgeweihte lugend stehen, bis er endlich ruhig majestätischen Sehrittes in seiner ganzen Gestalt hervortrat. Dann übersprang er mit graciösem Anstand einen vor ihm liegenden tiefen Graben, drüben, auf einem alten Waldwege, der am Thiergarten hinlief, wiederum einen Augenblick lang Halt machend. Hierauf aber, in kurzen Absätzen wie verdrossen dazu brummend, zog der Stattliche ruhig eine Strecke am Zaune hin, bis er plötzlich seiner Leidenschaft wieder in einem langgezogenen, dröhnenden Ruf Ausdruck gab, daß der Hauch seines heißen Athems helldampfend gegen den violettduftenden Wald hinzog. Und nun fuhr das dunkelgemähnte, hochgekrönte Thier in immer gesteigerter Aufregung fort, lang hin an der Vermachung zu trollen, glücklicherweise nach uns zu, bis er an die freie Lücke des Einsprunges kam und plötzlich still stand.

Hier, wo ihm der Blick unbeengt in sein vermeintliches Eldorado gestattet war, erhielt seine Leidenschaftlichkeit neue Nahrung, und mit einer Stimme, in der Begehrlichkeit, Eifersucht, Zorn und Kampfeslust sich kund gaben, schrie er den Thiergartenhirschen seinen gewaltigen Fehderuf entgegen; doch keine streitsüchtige Antwort der Genossen erfolgte. Er aber, der Mannhafte, den es unwiderstehlich nach Kampf und den gefangenen Odalisken gelüstete, säumte nun in seiner Erregtheit, die ihn selbst minder harmlos erscheinende Hindernisse zu überwinden veranlaßt haben dürfte, nicht einen Augenblick länger, in die für ihn nichts bedeutende Grube hinabzuspringen, um jenseits, im Bereich des Thiergartens, an sanft anstrebender Sandlehne aufzusteigen, sich dadurch auf einmal im vollen Besitz aller geträumten Herrlichkeiten fühlend. Wohl zog der Kühne jetzt unangefochten weiter, wohl mochte der Stattliche auch bald sein Ziel, wenn auch gewiß nicht ohne harten Strauß, erreicht und dann mit stolzem Trotze den erkämpften Trupp geführt und seine dadurch errungenen Rechte zu vertheidigen verstanden haben – der Eindringling war ein gar reckenhafter Kämpe – ; doch schweren Preis hatte er daran gesetzt, denn der edle Freigeborene von weiter, unbegrenzter Haide war und blieb für immer ein Gefangener.



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Die Gartenlaube (1868) b 493.jpg

Hirsch auf der Brunft.
Nach der Natur gezeichnet von Guido Hammer.



  1. Einsprünge sind in den Thiergartenzaun gemachte Lücken, die durch weite Gruben geschirmt sind, welche nur nach der Thiergartenseite lehnan verlaufen, während sie am äußeren Rande tief und steil abfallen, so daß ein Stück Wild wohl von außen leicht hinabspringen, dann aber nur nach der Seite des Thiergartens wieder emporsteigen kann und so für diesen eingefangen ist.