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Titel: Wahrheit oder Dichtung?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 88
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[88] Wahrheit oder Dichtung? Seit Herculanum und Pompeji unter dem Schutte der Jahrhunderte wieder an das Licht des Tages hervorgezogen worden sind, hat keine Bemühung, handgreifliche Zeugnisse für ein durch die Dichtkunst verherrlichtes Leben frühester Vergangenheit zu entdecken, mehr und rascher die Theilnahme der Gegenwart gewonnen, als Dr. Heinrich Schliemann’s Nachgrabungen und Funde auf der Kampfstätte des trojanischen Krieges. Die einzelnen Berichte über den Fortgang und Erfolg dieser Arbeiten fanden bereitwillige Leser und Gläubige, und fast etwas spät für die deutsche Forschungsgründlichkeit erhob die Kritik ihre Zweifel – nicht gegen den gewiß für die Alterthumskunde immer sehr werthvollen Fund von Gefäßen, Geräthen und Waffen aller Art, sondern gegen den Zusammenhang desselben mit dem von Homer besungenen Schicksale der griechischen Helden und Trojas. Seltsamerweise ist es der Sohn des berühmten „Griechenliederdichters“ für Sieg und Ruhm des neuen Griechenlands, welcher sich dagegen stemmt, den altgriechischen Sagenruhm über die Grenzlinie bezeugter Geschichte herüberzuziehen, was Heinrich Schliemann damit gewagt hat, daß er namentlich die Schätze von edeln Metallen, die er bei seinen Ausgrabungen gefunden, ohne Weiteres für den Schatz des Priamos und der Hekuba erklärt. Max Müller, unser sprach- und alterthumskundiger Landsmann in Oxford (augenblicklich in Straßburg), hat in der englischen Zeitschrift „Academy“ nachgewiesen, daß die Schliemann’schen Alterthümer mit geringen Ausnahmen von roher Arbeit und gar nicht mit den Schilderungen Homer’s übereinstimmend erscheinen; daß die wenigen Inschriften höchstens auf phönicische Schriftzüge hindeuten, aber ohne erklärbare Zusammenstellung sind. Vor Allem aber weist er nach, daß man es bei Homer nur mit Sage und Dichtung zu thun habe, ja daß, wenn man der Erzählung alles Mythologische wegnehme, nichts Faßliches mehr übrig bleibe. Die Möglichkeit, daß die Dichtung auf einer Thatsache beruhe, könne uns so wenig veranlassen, auf dem ihr vom Dichter angewiesenen Schauplatze auch geschichtliche Denkmäler zu suchen, als wir es berechtigt finden würden, wenn man bei Worms im Rheine dem Horte der Nibelungen oder im Kyffhäuser der Krone des Barbarossa nachgraben wollte.

Wir theilen diese Notiz mit, weil die Schliemann’schen Ausgrabungen auf den Feldern von Troja wohl auch vielen unserer Leser ein Interesse gewähren.