Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Wüstenreise
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 258–260
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[258]
Wüstenreise.


Eine Wüstenreise! Es liegt viel Poesie in dem einen Worte: vor allem Poesie des Grauens und der Gefahr, und das fühlt wohl Jeder mit uns – denn die Schrecknisse der Einöde, der verheerende Samum, die heißen Sonnenstrahlen, welche die Wasserschläuche austrocknen, sind Jedermann bekannt – dann aber auch eine Fülle großartig erhebender Eindrücke, und die kennen Wenige – denn daß die nämlichen Wüsten Naturscenerien von zauberhafter Pracht bieten, ist nur denen ein vertrauter Gedanke, welche, wie Schreiber dieser Zeilen, die Sahara in mannigfachen Richtungen selbst durchzogen haben. Nie erinnere ich mich irgendwo einen größeren Farbenreichthum in der Landschaft gesehen zu haben, als in den tief gelegenen Wüstenstrichen, in denen das todte Meer gebettet liegt. Wunderbare Farbentinten in allen Abstufungen, vom Aufgang bis zum Niedergang des Sonnengestirns, selbst während der Glühhitze des Mittags, wo die Fata Morgana mich in mancherlei Gestalten umgaukelte, versetzten mich hier in eine fortwährende Ekstase.

Reisen in der Wüste! Vergnügungsreisen sind es freilich kaum jemals. Zahlreiche Schwierigkeiten stellen sich dem Reiselustigen in jenen Einöden entgegen. Gleichwohl sind die nomadisirenden Bewohner der Sahara und anderer Wüstenstriche des Orients auf einer ewigen Wanderung begriffen. Seit Jahrtausenden, selbst lange vor den Zeiten des Islam, sehen wir sie in gleichen Trachten die gleichen Straßen ziehen, auf gleicher Stufe der Gesittung. Wie sollte sich des Menschen Existenz ändern, wo die Naturformen der Erde ebenso den Eindruck des Unveränderlichen, ewig Ruhenden machen, wie der ewig wolkenlose Himmel, der nach Saadi’s Spruch zwei Gaben von oben spendet, das Ein- und das Ausathmen der reinen Luft! Wie sollte sich eine Cultur entwickeln, wo ungeheure Flächen nur einer spärlichen Zahl von Menschen Unterhalt gewähren, deren ruheloses Ziehen von Oase zu Oase Lebensbedingung für sie ist und die, um das Dasein zu sichern, soviel Zeit und physische Kraft aufzuwenden haben, daß im Uebrigen Muße und Nichtsthun nothwendig bei ihnen zusammenfallen müssen!

Ohne das Schiff der Wüste, das geduldige leichtfüßige Kameel, wäre das Wanderleben in dem Sandmeere eine Unmöglichkeit. Das Kameel trägt bekanntlich bedeutende Lasten, bis zu zehn Centner, mit Leichtigkeit aber drei bis vier Centner. Soweit ist es möglich, eine Art Zelt, das eine ganze Familie bergen kann, auf dem Rücken des Thieres aufzuschlagen. Gewöhnlich freilich bedienen sich nur die Frauen eines solchen Zeltes. Es besteht aus einem von wenigen Quer- und Längsstäben zusammengesetzten bettartigen Gestelle, das oben ein durch Palmenstäbe hergestelltes Kreuzgewölbe hat. Ueber letzteres sind Tücher gebreitet, welche gegen die Sonnenstrahlen schützen und zur Unsichtbarmachung dienen. Es giebt sehr verschiedene Formen dieser Gestelle. Vornehmere reisende Frauen des Orients setzen sich in eine Art Sänfte, welche frei zwischen einem vorderen und einem hinteren Kameel schwebt. Uebrigens sind die Frauen der die Wüste bewohnenden Nomaden nicht jener so strengen Etiquette der Verhüllung unterworfen, wie sie für das Leben in Culturstrichen des Islam gilt. Im Beduinenzelt ist der Harem, das Frauengemach, nur durch eine Teppichwand von dem Raume der Männer getrennt, welche Räume nach außen gewöhnlich offen stehen. Einen Blick in dieselben zu thun – wie interessant für [260] den Europäer, der sich so schwer eine zutreffende Vorstellung von dem ehelichen Leben der Orientalen machen kann!

Es ist ein weit verbreiteter Irrthum, daß Mohammed erst die Vielweiberei eingeführt habe. Er hat nur die herkömmlichen ehelichen Verhältnisse seines Volkes religiös sanctionirt. Die Nomaden, speciell die Araber, haben, lange vor Mohammed, von Alters her in Vielweiberei gelebt, wie ja selbst die Patriarchen der Bibel. Die verderblichste Seite der mohammedanischen Ehe ist wohl die Leichtigkeit der Scheidung, die sich Leichtfertige zu Nutzen machen, indem sie, um den Geldaufwand von gleichzeitig gehaltenen Frauen in ihrem Harem zu vermeiden, nur immer eine Frau nehmen und diese mit einer anderen vertauschen, sobald sie ihrer müde geworden sind. Mancher soll es auf diese Weise bis zur fünfzigsten Frau gebracht haben. Sonst bildet der Kostenpunkt größtentheils eine wohlthätige Schranke, die bei den mittleren Ständen in der Regel zu Ehen in unserem Sinne nöthigt. Ein Moslem, dessen Harem mit mehreren Frauen bevölkert ist (über vier rechtmäßige Frauen darf er nicht besitzen; die Zahl der Sclavinnen ist jedoch nicht beschränkt), vertheilt dieselben gewöhnlich in verschiedene Häuser, indem er regelmäßig abwechselnd den einen Tag in diesem, den nächsten im andern verlebt. Die Frauen betrachten sich als Verwandte und machen sich von Zeit zu Zeit wenigstens ceremonielle Besuche, aber es soll auch Beispiele friedlich beisammen wohnender Mitfrauen geben. Die Glieder einer Familie hängen oft mit großer Zärtlichkeit an einander. Die Kinder werden freilich auf eine uns fast despotisch erscheinende Weise erzogen.

Hierüber und über die Sitten des orientalischen Familienlebens hat die „Gartenlaube“ bereits mehrfach eingehende Schilderungen veröffentlicht. – Das geniale und namentlich durch seine poetische Stimmung hochinteressante Original des Bildes, das diese Zeilen begleiten und welches den wandernden Harem eines Beduinen in der Wüste darstellt, ist eine mit vielem künstlerischen Feingefühl und Geschmack ausgeführte Schöpfung des geist- und talentvollen W. Gentz in Berlin, eine Wandmalerei in dem von Ebe und Benda auf der Wilhelmstraße daselbst erbauten Hause des Herrn Rudolf Pringsheim, welches einen vielbesprochenen architektonischen Schmuck der Reichshauptstadt bildet. An der äußeren Façade des Hauses – dies sei nur noch bemerkt – befinden sich Mosaiken nach Zeichnungen von A. von Werner; das Innere enthält noch außer Wandmalereien desselben Meisters sowie L. Burger’s eben dergleichen aus der Piloty’schen Schule in München. Unser „Harem in der Wüste“ ist ein stimmungsvolles Landschafts- und eigenartiges Genrebild, das wohl verdient, den großen Kreisen unserer Leser vorgeführt zu werden. Möge es unter ihnen zahlreiche Freunde finden!

[259]

Der wandernde Harem eines Beduinen in der Wüste.
Nach dem Wandgemälde von W. Gentz in dem Pringsheim’schen Hause in Berlin.