Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere/8

Textdaten
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Autor: Carl Vogt
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Titel: Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere Nr. 8
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50–51, S. 791-793; 810-812
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[791]
Vorlesungen über nützliche, verkannte und verleumdete Thiere.
Von Carl Vogt in Genf.[1]
Nr. 8. Die Schmetterlinge.
Die Gaukler der Luft – Ihre große Schädlichkeit – Gefräßigkeit der Raupen – Die Structur ihrer Füße – Die Feinde unserer Gärten – Die Abendschwärmer und die Spinner.

Meine Herren!

Es giebt wohl kein poetischeres Bild in der Natur, als diese schöngefärbten Gaukler der Luft, welche leichten Fluges von Blume zu Blume, von Kelch zu Kelch flattern, hier und da Honig naschen oder mit einander tändelnd über der Erde dahin schweben, als seien sie jeder Sorge bar und ledig. In unserer Jugend hegten wir eine wahre Begeisterung für die niedlichen Sommervögel, denen wir mit Hamen und Netzen nachstellten, indem wir zur Beförderung unserer Gesundheit manche langweilige Schulstunde versäumten und, statt über dem barbarischen Typto, Typteis etc. zu sitzen, durch Busch und Wald, über Hecken und Wiesen den Schillervögeln oder Tranermänteln nachrannten. Welche Mühen wandten wir nebenbei auf, um Puppen und Raupen zu erziehen, in beständigem Kriege um die geliebten Zöglinge mit Müttern und Mägden, in deren Begriffe von häuslicher Ordnung Raupenzwinger und Blumentöpfe nicht im mindesten passen wollten! So tief hatte sich diese Liebhaberei festgepflanzt, daß ich sogar Männer der gewöhnlichen Bedächtigkeit sich entschlagen sah, als sie zum ersten Male den herrlichen Bergschmetterling, den Apollo, an steilen Halden umherflatternd erblickten, so sehr, daß sie die Trauer um das Vaterland und die Noth des Exiles für einen Augenblick vergaßen, um dem schönen Gebilde mit dem Hute in der Hand nachzujagen!

In der That sind die Schmetterlinge ohne Zweifel die schönsten, aber auch in ihrer Schönheit am leichtesten vergänglichen Insecten. Die meist sehr großen Flügel sind mit mikroskopischen Schüppchen besetzt, welche mannigfache seltsame Formen besitzen und wie ein gefärbter Mehlstaub sich abwischen lassen. Durch die eigenthümliche Bildung feiner Rippen auf diesen Schüppchen brechen diese das Licht oft so eigenthümlich, daß, wie bei dem Schillervogel, die Farbe eine durchaus verschiedene erscheint, je nachdem man den Flügel von der einen oder andern Seile betrachtet.

Außer diesen bestaubten Flügeln, die nur selten bei einigen Schmetterlingsweibchen verkümmert sind oder gänzlich fehlen, zeichnen sich die Schmetterlinge noch durch den Besitz eines elastischen, meist spiralig aufgerollten Rüssels aus, der aus zwei Halbrinnen besteht, welche sich mit den hohlen Flächen gegeneinander legen und so eine Röhre bilden, durch welche die Thiere den Honigsaft der Blumen aufsaugen können. Es ist dieser Rüssel aus der Umwandlung der Kinnbacken hervorgegangen, welche bei allen Raupen in der gewöhnlichen Form vorhanden sind. Die Fühler sind äußerst mannigfallig gestaltet, bei den Tagschmetterlingen meistens keulenförmig, indem an ihrer Spitze ein kleiner Knopf sich befindet, bei den Nachtschmetterlingen häufig in Form eines Federbusches oder einer Feder. Die Beine der Schmetterlinge sind gemeiniglich lang, häufig mit langen Spornen und Dornen besetzt; der Leib des Weibchens bei weitem dicker als derjenige der Männchen, die gewöhnlich kleiner sind und oft bedeutende Verschiedenheiten an Größe, Gestalt und Farbe der Flügel zeigen.

Jedermann weiß, daß die Schmetterlinge Insecten mit vollständiger Verwandlung sind, daß sie aus Eiern, Raupen und Puppen [792] entstehen und daß der gefräßige Raupenzustand allein es ist, in welchem das Thier uns Schaden zufügt. Denn mit Ausnahme der Seidenraupe, deren Gespinnst wir zu unserer Kleidung verwerthen, sind alle Schmetterlingslarven ohne Ausnahme höchst schädliche Thiere, die wir um unserer Selbsterhaltung willen zu verfolgen gezwungen sind. Wir haben zwar im Verlaufe dieser Vorlesungen schon manche Verwüster kennen gelernt, die mit dem Menschengeschlechte in beständigem Kriege leben; allein so ausgiebige Verheerungen, wie manche Raupen in Wäldern und Feldern, in Gärten und Wiesen anrichten, kann keine andere Insectenordnung aufweisen. Wenn deshalb der Schmetterling das Symbol der reinen Seele darstellt, die sich als Psyche zu höheren Sphären erhebt, so muß man gestehen, daß die Schlacken, welche Psyche von sich werfen muß, ehe sie zu der Verklärung gelangt, nicht geringer Art sind und namemlich solchen Leidenschaften angehören, welche man sonst nicht gerade zu denjenigen zählt, die zu Großem führen können. Denn die Leidenschaft, welcher die Raupe fast ausschließlich fröhnt, ist ohne Zweifel die Freßgierde, und hierin leistet die Raupe auch in der That Unglaubliches. Der Schmetterling selbst hingegen lebt eigentlich nur der Liebe, wenn er diese auch nicht von dem höheren seelischen Standpunkte aus auffaßt.

Die Eier, welche häufig sehr sonderbare Formen zeigen und meist von dichten Kapselwänden eingeschlossen sind, werden von dem weiblichen Schmetterlinge bald einzeln, bald auch in ganz charakteristischen Bündeln und Haufen an diejenigen Pflanzen gelegt, welche den ausschlüpfenden Räupchen zum Futter dienen sollen. Bei vielen Arten überwintern die Eier, so daß die Raupen bei der ersten Frühlingswärme auskriechen und sogleich über die jungen, zarten Knospen herfallen können, welche ihre erste Nahrung bilden. In andern Fällen sind es die Raupen, welche im Grase, in der Erde, in eigens geschützten Nestern, welche sie sich spinnen, die Winterkälte überdauern; doch ist auch dieses nur eine Ausnahme und die Puppe gewöhnlich derjenige Zustand, durch welchen die Generationen über die Zeit der Ruhe sich hinüberleiten.

Die Räupchen, welche aus den Eiern kriechen, zehren häufig zuerst die Eierschalen, in welchen sie sich entwickelten, auf und beginnen dann ihre Verheerungen an den Gewächsen. Diejenigen, die aus Eierklumpen hervorgehen, bleiben wenigstens während ihrer ersten Lebenszeit, häufig aber auch während der ganzen Dauer ihrer Existenz als Raupen gesellig beisammen, und oft erstreckt sich ihre Geselligkeit so weit, daß sogar sämmtliche Bewegungen, Märsche und Wanderungen wie auf Commando gemeinschaftlich ausgeführt werden. Die Processionsraupe, die in manchen Wäldern so arge Verwüstungen anrichtet, bietet hiervon ein frappantes Beispiel. Keine Soldatencolonne kann regelrechter, Schulter an Schulter, marschiren und ihre Schwenkungen ausführen, als dieses Raupengezücht, das seine Wanderungen nur dann unternimmt, wenn der Hintermann mit seinem Kopfe das Ende des Vordermannes berührt. Bei der ungemeinen Gefräßigkeit, welche alle Raupen zeigen, kann es nicht Wunder nehmen, wenn die Raupen außerordentlich schnell wachsen und deshalb mehrmals während ihres Lebens sich häuten – ein Vorgang, der stets nicht ohne Gefahr für ihr Leben ist. Gewöhnlich ist die Raupe hinsichtlich ihrer Nahrung auf eine Pflanzenart beschränkt und geht eher zu Grunde, als daß sie von anderen fressen sollte. Gerade die zerstörendsten aber sind häufig Allesfreser oder besitzen wenigstens insofern eine gewisse Auswahl, als sie verwandte Pflanzen derselben Familie mit gleicher Begierde angreifen. Der Unrath, den sie in großen Massen von sich geben, zeigt gewöhnlich ganz eigenthümliche Formen und Eindrücke, welche von vorspringenden Leisten der letzten Darm-Abtheilung herrühren, und dient häufig dem Kenner zur Erkenntniß und als Leitung nach dem Orte hin, wo die Raupe sich versteckt hält.

Von ganz besonderer Wichtigkeit ist die Structur der Raupen und namentlich diejenige ihrer Füße. Alle haben drei Paar hornige, aus verschiedenen Gelenken zusammengesetzte echte Füße an dem vorderen Theile ihres Körpers, alle besitzen aber außerdem noch sogenannte falsche Füße oder Bauchfüße, deren Zahl je nach den Gruppen wechselt. Im höchsten Falle finden sich, wie bei den meisten Tagfaltern, Schwärmern und Spinnern, fünf Paar solcher Füße, deren letztes gewöhnlich an dem hintersten Ende des Körpers, die übrigen mehr in der Mitte des Bauches stehen. Bei den sogenannten Spannraupen aber vermindert sich die Zahl bis auf drei Paare, die dann an dem hintern Ende des Körpers stehen, so daß die Raupe bei jedem Schritte einen Katzenbuckel macht und den hinteren Theil des Körpers so nachzieht, daß er in der Nähe des Kopfes wieder sich festklammert. Während man an diesen allgemeinen Kennzeichen die Gruppen unterscheidet, dienen die Größe, Färbung, namentlich aber die Ausdehnung der Behaarung, welche viele Raupen besitzen, zur Unterscheidung der Arten. Manche Raupen sind ganz nackt, andere über und über mit langen Haaren besetzt, die unter dem Mikroskope wie dornige, mit Widerhaken besetzte Lanzen aussehen und hierdurch sowohl, wie durch leichtes Abbrechen sehr unangenehme Folgen beim Menschen verursachen können. Nicht ungestraft greift man eine Processionsraupe an: die Haut röthet und entzündet sich, und in Wäldern, welche von Processionsraupen erfüllt sind, hat man sogar durch Einathmen der giftigen Haarbruchstücke, welche der Luftzug mit sich führt, gefährliche und schmerzhafte Reizung der Luftwege zu gewärtigen.

Nach der letzten Häutung (und es können deren bts zu sieben stattfinden) bereitet sich die Raupe zum Puppenschlafe vor. Die einen, namentlich Tagfalter, machen gar kein Gespinnst, sondern hängen sich frei an dem Ende auf oder schlingen noch einen Seitenfaden um ihre Brust, so daß sie in wagerechter Stellung sich befinden. Andere, besonders Eulen und Schwärmer, kriechen bis zu einer gewissen Tiefe in die Erde und verwandeln sich dort in eine Puppe, die meistens nur durch eine geglättete Höhle geschützt ist. Die meisten hingegen fertigen mittelst eines zähen, klebrigen Saftes, der aus den Spinndrüsen quillt, welche häufig die ganze Länge des Leibes einnehmen und neben dem Munde sich öffnen, ein mehr oder minder kunstvolles Gespinnst, einen Cocon, in dessen Innerem erst die Puppe liegt, an welcher sich meistens die einzelnen Körperabtheilungen, sowie der Rüssel schon unterscheiden lassen. Bekanntlich ist gerade das Gespinnst des Seidenwurms deshalb vor anderen brauchbar, weil der feste Faden, aus dem es gesponnen ist, mit äußerster Regelmäßigkeit in Spiraltouren angelegt ist und deshalb mit großer Leichtigkeit abgesponnen werden kann.

Innerhalb der Puppe entwickeln sich auf Kosten des in großer Masse angehäuften Bildungsstoffes während der Ruhezeit alle diejenigen Organe, durch welche sich der Falter von der Raupe unterscheidet. Namentlich bilden sich nun die Geschlechtsorgane aus, so daß der Schmetterling in dem Augenblicke, wo er die Puppeuhülse durchbricht, vollkommen zur Fortpflanzung befähigt erscheint. Gewöhnlich ist hierzu die Begattung unerläßlich, und in der That sehen wir die Männchen mit vielem Eifer dieselbe suchen und sogar in Auffindung der Weibchen von goßer Schärfe der Sinne Zeugniß ablegen. Alle Schmetterlingssammler wissen, daß man namentlich bei gewissen Nachtschmetterlingen, wenn sie auch sehr selten in der Gegend vorkommen, nur ein eben ausgeschlüpftes Weibchen angespießt in das Freie stellen darf, um nach Verlauf weniger Abendstunden einige Männchen in seiner Nähe versammelt zu sehen.

Gewöhnlich haben die Schmetterlinge nur eine einfache Generation während des Jahres. Der Falter erscheint im Frühlinge oder Sommer; die aus den Eiern schlüpfenden Raupen fressen während des Sommers, verpuppen sich im Herbste und lassen im Frühling den Falter wieder erscheinen. Oft auch, wenn die Falter erst später im Sommer erscheinen, überwintert die Raupe, frißt sich im Frühjahre noch fertig und verbleibt dann kürzere Zeit während des Vorsommers im Pnppenzustande. Doch findet man auch, namentlich bei den kleineren Faltern, manchmal zwei Generationen, indem Falter im Frühjahr und Herbst zum Vorschein kommen.

Unter den Tagfaltern (Papillo), welche sich durch große und breite, meist sehr lebhaft gefärbte Flügel, die in der Ruhe senkrecht über dem Körper getragen werden, durch an der Spitze geknopfte Fühler, langen Rüssel und ein häufig verkümmertes erstes Fußpaar auszeichnen, besitzen wir einzelne Feinde, die namentlich unseren Gärten wehe thun. Vor allen sind es die Weißlinge, deren wie mit Mehlstaub gepuderte Flügel häufig nur einzelne schwarze Adern oder Flecken zeigen, welche unseren Nutzgewächsen erbitterte Feinde sind. Der Baumweißling (Papillo crataegi), der unsere Birnen, Aepfelbäume, Pflaumen, Zwetschen verheert; der Kohlweißling (P. brassicae), der Kohl, Kraut, Wirsing, Raps, Rüben und Kohlraben angreift; der Rübenweißling (P. rapae), welcher außer denselben Pflanzen noch namentlich der wohlriechenden Reseda einen höchst verderblichen Krieg macht, sowie der Rübsaatweißling (P. napi), der namentlich dem Sommerrübsen nachstellt, gehören dieser Gruppe an, welche der Bauer in unserer Gegend mit dem freilich nicht allzu [793] eleganten Namen der „Wiesenschisser“ belegt. Die Eier aller dieser Schmetterlinge haben die Gestalt einer kurzhalsigen, kleinen Flasche und gewöhnlich eine gelbe Farbe und werden in Haufen von einigen Hundert an die Unterseite der Blätter der Nahrungspflanzen abgesetzt, wo man sie mit Leichtigkeit entdecken kann. Der Bauweißling fliegt hauptsächlich im Juli, und die vierzehn Tage nach der Ablagerung ausschlüpfenden Räupchen halten sich stets nesterweise zusammen, bilden sich auch durch Ueberspinnen von Blättern ein Nest, welches sie stets vergrößern und in welches sie bei schlechter Witterung oder bei allzu grellem Sonnenscheine sich zurückziehen. Im Anfange, wo die Räupchen noch sehr klein sind, fressen sie nur das Blattgrün, während sie das Geäder der Blätter stehen lassen, und dann sehen wirklich die kleinen gelblichen Thierchen mit schwarzem Köpfchen und Halsring, die dichtgedrängt in einer Reihe auf einem Blatte sitzen und im Ebenmaße vorwärts fressen, einer mikroskopisch weidenden Schafheerde nicht unähnlich. Im Herbste, wo die Thiere zu fressen aufhören, wird das Nest bedeutend verstärkt und häufig sogar so fest mittelst einer Art von Strang an die Zweige angeheftet, daß dieselben durch allzustarke Compression der Rinde absterben. In diesem Neste bringen die Raupen, indem sich jede noch eine besondere Zelle spinnt, in halber Erstarrung zu, um mit dem ersten Frühjahre die Blüthenknospen und das junge Laub zu zerstören. Ende April oder je nach den Jahren auch erst Ende Mai sind die Raupen ausgewachsen und wandern nun ebenso wie die Kohlweißlingraupen nach allen Seiten umher, um eine passende Stelle zur Verpuppung zu suchen. Jetzt werden sie namentlich in Land- und Gartenhäusern höchst unangenehm, indem sie überall eindringen und aller Orten die Ecken und Vorsprünge aufsuchen, um sich daran aufzuhängen und ihre eckige, gelb und schwarz getüpfelte Puppe zu bilden. Jetzt kann man aber auch sehen, welche Verwüstungen unter diesen Raupen die Schlupfwespen angerichtet haben. In manchen Jahren findet sich von Hunderten kaum eine, welche wirklich zur Verpuppuug gelangt; die andern sehen aus wie Glucken, welche über Eiern brüten, indem die gänzlich Matsch gewordene Raupe über den zahlreichen kleinen gelben Puppen der Schlupfwespen vertrocknet, welche sich aus ihrem Leibe hervorgebohrt haben.

Mit den Abendschwärmern (Sphinx), jenen meist großen, dickleibigen, spitzflügeligen Faltern, die gewöhnlich, ohne sich zu setzen, im Fluge schwirrend die Blumen aussaugen, hat die Landwirthschaft wenig zu schaffen; wenn auch ihre Raupen gewaltig groß und gefräßig sind, wie z. B. die Raupe des Todtenkopfes (Sphinx atropos), welche auf dem Kartoffelkraut gewöhnlich die Länge eines halben Fußes und die Dicke eines Mannsfingers erreicht, so treten sie doch nie massenhaft auf, um wahrhaft zerstörend wirken zu können. Auch hier, wie überall in der Natur, macht sich das Gesetz geltend, daß es nicht die Wucht des einzelnen Individuums, sondern im Gegentheil die Zahl der kleineren Individuen ist, welche in dem großen Wechselspiele der Natur die bedeutendste Rolle übernimmt. Die mikroskopischen Thiere und Pflanzen sind es hauptsächlich, welche massenbildend aufgetreten sind und Schichten und Gebirge aufgebaut haben, und ganz in gleicher Weise sehen wir bei dem Gegenstande, der uns hier beschäftigt, gerade die kleinen Arten als Verwüster, die größeren dagegen nur in untergeordneter Rolle auftreten.

Wenn wir die Schwärmer bei Seite lassen können, so ist es nicht möglich, den Spinnern (Bombyx) gegenüber dieselbe Indifferenz zu behaupten. Giebt es ja doch hier Arten, hinsichtlich deren sich selbst die liebe Polizei in das Zeug geworfen hat und höchst merkwürdiger Weise sogar mit voller Berechtigung, während ihr sonst gewöhnlich das unverzeihliche Unglück begegnet, zu verkehrter Zeit und an verkehrtem Orte einzuschreiten. Auch unter den Spinnern, welche sich durch ihren dicken, meist über und über behaarten Körper, große in der Ruhe dachförmig zusammengelegte Flügel, sehr kurzen Rüssel und bei den Männchen doppelt gekämmte Fühler auszeichnen, hat man sich am meisten vor dem Weiß der Unschuld zu hüten, in welches sich die gefährlichsten Arten gleißnerischer Weise hüllen. Die Spinner fliegen nur bei Nacht, huschend und flatternd von Zweig zu Zweig, und sehr charakteristisch nennt sie der Berner Dialekt „Nachthuddel“. Hüte dich also, Jüngling, der du den ererbten väterlichen Obstgarten weiter bebauen willst, vor den „Nachthuddeln“[2], die in weißer Hüllung Abends und Nachts umherschwärmen und ihren Eierschwamm an deinen Fruchtbäumen anzulegen beabsichtigen! Da ist der Goldafter (Bombyx chrysorrhoea), der Goldsteiß (Bombyx auriflua) und der Großkopf (Bombyx dispar), die alle drei unter den Schmetterlingen gewissermaßen die Rolle des Pelikans spielen, indem sie die Haare ihres Hinterleibes ausrupfen, um ihre Eier damit zu bedecken, die aber trotz dieses schönen Zuges von Elternliebe durchaus kein Mitleid verdienen. Die von den braungelben Haaren dicht bedeckten Eier, welche nicht auf der Unterseite der Blätter abgelegt werden, gleichen in der That kleinen Stückchen Schwamm, und auch die Löcher fehlen nicht, sobald die Räupchen ausgeschlüpft sind. Alle diese Raupen weiden zuerst das Blattgrün von den Blättern ab, während sie später, wenn sie stärker geworden sind, die ganzen Blätter verzehren. Die Nachkommen der beiden ersten Arten überwintern als Raupen; die des Goldafters in großen dickgesponnenen Nestern, die an den Zweigen befestigt sind; die des Goldsteißes in Einzelgespinnsten, welche an verborgenen Orten angebracht werden; im Frühjahre nach dem Hervorbrechen der Blätter wird dann noch ein Hauptfraß gehalten, nach welchem die Raupe sich verpuppt. Die Räupchen des Großkopfes, der erst spät im Herbste seine Eier legt, kriechen sogar erst im Frühjahre aus.

Nicht weniger gefährlich, als die genannten, ist der Ringelspinner oder die Gabelraupe (Bombyx neustria), ein rothgelber Spinner mit brauner Binde auf den Flügeln, der sich besonders durch die sonderbare Art auszeichnet, wie er seine Eier ablegt. Der Eierhaufen bildet ein förmliches Halsband um einen dünnen Zweig, indem die einzelnen Eier aufrecht stehend in eine klebende Masse eingegossen sind, welche allmählich erhärtet und so fest wird, daß sie förmlich federt, wenn man an einer Seite den Ring spaltet. Die Eierchen sind ganz kunstvoll, eines neben dem andern, in diese harte Masse eingegossen, doch immerhin nicht hinlänglich verwahrt, um allen Angriffen der Schlupfwespen Widerstand leisten zu können. In diesem Zustande trotzen die Eier aller Unbill des Winters, um im Frühjahre auszukriechen und über die ersten Knospen herzufallen.

[810]
Die Frostspanner und ihre Vertilgung – Schwarzweiße und schwarzgelbe Motten – Die Kornmotten – Hosptianten heraus!

Auch die sogenannten Eulen, deren kleiner Kopf tief in den Schultern steckt und deren Puppen meist nackt oder nur von sehr geringem Gespinnste umgeben in der Erde sich entwickeln, stellen ihr Contingent zu den Heeren unserer Feinde. Da ist namentlich die Kohleule, deren Raupe unter dem Namen des Herzwurmes bekannt ist, weil sie sich in das Innere der Kohlhäupter bohrt, das sie durch Anhäufung ihres ekelhaften Unrathes ungenießbar macht. Da ist die Latticheule, welche Salat und Kohl in unseren Gärten vernichtet; die Lolcheule, welche es namentlich auf künstliche Wiesen und Raygras abgesehen hat; die Erdraupe, welche erst im Herbste erscheint, die jungen Getreidepflanzen verwüstet und sich durch Eingraben in die Erde in der Nähe der Wurzel allen Nachforschungen zu entziehen weiß; die Graseule, welche namentlich im Norden weite Wiesenstriche förmlich abweidet, so daß nicht ein Hälmchen übrig bleibt, und endlich die Ypsiloneule, deren Raupe schon den Spannraupen ähnlich wird und namentlich Gemüse, sowie Flachsfelder verwüstet. Ich beeile mich, über all diese durch ihre Lebensart wenig interessanten Falter hinwegzugehen, um zu den Spannern zu gelangen, von denen einige in ihrer Lebensweise ganz eigenthümliche Verhältnisse darbieten.

Die Arten, welche ich hier im Auge habe, sind der große und kleine Frostspanner (Geometra defoliaria und brumata), von denen der letztere namentlich zuweilen in verheerender Menge erscheint und schon in manchem Jahre die Obsternte bis auf den letzten Stumpf zerstört hat. Die Schmetterlinge erscheinen erst im Spätherbste und Winter von Ende October bis in den December hinein, wo die Männchen mit ihren großen dünnen Flügeln überall in den Obstgärten umherschwärmen. Die Weibchen sind glücklicherweise der Fähigkeit zu fliegen gänzlich beraubt; denn das Weibchen des großen Frostspanners ist ganz ungeflügelt, dasjenige des kleinen dagegen nur mit sehr kurzen Stummeln versehen. Dagegen haben die Weibchen sehr lange, gedornte Beine, mit welchen sie sogar senkrechte, glatte Flächen hinaufklettern können und deren sie sich bedienen, um an den Stämmen der Bäume hinaufzusteigen und an den Zweigen die Eierchen einzeln abzusetzen. Es hält sehr schwer, die kleinen Eierchen zu entdecken, obgleich sie sich an allen Obst- und Gartenbäumen in manchen Jahren in ungeheuerer Menge finden. Sie überdauern die strengste Kälte, schlüpfen mit dem ersten Frühlinge aus und fressen sich sogleich in die Knospen hinein, wobei sie vorzugsweise die Blüthenknospen aufsuchen, indem sie zugleich zu Schutz und Obdach Blüthen und Blätter zusammenspinnen. So werden namentlich von dem kleinen Frostspanner ganze Gemarkungen [811] von Obstbäumen dergestalt verwüstet, daß auch nicht eine Blüthe zur Entwicklung kommt und die Bäume wie roth und verbrannt aussehen.

Glücklicher Weise giebt die Natur selbst durch den Mangel der Flugfähigkeit des Weibchens die Mittel an die Hand, seinen Verheerungen eine Grenze zu setzen. Man schabt eine ringförmige Stelle in einer gewissen Höhe um den Stamm herum glatt ab und klebt darüber ein Theerband, welches man am besten aus angefeuchtetem Papier bereitet, das man mit einem Bindfaden fest bindet. Man trägt zuvor Sorge, mit Lehm, Kalk, Gyps alle Zwischenräume zwischen dem Stamme und dem Bande dergestalt zu verkleben, daß auch nicht das kleinste Thierchen zwischen dem Stamme und dem Bande durchschlüpfen kann. Dann überstreicht man dasselbe, das wenigstens handbreit sein muß, mit dickflüssigem Theer und wiederholt den Anstrich so oft, als seine Oberfläche trocken wird. Man legt diese Theerbänder im October an und unterhält sie, je nach Bedürfniß, durch öfteres Ueberstreichen bis in den Januar in der Weise, daß sie stets eine klebende Oberfläche darbieten. Man wird nun mit Erstaunen sehen, welche Unzahl von verschiedenen kleinen Bestien, die in den Rindenspalten eine Zuflucht suchen, sich auf diesen Theerbändern fängt und wie namentlich in Jahren, wo die Verhältnisse die Entwickelung des Frostspanners begünstigen, oft eine Nacht hinreicht, das Theerband so über und über mit Spannerweibchen zu besetzen, daß man die Vermuthung hegen kann, einige derselben seien über die Leiber der angeklebten hinüber doch zu den Zweigen gelangt. Ich erinnere mich noch sehr wohl, daß in meiner Vaterstadt Gießen erst gegen das Ende der zwanziger Jahre den Gartenbesitzern ein Licht über die Verheerungen des Frostspanners aufging und daß mein Vater sich unendliche Mühe gab, die Naturgeschichte des Thieres durch gemeinnützige Belehrungen bekannt zu machen. Nichts half im Anfang! Man lachte ungläubig zu der Behauptung meines Vaters, daß das Weibchen flügellos sei und durch Theerringe gefangen werden könne, während das Männchen vortreffliche Flügel besitze. Wir besaßen einen großen Obstgarten mit mehr als hundert hochstämmigen Obstbäumen, der dem früheren Walle abgewonnen und mitten zwischen anderen Obstgärten derselben Art gelegen war. Mehrere Jahre hindurch bepinselte mein Vater unverdrossen alle Bäume bis in die letzten Zweige hinein mit ungelöschtem Kalk und legte dann seine Theerringe im Herbste an. Der Kalkanstrich, öfter wiederholt, schuf förmlich eine neue, glatte Rinde um die Bäume, welche dem Ungeziefer keine Schlupfwinkel mehr bot; auf den Theerringen fingen sich Millionen von Spannern, so daß die ganze Familie Nachmittags in hellen Haufen ausziehen mußte, um den Anstrich zu besorgen. Die Spaziergänger, welche um den Wall herumgingen, hatten mancherlei spitzige Redensarten und höhnende Zurufe über meines Vaters Gespenstbäume zur Hand, und die „Schmeerbuben“ mit ihren Theertöpfen wurden auch nicht übel gehänselt. Als aber im nächsten Frühjahre unser Garten in vollem Blüthenschmuck prangte, während die benachbarten Gärten alle aussahen, als hätte sie der giftige Hauch der Wüste versengt, als wir im Sommer Kirschen, im Herbste Pflaumen, Aepfel und Birnen, die Nachbarn aber nur das Nachsehen hatten: fand man die weißen Bäume doch nicht so ganz unschön und die Theerringe nicht übel, und es brauchte nicht einmal die Probe eines zweiten Jahres, um die Maßregel fast allgemein durchgeführt zu sehen.

Mit den bis jetzt erwähnten Schmetterlingen ist indessen die Reihe unserer Feinde bei Weitem noch nicht geschlossen. Es giebt eine Unzahl sogenannter Kleinfalter (Microlepidoptera), welche in Dämmerung und Nacht ihr Wesen treiben, durch ihre Kleinheit und meist Unscheinbarkeit der Farben wenig die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, von den jugendlichen Sammlern deshalb meist verschmäht werden und dennoch die höchste Beachtung verdienen. Die Zünsler (Pyralis), deren Schmetterlinge besonders große Taster besitzen, Schnurren, die wie Hörner am Kopfe hervorragen, die Wickler (Tortrix) mit geschulterten Flügeln, deren Raupen meist die Blätter in Gestalt einer Cigarre zusammendrehen, häufig aber auch in Früchte und Schossen bohren, die Motten oder Schaben (Tinea), deren Flügel in der Ruhe etwa wie ein Hofdamenmantel den Leib decken – all dieses Kleinzeug der Schmetterlingswelt treibt beständig seine Minengänge gegen uns in Feld und Wald, Garten und Wiese, in Häusern, Ställen und Speichern, in Kleidern und Vorräthen, so daß wir kaum wissen, wo wehren. Und wenn es noch mit den sichtlich in die Erscheinung tretenden Wicklern und Motten gethan wäre! Aber all jene unsichtbaren Wickelraupen, welche durch Spinnen und Nagen die vielfachen Blätter, aus welchen das einige Deutschland gemacht werden soll, so gerollt und gewickelt haben, daß kein Mensch mehr in der welken Cigarre sich wohl fühlt und Niemand weiß, wie die Verwicklung zu lösen sei – und all jene lichtscheuen Motten, welche nach den germanischen Köpfen umherflattern und hier preußisch schwarz-weiß sich kleiden, dort schwarz-gelben Hofmantel tragen oder gar lichtensteinische Verbrämung an ihr scheckiges Gewand setzen – wer, meine Herren, treibt uns diese Wickler und Motten aus? Die Polizei wenigstens gewiß nicht!

Unter den deutschen Zünslern ist es namentlich der Pfeifer (Pyralis mararitalis), welcher hie und da bedeutenden Schaden zufügt, indem er in die jungen Schoten von Raps und anderen kreuzblüthigen Pflanzen, welche zur Oelgewinnnng benutzt werden, große Löcher bohrt, so daß die Schoten etwa wie Querpfeifen aussehen. Die Raupe frißt nur den Samen und lebt lange genug, um mehrere Schoten nach einander auszuhöhlen. Haben wir auf der rechten Seite des Rheins es mit diesem Musikliebhaber zu thun, so kämpft dagegen die linke Rheinseite, und zwar mit weit geringerem Erfolge als gegen die Oesterreicher, gegen den Weinzünsler (Pyralis vitana), welcher durch die Vernichtung der Weinernten den kriegerischen Geist der Franzosen bedeutend herabzustimmen droht und schon zu verschiedenen Zeiten die Heimath Lamartine’s, die Umgegend von Macon, ohne die mindeste Rücksicht auf die finanziellen Verhältnisse des Dichters auf die grausamste Weise mißhandelt hat. Der Falter sfliegt im August, legt seine gelblichen, mit härtlichem Schleime bedeckten Eier in einen Haufen auf die Oberseite der Blätter, so daß sie leicht sich erkennen und wegnehmen lassen. Die Räupchen spinnen Alles zusammen, was sich nur irgend in ihrer Nähe befindet: Blätter, Ranken, Schossen, thun indessen zu dieser Zeit noch nicht viel Schaden, da sie noch klein sind, nur das Blattgrün fressen und bei dem ersten Froste sich in Schlupfwinkel in der Rinde und den Weinpfählen zurückziehen, wo sie den Winter über in Erstarrung zubringen. Mit dem ersten Frühlinge aber brechen sie aus, fallen über die Knospen her, spinnen stets größerwerdende Nester zusammen, aus welchen man sie nicht herausschütteln kann, und verheeren nun den Weinstock in schauerlicher Weise. Als einziges Mittel gegen diese Verheerungen empfiehlt man das Einsammeln der Eier auf den Weinblättern im August.

Der deutsche Weingärtner beklagt sich über den Sauerwurm oder Heuwurm (Tortrix uvana), dessen erste Generation im Beginne des Frühlings, die zweite im Juli erscheint. Die Frühlingsräupchen oder Heuwürmer fressen in den Knospen hauptsächlich die Blüthenknöpfe, die im Herbst erscheinenden Räupchen der zweiten Generation die Traubenbeeren selbst, in welche sie sich einfressen und nach dem Kerne hinbohren. Diese angestochenen Beeren zeigen in der Nähe des Stieles einen blauen Fleck mit einem Löchelchen darin, durch welches der Unrath herausgeschafft wird. Die Raupe höhlt eine Beere nach der andern aus, spinnt sie zusammen, erzeugt saure Fäulniß und hat namentlich in dem Seegebiete Würtembergs und Badens öfters schon die ganze Tranbenernte zerstört.

Sowie in den Traubenbergen haust ein anderer Wickler, dessen Raupe gewiß allen meinen Lesern wohl bekannt ist, in den Aepfeln (Tortrix pomonana), ein anderer in den Pflaumen. Die Eier werden von den kleinen Faltern in die Blüthen gelegt, die jungen Raupen bohren sich meist oben von dem Kelche der Aepfel aus in das Kernhaus hinein, legen sich einen Gang nach außen an, durch welchen sie den Unrath hinausschaffen, und haben ein ganz besonderes Talent in der Auffindung derjenigen Stellen, wo zwei nebeneinander hängende Aepfel sich berühren, wo sie dann von einer Frucht in die andere hinübergehen. Die angebohrten Früchte fallen meist früher ab, als die andern, worauf die Raupe sie verläßt und sich irgendwo an einem geschützten Orte, am liebsten an morschem Holze, mit dessen abgenagten Schabseln sie ihr Gewebe vermengt, einspinnt und als Raupe das Frühjahr erwartet. Ganz in ähnlicher Weise haust der Pflaumenwickler (Tortrix nigricana) in allen Sorten von Pflaumen und namentlich Zwetschen. Das sorgfältige Abschütteln und Auflesen der frühreifen Früchte ist gewiß das beste Mittel, den Verheerungen des ekelhaften Wurmes Einhalt zu thun.

In jeder Beziehung die unangenehmsten Raupen für den Obstzüchter sind die unleidlichen Wickelraupen, welche vorzugsweise in den Blüthenknospen der Obstbäume sich festsetzen (Tortrix variegana, Tortrix orellana, Tortrix pruniana), diese zusammenspinnen [812] spinnen und nun von innen heraus die noch unentwickelten Blüthen und zarten Sprossen verwüsten. Jeder Baum hat fast seine eigene Art, und es ist wirklich kummervoll zu sehen, wie hier und da noch eine nur halbzerfressene Blüthe sich aus der zusammengerollten Knospe hervordrängt, ohne doch eine genießbare Frucht hervorzubringen, und wie selbst die Laubknospen verwüstet werden, ohne im nächsten Frühjahre Tragholz und Früchte entstehen zu sehen. Während man an den Zwergbäumen noch die Raupen innerhalb der zusammengeklebten Knospen zerdrücken kann, ist man vollkommen ohnmächtig gegen den Feind, der sich auf den Hochstämmen angesiedelt hat.

Unter den Motten ist es namentlich der weiße Kornwurm oder die Kornmotte (Tinea granella), welche schon manchem Oekonomen und Getreidespeculanten den Schlaf gestört hat. Die Motten fliegen hauptsächlich im Mai und Juni, legen ihre Eier nur an aufgespeichertes Getreide, das von den kleinen weißen Räupchen, die braunen Kopf und weißes Nackenschildchen haben, sogleich angegriffen wird. Das Räupchen frißt nur den mehligen Inhalt des Korns, spinnt denselben mittelst seines Unraths zusammen und zerstört bis zum September, wo es ausgewachsen ist, zwanzig bis dreißig Körner, welche alle zusammengesponnen werden und in faulige Gährung übergehen. Die Raupen verpuppen sich theils im Getreidehaufen selbst, theils in den Ritzen der Breterböden, wo sie ihr Gespinnst mit zernagtem Holze bedecken, verwandeln sich aber erst im nächsten Frühjahre innerhalb dieses Gespinnstes in Puppen. Das einzige durchaus wirksame Mittel ist das heftige Ausdörren des angegriffenen Getreides im Backofen bei solcher Hitze, daß dadurch Raupen und Puppen getödtet werden. „Doch,“ sagt Oken, „der geizige Kornjude spart wohl auch hierin, und obschon der Kornwurm zu seiner Züchtigung erschaffen ist, indem durch ihn das Getreide Flügel bekommt und zu den Dachlöchern hinausfliegt: so machen sich doch dergleichen Wucherer kein Gewissen daraus, diese leeren Getreidehaufen als gutes Korn zu verkaufen oder wenigstens unter solches zu mischen, ohne zu bedenken, daß sie ihren Nächsten dadurch gottloser Weise nicht nur um das Geld betrügen, sondern ihn auch durch das daraus gebackene stinkende Brod um seinen gesunden Leib bringen. Dieses ist jedoch eine Art Kornwürmer, von denen ich eigentlich nicht zu handeln habe; darum will ich die Untersuchung derselben Andern überlassen.“

Vater Blumenbach in Göttingen pflegte bei seinen Vorlesungen, wenn er an die Motten kam, einen alten zerfressenen Pelz mitzubringen und ihn vor seinen Zuhörern mit einem Stückchen auszuklopfen, indem er dabei beständig rief: „Hospitanten heraus!“ Ich erwähne dies nur, um auf die Pelz- und Kleiderschabe, die Tapeten- und Polsterschabe, die Woll- und Haarschabe (Tinea pellionella, Tinea crinella, Tinea tapezella etc.) aufmerksam zu machen, die in all diesen Stoffen zerstörend hausen und hauptsächlich nur durch Ausklopfen, Lüften, scharfes Trocknen im Backofen, Bestreuen mit Sublimat oder Arsenik getödtet werden können. Es sind gewissermaßen Warnungszeichen gegen die Manie mancher Hausfrauen, große Sammlungen dieser Stoffe anzulegen, die weniger zum Gebrauche als zum Prahlen dienen, da diejenigen Stoffe, welche häufig in Gebrauch gezogen, gewaschen und gelüftet werden, schon an und für sich durch diese Behandlung dem Schmetterlinge die Zeit nicht lassen, sich in gehöriger Weise zu entwickeln.

Nur die Wachsschabe (Tinea cerella) will ich noch erwähnen, die den Bienenzüchtern manchen Schaden zufügt. Der holzgraue Falter findet sich meist an den Bienenkörben, durch deren Ritzen er seine Eierchen in das Innere zu schieben oder auch durch deren Flugloch er in unbewachten Augenblicken einzudringen sucht, bei welchem Versuche freilich viele Schaben von den Bienen überfallen und getödtet werden. Die Räupchen graben sich Gänge in die Waben ein, welche zuletzt bei zunehmender Größe der Raupe selbst die Dicke eines Federkiels erreichen können, und überspinnen sorgfältig alle Gänge und Waben mit dichten Seidengespinnsten, so daß sie häufig sogar den Bienen den Zugang zum Honig verlegen und so Ursache sein können, daß die Bewohner eines Stockes im Winter zu Grunde gehen. Sie fressen nur das Wachs, verrathen ihre Anwesenheit leicht durch den platten, braunen, gekerbten Unrath und sind schwer zu vertilgen, während es ziemlich leicht hält, Falter und Puppen zu vernichten und ersteren den Zugang zu den Stöcken durch sorgfältiges Verstreichen aller Ritzen und Verengern des Flugloches zu verwehren.




  1. Ich erhalte so eben folgenden C. S. gezeichneten Brief aus Frankfurt vom 1. November, mit der Bitte um Antwort in der Gartenlaube.
    „Bezüglich Ihres Aufsatzes in Nr. 43 der Gartenlaube erlaube ich mir, eine Frage an Sie zu richten. Sie sagen nämlich, den rothgelben Ameisen sei die Liebe versagt. Woher entstehen aber diese Ameisen, wenn, wie Sie sagen, die Liebe ihnen versagt ist? Ohne Liebe?“
    Die Antwort ist sehr einfach. Altes, was von den Ameisen, den Amazonen etc. gesagt ist, bezieht sich nur auf die geschlechtslosen Arbeiter-Ameisen, die ungeflügelten Neutra, welchen die Natur allerdings die Liebe und die Fortpflanzung versagt hat. Die geflügelten, nichtarbeitenden Männchen und Weibchen, die man nur beim Schwärmen sieht, kommen, wenn man von den Arbeiten und Kämpfen der Ameisen schlechthin redet, in keinen Betracht.                         Genf, den 6. November 1862.
    Carl Vogt.
  2. WS: unteres Hochkomma ersetzt