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Textdaten
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Autor: Karl Hecker
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Titel: Vor Paris nichts Neues!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 875
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[869]
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Vor Paris nichts Neues.
Nach dem Gemälde von C. Röchling.

[875] Vor Paris nichts Neues! (Zu dem Bilde S. 869.) „Nichts Neues vor Paris“, so lautet die Meldung, die der Patrouillenführer seinem Vorgesetzten erstattet, und dieser lakonische Bericht rückt die Scene, die der Künstler darstellt, sofort in die entsprechende historische Beleuchtung. Es ist eine Episode aus jener großen Zeit, da deutsche Heere die französische Hauptstadt mit eisernem Ring umklammert hielten, und auch über die augenblickliche Kriegslage, soweit sie nicht auf dem Bild selbst zum Ausdruck kommt, giebt uns diese Meldung erwünschten Bescheid.

Der Kampfesmut der Belagerten, die seit Monaten in größeren und kleineren Ausfällen gegen die eherne Umarmung ankämpften und die Kantonnements unsrer Vorposten mit einem Hagel schwerster Geschosse überschütteten ist in der Hauptsache gebrochen. Noch einmal, am 30. November 1870, hatte der Feind sich zu einem gewaltigen Stoß gegen die seine Ostfront bewachenden Sachsen und Württemberger aufgerafft. Jener Uebermacht war es gelungen, deren Vortruppen aus ihren exponierten Stellungen in Brie und Champigny zu verdrängen und sich auf dem Höhenrand des linken Marneufers festzusetzen. Aber jeder weitere Vorstoß scheiterte an dem Heldenmut der Verteidiger von Villiers und Noisy le Grand, und als nach dreitägigem Kampf das erwartete Entsatzheer von der Loire noch immer nicht eintraf, da sah sich der tapfere General Duerot, der sich beim Auszug aus Paris vermessen hatte, nur als Sieger oder als Leiche dorthin zurückzukehren gezwungen, als ein Besiegter seine gänzlich erschöpfte Armee hinter die schützenden Wälle der Hauptstadt zurückzuführen.

Freilich waren auch auf deutscher Seite die Opfer dieses Kampfes keine geringen gewesen, und so mancher gute Kamerad fehlte in Reih’ und Glied, als die tapferen Schwaben wieder in ihre alten Vorpostenstellungen am Ufer der Marne einrückten. Wohnlicher war es gerade auch nicht geworden in dem kleinen schon vorher hart mitgenommenen Champigny, wo jetzt vollends kein Dachgiebel mehr heil war und die durchlöcherten Mauern von der Wut des überstandenen Kampfes zeugten. Da galt es denn, sich unter den Ruinen, so gut es eben ging, einzurichten für die Feldwache; irgend einen Raum, der wenigstens einigermaßen Schutz gegen die Unbilden der Witterung, wenn auch nicht gegen die feindlichen Granaten bot, für den Führer einen Tisch und einen Stuhl ausfindig zu machen und sodann vor allem den Gegner durch Posten und Patrouille scharf im Auge zu behalten, falls er etwa eine neue Ueberrumpelung beabsichtigen sollte. Allein daran dachten die Franzosen um diese Zeit nicht, sie hatten an der alten noch genug, und wenn auch ihre Horts noch von Zeit zu Zeit die üblichen Grüße herübersandten, bei den Vorposten draußen blieb es ruhig. „Nichts Neues vor Paris“, das war die ständige Meldung auf der ganzen Linie, und damit mußte sich auch die besorgte und ungeduldige Seele in der Heimat zufrieden geben – aber nur kurze Zeit, nicht ganz zwei Monate vergingen, da gab es vor Paris eine große Neuigkeit, die größte und herrlichste, die der Verlauf des Krieges mit sich brachte, und das war, als man im Königsschloß von Versailles „König Wilhelm“ zum „Deutschen Kaiser“ ausrief.
C. Hecker.