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Autor: Rainer Maria Rilke
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Titel: Vor-Ostern
Untertitel: Neapel
aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 54-55
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1918
Verlag: Insel-Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Österreichische Nationalbibliothek
Kurzbeschreibung:
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[54]
VOR-OSTERN

NEAPEL

Morgen wird in diesen tiefgekerbten
Gassen, die sich durch getürmtes Wohnen
unten dunkel nach dem Hafen drängen,
hell das Gold der Prozessionen rollen;

5
statt der Fetzen werden die ererbten

Bettbezüge, welche wehen wollen,
von den immer höheren Balkonen
(wie in Fließendem gespiegelt) hängen.

Aber heute hämmert an den Klopfern

10
jeden Augenblick ein voll Bepackter,

und sie schleppen immer neue Käufe;
dennoch stehen strotzend noch die Stände.
An der Ecke zeigt ein aufgehackter
Ochse seine frischen Innenwände,

15
und in Fähnchen enden alle Läufe.

Und ein Vorrat wie von tausend Opfern

drängt auf Bänken, hängt sich rings um Pflöcke,
zwängt sich, wölbt sich, wälzt sich aus dem Dämmer
aller Türen, und vor dem Gegähne

20
der Melonen strecken sich die Brote.

Voller Gier und Handlung ist das Tote;

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doch viel stiller sind die jungen Hähne

und die abgehängten Ziegenböcke
und am allerleisesten die Lämmer,

25
die die Knaben um die Schultern nehmen

und die willig von den Schritten nicken;
während in der Mauer der verglasten
spanischen Madonna die Agraffe
und das Silber in den Diademen

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von dem Lichter-Vorgefühl beglänzter

schimmert. Aber drüber in dem Fenster
zeigt sich blickverschwenderisch ein Affe
und führt rasch in einer angemaßten
Haltung Gesten aus, die sich nicht schicken.