Volksthümliche Geschichtsschreibung

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Volksthümliche Geschichtsschreibung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 180
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eduard Schmidt-Weissenfels: Das neunzehnte Jahrhundert, 1890, MDZ München
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[180] Volksthümliche Geschichtschreibung. Der große Werth, welcher mit vollem Recht bei den neuerdings auftretenden Bestrebungen zu einer Reform der Schule auf den Unterricht in der Geschichte und innerhalb dieser wieder auf die Kenntniß der neueren und neuesten Geschichte gelegt wird, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein Buch, welches den geschichtlichen Stoff in solcher Bearbeitung enthält, daß er sich leicht dem Verständniß des Lesers fügt, daß er nicht bloß an sein Gedächtniß, sondern auch an sein Herz und seine Phantasie sich wendet. Denn nur, wenn der Reiz und die Sinnfälligkeit der Darstellung hinzutreten, wird sich die Jugend und der bildungsuchende Laie hineinleben in die Ereignisse der Vergangenheit und sich klare, in seinem Geiste haftende Vorstellungen zu bilden vermögen.

Es ist dies eine volksthümliche Schrift „Das neunzehnte Jahrhundert“ von Schmidt-Weißenfels (Berlin, Hans Lüstenöder). Die gewaltige Stofffülle hat der Verfasser für seine Zwecke mit großem Geschick verarbeitet: sein Werk gewährt einen klaren Ueberblick über die Folge der Ereignisse und den Gang der geschichtlichen Entwicklung. Natürlich, Schlachten- und Kriegsgemälde und die Einzelheiten der diplomatischen Verhandlungen wird man hier vergebens suchen. Dafür ist der Geist der einzelnen Zeitabschnitte oft durch Aussprüche namhafter Zeitgenossen ins hellste Licht gerückt; nachdrücklich sind die großen Wendepunkte hervorgehoben, und der Zusammenhang der Begebenheiten, der beim Studium einzelner Epochen leicht verloren geht, bleibt stets dem Leser lebendig. Darum ist die Schrift für ein solches Studium zugleich vorbildend und ergänzend; an Werken, welche die kriegerischen und diplomatischen Einzelheiten der verschiedenen Zeitabschnitte darstellen, ist ja kein Mangel; doch behält man oft die Theile in seiner Hand, „es fehlt aber leider das geistige Band“ – und dies geistige Band giebt das Werk von Schmidt-Weißenfels. Dabei ist die Darstellungsweise schwungvoll, wie sich das besonders in den Abschnitten zeigt, welche die Befreiungskriege behandeln oder den Bürgerkrieg in der nordamerikanischen Union; Lebenswärme und Herzenswärme zieht unwillkürlich an. Auch die Charakterköpfe der Fürsten, Staatsmänner und Feldherrn sind, oft mit wenigen Zügen, scharf gezeichnet; nur das Bild des dritten Napoleon erscheint uns der Vertiefung bedürftig; er war doch nicht bloß ein listiger und verschlagener Kopf, er hatte einen Zug von schwärmerischem Fanatismus, der mehr hervorgehoben zu werden verdiente.

Neben den politischen Ereignissen nimmt mit Recht die Darstellung der Kulturentwicklung einen breiten Platz in dieser Geschichtsdarstellung ein: die Industrie, die Naturwissenschaften, die Künste und die Litteratur der verschiedenen Nationen finden eine Behandlung, welche auch hier aus der unbegrenzten Stofffülle mit sicherer Hand das Bedeutsame auszuscheiden weiß. Alles ist unparteiisch und in großem Stil gehalten; nirgends merkt man etwas von den Steckenpferden, die besonders auf dem Gebiete der litterarischen Kritik so oft geritten werden. Bei der Darstellung der Technik und der Naturwissenschaften sind die rechten Anhaltpunkte gefunden, durch welche uns die Bedeutung dieser das ganze Jahrhundert und seine Weltanschauung beherrschenden Entwicklung einleuchtend gemacht wird. †